entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 68:
..Leuchten

Karin Pickhardt Benassa, *1954, wuchs in Gummersbach auf und studierte Kunst, Mathematik und Psychologie in Bonn; danach in Neuss als Gymnasiallehrerin tätig; lebt seit 1987 in Zürich, verheiratet, zwei Kinder. Heute ist sie freischaffende Malerin und Autorin; verschiedene Ausstellungen und Lesungen; Veröffentlichungen in diversen Anthologien. Ihr erstes Buch erschien 2000 im Nimrod Literaturverlag.

Vier Jahre vielleicht

Wir hatten Hardy in einer dieser Kneipen kennengelernt, um die Ecke, wo montags jedes Getränk nur 50 Pfennig kostete. Mia und ich tranken Bier. Hardy auch, dazu aß er ein Schmalzbrot, mit Gurke, Tomate und Zwiebel. Ich las Mia vor aus einem Brief. Die weißen Servietten nutzte ich für Notizen.
Als er sich zu uns setzte, steckte ich den Brief wieder ein, die beschriebenen Servietten auch.
Dann sind wir zusammen noch durch andere Bars gezogen, hier und da hatten wir getanzt, die Arme in der Luft, die Köpfe und Haare schwingend, oder Wange an Wange.
Als es hell wurde, sind wir zu uns. Mia und ich bewohnten zwei Zimmer gegenüber der Baustelle, wo später das neue Stadthaus stehen würde. Der Blick aus dem Fenster in eine Baugrube und Lärm schon ab sieben. Aber so spät war es noch nicht. Wir hatten Brötchen mitgenommen, die unterwegs an einer Haustür gehangen hatten, und kochten Kaffee.
Kurz drauf ist Mia ins Studentenwohnheim gezogen und ich zu Hardy.

Hardy sah gut aus, er war groß und schlank, trug lange schwarze Haare und hatte einen ungemein blauen Blick.
Ein paar Wochen später waren wir in Amsterdam. Im Paradiso tanzten wir die ganze Nacht. Die Luft zum Schneiden, dick und süß in dieser zur Disko umfunktionierten Kirche. Eine Band spielte. Auf der Empore die Alkohol- und Drogenleichen in ihren Schlafsäcken.
Mir war schlecht. Immer wieder war Hardy verschwunden, um nach eini­ger Zeit mit irgendwelchen Typen wieder aufzutauchen, und mit neuem Stoff. Tagsüber sind wir durch die Grachten gefahren. Dass wir geschlafen hätten, daran kann ich mich nicht erinnern. Nach ein paar Tagen wieder nach Hause. Den mitgebrachten Stoff vertrug ich nicht, musste jedes Mal kotzen. Mia hatte inzwischen diesen Chemiestudenten kennengelernt, der mischte bessere Ware.
Bei ihr im Zimmer, die Wasserpfeife kreiste zu Deep Purple, Pink Floyd, The Who und der Gitarre von Rory Gallagher. Später dann, weit nach Mitternacht schon, sind wir über den Zaun ins nahegelegene Schwimmbad. Inzwi-
schen war Sommer und auch die Nächte schon warm. Oder, wenn der Aufpasser mit Hund seine Runden drehte, runter zum Rhein. Die Abkühlung tat gut. Wir tranken und rauchten und irgendwo da draußen schliefen wir ein. Von Zeit zu Zeit tuckerte ein Frachter vorbei, oder ein anderer löste seine Ankerketten, um in einen neuen Tag aufzubrechen.

Die Tage gingen dahin voller Gleichmaß. 365 mal zwei, mal drei, mal vier. Wir schrieben unsere Klausuren, wir hielten unsere Referate und ich schrieb Gedichte. In den Ferien fuhr Hardy den Milchwagen einer Molkerei, dafür musste er um drei Uhr aufstehen. Ich arbeitete in der Telefonzentrale einer Firma, einmal auch am Fließband, wo ich Löcher in Lederriemen stanzte. Nur Mia war immer auf Reisen, irgendwo unterwegs mit einem Camper, mit Tho­mas, mit Helmut oder mit Günther. Und wenn ich nicht da war, dann küsste sie Hardy. Oder er sie!

Einmal waren wir in Portugal, ohne Mia. Wohnten bei einem Fischer in Sagres und aßen jeden Tag Fisch, Muscheln oder Garnelen und schlenderten über die Märkte an der Algarve, über die weiten, leeren Strände im windigen Nor­den und durch die Alfama in Lissabon. Ein knappes Jahr später war er weg. Den dicken Schafswollpullover aus Porto trage ich manchmal noch.

Hardy verließ uns nach Ostern. An einem Sonntag. Die Telefonate mit seiner Mutter brachten keine Erklärung. Auch die Befragung der Freunde nicht. Har­dy war spurlos verschwunden. Seine Vermieterin hatte ihn seit Monaten nicht mehr gesehen. In seiner Wohnung, die ich damals schon verlassen hatte, mein Studium war beendet und ich an meiner ersten Stelle in einer anderen Stadt, zurückgelassen die Bücher, den Fernseher und das Tonbandgerät mit Deep Purple, Pink Floyd, The Who und der Gitarre von Rory Gallagher.

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.