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Anna-Kathrin Warner, *1968 in Idar-Oberstein, lebt in Nottensdorf. Studium der Germanistik und Ethnologie in Bonn und Hamburg, Promotion an der Universität Bremen. Veröffentlichungen in Anthologien, 2. Preis beim 22. Würth-Literaturpreis.
Nach Bethlehem
«Ich weiß nicht, warum du Weihnachten ausgerechnet nach Bethlehem musstest!» Wütend flitschte ich mit Daumen und Zeigefinger einen schmalen braunen Kern weg. Wir hockten auf einer Steinmauer, kalt war es, ich hatte die Füße angezogen. Zwischen uns die Tüte mit den Datteln.
Simon antwortete nicht. Stattdessen griff er in die Tüte, nahm eine Frucht und steckte sie bedächtig in den Mund.
Ich zog die Jacke enger um mich und ärgerte mich, dass ich nur einen dünnen Pullover mitgenommen hatte. Von wegen, im Süden wäre es heiß.
Vor uns auf dem Hügel die Stadt mit den weißen Häusern, um uns herum ein besiedeltes Tal. Dazwischen struppige Palmen, braune Felsen.
Simon kaute, spuckte den Stein in die Hand, zielte. Traf. Der Dattelkern klackte gegen den Laternenpfahl, der vielleicht drei Meter vor uns stand.
«Du hättest ja nicht mitzukommen brauchen. Nea.» Seine Worte trafen genauso.
Ich schluckte.
Seit drei Tagen waren wir unterwegs. Ich hatte Simon auf dem Weihnachtsmarkt getroffen. Es war einer dieser Abende im Advent, die Weihnachtsmusik dudelte bei viel zu warmer Luft, ich glaube, es regnete sogar, alle schienen beschäftigt, ich wusste nicht, warum das bei mir nie der Fall war. Dann: Simon. Der vorüberschlenderte, wie nur Simon schlendern kann, grinste, als er mich sah, einen Glühwein bestellte und von seiner bevorstehenden Israelreise erzählte. Simon wollte ins Kibbuz. Da könne man unheimlich günstig unterkommen, sagte er. Leute kennenlernen.
Wir klebten den ganzen Abend an diesem Stand und sahen den vorbeieilenden Leuten mit ihren Tüten hinterher. Weihnachten sei scheiße und sowieso zum Konsum verkommen, sagte Simon und hatte schon mächtig einen im Kahn. Dann hatte er mir die Hand hingehalten: «Ich fahre nach Bethlehem. Kommst du mit?»
Ich hatte eingeschlagen. Dabei kannte ich Simon.
Am liebsten wäre ich sofort zurückgeflogen. Es war viel zu kalt. Wir hatten den Bus nach Bethlehem verpasst und waren in Jerusalem hängen geblieben. Landeten nahe dem Jaffa-Tor in einer zugigen Herberge. Simon hatte sich von einem undurchsichtigen Mann anquatschen lassen, ein paar Schekel rausgehandelt und den Deal gemacht. Im Dealen war Simon groß, Hauptsache billig. Seitdem ernährten wir uns von trockenem Brot und Tahin und liefen ziellos durch die Altstadt.
Ich hielt prüfend den Finger in die Luft. «Wollen wir uns nicht eine andere Unterkunft suchen?»
Simon blickte unbeirrt geradeaus, die Finger wieder in der Tüte. «Warum?»
«Weil ich dort friere.»
«Du könntest nach einer zweiten Decke fragen.»
«Mensch, Simon, mir ist einfach kalt, da hilft keine Decke. Das Zimmer ist nicht beheizt und es zieht.»
Simon kniff die Augen zusammen und grinste. «Mach dir warme Gedanken.»
Er zog die Schultern ein, schlug den Kragen seiner Fliegerjacke hoch und steckte die Hände in die Taschen. «Geht doch.» Wenn ihm ebenfalls kalt war, so verbarg er es zumindest gut.
Viel Platz war nicht zwischen uns auf dieser kratzigen Mauer. Ich verlagerte mein Gewicht nach links und neigte mich in seine Richtung, ganz leicht nur.
Er schien es nicht zu bemerken.
Ich bewegte den Po um zwei Millimeter. Mein Bein lag jetzt direkt neben
seinem.
«Was machen wir eigentlich, wenn wir in Bethlehem sind?», fragte Simon unvermittelt und schlug ein Bein über das andere.
Ich hielt inne. «Weiß nicht. Das Christkind suchen.»
«Stell dir mal vor, wir wären jetzt zu Hause. Dieser ganze Kirchenquatsch und so. Meine Eltern wollen das immer.» Er lächelte schief.
«Bist ja jetzt länger weg.» Ich sprang auf und hüpfte vor der Mauer auf und ab. «Ich wette, in den Decken sind Flöhe. Oder Wanzen.» Ich schüttelte mich.
«Auf der Mauer, auf der Lauer. Weißt du eigentlich, wie eine Wanze aussieht? Nee, weißt du nicht. Ich auch nicht. Müsste man mal rausfinden.» Simon fixierte seine Schuhspitze und wendete sie hin und her. Chucks, Größe 46. Immerhin gefüttert.
Eine ältere Frau in einem dicken Mantel, die blondierten Haare sorgfältig toupiert, kam mit einem Hund vorbei. Sie warf uns einen befremdeten Blick zu. Der Hund hob das Bein am Laternenpfahl.
Simons Stimme klang beiläufig, aber etwas darin war wach. «Ich war übrigens nochmal auf dem Weihnachtsmarkt.»
Das hatte er mir nicht erzählt, warum auch. Ich hatte auch noch einen Abend auf dem Weihnachtsmarkt verbracht. Mit Clara.
«Stell dir vor, ich hab da Ann-Kristin getroffen.» Simon warf mir unter seinen schrägen Lidern einen halb verborgenen Blick zu.
«Ah, ja?» Am liebsten wäre ich einfach losgerannt. Irgendetwas angucken. Kirchen gab es hier ja genug. Vielleicht den Felsendom, dessen goldene Kuppel so prächtig glänzte.
Vielleicht sollte ich mir einfach eine andere Unterkunft suchen, überlegte ich. Müsste es doch geben. Was Nettes. Hatte ich nicht etwas von einem christlichen Hospiz gelesen mit einem Schlafsaal nur für Frauen?
«Und, war da was?» Mein Gesichtsausdruck blieb ungerührt.
«Naja», Simon zog die Hand aus der Tasche und fuhr sich durch die Haare, «weiß nicht, eigentlich nicht.»
«Hättest du gern gehabt, dass was gewesen wäre?» Meine Finger ballten sich. Aus meinen Bewegungen waren rhythmische Kniebeugen geworden.
«Keine Ahnung. Mal gucken, wenn ich wiederkomme.» Simon ließ sich von meinem Gehampel nicht aus der Ruhe bringen. Er rieb einen Stein, der sich von der Mauer gelöst hatte, in der Hand. «Wie findest du sie denn?»
Ich stützte ein Bein an der Mauer ab, als wäre ich auf dem Trimm-dich-Pfad. Simon blickte mich aus grauen Augen an. Steinaugen, hatte ich schon immer gefunden. Die schönsten Augen, die ich kannte.
«Ann-Kristin? Die ist ziemlich hübsch.» Ich beugte den Oberkörper nach vorne, bis es in der Kniekehle spannte. Richtete ihn wieder auf.
«Das sagen alle.» Simon schien seiner Erinnerung nachzuhängen.
«Dann stimmt es wohl.»
«Sie hat mich angerufen.» Er hob die Augenbrauen. «Meinst du, das bedeutet was?»
«Find's raus.» Wie mühsam, sich gegen das Gefühl zu bewegen, eine Steinsäule zu sein.
Simon starrte nachdenklich in die beginnende Dunkelheit. Ein Auto fuhr vorüber, Musik dröhnte aus dem Inneren. Der Fahrer warf eine glühende Zigarettenkippe aus dem Fenster. Ich zuckte zusammen.
«Guck mal, der erste Stern.» Simon wies nach oben. Seine Haare fielen am Scheitel zur Seite.
Helle Punkte am dämmrigen Himmel, die fein funkelten. Ein Flugzeug mit blinkenden Positionslichtern.
Simon beugte seinen Kopf zu mir. Zögernd.
Ich rührte mich nicht.
Seine Lippen legten sich auf meine und fühlten sich rau und spröde an. «Ich glaub, wir kommen sowieso nicht nach Bethlehem, die Straßen sind gesperrt.»
«Woher willst du das denn wissen?» Mir schwindelte. Hatte er mich gerade geküsst? Es fühlte sich an wie ein Versuch, als ob er wissen wollte, ob das ginge.
«Hat irgendwer irgendwem vorhin auf der Straße erzählt.» Er schien vergessen zu haben, dass er mich eben noch hatte küssen wollen.
Mir kam die Idee, die Zehen zu bewegen. Meine Zehen kreisten. Rechter Fuß. Linker Fuß. Beide gleichzeitig. Immer zwischen Schuhkappe und Sohle.
«Dann bleiben wir also in Jerusalem», sagte ich.
«Müssen wir wohl.» Suchte seine Hand meine? Ich hielt den Atem an.
Ohne hinzusehen tastete Simon nach der Datteltüte.
«Gucken uns Kirchen an», schlug ich vor. «Oder so. Vielleicht den Felsendom.»
Simon kaute schon wieder. «Vielleicht hat es einen Anschlag gegeben.» Er legte den feuchten Kern auf die Kuppe des gebeugten Zeigefingers. Schnippte mit dem Daumen. Klack.
«Wir können ja mal frühstücken gehen. Käsekuchen essen, der soll hier gut sein.» Ich ließ mich nicht abbringen.
Das Laternenlicht flammte plötzlich auf. Simons Gesicht sah weiß darin aus. Er zog die Mundwinkel auseinander, bis es wirkte wie ein Lächeln. «Und Minztee trinken und Wasserpfeife rauchen in einem arabischen Café.»
«Klar», sagte ich.
Simon sah mich an, Steinaugen, glanzlos im fahlen Laternenlicht. «Wenn du willst, können wir uns ein neues Zimmer suchen.»
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