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Jürg Acklin, *1945 in Zürich, studierte und promovierte in Sozialwissenschaften, arbeitete als Lehrer mit alternativen Schulmodellen, als Redakteur beim Schweizer Fernsehen und führt heute eine psychoanalytische Praxis in Zürich. Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und dem Zolliker Kunstpreis für sein Lebenswerk.
Jürg Acklin
Gut verschraubt
In letzter Zeit mutet es mich jeweils komisch an, wenn Männer mit Leidensmiene über ihre längst verstorbenen Väter klagen. Für mich wird es immer schwieriger, über meinen Vater zu lästern, vor allem habe ich den Eindruck, ihm immer ähnlicher zu werden, nur noch etwas schlimmer.
Früher, wenn er auf dem Lehnstuhl in der Ecke des Wohnzimmers saß, etwas las oder im Halbschlaf vor sich hindämmerte, ging er mir entsetzlich auf die Nerven, dieses greisenhafte Getue. Du bist doch noch nicht einmal siebzig, das ist ja fürchterlich. Lass mich in Ruhe, antwortete er, ich sage dir schließlich auch nicht mehr, was du zu tun hast.
Heute kommt es manchmal vor, dass ich mich selbst auf dem gleichen Lehnstuhl gemütlich einrichte und sogar die Augen schließe, um einen kleinen Ausflug nach innen zu machen, hinein in meinen Cinemax, in dem gleichzeitig unzählige Filme flimmern. Da gibt es auch mehrere Vaterfilme, ganz alte in Schwarz-Weiß, später einige in Cinémacolor, daneben ein paar mit einer verzitterten Handkamera gedrehte.
Ich glaube, diese Erinnerung ist noch schwarz-weiß: Ich stehe mit meinem Vater im Keller, er hatte sich dort eine perfekte Werkstatt eingerichtet. Die Schraubenschlüssel, Hämmer, Zangen und Schraubenzieher genau nach der Größe auf einem Wandbrett aufgehängt. Die Bohr- und die Schleifmaschine in Griffweite auf dem Werktisch vor ihm. Die Drehbank auf einem eigenen Ge- stell neben der Hobelbank. Auf den zahlreichen Tablaren an der Wand standen von ihm selbst gefertigte Holzkästen, in einheitlichem Grau gestrichen, schön angeschrieben in seiner Ingenieurschrift: Darin befanden sich Reste aus den verschiedensten Materialien. Gummi, Leder etc., Hartholz, Weichholz, Aluminium, Eisen. Stahl. Nur Plastik sammelte er nicht. Es roch immer nach einer Mischung aus Eisen, Staub und Holz. Er saß am Werktisch, schraubte, feilte und sägte. Da gab es nichts Halbes, die Schrauben wurden versenkt, bis sie deckungsgleich mit der Oberfläche waren. Holzspielsachen, die er für mich geschreinert hatte, sind heute, nach sechzig Jahren, noch im Gebrauch. Bei der großen Dampflokomotive sitzt alles genauso fest wie vor Jahrzehnten. Nur die Farbe ist etwas blasser geworden, der Kessel ist nicht mehr dunkelrot, sondern zeigt eher ein blässliches Rosa. Der Dreiradpostwagen, auf dem ich sitzend durch die ganze Wohnung fuhr, tut auch heute noch seinen Dienst, nichts ist abgebrochen, kein Rad verbogen. Der Wagen selbst aus Buchenholz, die Radnaben verstärkt, das hält alles noch für weitere Generationen. Auch gelötet hat der Vater, manchmal durfte ich den Kolben halten. Der Holzgriff war nur warm, er dämmte die Hitze des Metalls. Hin und wieder musste auch hartgelötet werden oder sogar geschweißt. Dann hatte er eine dunkle Brille als Schutz an, auch ich bekam eine, und er prüfte genau, ob sie zuverlässig vor dem grellen Licht schützte: Sonst machst du dir die Augen kaputt. Er war zwar Elektroingenieur, verfügte aber über die Geschicklichkeit und Genauigkeit eines Handwerkers. Es gab nichts, was er nicht reparieren konnte: rinnende Wasserhahnen, kaputte Elektrogeräte. Der Staubsauger konnte Funken schlagen, nach drei Stunden funktionierte er wieder. Die Messer des Rasenmähers waren verbogen, die Achse war exzentrisch geworden. Immer wieder ein lautes Fluchen, dann irgendwann, und sei es mitten in der Nacht, startete er den Motor, und wenn ihn die Mutter auf die schlafenden Nachbarn hinwies, brüllte er, den Lärm übertönend: Die sollen doch kommen, Hauptsache, er läuft wieder. Und nur mit Mühe konnte ihn die Mutter abhalten, nach Mitternacht im Mondschein den Rasen fertigzumähen. Er lebte ganz nach der Devise: Tue recht und scheue niemanden. Einmal hielt ein Wagen neben unserer Garage an, das Fenster wurde heruntergekurbelt, und der Fahrer fragte höflich nach dem Weg. Mein Vater stellte sich vor und bat den Fahrer auszusteigen. Dann führte er ihn zum Asphaltrand, wo ein Stück Erde frei lag. Dort zeichnete er mit einem kleinen Ast einen genauen Straßenplan auf den Boden und gab dazu die entsprechenden Erklärungen ab. Der Fahrer nickte immer höflich und hörte beflissen zu. Zuletzt sagte mein Vater: Also, das ist der Weg, haben Sie alles verstanden?
Ja, vielen Dank für Ihre Hilfe, sagte der Fahrer. Nur einen Augenblick, mein- te der Vater. Dann wischte er mit dem Fuß seinen Plan aus, gab dem Fahrer den Stock in die Hand und sagte: Also, zeichnen Sie bitte den Plan selber auf, dann sehen wir, ob Sie wirklich begriffen haben, wo Sie durchfahren müssen. Der Fahrer hatte natürlich keine Ahnung mehr und kritzelte irgendetwas auf den Boden. Mein Vater sagte enttäuscht: Ich sehe, das hat keinen Sinn. Also, adieu. Nachdem der andere eingestiegen war, rief er: So ein Trottel!
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