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Michaela Friemel, *1981 in St.Gallen, Studium Deutsch und Geschichte, anschließend zweijährige Unterrichtstätigkeit an einem Basler Gymnasium. Seit 2009 Arbeit in Zürich, vor allem als Autorin. Der vorliegende Text ist die erste Publikation.
Michaela Friemel
Rea und das Krokodil
Ich zähle die Sterne. Fünf mal fünf auf einem Blech. Zwei sind mir etwas missraten, ich schiebe mir einen davon in den Mund und denke an Rea. Sie bäckt die besten Zimtsterne der Welt. Sie mahlt dazu Zimtstangen, die Mandeln röstet sie und zerreibt sie dann im Mörser. Als sie uns zum ersten Mal besuchte, brachte sie diese sagenhaften Zimtsterne mit. Nico hatte gekocht, Spaghetti Puttanesca. Nachdem wir gegessen hatten, machte er den Abwasch, und ich küsste Rea. Nico betrachtete uns mit einem sonderbaren Blick. Er hat die Augen eines Krokodils, schwarz und tränenreich. In diese Augen hatte ich mich einmal verliebt. Er hat mir Rea geschenkt – na ja, sagen wir so: Da er sie begehrte, seit er sie bei einer seiner Tagungen kennengelernt hatte, wir aber die Vereinbarung hatten, Fremde nur mit Zustimmung des anderen zu küssen, lud er sie zu uns zum Essen ein. Ich mochte sie, ihr Haar ist blond und gelockt, ihr Mund war meist geöffnet, weil sie so viel redete, lachte und staunte. Sie wirkte wie eine dieser Cabaret-Tänzerinnen aus den Zwanzigerjahren, fragil und morphoid. Ihr Haar roch nach Puder und Zimt. Ich gönnte ihm nicht, dass er sie küsste.
Es ist zu wenig Teig da. Ich hole noch sechs Eier aus dem Kühlschrank, trenne Weiß von Gelb und schlage Schnee. Ich höre, wie Nico sich im Wohnzimmer bewegt, sein schuppenreicher Schwanz scheuert auf dem Parkett, ich ertrage ihn nicht, schalte das Radio an und singe mit.
Wir sahen Rea einen Monat später wieder, kurz vor Weihnachten wollten wir zusammen Zimtsterne backen. Es kam nicht dazu. Als Rea nackt zwischen den Schüsseln stand, fielen draußen Schneeflöckchen. Sie zog uns aus, und wir wurden uns Prinz und Prinzessinnen zu dritt – als hätte Gott nicht Adam und Eva geschaffen, sondern eine Frau, gleich noch eine und dazu einen Mann, damit die eine nach Zimtstern riecht, die andere nach Lehm und der Mann nach Eiweiß.
Mein Mann küsst wie ein Pferdchen mit schillernden Glöckchen, nicht wie ein Krokodil. Rea küsst wie ein Mann. Rea kam zuerst. Dann Nico, dann ich. Als Rea stöhnte, stöhnte auch mein Mann, und ich begann leise zu singen.
Nun fehlt noch der Zimt. Ich nehme gemahlenen, aber den besten. Vom Kirsch, der die Sterne aufgehen lässt, trinke ich und denke an Rea. Ich gebe geröstete Mandeln hinzu und denke an Rea.
Zu Neujahr fuhren wir in die Berge. Rea wollte nach Vals, mein Mann ins Wallis, ich hatte keine Meinung. Wir fuhren nach Vals. Bis Chur haben Nico und Rea sich sechsundfünfzig Mal geküsst, Rea und ich uns achtundvierzig Mal, zwölf Mal küssten wir uns zu dritt, Nico und ich küssten uns nie. Kurz nach Reichenau-Tamins öffnete ich das Fenster und lehnte mich hinaus, um frische Luft zu schnappen. Rea umarmte mich von hinten, Nico umarmte uns beide. Jetzt spüre ich euren Herzschlag, sagte Rea und lachte, wie nur sie lachen kann, heiser und weich.
Der zweite Teig ist noch zu feucht, ich habe es mit dem Kirsch übertrieben. Ich gebe mehr Mandeln hinzu, lasse den Teig ruhen und tunke die schon ausgestochenen Sterne in den Zuckerguss, so wird der Guss am gleichmäßigsten. So macht es Rea. Machte es Rea.
Im Hotel musterte uns der Concierge ziemlich unverschämt, weiß der Teufel, was er sich gedacht hat. Wir hatten ein Doppelzimmer mit extra Kinderbett bestellt. Die Wände waren blank poliert, schwarzer Gips, am Boden lag ein marokkanischer Teppich. Schön und schlicht war das Zimmer, weiß leuchtete die Schneedecke, die sich auf dem Balkon über Tisch und Stühle gelegt hatte. Rea zog sich nackt aus und stieg auf den Balkontisch. Es ist kalt!, beschwerte sich Nico. Dann schließ die Türe, sagte sie. Sie hatte begonnen, auf den Tisch zu pinkeln. Ich ging zu ihr, küsste sie zwischen den Beinen und rief: «Mmh, Zimt – und nur der beste!»
Am Nachmittag wollte Rea etwas schlafen, Nico und ich gingen ins Dorf. Ich lutschte an einem Eiszapfen, den ich an der Dachrinne eines kleinen Bücherladens abgebrochen hatte. Da in der Käserei gibt es die besten Joghurtdrinks, erklärte er. Du weißt auch immer, wo es das Beste gibt, sagte ich. Das ist so, wenn man achtunddreißig Jahre gelebt hat, antwortete er. Wir sahen, wie in der Schlucht ein Windstoß einen allein stehenden Baum traf, eine Schneefahne stiebte ihm aus der Krone. Ein Bild wie ein Haiku, sagte Nico. Dir fällt auch zu allem etwas ein, sagte ich. Das ist so, wenn man Germanist ist, antwortete er. Und was fällt dir zu mir ein, fragte ich. Warmer Schokoladekuchen, sagte er und küsste mich wie früher. Und zwischen den Beinen riechst du nach dem Staub auf einem provenzalischen Dachboden. Ist das jetzt eine Beleidigung?, fragte ich. Lavendelstaub, versicherte er, der beste, den es gibt.
Die Sterne behalten ihre Form besser, wenn man sie vor dem Backen genügend lange kalt stellt. Als ich das Blech auf den Balkon tragen will, stolpere ich über meinen Mann, der im Wohnzimmer am Boden liegt. Lass mich, sagt er, ich schlafe gerade. Ich lege mich neben ihn und weine ein bisschen.
Nachdem wir ausgepackt hatten, schwammen wir im Außenbad der Therme. Es schneite auf unsere Köpfe, Rea versuchte, mir die Flocken vom Gesicht zu küssen. Hilf mir, sagte sie zu Nico, allein bin ich zu langsam. So geht es auch, sagte er und tauchte mich unter Wasser. Prustend kam ich wieder hoch. Du bist fies, sagte ich, heute küsst sie nur noch mich.
Rea war aus dem Becken gestiegen und rollte sich japsend im Schnee. Als sie wieder ins Wasser sprang, erntete sie wütende Blicke. Sorry, sagte sie zu den anderen Gästen und lächelte charmant, es macht einfach Spaß.
Drinnen war Nacktzone. Im Dampfbad waren wir allein. Mein Ärger verrauchte, als Rea mich zu küssen begann. Nico streichelte ihre Brüste. Sie wies ihn zurück. Dann versuchte er, mich zu küssen, ich stieß ihn weg. Er ging, ich wollte ihm folgen, doch Rea hielt mich fest. Sie schob mir die Beine auseinander, und berührte mich. Fass du dich an, und ich mich, sagte sie, als es gerade besonders schön wurde. Während wir es uns machten, bekam sie einen roten Kopf. Dann hörten wir, dass jemand den Duschraum betrat. Siehst du, keuchte Rea, er kommt schon zurück. Ich schaute zwischen ihre Beine und glaubte, das Pochen ihrer Scham zu sehen. Ich glaube, wir kamen gleichzeitig. Für einen Augenblick kniff ich die Augenlider zusammen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich in zwei fremde Augen.
Nico hat es aufgegeben schlafen zu wollen, stattdessen schiebt er eine seiner Krokodilspfoten zwischen meine Beine. Doch ich will nicht von einem Krokodil angefasst werden.
Auf der Rückfahrt sah Rea aus dem Fenster, Nico und ich stritten. Rea hatte den Versuch, Frieden zu stiften, bald aufgegeben. Du bist so ein Arschloch, sagte ich zuletzt zu Nico. Er umarmte Rea. Du bist mir sowieso lieber als die, behauptete er. Rea sah uns beide traurig an und wandte sich der Landschaft zu.
Als wir wieder in Zürich waren, schrieb sie uns, ihr sei alles zu verwirrend, sie brauche Zeit und werde sich für einige Wochen zurückziehen. Seither hörten wir nichts mehr von ihr.
An jenem Tag verwandelte mein Mann sich in ein Krokodil. Ihm wuchs ein Schwanz, lang und schuppenreich, die Zähne spitzten sich, Hände und Füße wurden zu Pranken. Seine Tränen sind silberne Kügelchen; ich benutze sie, um die Zimtsterne zu schmücken.
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