entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 62:
..Abpfiff

Maren Sandt, *1973 in Nürnberg, lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Japan und den USA. Veröffentlichungen von Gedichten und kurzer Prosa in Literaturzeitschriften, z.B in «Torso» und «Federwelt».

Maren Sandt

Weggefährtin

Weil sie im Nachbarhaus wohnte, im angrenzenden Abteil, wie wir damals sagten, durfte ich neben ihr sitzen. Nicht, dass ich das wollte. Hätte sie wenigstens eine Ratte an einer Schnur über ihrem Kopf kreisen lassen wie Tom Sawyer. Aber Gloria war nett und ihre Rüschenkleider passten zu meinen blonden Zöpfen, fand die Lehrerin, und alle anderen fanden es auch. So wurde sie meine Partnerin, wir schoben miteinander Rechenperlen nach links und nach rechts, schrieben Partnergeschichten und hielten unsere Beine beim Handstand fest. Nach der Schule liefen wir durch den Stadtpark, an Kneipen und am Bahnhof vorbei, dann noch durch zwei kleine Jägerzaungassen, zum Zug. Der Name war mir sofort klar gewesen, als mein Vater in die Straße einbog, hinter uns der Möbelwagen, neben mir auf dem Sitz meine grüne Kiste mit all den Habseligkeiten, die ich dem Möbelwagen nicht anvertrauen wollte. Zug! Gleich in der ersten Woche kaufte ich Nichtraucheraufkleber für mein Fenster, innen und außen, wie bei Emil und die Detektive. Sie kleben noch immer dort, obwohl weder meine noch Glorias Eltern mehr im Zug wohnen. Die Abteile sind jetzt bunt angestrichen, sogar die Rasenabschnitte vor den sechs Türen haben sechs unterschiedliche Grüntöne. Ohne die Aufkleber auf dem hellblauen Abteil wäre er heute eine ganz normale Häuserzeile. Wie es dazu kam, dass wir so lang darin gefahren sind, kann ich nicht genau sagen. Ob es an mir lag oder an Gloria, oder an uns beiden, wer weiß. Als sie mich zum ersten Mal besuchte, lag bereits Schnee. Sie brachte ihre Puppen mit, wollte kein Iglu bauen, wollte oder konnte ihre Karotte nicht selbst schälen. Ich tat es für sie, und während wir knabberten, nahm ich ihr das Versprechen ab, bei ihrem Eheglück, dass sie niemals jemandem erzählen würde, was ich ihr dann verraten wollte. Es sollte nur ein Test sein, wie weit ich mit ihr gehen konnte, doch tatsächlich starrte sie mich an und glaubte jedes Wort. Von diesem Moment an wartete Gloria darauf, dass unser Zug ankommen würde. Nach den Hausaufgaben lief sie zu mir hinüber, immer kam sie zu mir, in das Zimmer mit den Nichtraucheraufklebern, nie ich zu ihr. Ich pfiff auf dem dem Kopfstück meiner Blockflöte zur Abfahrt, dann suchten wir uns einen Platz auf dem geblümten Sofa. An windigen Tagen ließ ich sie die Augen schließen und steckte ihren Kopf aus dem Fenster, da spürte sie, wie schnell wir waren. Im Sommer entgleisten wir oft, legten uns draußen auf die Wiese und schimpften über die Verspätung. Andere Kinder aus der Klasse haben uns nie besucht oder eingeladen, selbst unsere Geburtstage feierten wir zu zweit. Am Abend bevor ich vierzehn wurde, holte ich meine grüne Kiste vom Dachboden, leerte sie auf den Bettvorleger aus und stopfte alles in eine große Plastiktüte, bis auf den gläsernen Kranich, der meiner Großmutter gehört hatte, den stellte ich aufs Regal. Dann klopfte ich das Zeichen für komm schnell an die Wand, lief mit der Kiste die Treppe hinunter und gab sie Gloria: Ab jetzt reisen wir mit Gepäck. Überleg dir gut, was du mitnehmen willst. Am nächsten Morgen kam sie mit weiß geschminkten Lippen und rosa Augenlidern. Zur Feier des Tages, sagte sie. In die Kiste hatte sie eine alte Puppe eingepackt, Schminkzeug, ein paar Kassetten, einen Marmorkuchen, den sie für mich gebacken hatte, und ihren Weltatlas, denn sie meinte, es sei Zeit, dass wir uns um das Reiseziel kümmerten. Ich drehte sie vierzehn Mal um sich selbst, öffnete den Atlas ganz hinten und ließ sie blind auf die Seite tippen: sie traf den Jupiter. Geil, sagte sie. Ich sah sie an, der Lippenstift war verschwunden. Welches Spiel wünschst du dir dieses Jahr?, fragte sie dann. Topfschlagen, Armer schwarzer Kater, Reise nach Jerusalem, wir hatten für alles eine Variante, die man zu zweit spielen konnte. Nackig ausziehen, wie früher, sagte ich. Gloria trug kein Rüschenkleid mehr, sondern Stretchjeans, ein pinkes T-Shirt und weiße Unterwäsche mit gelben Nähten. Auch nackig sah alles an ihr anders aus als bei mir. Love lift us up where we belong, spielte unsere Lieblingsplatte, zum Jupiter, rief Gloria und sang mit: up where we belong, dabei legte sie die Hände um meinen Hals und fing an zu tanzen. Sie tanzte gut, ganz natürlich und weich, wahrscheinlich übt sie vor dem Spiegel, dachte ich, während ich zwei rechts, eins links holperte. Im Reihenhaus gegenüber, hinter Glorias Dauerwellen, bewegte sich etwas, dann erschien ein Junge am Fenster. Ich riss die Bettdecke an mich und wickelte sie mir um. Gloria ging so, wie sie war, durchs Zimmer und zog die Vorhänge zu. Dann sagte sie, dass ihr kalt sei, schob mich mitsamt der Decke aufs Bett und drängelte sich mit hinein. Gut, sagte ich, reisen wir eben heute im Schlafwagen. Ich beugte mich über sie und hielt ihr die Ohren zu, dass der Zug darin dröhnte. Obwohl ich viel zu fest drückte und es ihr weh tun musste, blieb sie still liegen, mit geschlossenen Augen. Ich ließ sie los. Wetten, dass du dich nicht traust, mit dem Jungen ins Bett zu gehen?, hörte ich mich sagen. Gloria nahm die Wette an, es musste innerhalb der nächsten Woche geschehen und ich sollte zusehen. Sonst glaubst du mir nicht. Sie hatte Recht, ich dachte tatsächlich nicht, dass sie es tun würde. Meine Mutter schimpfte durch die Tür, weil wir wie die Kletten immer nur im Zimmer hockten, sogar an meinem Geburtstag, anstatt uns mit Freunden zu treffen, ins Schwimmbad zu gehen, in die Eisdiele. Mein Vater hielt sich damals noch zurück, er fing erst an, sich über Gloria aufzuregen, als sie die Schule wechseln musste. Ich werde noch einmal so enden wie sie, die faule Göre, wenn ich so viel Zeit mit ihr verbringe, wo doch jetzt die Weichen gestellt werden fürs ganze Leben. Er merkte nicht, dass ich die Zigaretten für Gloria aus seiner Jacke nahm und die Kondome aus seinem Kulturbeutel, auch das erste für den Nachbarsjungen. Ich lag unter dem Bett, als sie ihn mit auf mein Zimmer brachte. Sie erzählte ihm, sie habe es schon oft getan, und stöhnte wie Kim Basinger in unserem letzten Kinofilm. Mach das nie wieder in unserem Zug, drohte ich ihr hinterher, dann sprachen wir nicht mehr davon. Wir reisten nur noch im Schlafwagen, hatten die Augen geschlossen, und immer drängelte Gloria sich gegen mich, während ich es vermied sie anzufassen. Wir kommen niemals an, sagte sie beim letzten Mal. Sie habe mir das vom Zugwirklich geglaubt, sogar später noch, sagte sie, als ich eigentlich schon wusste, dass es nur ein Spiel ist. Ich nahm ihre Schultern und rüttelte sie. Er fährt doch, immer noch, merkst du es denn nicht mehr? Aber sie wollte an diesem Abend früh gehen. An der Tür zog sie plötzlich, mit beiden Händen, meinen Kopf zu sich heran, schob mir ihre Zunge in den Mund, drehte sie einige Male darin herum und drückte ihren Busen an meinen. Es war mein erster Kuss, auch wenn ich ihn später nicht gelten ließ. Dann sagte sie: Der Vogel auf deinem Regal, der Storch oder so, aus Glas, wer hat ihn dir damals zum Geburtstag geschenkt? Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand. Meine Großmutter war seit sieben Jahren tot, es kam mir viel kürzer vor. Kein Feuer, keine Kohle Kann brennen so heiß Als heimlich stille Liebe, Von der niemand nichts weiß, hatte sie immer gesungen. Niemand, sagte ich, weiter fiel mir nichts ein. Dann ist Gloria gegangen. Als ich am nächsten Tag unser Zeichen klopfte, reagierte sie nicht, auch nicht am übernächsten, nicht während der ganzen Woche, die ich es versuchte. Wenn sie mich im Garten oder auf der Straße sah, schaute sie weg. Wir lebten so noch drei Jahre, bis ihre Eltern sie rauswarfen. Abteil an Abteil, ich gewöhnte mich daran, Haus an Haus zu denken. Manchmal konnte ich sie durch die dünnen Wände hören, dann fragte ich mich, ob sie das wusste. Am schlimmsten war der Sommer, als sie aus dem Fenster rief, wer es mit ihr treiben wolle. Ficken bis der Arzt kommt. Blasen bis zum Abpfiff. Ich habe niemandem erzählt, wie es mir damals ging, überhaupt redete ich nicht mehr über Gloria. Für meinen Umzug in die Stadt lieh ihr Vater mir den Lieferwagen, auf dessen Konsole noch immer das alte Passbild klebte: Gloria mit Zahnspange und Rüschenbluse, im roten Plastikrahmen. Eine Zeitlang gab es noch Gerüchte über sie, dann hörte auch das auf.

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.