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Iris Schmitt, *1967 in Hamm, Studium der Sozialpädagogik in Dortmund, Tätigkeit in der Gemeinwesenarbeit in einem sozialen Brennpunkt in Düsseldorf. Mehrere Auszeichnungen, zuletzt Literaturpreis Moers und verschiedene Veröffentlichungen, u.a. «Flussab», Anthologie zum MDR-Literaturpreis, Rotbuch Verlag, Berlin 2009.
... sind für kleine Kinder nicht
Das hatte er nun davon. Sagte die Mutter ihm nicht oft genug, er solle nicht an fremden Türen lauschen. Schon gar nicht, wenn die Mädchen so laut kicherten und Geheimnisse hatten vor ihm, die Freundinnen seiner großen Schwester, wenn sie sich mit ihren hellen Stimmchen Geschichten erzählten, in dem kleinen Zimmer, wo es zwitscherte, als flatterte dort ein Schwarm bunter Kanarienvögel umher, Mädchenvögel, in ihrem Flatterkleidern, mit hübschen Bändern und goldenen Spangen im Haar.
Das hatte er nun davon, weil das Zwitschern so schön für ihn klang, das Kichern so verlockend. Dir werden noch einmal die Ohren abfallen, zur Strafe, hatte ihn die Mutter oft genug gewarnt. Denn als er jetzt die Brille aufsetzen wollte, als er versuchte, die Bügel hinter die Ohrmuscheln zu klemmen, wie üblich, rutschte ihm die Brille vom Kopf, als hätte es dort nie einen Widerstand gegeben. Jonas griff mit den Händen an die Stellen, an der, gewohnheitsgemäß, seine Ohren saßen, und merkte, daß einzig jeweils ein winziges Löchlein von ihnen übrig geblieben war. Jonas steckte den Finger in eines der Löchlein, drehte den Finger, drückte mit dem Nagel gegen das Trommelfell, kratzte an der dünnen Haut, zog den Finger wieder hinaus und bohrte ihn in das gegenüberliegende Loch. Kein Zweifel, von seinen Ohren waren lediglich die Gehörgänge noch vorhanden, die Ohrmuscheln jedoch fehlten ganz.
Vielleicht würde er jetzt die verhasste Brille endlich los, dachte Jonas, und strich sich die Haare geschickt über die Löchlein, damit die Mutter nicht sofort von seinem Mißgeschick erfuhr. Doch als er in die Küche trat, schlug die schon ihre Hände vors Gesicht: Jesus, Maria und Josef! Obwohl die kaum etwas nützen könnten, nur sah die Mutter eben auf einen Blick, daß etwas mit ihm geschehen war. Denn ganz vergessen hatte doch Jonas, daß seine Ohren stets derart sichtbar waren, weil sie abstanden vom Kopf, Henkeln gleich, und förmlich herauszuwachsen schienen zwischen dem Haar, und wohl das eigentlich Prägnanteste an seinem Kopf waren, daß man gleich darauf stieß, wenn sie, wie nun, fehlten. Jetzt fuhr die Mutter dem Sohn mit der Hand durch das Haar, ob vielleicht noch Reste vorhanden waren von den Ohren, ob die Ohren vielleicht nur verknickt waren, daß man sie nicht gleich bemerkte, wie üblich. Doch sie fand nur die beiden Ohrlöchlein seitlich des Kopfes, nicht tief, aber schmutzig, was ihr jetzt besonders auffiel, weil alles drumherum freilag und kein Knorpel die Sicht versperrte. Als sie ihm aber nun, mechanisch, an die Ohren fassen und zum Waschbecken ziehen wollte, während der Sohn sich, ebenfalls mechanisch, dagegenstemmte und schrie, weil das Ohr dabei stets zum Zerreißen gespannt wurde, faßte die Mutter statt dessen ins Leere, lediglich eine Haarsträhne bekam sie zwischen die Finger. Wütend griff sie ihn an der Nase, worüber Jonas so erschrocken war, daß er ihr ohne Widerstand folgte, zum Spülstein, wo ihm die Mutter mit einem spitz zusammengerollten Lappen in die Gehörgänge fuhr, um diese von Schmalz und Staub zu säubern. Das Problem mit der Brille löste die Mutter, indem sie ein Gummiband an die Bügel knotete, und somit das Rutschen derselben verhinderte, worauf der Sohn nur ein langes Gesicht zog, als er merkte, dass alles hielt, und die Mutter wollte schon ausholen mit ihrer Stimme, zu einer ihrer in solchen Situationen üblichen Schimpftiraden. Als sie ein kleines Zwicken zwischen den Augen bemerkte, das ganz nadelspitz war, und wohl daher rührte, dass sie sich selbst die Schuld an der ganzen misslichen Angelegenheit gab, weil sie die Drohung des Ohrenabfallens laut ausgesprochen hatte, mehrmals sogar, wie einen Fluch, und sie bekreuzigte sich stattdessen. Und da gegen Flüche einzig etwas Heiliges half, dachte die Mutter, dass es am besten sei, mit dem Sohn geradewegs in die Kirche zu laufen und ihm etwas Weihwasser in die Ohrlöchlein zu träufeln, und sich selbst darauf durch eine geleistete Beichte von der Schuld zu befreien.
Seine weiche, feuchte Hand lag in der ihren, fest wie in einer Zwinge, als die Mutter mit dem Sohn durch das Dorf eilte, als wäre diese Hast allein bereits Teil ihrer Buße. Die Leute auf den Straßen schauten der Frau hinterher, wie sie so lief, mit dem fremden Kind an ihrer Hand. Was sei denn das für ein nettes Bengelchen an ihrer Seite, rief eine der Marktfrauen, die gerade mit einem Karren voller Kartoffeln an dem Paar vorbeizog. Habe sie den ihren vielleicht eingetauscht, der ja so hässlich gewesen sei mit seinen Henkelohren. Dann aber sah sie die dicke Brille und erriet, dass es sich doch wohl um das gleiche Kind handeln musste. Die Mutter hingegen lief rot an im Gesicht, da sie sich ja insgeheim gewünscht hatte, so einen hübschen Knaben zu haben, wie der jetzige neben sich, und nicht so einen Henkeltopf, für den sie sich doch immer heimlich schämte. Denn Segelohren lagen in dem männlichen Zweig ihrer Familie, und oft genug hatte der Ehegatte ihr laut Vorhaltungen gemacht deswegen: Was hast du mir nur für eine Missgeburt zur Welt gebracht, und dazu noch fehlsichtig! Mit der Resi, der Tochter des Bäckermeisters, wäre mir Derartiges erspart geblieben, deren Bengel seien allesamt kleine Adonisse, dass die Mutter nur still ins Kopfkissen weinte und ihre Groschen zurücklegte, damit der Doktor dem Kind eines Tages die Ohren richten könnte und er ebenso schön würde wie die drei Söhne der Resi. Die Tochter hingegen war elfengleich, die kam zuerst und weckte die kühnsten Hoffnungen für den Stammhalter, der schon bald darauf unterwegs war. Aber als die Mutter dann heimkam mit dem Buben im Handtuch, der schrie, als wüsste er bereits um seine Hässlichkeit, als sie das Handtuch zurückschlug, das um den Kopf des Kindes gewickelt war und der Vater einen ersten Blick auf den schreienden Jungen warf, fiel er geradewegs auf die Knie und rief Gott an, wofür er solch eine Missgeburt nur verdient hätte, denn nicht nur die riesigen Ohren standen ab, auch schielte das Kind, mit beiden Augen, als wäre die Nase eine Art Magnet, der die Pupillen auf sich zog, unwillkürlich, und die wechselseitig verklebten Brillengläser, die das Kind bald tragen musste – und bis heute nicht los war – halfen nur wenig, der Blick aus dem rechten Auge blieb silbrig.
Der Pfarrer dann wiegte lange den Kopf hin und her, als Mutter und Sohn vor ihm standen. Um deinem Sohn zu helfen, hob er schließlich an, ist schon etwas Stärkeres nötig, als das Weihwasser unserer kleinen Kirche. Nimm dein Kind und reise mit ihm nach Lourdes, einzig dort vollziehen sich die Wunder, denn ohne Ohren wird der Junge bald genauso dem Spott der anderen ausgesetzt sein wie bislang. Und zur Buße gab er der Mutter noch zehn Rosenkränze auf, die sie heute noch zu entrichten hätte.
Als am Abend der Vater von der Arbeit zurückkam, sperrte er die Mutter zur Strafe in die Wäschetruhe, nachdem er die fehlenden Ohren seines Sohnes bemerkte, die mit Gummiband an dessen Kopf befestigte Brille. Warum nur tust du mir das an?!, hatte er zur Mutter gerufen und geschluchzt und sie an den Haaren gefasst und in die Truhe gesperrt, da half es ihr auch nichts, dass sie mit den Fäusten gegen das Holz des Deckels hämmerte und schrie: Gott hat mir doch längst vergeben, ich hab schon brav die Rosenkränze zur Buße getan. Nicht einmal operieren könne man dies, hatte der Vater nur gemeint, Prothesen vielleicht, die doch ein Vermögen kosteten, hatte dann den Schlüssel umgedreht und seine Frau bis zum nächsten Morgen in der Kiste sitzen lassen.
Durch die Straßen des kleinen Ortes Lourdes drängten sich die Menschen Richtung Felsengrotte, wo am späten Nachmittag ein Gottesdienst stattfinden sollte. Es war heiß, Mutter und Sohn erschöpft von der langen Reise, und da legten sie sich lang auf eine Wiese mit Pusteblumen hin, schliefen beinahe augenblicklich ein, schliefen vielleicht ein oder zwei Stunden. Bis ein seltsames Geräusch sie weckte. Wie ein Hicksen, mal etwas lauter, mal leiser, aber durchdringend, andauernd, und direkt neben ihnen. Jonas schlug die Augen auf. Da saß ein Mann auf seinem Koffer, stockgerade, die verschwitzten Hände hatte er auf die Oberschenkel gelegt, und beinahe sekündlich durchlief ihn ein Schütteln, mit Geräusch, ein Vibrieren, dass sein ganzer Körper zuckte und er jedesmal ein Stückchen hochgehoben wurde von seinem Koffer. Seit zwei Jahren quält mich nun schon dieser Schluckauf, sagte der Mann, und schluckte gleich auf, wie zum Beweis. Dann holte er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Vieles hätte er bisher versucht, Zählen und Luftanhalten und Kopfstand, rückwärts aus einem Glas trinken und Würfelzucker mit Essig lutschen, Dutzende von Ärzten hätte er konsultiert, sogar an psychologischen Sitzungen hätte er teilgenommen, den Schluckauf aber sei er nicht losgeworden. Angefangen hätte es ganz unvermittelt, als er in das Büro seines Chefs trat und um eine Gehaltserhöhung bitten wollte, aber statt eines vernünftigen Wortes nur Hicksen herauskam, das seitdem keinen Moment Pause gemacht hätte. Tag und Nacht schüttelte es seinen Körper, derart heftig, schlafen könne er keine Minute mehr, ohne von den Zuckungen geweckt zu werden. Seine Frau hätte sein Gehickse eines Tages nicht mehr ausgehalten und sei mit den Kindern zu ihrer Mutter gezogen. Er wäre oft so verzweifelt, daß er schon daran gedacht hätte, von einem Dach zu springen. Dann aber hätte ihm jemand von Lourdes erzählt, von den Wundern, die manchmal dort geschähen, und er hätte sich auf den Weg gemacht. Die Mutter wünschte ihm alles Gute, nahm den Jungen an die Hand, die Reisetasche, klopfte sich den wattigen Blütensamen von der Kleidung und machte sich auf den Weg zur Grotte.
Eine bunt zusammengewürfelte Mischung von Menschen jeglichen Alters und jeglichen Gebrechens drängte sich in den Straßen, und lief im Schritttempo auf den Eingang der Höhle zu, still, in sich gekehrt, demütig. In der kühlen Kaverne unter dem künstlichen Lampenlicht gab es noch ein kurzes Schieben um die besten Plätze, vorne in der Nähe des Priesters. Jonas schnaufte. Ihm schräg gegenüber stand eine kleine Gruppe von Kindern, mit ihren Müttern oder Großmüttern. Jonas sah, dass einigen der Kinder Finger fehlten, anderen fehlte die ganze Hand, mit der sie wohl gestohlen hatten, wieder anderen fehlte der Mund, dass sie keine Frechheiten mehr sagen konnten, einem kleinen Mädchen war der Daumen in der Nase festgewachsen, und einem anderen kleinen Mädchen war erst gar keine Nase übrig geblieben, die es wohl nie wieder in Angelegenheiten steckte, die es nichts angingen.
Die Predigt dauerte eine ganze Stunde, der Priester hielt sie in drei Sprachen, Gebete und Segnungen, dann gingen die Pilger reihenweise zur Quelle vor, um ihre mitgebrachten Gefäße mit dem heiligen Wasser zu füllen. Die Mutter hielt ein kleines Einmachglas unter den Strahl, und als sie mit dem Sohn wieder zurück an der Oberfläche war, schüttete sie das Wasser Jonas über den Kopf, dass der aussah wie ein begossener Pudel und ihm das heilige Nass von Kinn und Nase tropfte und eine Pfütze bildete auf der staubigen Erde.
Tief und fest schliefen sie in dieser Nacht, in der kleinen Pension, in einem Bett unter kühlen Laken, und waren voller Hoffnungen auf das bevorstehende Wunder. Die Mutter hatte noch einige Gebete gemurmelt, in die Dunkelheit hinein, bevor sie dann die Augen schloss und einschlief, lächelnd.
Beim ersten Sonnenstrahl, der durch die Vorhänge fiel, öffnete Jonas die Augen, glaubte anfangs, er läge daheim im eigenen Bett und müsse sich augenblicklich für die Schule fertig machen, rieb sich die Augen, die Ohren, die manchmal schmerzten, weil er falsch auf ihnen gelegen hatte. Doch was er fühlte waren nicht seine Ohren, die knorpelig waren und abstehend eben. Was er fühlte, war weich, war samtig, war klein und lag eng an am Kopf. Jonas sprang aus dem Bett und lief ins Bad, stellte sich vor den Spiegel und sah hinein, Jonas drehte den Kopf ins Profil, nach vorn, zur Seite. Rechts und links seines Kopfes saß, ganz fein, je ein Hautlappen, mit fein geschwungenen Wölbungen, sachten Ausstülpungen und leichtem Faltenwurf, rosig wie das Innere einer Meeresmuschel. So schön waren seine Ohren, daß er sich kaum satt- sehen konnte an ihnen und immer wieder mit den Fingerspitzen darüberstrich, vorsichtig, um sie nicht zu zerbrechen.
Welch eine Freude die Mutter doch jetzt an ihrem Sohn hatte, so ein hübsches Kind, und holte gleich die Schere aus der Reisetasche, schnitt ihm die Haare, raspelkurz, denn die Notwendigkeit, das Haar geschickt über die abstehenden Ohren zu kämmen, um diese möglichst zu verdecken, und den Sohn damit vor dem gröbsten Spott der anderen Kinder zu schützen, bestand ja nun nicht mehr, ganz im Gegenteil, jeder sollte die neuen Ohren doch bewundern können.
Als der Vater zuhause erkannt hatte, wie kunstvoll doch die neuen Ohren gewachsen waren, welch ein filigranes Gebilde, fasste er seine Frau um die Hüften, hob sie in die Luft und vollführte einige tollkühne Drehungen mit ihr durch die Küche, wie lieb er sie doch hätte, seine kleine Frau. Emelie, die große Schwester hingegen, machte ein beleidigtes Gesicht, ihr doofer Bruder wäre doch längst nicht so wichtig wie sie, die kleine Elfe, verzog sich in ihr Zimmer, wo schon die Freundinnen warteten, wo es sogleich zu zwitschern begann, geheimnisvoll.
Da konnte Jonas nicht widerstehen und schlich heran und dachte nur an die Mädchen, in ihren duftigen, leichten Kleidern, mit den goldenen Locken, in denen so hübsche Spangen steckten und Bänder waren hineingeflochten, wie Lichtgestalten schienen ihm die Mädchen. Da zog es ihn an, wie Kinder von allem Verbotenen angezogen werden, und er stellte sich vor, wie sich die Mädchen ihm zuwandten, ihre blutroten Münder öffneten, ihre milchweißen Zähne hervorblitzen ließen und zu lachen begannen, zu lachen, kleine silberhelle Bläschen, die durch das Zimmer perlten. Die Mädchen warfen ihm Kussmünder zu, die sie von ihren Handflächen pusteten, durchs Schlüsselloch hindurch, die er auffing mit dem Blick, begierig, und wie schön sie zwitscherten, die kleinen Vögelchen, mit ihren kleinen Schnäbeln.
Da nahm er, mutig geworden durch die neuen Ohren, die Brille ab und drückte sein schielendes Auge gegen das Schlüsselloch.
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