entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 61:
..Große Gefühle

Heinz D. Heisl, *1952 in Innsbruck; Musikstudium; 1990 Stipendium des literarischen Colloquiums Berlin; 2000 Reinhard Priessnitz Preis; 2006 Stadtschreiber-Stipendium Stuttgart; 2008 1. Esslinger Literaturpreis; 2009 Roman «Greiner». Kurator des Literaturfestivals SPRACHSALZ, Tiroler Literaturtage; lebt derzeit in Zürich.

Ist es eins, ist es keins

I«Wer sich reinzuwaschen versucht, zeigt, dass er schmutzig ist.»
Erwin CHARGAFF (Ein zweites Leben/Seite 30)

DIE LUFT ist milde. Jeden Moment wird der Föhn mit aller Kraft aus dem Wipptal stoßen. Hinein in die Gassen und Straßen. An allem reißen. Die Bäume zerzausen. Irgendwo schlägt ein Fenster. Daraufhin bellt ein Hund. Einige Vogelleiber taumeln aus der Baumkrone in die Höhe. Der Hund bellt weiter. Weshalb bellt der noch immer, denkt er. Die Vogelleiber sind verschwunden. Vielleicht waren die Vogelleiber aber nur vermeintliche Vogelleiber und in Wahrheit nichts anderes als abgerissene und hochgewirbelte Blätter. Laub schleift über den Boden. Dürres Laub. Schritte drüben bei den Coloniakübeln. Der Deckel knallt zu (laut). Die Haustür fällt ins Schloss (laut). Das Licht im Treppenhaus gegenüber verlöscht. Der Föhn ist bald da. Die Veränderung dessen, das man als unveränderbar wähnt. Er ist in eine beobachtende Stimmung gesackt; obwohl er eigentlich keinen Anteil am momentanen Geschehen auf der Straße und am Geschehen in der Luft nimmt.
Weswegen habe ich mich dem Kalkbrenner anvertraut, denkt er. Weswegen … Ausgerechnet dem Kalkbrenner. Mit dem Kalkbrenner hast du reden müssen, denkt er. Mit dem Kalkbrenner… Im Igler-Wald bist du ihm begegnet. Regelmäßig pflegst sowohl du als auch der Kalkbrenner im Igler-Wald spazieren zu gehen, wenn auch an unterschiedlichen Tagen, und zu unterschiedlichen Tageszeiten. Während du die Vormittage bevorzugst, weil an den Vormittagen im Igler-Wald kaum andere Spaziergänger anzutreffen sind, zieht der Kalkbrenner ein Spazierengehen an den Nachmittagen vor. Die Temperaturen, sagt der Kalkbrenner, die Temperaturen an den Nachmittagen sind angenehmere Temperaturen als die Temperaturen an den Vormittagen. Ich friere leicht, sagt der Kalkbrenner. Deswegen ist es für mich unerlässlich, an den Nachmittagen hinaus in die Natur und also spazieren zu gehen. Ausschließlich an den Nachmittagen. Zwar friere ihn auch an den Nachmittagen, so er, aber ihn friere in den Nachmittagsstunden weniger, als dass es ihn in den Vormittagsstunden friere. Im Igler-Wald beim Wasserreservoir ist er dir entgegengekommen. Kalkbrenner hat dich zuerst gesehen. Du hattest den Kalkbrenner erst wahrgenommen, nachdem dieser direkt vor dir gestanden ist und «Habe die Ehre» gesagt hatte. «Ah … schau …, der Kalkbrenner», hatte ich – überrascht, wie ich gewesen war – geantwortet. Sonst habe ich nichts gesagt. Und ich vermag die Frage, ob es ihm unangenehm war, mir im Igler-Wald zu begegnen, oder ob es mir unangenehm war, ihm zu begegnen, oder ob uns beiden diese Begegnung unangenehm oder eigentlich gar nicht so unangenehm gewesen war, jetzt nicht mehr zu beantworten. Es gibt Menschen, denen man partout nicht und nirgends begegnen möchte. Wäre ich zum Beispiel dem Heurieder begegnet, was für ein Schrecken, was für eine Fürchterlichkeit. Für beide. Für den Heurieder sowie für mich. Dem Heurieder möchte ich nicht oder besser nie mehr wieder begegnen. Und besagtem Heurieder solle es ebenso ergehen, wie ich gehört habe. Ich fürchtete mich vor dem Kalkbrenner und fürchte mich vor den Begegnungen mit dem Kalkbrenner, weil ich – und ich weiß nicht weshalb – , wenn ich mit dem Kalkbrenner rede, stets zu viel rede und also immer zu viel von mir preisgebe, wie sich – wie ich genau weiß – der Kalkbrenner auch vor den Begegnungen mit mir fürchtet, weil er, wie er sagt, in das eine oder andere Geheimnis eingeweiht wird, welches er naturgemäß keinesfalls weiterzuerzählen hätte. Und ihm, dem Kalkbrenner, aber – erfährt er ein Geheimnis außerhalb seiner Kanzlei – ein Weitererzählen jedesmal zur schrecklichen Versuchung würde. Ein zu bewahrendes Geheimnis nächstens einem anderen als ein zu bewahrendes Geheimnis aufzutragen, ist eine äußerst zufriedenstellende Gemeinheit und geradezu selig machende Niedertracht. Der Kalkbrenner hatte dort am Igler-Wasserreservoir – obwohl er in entgegengesetzter Richtung unterwegs gewesen war – augenblicklich kehrtgemacht und ist mit dir in seine entgegengesetzte Richtung gegangen. Und geredet habe dann natürlich ich. Ich bin immer derjenige, welcher mit dem Reden anfängt. Immer ich. Ich halte nämlich – bin ich mit einer anderen Person zusammen – ein Schweigen nur schwer aus. Deswegen rede ich. Und deswegen beginne also meistens ich in ein Schweigen – und sei es auch nur ein kurzes Schweigen – hinein mit meinem Reden. Wie viele Male hatte ich mich bereits geärgert und wie oft mir aus dem Ärger heraus vorgenommen, nächstens meinen Mund zu halten, und habe dann aber mein Mundhalten und das Schweigen nicht und nicht aushalten können. Und in Begleitung des Kalkbrenners war und ist für mich ein Schweigen noch viel weniger auszuhalten. Mit dem Kalkbrenner hast du reden müssen. Dem Kalkbrenner hast du einmal mehr mehr erzählt, als dass du hättest erzählen sollen während dieses gemeinsamen Spazierengehens im Igler-Wald. Den anthrazitfarbenen Lodenmantel hatte er getragen (den Gehbauer-Lodenmantel. Tiroler Loden; er trage nur Tiroler Loden, nicht diesen Steirischen Loden, der Steirische Loden sei für ihn persönlich ein durchaus als minderwertig zu bezeichnender Loden, nein … er trage ausschließlich den Tiroler, also den Gehbauer-Loden, hatte Kalkbrenner irgendwann einmal zu ihm gesagt). Und dazu einen Graf-Lamberg-Hut; diesen hatte der Kalkbrenner am Igler-Wasserreservoir, während er «Habe die Ehre» gesagt hatte, mit der rechten Hand kurz an- und also vom Kopf gehoben und wieder zurechtgesetzt.

Der Föhn ist da. Ein Heulen in der Luft. Die Natur ächzt und stöhnt unter heftigen Windstößen. Das Licht von Autoscheinwerfern rutscht die Tiefgarageneinfahrt hoch; das Motorgeräusch des Fahrzeugs ist im Wind kaum zu hören. Der Lichtstrahl greift zitternd ins Geäst der Bäume. Eine leere Blechdose (Bierdose?) treibt der Wind die Straße entlang. Zuerst einige Meter voran. Dann wird sie gedreht. Rollt zur einen Straßenseite hin. Prallt von der Gehsteigkante ab. Rollt zurück und weiter dann die Straße hoch. Fast schnurgerade ein Stück weit. Später in der Nacht wird das Heulen in ein Fauchen übergehen. Und der Hund bellt. Immer noch? Schon wieder? Zu sehen ist er nicht. Nur sein wuterfülltes Bellen (nein … ein Kläffen …, ein wuterfülltes Kläffen) ist zu vernehmen.

Du hättest es dem Kalkbrenner gleichtun sollen und schweigsam neben ihm hergehen. Er erinnert sich, dass er nur während einer Viertelstunde, in welcher sie beide den Forstarbeitern (der Vorarbeiter ein Kärntner, die zwei Forstarbeitergehilfen Kroaten) in der Schneise mit dem Windwurf (das Sturmholz wurde zerlegt) zugesehen hatten, und nachfolgend, als der Kalkbrenner seinen Kollegen, den Steck, aus der Claudiastraße erwähnte und gemeint hatte, dass der Steck vor wenigen Tagen den anfangs aussichtslos erscheinenden Scheidungsprozess des Schriftstellers Greiner gewonnen habe, nichts gesagt und demnach geschwiegen hatte. Anschließend hatte der Kalkbrenner wieder geschwiegen. Ich schweige mit ihm und gehe schweigend neben ihm her. Ich werde nicht reden. Ich werde keinesfalls reden. Soll er reden. Soll er doch weiterreden. Das hattest du dir im Stillen gesagt. Soll er doch weiterreden. Mit dem Reden hast allerdings dann – jahaaa … wie sollte es auch anders sein – du weitergemacht. Neuerlich angefangen und also weitergemacht. Um dieses unerträgliche Schweigen zu zerreden, hattest du dir gesagt. Nur des Schweigens und Schweigenmüssen wegen. Du hast dem Kalkbrenner zu viel gesagt, viel zu viel, denkt er, viel zu viel. Regelrecht hineingerannt in mein Reden, meine Gesprächigkeit bin ich. Und herumgerannt in meinen Sätzen. Herausgestoßen habe ich die Sätze. Einen Satz nach dem anderen. Herausgestoßen. Satz um Satz. Zum Kalkbrenner hin. Dem Kalkbrenner vor die Füße. Satz für Satz. Und der Kalkbrenner ist stumm (nur hin und wieder mit einem knappen JA oder MHMM sein Aufmerksamsein andeutend) herumgewatet in meinen Sätzen. Ach … vermöchte ich doch bloß alle diese Sätze zurücksaugen. Aus dem Kalkbrennerschen Schädel, Kalkbrenners Gedankenwelt ab- und also heraussaugen und einsaugen und hinunterschlucken. Vor allem bedauere ich, dass ich ihm berichtete, dass ich sie gesehen hätte. Nein … Nicht persönlich, sagte ich. Persönlich möchte ich sie nie wieder sehen. Nein …  Persönlich nie wieder. Im Netz … Im Internet bin ich auf sie gestoßen. Aufnahmen von ihr. Einem Video mit ihr. Sie, die unentwegt von ihrem Leiden unter meiner Dominanz, ihrem Unfreisein, ihrer Eingesperrtheit und ihrer Reinheit und meinem Verdorbensein, meinem derben Charakter sprach. Sie, die unter meiner Verdorbenheit (deinem Verdorbensein, so sie) nichts als leiden habe müsse. Aufnahmen von ihr mit einem anderen Mann. Einen Anderen gebe es für sie nicht, keinen habe es je für sie gegeben, das hatte sie mir wieder und wieder an den Kopf geworfen. Wieder und wieder. Und dann entdeckte ich dieses Video. Aufgenommen zu einer Zeit, in welcher wir noch zusammen und also ein Paar gewesen waren. Und dass mich diese Entdeckung maßlos gefreut habe. Ja … Gefreut … Eine Schadenfreude sei urplötzlich in mir hochgestiegen, eine ungeheuere Schadenfreude, sagte ich zum Kalkbrenner. Bei www. adultism.com habe ich sie entdeckt. Unter der Bezeichnung Mallorca Hotel. Weswegen habe ich mich dem Kalkbrenner anvertraut. Weswegen … Ausgerechnet dem Kalkbrenner. Mit dem Kalkbrenner hast du reden müssen, denkt er. Mit dem Kalkbrenner.

Zurückgefahren, in die Stadt hinunter, bist du mit der Straßenbahn. Alleine. Nicht mit dem Kalkbrenner zusammen. Der Kalkbrenner, der wohnt im Lanser Moos. Und in der Straßenbahn bist du neben der Dame gesessen, die ununterbrochen telefoniert hat und also während der Fahrt reden hat müssen.

«Na, vielleicht geh’ ich Bridge spielen.»
«Ich weiß nicht.»
«Mich freut’s überhaupt nicht.»
«Wann?»
«Wea ma seh’n.»
«Ja!»
«Jaaaaaa!»
«Baba.»
«Was machst heut’ Nachmittag?»
«Na, wea ma seh’n.»


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