entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 58:
..Bodensee

Albert M. Debrunner, *1964, lebt in Basel. Er ist Lehrer und Literaturvermittler. Schriftstellerinnen und Schriftsteller am Bodensee sind Gegenstand seiner letzten zwei Bücher «Freunde, es war eine elende Zeit! René Schickele in der Schweiz 1915–1919» (2004) und «Literaturführer Thurgau» (2008).


Albert M. Debrunner

Totensee

Ein Kahn zieht über’s Wasser. Keiner, der ihn führte.
Er gleitet spurlos fort ins Allvergessen...
Rudolf Adrian Dietrich

Das Boot liegt kieloben am Ufer. Der Lack schält sich in silbrigweißen Streifen vom kostbaren Rumpf. Schwarzgraue Fäulnis dringt ins Holz. Die Ruder hat einer gestohlen, der sie noch gebrauchen kann. Die Toten sind längst ange-
kommen. Sie sind da. Für immer. Doch am besten besucht man sie im Winter. Der Sommer und der See gehören den Lebenden. Die Toten scheuen das Wasser. Sie haben sich auf die Anhöhen zurückgezogen und die Seegrundstücke den Spekulanten überlassen. Kaum jemand macht sich die Mühe, die steilen Wege hochzugehen, die zu den Friedhöfen rund um den See führen. Oben, im Schatten alter Bäume, haben die Toten ihre Ruhe. Sie brauchen nicht viel Platz. Ein halber Meter auf zwei genügt. Ihre Namen, die sie so oft in schwungvoller Schrift unter Briefe, Gedichte, Manuskripte gesetzt haben, bezeichnen in Stein gemeißelt den Ort, wo sie liegen, gestrandete Schiffe, die ihre letzte Fracht über Bord geworfen haben.


Als wär ein sonnenklarer Sommertag
Zu einem Wintermärchen jäh erstarrt...
Paul Ilg

Der Friedhof von Uttwil legt sich schützend um die alte Kirche in der Mitte des Dorfes. Der Durchgangsverkehr, der an ihr vorbeibraust, kann ihr nichts anhaben. Tritt man ein durch das Tor, so findet man linker Hand das Grab des Schriftstellers Paul Ilg. Auf der Grabplatte stehen nur sein Name und die Jahreszahlen, die an die Begrenztheit seiner und aller Existenz erinnern: Paul Ilg (1875–1957). Paul Ilg machte sich nichts aus Ruhm. Er war ein bescheidener Mann. Die letzten Jahre seines Lebens wohnte er im Gartenhaus der Villa, die der geltungssüchtige deutsche Dramatiker Carl Sternheim sich nach dem Ersten Weltkrieg am Uferweg in Uttwil hatte bauen lassen. Der Künstler Kaspar Ilg hat seinen Vater skizziert, wie er mit leicht gebeugtem Rücken an seinem Schreibtisch in dem engen Häuschen sitzt. Nichts Glamouröses geht von dem Schreibenden aus. Paul Ilg war ein Federarbeiter, unter den Berühmten seiner Generation am ehesten noch Robert Walser verwandt, ein radikaler Individualist wie er, nur dass es ihm gelang, vom Schreiben zu leben, in der Welt bleiben zu können, wenn auch am Rand. Paul Ilg hat sein Leben zu Literatur gemacht. Den Durchbruch als Autor schaffte er 1906 in Berlin mit seinem Erstling «Lebensdrang», dem drei weitere, ebenfalls stark autobiographisch gefärbte Romane folgten: «Der Landstörzer», «Die Brüder Moor» und «Das Menschlein Matthias». Zur selben Zeit versuchte Robert Walser, in der deutschen Hauptstadt sein Glück zu machen. Dort entstanden «Die Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von
Gunten», deren Hintergrund Walsers eigenes Leben bildet. Sowohl Walser als auch Ilg kehrten bei Kriegsausbruch zurück in die Schweiz. Während Walser in der Heimat zunehmend verstummte, um schließlich ganz zu schweigen, erhob Ilg zuhause die Stimme gegen den Geist der Zeiten, der Herren eigenen Geist, und schrieb sein bestes Buch, «Der starke Mann». Der «starke Mann», ein ehrgeiziger Bauernsohn, der Karriere als Offizier gemacht hat, zerbricht an seiner Stärke, die ihm die Biegsamkeit raubt, die Gabe, im richtigen Moment nachzugeben. Ilg machte mit seinem Roman deutlich, dass Weichheit nicht mit Schwäche und Härte nicht mit Kraft gleichzusetzen ist. «Der starke Mann» ist eine klare Absage an den Militarismus und die preußische Herrenmentalität, die damals auch in der Schweiz viele Anhänger und Bewunderer fand. Ilgs Botschaft wurde nur zu gut verstanden und kostete ihn den Großteil seiner Leserschaft. Sein literarisches Schaffen erholte sich nie wieder von den Schäden, die der Frost der Kritik ihm zugefügt hatte. Paul Ilg überlebte den Karriereknick um Jahrzehnte und schrieb unermüdlich weiter. Solange er schrieb, wurde er nicht ganz vergessen. Nach seinem Tod verstummten auch seine Bücher. Wäre da nicht das Brausen des Verkehrs außerhalb der Friedhofsmauern, störte nichts die wortlose Stille.



Ist mir selber oft nicht deutlich,
ob ich lebend, ob begraben!
Annette von Droste-Hülshoff

Früher lag Meersburg inmitten von Obsthainen und Rebenhügeln. Heute sind viele der Apfelbäume und Weinstöcke Umfahrungsstraßen und Neubauten gewichen. Der alte Gottesacker oberhalb des Städtchens jedoch blieb unangetastet. Hier leben die Toten nach wie vor ungestört. Das Grab der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) liegt in einem stillen Winkel des Gottesackers. Gleich nebenan führt ein romantisches Törchen hinaus zu einer schönen mittelalterlichen Kapelle. Der Platz ist der Dichterin angemessen. Sie wurde auf einem Rittergut geboren und wohnte zeitlebens innerhalb alter Mauern. Es gab indes Zeiten, da fühlte sie sich dort mehr tot als lebendig. Die vormoderne Welt, die sie liebte, lag im Sterben. Das Schloss Meersburg, wo sie zuletzt zuhause war, kam ihr oft wie eine Gruft
vor, in der sie lebend begraben lag. Sie fühlte sich dem Neuen draußen nicht zugehörig. Ihre Gedichte, für die sie heute noch berühmt ist, waren nie erfüllt von Gegenwart. Annette von Droste-Hülshoff war immer schon eine Frau von gestern. Dennoch hat ihr Werk immer wieder neue Auflagen erlebt und die Liste der ihr gewidmeten Bücher ist lang. Die Erinnerung an die Droste wird gepflegt. Das Bild der Dichterin ist in Meersburg allgegenwärtig. Bändchen mit ihren
Gedichten werden selbst in vulgären Souvenirläden feilgeboten und offenbar auch gekauft. Dass sie jemand liest,
ist allerdings zweifelhaft. Sieht man von einer kleinen Schar Verehrerinnen und Germanisten ab, die mehr als die Ballade «Der Knabe im Moor» und die Novelle «Die Judenbuche» kennen, kaufen in Meersburg die meisten die Werke Annette von Droste-Hülshoffs aus demselben Grund, wie man in Venedig Glaswaren kauft. Bücher wie Vasen enden als Staubfänger auf Wohnzimmerregalen. Die Droste ist ein touris-
tisches Markenzeichen, was sie geschrieben hat, von
untergeordnetem Interesse, obschon sie einmal gesagt hat: «Nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden.» Selten ist eine Dichterin so zum Denkmal erstarrt wie sie. Doch ihr Grab ist genügend weit weg vom Ausflüglerrummel, der den Meersburgern ihren Lebensunterhalt sichert, um nicht auch noch vermarktet zu werden. Das Wappen ihrer adligen Familie ziert den Grabstein. Im Tod ist sie nicht mehr die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, sondern wieder die Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff, als die sie einst im fernen Westfalen geboren wurde.



Von weitem kam ich hergefahren,
Nun rühre ich kein Ruder mehr...
Jacob Picard

Siebzehn lange Jahre lebte der Dichter Jacob Picard (1883–1967) im amerikanischen Exil, bis er 1957 zum ersten Mal wieder in sein Heimatdorf Wangen am Untersee zurückkehrte, um, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, «die Gräber zu besuchen». Lebende Verwandte hatte er keine mehr in dem kleinen Ort. «Oben am Hange des Berges aber, eine halbe Wegstunde entfernt zwischen Wald und Äckern mit Blick auf das weite Gewässer nach Osten, lagen unsere Gräber von lange her, deren Namen auf den alten Sandsteinmälern wir Buben oft zu entziffern suchten. Im Hochsommer hingen Akazienbäume ihre weißen duftreichen Blütentrauben wie Schleier über sie hin im Gesumm von Bienen und dem Gezwitscher von Finken, Lerchen und Schwalben, ewigem Gesang der Natur, und die hochstehenden gelben Wände des reifenden Getreides umhegten den friedlichen Platz. Es war gut, da oben zu liegen.» Doch Jacob Picard ist nicht in diesem verlorenen Paradies begraben. Seine sterblichen Überreste wurden im Grab seiner beiden im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüder auf dem Jüdischen Friedhof in Konstanz beigesetzt. Der tote Jacob Picard liegt in der Stadt. Auf dem Land sucht man ihn vergebens. Sein Geburtshaus in Wangen, wo er sein prägendes erstes Jahrzehnt verbrachte, steht noch. Es ist sogar mit einer Gedenktafel versehen, während kein Schild im Dorf den Weg zu den Gräbern seiner Ahnen weist. Picard, der den verborgenen Friedhof am Waldrand liebte, war kein Dichter des Todes. Als ihm klar wurde, dass die Welt seiner Kindheit der Vernichtung entgegenging, beklagte er nicht den bevorstehenden Tod der Menschen, die sie ausgemacht hatten, sondern hielt ihr Leben in Geschichten fest. Er wusste, dass Erzählen das Einzige war, was er gegen das Töten tun konnte.
In seinem Werk ist nicht nur das alemannische Landjudentum lebendig geblieben, auch er selbst. Jacob Picard
wurde in New York einmal gefragt, woher er komme, und
er antwortete: «Ich lebe seit dreihundert Jahren in Wangen am Bodensee.»



Mir ist’s, als ginge ich durch eig’ne Gruft
Und wüsste keiner darum, dass ich tot...
Oskar Kollbrunner

Die toten Dichter leben in der Erinnerung. Manchmal jedoch sind sie schon zu Lebzeiten vergessen und niemand weiß von ihrem Sterben. Als der Thurgauer Schriftsteller Oskar Kollbrunner (1895–1932) am 17. März 1932 auf dem Fried-hof in Hüttlingen beerdigt wurde, kannte ihn kaum jemand mehr. Er war als junger Mann in die Vereinigten Staaten gegangen wie Tausende andere und hatte sein Glück gefunden und verloren. An der Beerdigung sang sein Freund Hanns in der Gand, der später mit «La petite Gilberte de Courgenay» berühmt wurde, ein Heimwehlied der Schweizer in Amerika. In der Gand hatte das Lied in Omaha gehört und Oskar Kollbrunner in New York vorgesungen, worauf dieser in Tränen ausgebrochen war. Oskar Kollbrunner fühlte sich in Amerika nie heimisch. Dennoch war seine Rückkehr in den Thurgau, die er all die Jahre ersehnt hatte, keine glückliche. «Treibholz. Irrgänge eines Amerikafahrers» heißt eines seiner Bücher. Die Woge, die ihn an den Strand geworfen hatte, riss ihn wieder zurück. Es war der Tod
seiner Frau, der ihn mit zerfetztem Segel die Heimfahrt antreten ließ. Oskar Kollbrunner starb wortwörtlich an gebrochenem Herzen. Seine verdiente Totenruhe hatte er nicht lange. Schon nach wenigen Jahrzehnten wurde Oskar Kollbrunners Grab aufgehoben und nur der Pietät des damaligen Kirchendieners ist es zu verdanken, dass sein Grabkreuz nicht zum Alteisen gewandert ist, sondern ein verstecktes Plätzchen hinter dem Kirchturm von Hüttlingen gefunden hat, wo es heute noch steht. Oskar Kollbrunners Verse auf dem Kreuz machen deutlich, was von den toten Dichtern bleibt, wenn alles sonst, selbst ihr Grab, verschwunden ist:

Lasst keinen ahnen, was ich war,
was ich gelitten, bis zur Stund’,
da seltsam ich zur Frucht gedieh.
Aufleuchtend in des Werkes Rund
sei alles an mir – Poesie.


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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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