entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 58:
..Bodensee

Florian Wacker, *1980 in Stuttgart. Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und Studium der Heilpädagogik. Arbeitet als Heilpädagoge in Nordrhein-Westfalen. Prosa, Drama und Hörspiel. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. www.florian-wacker.de.


Florian Wacker

Marienschlucht

Das Wasser schimmerte dunkel. Die Lichtkegel der Lampen streiften über die kleinen Wellen, glitten über das Schild mit dem Seezeichen 22 und ruhten einige Augenblicke darauf. Sie hatten die Stelle erreicht. Thomas knipste das Licht aus und begann, sich leise und schnell auszuziehen. Simon sah weiter auf den See und hielt das Licht sehr ruhig auf das Schild gerichtet. «Der Felsen liegt über Wasser», sagte er. «Ich kann ihn sehen.» «Es ist verdammt dunkel», sagte Thomas, der gerade in die Badehose schlüpfte. «Wie spät ist es?» «Zwei», sagte Simon. «Dann zieh dich auch um. Ich will nicht die Nacht hier draußen verbringen.» «Kalt?» «Nein. Nur fühl ich mich langsam zu alt für diesen Blödsinn.» Simon lächelte in die Dunkelheit hinein und begann, sich auch umzuziehen.
Sie waren zu Fuß die Strecke von Wallhausen gelaufen, dem bekannten Weg am Ufer gefolgt. Auch im Dunkeln war ihnen alles sehr vertraut gewesen: das sanfte Anschlagen der Wellen an der Böschung, das Rauschen der Baumwipfel, die Lichter über dem Wasser, die mal mehr, mal weniger zu zittern schienen. Früher waren sie oft diesen Weg gegangen, hinüber zur Marienschlucht oder weiter nach Überlingen. Beide hätten sich vieles zu sagen. Aber sie schwiegen jetzt.
Flossen, Tauchmasken und die Unterwasserlampen hatten sie mit einem Riemen zu einem Bündel zusammengefasst, wie es die Fischer der Gegend mit ihrem Fangzeug und dem Fisch machten. Simon stieg als Erster die kurze, steile Böschung zum Wasser hinunter und tauchte geräuschlos bis zu den Knien ein. Thomas reichte ihm das Bündel, dann stieg er ihm nach, rutschte aber aus und sein Platschen war das Ufer hinauf zu hören. Beide verharrten einige Augenblicke regungslos. Simon schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Schweigend wateten sie die kurze Strecke über den glatten Fels. Sie wussten, dass das Gestein nach etwa fünfzehn Metern endete und jäh in den Abgrund abfiel, schwarz und sehr still.
Das Wasser war kalt. Ihre Herzen pochten heftig. In der Ferne schimmerten die Lichter von Überlingen. Sie hatten den Grad erreicht und beide blieben stehen. Das Schild war gut zu erkennen, sie würden problemlos den Felsen erreichen. «Dann los», sagte Simon, löste den Knoten des Riemens und begann, sich umständlich und quietschend die Flossen anzuziehen.

Die Wände der Schlucht waren kalt und feucht gewesen. Fuhr man mit der Hand an ihnen entlang, so blieb ein schmieriger Film feinen Sandsteins daran haften, den die meisten aber nicht als unangenehm empfanden. Thomas hatte die glitschigen Hände geliebt, hatte sich bei heißem Wetter fest an die Wände gedrückt, die Augen geschlossen und den Sommer vergessen. Simon hatte gesagt: «Du bist ja pervers!» Er benutzte dieses Wort zu jener Zeit sehr ausgiebig, wendete es auf alles an, was ihm widersinnig, fremd, dumm oder auch großartig erschien. Thomas streckte ihm die beschmierten Hände entgegen und drückte sie ihm auf beide Wangen. «Du Perverser!», schrie Simon.
Die Schlucht war vor allem in den Sommermonaten ein beliebtes Ausflugsziel der Gegend. Meist wählte man den Weg von Bodanrück und stieg bei Langenrain in die schmale Schlucht ein. Über Holztreppen ging es stetig bergab. Man hörte unter sich einen Bach rauschen und sah über sich einen schmalen Streifen Himmel. Der Weg führte bis hinunter an den See. An einem Steg landeten Motorboote, die die Wanderer dann nach Überlingen oder Ludwigshafen brachten. Thomas und Simon war die Schlucht wie eine zweite Heimat, in deren Nähe sie sich den ganzen Sommer über herumtrieben, mal unten am Wasser, mal oberhalb der Steilwände in den Ruinen der Burg Kargegg.
Die Mahnungen und Verbote der Eltern hielten sie auch nicht davon ab, nachts den Weg in die Schlucht zu suchen. Sie trafen sich nach Sonnenuntergang. Einer der beiden hatte Zigaretten dabei. Sie rauchten. Dann sollte der Erste in die Schlucht hinab und nach etwa fünfzig Metern ein Lichtzeichen geben, damit der Zweite folgen konnte. Ihre Angst zeigten sie einander nicht. Sie pafften schweigend. Sie kannten die Geschichten vom kalten Nöck, vom Wassermann zu Überlingen; sie wussten, dass es Märchen waren und trotzdem schienen sich in der Dunkelheit Gestalten zu bewegen, die sie vorher nie gesehen hatten. Die Angst war Teil ihres Spiels, sie war Teil dieses Wettkampfes.
Manchmal blieben sie dann dicht nebeneinander zwischen den Felsen stehen, schalteten die Lampen aus und lauschten dem Tropfen und Knacken, das an den Wänden der Schlucht nachhallend umso näher und klarer schien. «Das sind die Toten», sagte Thomas. «Die alten Toten, die aus dem See aufsteigen und hoch zur Ruine wandern.» «Perverser Idiot», sagte Simon und schaltete das Licht wieder an. In sehr warmen Nächten gingen sie bis ganz ans Wasser hinunter. Dort rauchten sie wieder, um den Mut nicht zu verlieren, und ließen ihre Beine ins Wasser hängen. «Wollen wir schwimmen?», fragte Thomas. «Das ist verboten», antwortete Simon. Beide schwiegen wieder. Beide wussten, dass sie das Verbot nicht zurückhalten würde, es fehlte ihnen nur noch ein Grund, es zu umgehen. Dieser tauchte ein Jahr später auf. Beiden wuchs der erste Flaum. Der Grund hieß Sabine. Sie war neu im Ort. Sie war schön und begehrt. Um sie zu beeindrucken, wollten sie nachts in das dunkle Wasser hinausschwimmen.

Nebeneinander standen sie noch immer auf dem Grat. Beide waren bereit. Und doch zögerten sie. Vor ihnen fiel die Wand ins bodenlos Schwarze bis auf neunzig Meter. Noch nie hatte einer der beiden den Grund erreicht. Die Tiefe war unmenschlich und jeder Versuch, sie zu erreichen, konnte ihr Ende bedeuten. Sie tauchten stets am Limit, an einer unsichtbaren Grenze, und sie mussten sich und ihre Körper bestens kennen, um dort unten nicht zuerst den Verstand und dann das Leben zu verlieren.
Sie wussten um die Kette, die am Sattel in etwa dreißig Metern Tiefe begann und an der sie sich orientieren konnten. Trotzdem war ihr Tauchgang blanker Wahnsinn und beide spürten es: Ihr Spiel war schon lange keines mehr.
Simon kaute auf seiner Unterlippe. Thomas hatte bereits damit begonnen, Luft in tiefen Zügen einzuatmen, sie zu halten und langsam wieder aus den Lungen zu pressen. Dann glitt er mit einer raschen Bewegung ins Wasser, nur sein Kopf war noch zu sehen. «Ich geh mal runter», sagte er und setzte sich die Tauchmaske auf; dann hob er den Daumen, atmete ein letztes Mal aus und tauchte unter. Noch zweimal klatschten seine Flossen ins Wasser. Dann war nichts mehr zu hören, nur eine Reihe kleiner Wellen, zwei, drei hintereinander, schwappten an Simons Beine. Auch er hielt die Luft an und zählte.
Es verging einige Zeit. Es waren nur Augenblicke, aber für Simon dehnten sie sich wie bei allen Tauchgängen zu Ewigkeiten: Er sah trotz der Dunkelheit jede kleine Welle, hörte das Flirren der Mücken über dem Wasser; jede Bewegung wurde sehr plastisch, fast künstlich und jedes Geräusch kam sehr nah. Da endlich tauchte Thomas wieder auf. Er war einige Meter in die Finsternis hinabgeschwommen und erschien nun drüben am Teufelstisch wieder. Er zog sich am Felsen aus dem Wasser und als er aufrecht stand, winkte er Simon zu. «Es ist Wahnsinn!», rief er.
Simon zögerte. Das Wasser vor ihm schien ihm dunkler als sonst und er meinte, einen Sog aus der Tiefe zu spüren. Er schaltete die Lampe ein und atmete ruhig und tief. Dann ließ er sich fallen und tauchte. Schnell wurde es sehr kalt. Trotz des Lichts verlor er die Orientierung. Er machte einige Meter gut, begann, wie gewohnt den Druck in den Ohren auszugleichen, doch die Ruhe, jene schwerelose Gelassenheit, die er sonst unter Wasser empfand, stellte sie nicht ein. Seine Muskeln zogen sich zusammen. Da tauchte vor ihm aus der Dunkelheit unvermittelt die furchige Felswand des Teufelstischs auf. Er berührte das poröse Gestein und schwamm an die Wasseroberfläche zurück.
Die Angst vor der Tiefe behielt jeder für sich. Sie standen auf dem verlassenen Bootssteg am unteren Ausgang der Schlucht, rauchten Zigaretten und sahen in die Nacht, auf den See hinaus, über dem in der Ferne die Lichter Überlingens zu schweben schienen. Sabine hatte sich hingesetzt. Sie trug ein helles Shirt, das in der Dunkelheit leuchtete, und sie hatte ihre strohblonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Sie hielt die Bierflasche zwischen ihren Beinen, nahm von Zeit zu Zeit einen kleinen Schluck und stieß jedes Mal geräuschlos auf. Sie sprachen seit einiger Zeit kein Wort mehr miteinander. Ein warmer Wind wehte über das Wasser zu ihnen her. Es war sehr still. Man hörte das Zirpen der Zikaden am Ufer. Der Himmel war wolkenlos und die Nacht vollkommen.
Thomas warf seine Zigarette ins Wasser. Sabine sah auf. Ihre von der Sonne gebräunte Haut war kaum noch von der nachtdunklen Umgebung zu unterscheiden, nur das Weiß ihrer Augen stach auf unnatürliche Weise hervor. «Wir werden bis zu den Bojen hinausschwimmen und dann wieder zurück», sagte Thomas und blickte dabei zuerst zu Sabine, dann in Simons Richtung; beide wichen seinem Blick aus. Er nahm einen letzten vollen Schluck aus seiner Fla-
sche und schleuderte sie dann seitwärts in den See, wo sie mit einem hohlen Plopp versank.
Simon stellte seine Flasche auf den Steg. Nun war es so weit. Er spürte ein Kribbeln in den Fingern und das Herz schlug schmerzhaft und schnell. «Und der Erste, der hier am Steg wieder anlangt –», begann Sabine. «Den wirst du küssen», beendete Thomas. Simon fuhr sich durch die Haare. Sabine lächelte in der Dunkelheit und sah wieder aufs Wasser. Sie wusste nicht genau, weshalb sie sich auf die ganze Sache eingelassen hatte: Es war kindisch und gefährlich und weder der eine noch der andere gefiel ihr sonderlich gut. Aber Thomas’ Worte hatten ihr letztendlich doch geschmeichelt: einen Wettkampf um sie, das hatte noch keiner gewagt und sie hatte genickt: «Also gut, machen wirs», und dabei verlegen gegrinst.
Die beiden zogen sich bis auf die Badehosen aus. Beugten sich über den See und klatschten sich Wasser ins Gesicht und auf die Brust. «Wer zuerst hier wieder anschlägt, der hat gewonnen», sagte Thomas. «Der Anschlag ist das Entscheidende.» Beide machten sich bereit. Sabine sollte das Kommando zum Start geben, ein «Los». Sie sagte aber: «Und jetzt!», so dass sich die beiden nach ihr umsahen und verzögert absprangen.
Zuerst tauchten sie. Dann gingen beide ins Kraulen über. Das Wasser war warm und schmiegsam. Sie schwammen gleichauf, prustend und mit ausholenden Armen und je weiter sie sich vom Ufer entfernten, desto größer wurde ihr Unbehagen, eine ungreifbare Angst, die sie weiter in den See hineintrieb. Sie spürten die bodenlose Tiefe unter sich und wären alleine längst umgekehrt. Aber sie hatten eine Abmachung und gegen alle Angst schwammen sie weiter. Sie langten fast zur gleichen Zeit an den Bojen an. Thomas tauchte zur Wende, Simon folgte ihm. Jetzt kämpften sie sich zurück. Wasser stiebte um ihre Körper, die silbern in den Wellen glänzten.
Thomas schlug als Erster am Steg an. Er zog sich aus dem Wasser und warf sich der Länge nach schwer atmend auf die Holzbohlen. Kurz darauf erschien auch Simon. Er zitterte vor Anstrengung und hielt sich am Geländer fest. Sabine war aufgestanden und blickte unsicher zwischen den beiden hin und her. Das atemlose Schweigen beunruhigte sie. «Dann muss ich dich jetzt küssen», sagte sie und beugte sich über Thomas. Der regte sich nicht. Sie küsste ihn schnell auf die kalte, feuchte Wange, stellte das Bier ab und sagte, sie müsse jetzt gehen. Damit lief sie den Steg zum Ufer zurück und den ganzen Heimweg begleitete sie ein dunkles Gefühl, als folge ihr einer mit nassen, schweren Schritten.
Es war ihr letztes gemeinsames Treffen und es blieb die einzige intime Berührung zwischen ihr und einem der Jungs. Von da an gingen sie sich aus dem Weg.

Immer, wenn sie nebeneinander auf dem nackten Gestein des Felsen saßen, fühlten sie sich von ihrem sonstigen Leben wie entfremdet und fühlten sich einander so nah, dass es keiner wagte auszusprechen. Und keiner wagte aufzusehen und den anderen zu berühren. Sie fühlten dann Einsamkeit, spürten aber auch die Wärme des anderen neben sich und erfuhren dabei so etwas wie Glück. Sie hatten den Stein einen Sommer lang jede Nacht aufgesucht und dies mit sonderbarer Zwanghaftigkeit getan, gegen die sie nicht ankamen. Sie waren am Fels hinabgetaucht, hatten jeden seiner Vorsprünge, jede Einkerbung, jeden Riss abgetastet und sich immer weiter in die Tiefe vorgewagt, trotz ihrer Angst und der Dunkelheit. Es war noch immer der Wettkampf ihrer Jugend, ein sinnloses Kräftemesse um den längsten Atemzug und die größte Beweglichkeit; sie tauchten, seit sie denken konnten, und die Tiefe war die Herausforderung ihres Lebens.

Thomas rutschte ein Stück nach vorne. Wie zuvor sog er die Luft in langen Atemzügen in die Lungen. Dann wartete er. Simon neben ihm schwieg. Er begann schon zu frieren, die nassen Haare klebten ihm um den Kopf. «Okay», sagte Thomas und Simon nickte. Thomas rutschte ins Wasser und ein letztes Mal Luft holend tauchte er unter. Die Lichter des anderen Ufers schimmerten besonders deutlich in dieser Nacht, dachte Simon. Er rieb sich die Hände aneinander. Dann setzte er sich die Taucherbrille auf, klopfte sich Arme und Beine ab und glitt in den See. Er bewegte seine Beine. Die Flossen gaben ihm Auftrieb und so war kaum Anstrengung nötig, um sich über Wasser zu halten. Nach etwas mehr als einer Minute schoss Thomas dunkler Kopf wieder an die Oberfläche, den Mund weit geöffnet. «Gott, ist das dunkel da unten», keuchte er. «Überhaupt keine Orientierung möglich.» Simon fühlte den Riemen der Lampe an seinem Handgelenk, er hielt sich ruhig und sagte nichts. «Dann mal los», sagte Thomas und schwamm an den Felsen zurück.
Simon nickte. Zweimal nahm er noch Luft. Dann tauchte er ab, verdrängte mit den Flossen das Wasser und ruderte mit den Armen. Er wusste nicht, ob er die Augen geschlossen hatte. Als er etwa zehn Meter tief getaucht war, tastete er nach der Lampe und schaltete das Licht an. Er blinzelte unter der Tauchermaske. Das Licht zerstreute sich vor ihm in der Dunkelheit. Er hatte geglaubt, direkt neben dem Felsen in den Schlund hinabzutauchen, befand sich nun aber in freiem Gewässer; vielleicht war er abgetrieben worden oder nicht senkrecht, mehr horizontal getaucht. Er wusste nicht mehr oben und unten zu trennen. Der Rhythmus war ihm verlorengegangen, er fühlte nichts mehr. Er dachte an Thomas oben auf dem Felsen; er dachte an das schwarze Wasser und an seine bleierne Angst, wenn er es um den Felsen glucksen und in der Schlucht leise murmeln hörte.
Simon schaltete das Licht wieder aus. Über sich glaubte er Thomas’ Stimme zu hören: Er solle sich keine Sorgen machen. Und die Dunkelheit ließ etwas nach und es schien ihm, als könne er da unten den Grund schimmern sehen. Er fühlte weder Kälte noch Angst. Er blickte ein letztes Mal über sich und schwamm dann mit kräftigen Paddelbewegungen auf das grüne Schimmern vor ihm zu.
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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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