entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 58:
..Bodensee

Claudia Franziska Brühwiler, *1982 in Münsterlingen, Thurgau, lebt in St.Gallen. M.A. HSG in International Affairs and Governance. Wissenschaft-liche Publikationen, zurzeit Arbeit an einer Dissertation zur politischen Dimension im Werk Philip Roths.


Claudia Franziska Brühwiler

Urlaubsende

Ich weiß nicht, ob ein Entwicklungspsychologe oder ein Linguist dies als typisch bezeichnen würde, bei mir jedenfalls war es so. Als ich klein war (sprich um die fünf Jahre zählte, wie Spielgruppenfotos, vage Erinnerungen und die Logik der Geschichte nahelegen), passte ich fremde Wörter meinem vorhandenen Wortschatz an. Daher glaubte ich auch, lange Zeit, Mama leide an Seesucht. Der See, der See war ja da, wenn ich aus dem Fenster guckte, wenn wir an seinem Ufer entlangspazierten – da war er, der See. «Sucht» lernte ich von Maras Mama, denn Mara wusste mit ihren acht Jahren halt Bescheid und ihre Mama sowieso. Als Mara ihren Bruder übel piekste, weil er zu ihr «Seeseite, Seeseite!» gesagt hatte, war ich nur verwirrt. Damals traute ich mich aber noch nachzufragen. Münsterlingen, Seeseite. Psychiatrie, gestört. Aber auch Sucht, wie uns Maras Mama zuwarf. Und Sucht sei, wenn man von etwas nie genug kriegt.
Seesucht bedeutete demzufolge, dass sie vom See nicht genug kriegen konnte. Warum sie das in einem so traurigen Tonfall sagte, warum ihre Stimme diesen dumpfen, gepressten Klang annahm, verstand ich natürlich nicht – schließlich war er ja immer da, der See, ganz groß. Ich verstand auch Vatis Reaktion nicht, als er plötzlich etwas von Wegfahren, Urlaub faselte, wo sie doch nicht genug von dem kriegen konnte, das hier war. Und überhaupt sagte Oma (nein, auch wenn man sie mit zwei m ausspricht, schreibt man nur eines) ständig, dass man hier bei uns am See Urlaub macht, hier bei uns im Süden, und nicht bei ihr daheim.
Heute weiß ich, wie man das Wort, an dem Mama litt, korrekt schreibt, korrekt ausspricht, kenne seine Bedeutung, die nichts mit dem See zu tun hat respektive haben muss. Vati hat es damals nicht wiederholt, da es zwar in Mamas Deutsch, nicht aber in seinem Schweizerdeutsch existiert: Sehnsucht. Ein dummes Wort eigentlich, schließlich ist man ja nicht nach Sehnen süchtig oder nach dem Sich-Sehnen süchtig. Man ist süchtig nach dem, wonach man sich sehnt. Heute weiß ich auch, dass man sich nur nach dem sehnt, was nicht da ist.
Also nicht nach dem See vor der Haustür, sondern nach dem Meer. Auch wenn der See manchmal auch ein Meer ist, wie ich von der Oma mit nur einem m gelernt habe. Und, wie isses am Schwäbischen Meer? Auf Russisch, erklärte mir Mama, heißt der See ebenfalls so: Schwabskoje morje. Aber er schwappt doch gar nicht über, kicherte ich. Mama lachte großzügig mit, nein, tut er nicht. Bei dem Wellengang. Aber wenn sich Nebel über das andere Ufer legt (ich weiß nicht, ob Mama wirklich so verzweifelt poetisch klingen wollte), dann scheint der See alles zu verschlucken, wird uferlos wie das Meer.
Später habe ich mich dann über das Schwäbisch gewundert. Wir sind ja auch hier. Mama hat sich noch früher über das Schwäbisch geärgert, weil man sie hier bei uns so bezeichnete, aber in Konstanz, da war sie es dann doch wieder nicht. Sie bemühte sich zwar, sprach anderes Deutsch als daheim, ein Deutsch, dem man nicht anhören sollte, woher sie stammte. Bei Vati war das anders, sein Konstanzdeutsch war zwar auch anders, aber ihm war es egal, wenn sein richtiges Deutsch durchschimmerte.
Mama versuchte eigentlich, es dem Beo gleichzutun. In dem Jahr, in dem sie so oft von ihrer Sucht sprach, las sie mir die Geschichte von der Piratenamsel vor. Als wir an deren Ende gelangt waren, besuchten wir dann den Beo in der Voliere am Konstanzer Hafen. Anders als die Piratenamsel aus dem Buch wiederholte er zwar nichts von dem, was wir ihm vorschlugen. Aber er quakte.
Er möchte zu den Enten, lachte ich. Mama starrte ihn an und meinte dann nur (ich weiß wirklich nicht, ob sie immer so bedeutungsschwer gesprochen hat, vielleicht bilde ich mir das rückblickend ein), er wolle einfach dazugehören. Dem Beo blieb ja auch nichts anderes übrig, Mama schon.
Ich gehe Oma besuchen, für ein paar Wochen, sie ist so allein. Nein, du würdest dich dort nur langweilen, bei ihr im Haus wohnen ja keine anderen Kinder – und stell dir nur vor, wie Mara dich vermissen würde. Es ist nicht für lange, ich möchte nur ein wenig Urlaub bei Oma machen. Ja, Oma käme schon lieber zu uns an den See, aber ich möchte auch mal wieder mein Zuhause sehen. Doch, natürlich kann man dort Urlaub machen.
Und man kann dort auch bleiben. Mamas Heimkehr war für sie keine mehr, ihr Zuhause nicht mehr am See. Nach der echten Heimkehr machte sie auch keinen Urlaub mehr bei Vati und mir. Ich lernte dafür, dass man bei ihr daheim auch die Sommerferien verbringen kann, dass es noch ganz andere Urlaubsziele gab, die nicht das Zuhause von jemandem sein müssen. Und ich lernte auch, dass auch Vati Sehnsucht haben konnte, obwohl das Wort in seinem Deutsch nicht existiert.

Ich war heute bei der Voliere, beim Beo. Er quakt noch immer. Mamas Telefonstimme lacht. Die Leute um ihn herum ja auch, gluckst sie weiter. Er leidet an Seesucht. Und du? Manchmal? Doch, ich höre ihr Lächeln, manchmal schon.


.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.