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Andrea Gerster, *1959, lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin im Kanton Thurgau. Veröffentlichungen u.a.: «Käfermanns Liebe», Erzählungen, eFeF Verlag, Wettingen/Bern 2004; «Dazwischen Lili», Roman, Lenos Verlag, Basel 2008; «Mimosa fliegt», Erzählungen, Bucher Verlag, Hohenems/ Wien 2009. www.wordworker.ch.
Andrea Gerster
Durststrecke
Als Hermann Hesse starb, war Weidmann drei Jahre alt und bei der Scheidung seiner Eltern war er fünf. Mit sechs bekam er noch eine Schwester, die er sich nur an der Brust seiner Mutter vorstellen konnte. Sie hatten nicht denselben Vater und sie starb mit drei Monaten. Am Tag als Björk zur Welt kam, lag seine Schwester bereits früh am Morgen tot im Wäschekorb, den Mutter sehr hübsch zum Kinderbettchen umfunktioniert hatte. Neutral, hatte Mutter dazu gesagt, und Weidmann hatte erst kürzlich begriffen, was sie damit gemeint hatte. Für einen Jungen hellblau, für ein Mädchen rosa, Mutter hatte Gelb als neutral gewählt, denn damals konnte man noch nicht in die Bäuche der Mütter hineinsehen, um das Geschlecht des noch nicht geborenen Kindes zu erfahren. Björk macht heute seine Lieblingsmusik, und seine Schwester ist nie groß geworden.
Der Anruf kam heute gegen elf. Es sei so weit, teilte man ihm mit, er müsse schnellstmöglich einrücken. Es gelte, keine Zeit zu verlieren. Weidmann hatte noch eine Weile den Hörer angestarrt und sich überlegt, wie das mit dem Zeit-Verlieren sei. Ob die irgendwo herumläge, die verlorene Zeit, fragte er sich. Und dann fiel ihm ein, dass sich bereits lange vor ihm jemand damit beschäftigt hatte, Proust, oder so, hatte der geheißen. Seltsamer Name und wohl definitiv nicht von hier.
Ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Schwester versuchte er, sich ein Meerschweinchen zu erbetteln. Seine Mutter hatte damals ihre Stimme noch nicht wieder gefunden, die sie zum Zeitpunkt des Todes seiner Schwester verloren und seither kein Wort mehr gesprochen hatte. Zum Thema Meerschweinchen konnte sie also nichts beitragen, und sein zweiter Vater hatte damals in der Familie noch nichts zu sagen. Deshalb wandte sich Weidmann an seinen ersten Vater. Zusammen gingen sie in eine Zoohandlung, und er zeigte ihm sein Lieblings-Meerschweinchen, ein weißbraunes mit langen Haaren.
Weidmann erinnerte sich daran, wie er seinem Vater nachwinkte, als dieser ihn zu Hause mit einem «Machs gut!» vor der Tür absetzte, und wie er die Kartonschachtel mit dem Meerschweinchen hineintrug. Seinen ersten Vater sah er nie wieder, da dieser eine neue Familie gründete und von der alten nichts mehr wissen wollte. Damals machte man das noch so. Weidmann hatte danach nie mehr das Bedürfnis, seinen ersten Vater zu sehen. Nicht wie heute, wo viele stets auf der Suche nach ihren Vätern oder Müttern sind, manche darob sogar ernsthaft erkranken.
Bei seiner eigenen Scheidung vor drei Jahren erhielten er und Mia das gemeinsame Sorgerecht für Bo und Derek. Nun lebten Tochter und Sohn von Sonntag bis Mittwochmittag bei ihm. Das bedingte, dass er in der Nähe von Mia wohnen blieb. Dies war der Grund, dass sich Weidmann nicht wirklich als geschieden fühlte. Er war unfrei, wie während der Ehe, nur dass er jetzt selber einen Haushalt führen musste. Wenn die Kinder unzufrieden mit ihm waren, stopften sie bei ihm die Schmutzwäsche in den Korb. Und die beiden waren meistens unzufrieden mit ihm.
Weidmann war kein guter Vater. Das wusste er. Ein Vater, der seine Kinder nicht genug liebt, kann kein guter Vater sein. Auch das wusste er, und er schickte sich darin. Das Beste daraus machen, war seine Devise.
Das Meerschweinchen verbrachte damals die erste Nacht im geflochtenen Wäschekorb, in welchem seine Schwester ihre ersten drei Monate geschlafen hatte und dann für immer eingeschlafen war. Denn sein erster Vater und er hatten vergessen, ein Meerschweinchenkäfig zu kaufen. Am darauffolgenden Tag ging er mit dem zweiten Vater in die Zoohandlung, um einen Käfig zu kaufen. Die Verkäuferin bemerkte nicht, dass die beiden Männer, die er Vater nannte, nicht identisch waren.
Das Meerschweinchen blieb scheu. Es ließ sich nicht anfassen. Es biss. Es mochte Weidmann nicht. So vergaß er irgendwann, dass er ein Meerschweinchen hatte, bis seine Mutter eines Morgens schreiend aus dem Keller kam. Das Meerschweinchen sei tot, verdurstet, er hätte sich nicht gekümmert. Das war das erste Mal, dass seit dem Tod seiner Schwester wieder ein Ton aus seiner Mutter herausgekommen war.
Das Beste daraus machen.
Dem Meerschweinchen war nicht anzusehen, dass es verdurstet war. Es schien auch vorher keine Bedürfnisse zu haben. In Weidmanns Phantasie nahm das Meerschweinchen heldenhafte Züge an. Diese Gedanken konnten ihm auch die vorwurfsvollen Blicke seiner Mutter und seines zweiten Vaters nicht vertreiben.
Mehr trinken empfahl man Weidmann Jahrzehnte später nach einer medizinischen Untersuchung, die angeordnet worden war, als er sich um eine neue Stelle bewarb. Ihre Nieren werden es Ihnen danken, hatte der Arzt gesagt, der stark nach Tabak roch. Doch um seine Nieren wollte Weidmann sich nun wirklich nicht kümmern müssen. Außerdem fühlte er sich viel besser, wenn er wenig Flüssigkeit zu sich nahm. Den leichten Schwindel mochte er. Es waren immer die Ärzte, die ihm die Botschaften seines Körpers überbrachten. Als ob sein Körper nicht direkt mit ihm kommunizieren wolle. So konnte Weidmann auch keinen Durst empfinden. Jedenfalls nicht direkt.
Routineuntersuchung, dann Konsultation beim Spezialisten. Die Nieren wollten sich nicht bedanken, im Gegenteil, Nierenversagen vor zwei Jahren. Weidmann zeigte sich nicht besonders beeindruckt. Warum sollten seine Nieren nicht versagen, hatte er in seinem Leben je etwas anderes getan, als zu versagen? Wenigsten waren sie loyal.
Blutwäsche, Gehirnwäsche, ihm war das Folgende einerlei. Die Kinder lebten dennoch die halbe Woche bei ihm, auch Mia nahm keine Rücksicht und ließ ihn Wäsche waschen, wie vorher. So krank konnte er demnach nicht sein.
Und nun der Anruf, eine neue Niere für ihn, eine von einem Menschen, der sie nicht mehr brauchte.
Weidmann begann zu rechnen. Wenn er jetzt losführe, würde er die Passhöhe gegen Abend erreichen. Dort kannte er eine Höhle, es war mehr eine Einbuchtung im Felsen, der sich oben nach vorne zog. Wie ein Dach. Das Dach der Welt. Dort würde er auf den Tod warten. Es war ein guter Tag, um zu sterben, der Geburtstag von Häuptling Sitting Bull. Das Beste daraus machen.
Er packte seine Toilettensachen und frische Wäsche in eine Plastiktüte und nahm ein Taxi zum Krankenhaus.
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