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Katja Fusek, *1968, aufgewachsen in Prag und Basel, lebt in Riehen bei Basel, ist Mutter von zwei Töchtern, Lehrerin und Autorin. Publikationen in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Mehrere literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschien ihr Roman «Die stumme Erzählerin», OSL Verlag, Riehen 2006.
Katja Fusek
SETE
Sonja wartet. Wie jedes Mal, wenn er sich verspätet, hofft sie auch jetzt, dass ihr Schüler nicht mehr kommt. Die Tür zur Sitzungskammer hat sie einen Spalt offen gelassen und horcht auf seine Schritte, aber im Gang bleibt es still – kein quietschendes Geräusch der Gummisohlen auf dem blanken Kunststoffboden. Wenn er in den nächsten zehn Minuten nicht auftaucht, wird Sonja ihm die volle Stunde berechnen und verschwinden dürfen. Ab und zu wirft sie einen Blick auf das dunkle Display ihres Handys. Es ist noch nie passiert, dass Lucio Cinquetti seiner Deutschstunde unentschuldigt ferngeblieben ist. Im Geiste sucht Sonja nach den Unglücksmeldungen der letzten Tage: die Massenkarambolagen, Flugzeugabstürze, Terroranschläge, die Lucio Cinquettis Rückkehr aus den vierwöchigen Ferien bei seiner Familie in Kalabrien hätten vereiteln können. Zwei Dinge werden Sonja dabei klar. Erstens: Wenn ihr Schüler seinen Deutschunterricht vergessen hat, muss ihm etwas Schlimmes zugestoßen sein. Und zweitens: Wenn Lucio Cinquetti tatsächlich etwas Schlimmes zugestoßen sein sollte, müsste ihm Sonja nie mehr in dieser engen Kammer gegenübersitzen. Es ist aber noch verfrüht, sich über den zweiten Gedanken zu freuen – oder zu schämen.
Sonja studiert im sechsten Semester Germanistik und Kunstgeschichte. Um ihr Studium zu finanzieren, erteilt sie Deutschunterricht an fremdsprachige Mitarbeiter eines Pharmakonzerns. Jeden Dienstagmorgen und stets verspätet hastet sie durch die Porte, vorbei an unförmigen Gebäuden, Hallen, Pipelines, Staplern, Lastwagen, dampfenden Kesseln irgendwas, hoffentlich nicht Explosivem und wenn, dann hoffentlich nicht jetzt Explodierendem, an Behältern groß wie Wohncontainer – darin schwappende, farbige Flüssigkeiten. Im Sommer und Winter im Durchzug auf den weiten Arealstraßen. An der Eingangstür des Gebäudes Nr. 463 muss sich Sonja nochmals ausweisen. Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center vor ein paar Monaten sind die Sicherheitsvorkehrungen in der Firma massiv verschärft worden. Im sechsten Stock steigt sie aus dem Lift und eilt vorbei an den Plastikboxen mit Versuchsmäusen und an der Laborantin, die im Stroh wühlt. «Komm, Schätzchen, mein süßes Mäuschen, komm!» Auf Sonja wirken die zärtlichen Worte, die die Laborantin an die zum Tode verurteilte Maus richtet, beruhigend. Vorbei an all den unerklärlichen Dingen bis zur Sitzungskammer, die Sonja wie der verborgene Kern der gigantischen Firma erscheint.
Auch jetzt halten vier weiße Wände die wartende Lehrerin, die Stühle und den Tisch fest im Griff. Der Sitzungsraum ist fensterlos – es gibt keine Fluchtwege für die Augen. Weder Wolken noch Hausfassaden. Nichts. Nur die Wände, an denen sich der Blick entlangtastet, bis er schließlich am Mobiltelefon auf dem Tisch hängen bleibt. Noch vier Minuten. Sonja beginnt, ihre Tasche zu packen.
Plötzlich haucht eine Kurzmitteilung dem Handy Leben ein. Es beginnt zu surren, zu klingeln, zu leuchten und über die Tischplatte zu rutschen.
Sonja schnappt das Gerät und liest: «Komme nicht heute in firma. Tildi tot. Wegen die durst. LC»
Der Durst, du Idiot! Und nach wegen kommt der Genitiv, meinetwegen auch der Dativ … Erst da wird ihr bewusst, dass bei Lucio Cinquetti offensichtlich jemand gestorben ist. Verdurstet. Sie schüttelt den Kopf. Seltsame Todesart. Andererseits: Als hätten sie es beide kommen sehen. Ihre letzte Auseinandersetzung galt dem Durst.
Keine Deutschstunde heute. Sonja nimmt ihre Tasche mit dem Unterrichtsmaterial und verlässt den Sitzungsraum. Bereits im Gang ist ihr Lucio Cinquetti und die verdurstete Tildi aus den Gedanken gerutscht, vom Lift aus springt Sonja direkt auf ihren Fensterplatz im Deutschen Seminar, und während sie auf der Arealkreuzung einem Feuerwehrauto ausweicht, ist sie schon längst in die Probleme der angewandten Linguistik weggetaucht. Als ihr der Securitas-Mann am Eingang zuwinkt, fällt ihr aber wieder ein, dass bei ihrem Schüler jemand eines qualvollen Todes gestorben ist. Tildi – Mathilda? – eine Frau? – die ihm so nah gestanden sein musste, dass er sich von der Arbeit dispensieren ließ. Sie nimmt ihr Mobiltelefon und tippt: «Das tut mir sehr leid. Wer ist tildi?»
Den 60-jährigen Schüler hatte Sonja vor zwei Jahren von einer Kollegin geerbt, die an eine Staatsschule gewechselt hatte. Der Grund, warum Lucio Cinquetti bereit war, sich jeden Dienstagmorgen zuerst mit der älteren Lehrerin, dann mit der Studentin in einen fensterlosen Sitzungsraum einzuschließen und die Strapazen des Deutschunterrichts auf sich zu nehmen, war die ersehnte Beförderung, die dem Vorarbeiter im technischen Dienst kurz vor seiner Pensionierung doch noch winkte. Sonja sah dem Sprachkampf ihres Schülers interessiert zu. Während der dreißig Jahre, die Lucio Cinquetti bereits in der Schweiz lebte, hatte er es verpasst, sich aus der neuen Sprache eine zweite Identität zu erschaffen. An dieser schmerzhaften Erfahrung kommt niemand vorbei, mein Lieber. Auch mit sechzig nicht. Irgendwann wird sie dich doch noch einholen und bloßstellen. Jetzt musst du endlich Deutsch lernen wollen.
Wenn Sonja deutsch spricht, verpackt sie ihre Worte in eine hauchfeine Hülle aus fremdländischem Akzent. Nach fünfzehn Jahren ist er nur noch für den wahrnehmbar, wer genau hinhört. Lucio Cinquettis Ohren sind aber weder darin geübt noch daran interessiert, aus Sonjas Sprachmelodie einen Teil ihrer Lebensgeschichte zu erraten. Die Oberfläche der jungen Lehrerin bietet seinen Augen Anhaltspunkte genug.
Hinter den Busfenstern die öde Straße im Industrieviertel – in Sonjas Kopf die letzte Deutschstunde vor Lucio Cinquettis Ferien: Wie immer weicht die junge Frau vor den Blicken ihres Schülers zurück, drückt den Rücken in die Bürostuhllehne, schiebt ihre Füße unter die Sitzfläche und verschränkt die Arme vor der Brust. Merkt er nicht, dass sie keine Freude an seinen Blicken hat?
«Weiter», sagt sie. «Machen Sie doch weiter.»
«Wir möchten keine Limonade, weil wir haben keine Durst.»
«Nein. Wir sind beim Satz vier stehen geblieben. Thomas Mann …»
«Thomas Mann wurde in 1875 geboren. »
«Kein in.»
Lucio Cinquetti zieht plötzlich den Rotz die Nase hoch. Sonja schiebt ihren Stuhl bis zur Wand.
«Kein in, verstehen Sie?»
Der Schüler kramt ein Taschentuch hervor und schnäuzt sich laut.
«Heuschnupfen», sagt er. «Jede Jahr. Sie haben ihm nicht, oder?»
Sie schüttelt den Kopf. «Fahren Sie bitte fort.»
«Thomas Mann wurde in 1875 geboren.»
«Kein in.»
«Am?»
«Nichts.»
«Wie nichts?»
«Gar nichts. Keine Präposition, wenn eine Jahreszahl steht.»
«Stimmt, das haben Sie schon einmal gesagt.»
«Ja, das haben wir schon viele Male besprochen.»
«Wer ist Thomas Mann?»
«Ein berühmter deutscher Schriftsteller. Sie kennen ihn nicht?»
«Das ist doch nicht wichtig in eine Übung von Präpositione.»
«Nein, aber warum fragen Sie dann?»
Sie lächelt breit, schaut ihn an, hinter ihm das weiße Flipchart. Im Behälter darunter farbige Filzstifte. In Gedanken wählt sie den roten. Mit den Augen zeichnet sie die Form von Lucio Cinquettis Kopf auf der Wandtafel nach. Dann stellt sie sich vor, wie sie den roten Stift nimmt und über die eben gemalte Kopfsilhouette ihres Schülers in großer Schrift schreibt: Kamel!!! Mit drei Ausrufezeichen. Über seinem Haaransatz hängt jetzt das nur für sie gut sichtbare Schimpfwort.
Die Grammatik gehorcht ihm nicht. Auch nach zwei Jahren Unterricht nicht. 100 Dienstagvormittage. Tausendfach die Artikel und Präpositionen, millionenfach die Endungen. Er wehrt sich, wird wütend: «Das Deutsch ist einfach unlogisch. Sie müssen zugeben! Unmögliche Sprache!»
Sie schreibt mit den Augen auf die Tafel neben seinem linken Ohr: eingebildeter Zwerg!!! Diesmal in Schwarz.
«Weiter», sagt sie freundlich. «Fahren Sie fort. Jetzt kommt Satz fünf.»
«Wir möchten keine Limonade, weil wir haben keine Durst.»
«Das Verb am Schluss und keinen Durst. Der Durst.»
Er protestiert: «LA sete heißt es doch! Es muss heißen DIE Durst. Durst ist weiblich. Wie denn sonst? Das verstehen Sie doch?»
«Warum soll Durst weiblich sein? Auf Deutsch ist er männlich.»
«Aber weiblich auf Italienisch! Heiß und feurig und tormentosa. Eine Freude sie ... … befriedigen.»
Sie nimmt den grünen Filzstift und schreibt neben sein rechtes Ohr: Macho!!!
«DER Durst», wiederholt sie. «Männlich. Der Durst tötet. Und überhaupt: Schon wieder denken Sie italienisch. Das dürfen Sie nicht. Im Deutsch müssen Sie deutsch denken. Dann wird es auch logisch.»
«Ja», meint er zerknirscht. «Sie haben Recht. Sie müssen streng sein mit mir.»
Sie nickt: «Genau. Machen Sie weiter.»
Plötzlich schiebt er das Grammatikbuch weg, bestastet mit den Augen ihr Gesicht und steckt die Hand in seine Manteltasche. Sie stellt die Füße fest auf den Boden. In Fluchthaltung. Der Schüler zieht aus dem Arbeitskittel einen Gegenstand heraus – in Aluminium-Folie gewickelt. Er legt ihn der Lehrerin auf ihr offenes Buch. Seine Knöchel streifen dabei flüchtig ihre Finger, sie zieht beide Hände hastig zurück und versteckt sie unter den Tisch.
«Für Sie», sagt er.
Braune Krumen fallen durch die silbernen Spalten der schlecht verschlossenen Folie auf die Doppelseite mit dem Durst. Vorsichtig nimmt Sonja ihre Hände unter dem Tisch wieder hervor und schlägt die Folie an einer Ecke zurück: ein angeschnittener Schokolade-Cake.
«Mögen Sie Schokolade? Alle Frauen mögen Schokolade.»
Sie mag Schokolade, aber nicht im Kuchen. Das sagt sie nicht.
«Ich habe es gebacken gestern. Eine Hälfte für meine Frau, eine Hälfte für Sie.»
Sonja schweigt. Dann fragt sie: «Sie können backen?»
«Ich muss viel helfen in Haushalt. Es geht jetzt nicht anders. Jetzt, wo meine Frau ... es wird nicht mehr gut … Backen, das ist meine … passione.»
«Danke», sagt Sonja und fragt weder nach seiner Frau noch, warum was nicht mehr gut werde. Nur nicht privat werden in diesem fensterlosen Raum! Sonst rutschen all die unanständigen Worte, die sich im Verlauf der letzten Jahre angesammelt haben, plötzlich vom Flipchart in den Mund der Lehrerin. Freundlich bleiben, geduldig, kundenorientiert.
«Das ist nett von Ihnen, dass Sie beim Backen auch an mich gedacht haben. Fahren Sie fort, bitte. Wir sind beim Durst stehen geblieben.»
Sie schiebt die Kuchenhälfte neben ihr Buch und pustet die Krumen weg – die Ellbogen auf dem Tisch, den Oberkörper vorgebeugt. Sein Blick legt sich ruhig auf ihre Brüste. Sie verschränkt wieder die Arme, rückt mit ihrem Stuhl weg und schleicht sich mit den Augen zum Flipchart.
Farbig umschwirren die drei Schimpfwörter den Kopf ihres Schülers. Sie zögert. Dann wählt sie den orangen Filzstift und schreibt «bedauernswertes» vor das «Kamel».
«Der Satz heißt: Wir möchten keine Limonade, weil wir keinen Durst haben.»
«Wir möchten keine Limonade, weil wir keinen Durst haben», wiederholt der Schüler.
«Weiter», sagt Sonja und starrt auf den großen weißen Papierbogen, der verhalten im Schein der Neonröhre leuchtet. Ein anderes Bild schiebt sich plötzlich über die glatte Fläche: das Bild eines glitzernden Bergsees tief unten im Tal. Sonja meint, wieder die Hitze zu spüren, das Kitzeln der Grashalme auf nackten Waden, den Sommer über einer Wiese. Ihren ersten Schweizer Sommer. Dann ein Gartenrestaurant. Hoch am Berg. In der Tiefe der funkelnde See. Rote Geranien in Trögen. Sonja und ihr Großvater waren stehen geblieben. «Wie hübsch», sagte der Großvater. Er hielt ihre Hand fest – er musste wissen, dass Sonja in diesem Sommer nichts hübsch fand, nicht die Kühe und auch nicht das Glockengebimmel, nicht die Berge und auch den See nicht, dass sie sich von allem abkehrte und zurückblickte. Eine Landschaft wie aus dem Märchen hätte er ihr sagen wollen, aber Sonja würde die Nase rümpfen oder in Tränen ausbrechen. Er verstand sie. Sonja merkte es daran, wie er ihr die Hand drückte.
«Ich habe Durst», seufzte Sonja. Nein, das hatte sie bestimmt nicht sagen können. Mit ihrem Großvater hatte sie nie Deutsch gesprochen. Sie musste gesagt haben: Mám ÏízeÀ. Wie denn sonst? ÎízeÀ. Ein Wort wie ein weiches Tuch, das sich um den Körper schmiegt. Oder wie eine weite Landschaft, über die eine einsame Stechmücke irrt. Weiblich. Bevor Sonja Deutsch gelernt hatte, war der Durst weiblich.
Gäste auf der Restaurant-Terrasse. Rufe, Gelächter, undurchdringliche Sprachklänge. Eine kompakte Stimmen-Kulisse vor der wuchtigen Berg-Kulisse. Ganz viel Kulissen hintereinander geschoben in diesem Land, fiel Sonja auf. Alles war neu in der Schweiz. Für Großvater und für seine Enkelin. Für Großvater aber war das Neue interessant, weil er in zwei Wochen in sein altes Leben zurückkehren würde. Zum Reißbrett in seinem Büro, zu seinen Bleistiften, Zirkeln und Maßstäben, zu seiner Brille und zum schwarzen Etui, das Sonja nie mehr mit einem Taschentuch auspolstern und zum Bettchen für die kleinste ihrer Puppen umwandeln wird. Er würde zu seinen Entwürfen zurückkehren, von denen Sonja weiß, dass aus ihnen einmal Brücken schlüpfen. Bögen aus Stahl und Beton, die auf Großvaters Reißbrett in Sonjas Gegenwart gezeugt wurden. Für Sonja hingegen war das Neue verdächtig und überflüssig. Sie wird sich in diesem fremden Land für immer einrichten müssen.
Die Serviertochter hatte die beiden Nachbartische bedient, Großvaters Zeichen aber übersehen. Sonja sah Großvaters Hand mit den behaarten Fingern wieder auf die Tischplatte zurücksinken. In das neue Land war Großvater seine Tochter und seine Enkelin besuchen gekommen, und Sonja kam es vor, dass er von Morgen bis Abend den Mund nicht zukriegte vor Staunen. Vor allem die Essensmengen und die verschwenderische und verlockend angerichtete Vielfalt in den Lebensmittelgeschäften schienen den alten Mann beinahe in einen Rausch zu versetzen. Sonja schämte sich für ihren Großvater. Sie hätte nicht gedacht, dass der Mann, der Täler nichtig machen und Berge miteinander verbinden kann, sich von etwas derart Prosaischem wie den unterschiedlichen Käsesorten beeindrucken lassen würde. Was hatte Käse mit ihrem neuen Leben zu tun?
Die Serviertochter kam, machte einen kurzen Zwischenhalt an ihrem Tisch, die Augen schon wieder oder immer noch bei den anderen durstigen Gästen. Sie hatte es nicht nur eilig – da war noch etwas anderes – das spürte Sonja, die sich deswegen verhaspelte und zu leise redete. Sie musste für sich und für den Großvater die Getränke bestellen, weil dieser noch weniger als sie deutsch sprach. Die Serviertochter nickte wortlos, würdigte den Mann und das Mädchen eines kurzen, kühlen Blickes, als wisse sie schon alles über die beiden und als sei das, was sie wusste, keinesfalls schmeichelhaft.
Später legte die Serviertochter die Rechnung vor den alten Mann, wartete stumm und ohne Lächeln, schaute zu, wie er das Geld aus dem Portemonnaie klaubte, die ungewohnten Münzen langsam zählte. Sie klopfte ungeduldig mit dem Kugelschreiber gegen das Notizblöcklein in ihrer Hand.
Er kann Brücken bauen, du dumme Ziege, fauchte Sonja sie an, ohne die Lippen zu bewegen. Er kennt tausendmal mehr Zahlen, als du je in deinen blöden Kopf reinbekommst.
Sonja blieb stumm. Sie war sprachlos.
Großvater legte eine Banknote und Münzen auf den Teller, Sonja rechnete flink nach und merkte, dass das Trinkgeld die Konsumationskosten bei weitem überstieg, wagte aber keinen Einwand. Es kam nicht vor, dass sich der Architekt verrechnete. Die Serviertochter versorgte zuerst die Banknote, dann nahm sie jede Münze einzeln auf und warf sie in ihr dickes Portemonnaie, das sie klirrend verschluckte. Sie nickte kurz und verschwand. Erst jetzt fragte Sonja, warum Großvater der unfreundlichen Frau so viel Trinkgeld gegeben habe. Tatsächlich, habe ich das? Großvater wunderte sich, da müsse er was verwechselt haben. Als Sonja ihm die Höhe des Trinkgelds nannte, verschlug es ihm für einen kurzen Moment die Sprache und er lächelte beschämt. So viel Geld, Sonûãka, das ist wirklich schade. Eine Welle des Hasses stieg plötzlich in Sonja hoch. Auf das fremde Geld, auf die Serviertochter, die in dem Ausländer den Brückenbauer nicht erkannte, auf die Berge vor dem Sommerhimmel und auf den Durst, der sie in das Restaurant getrieben und ihren Großvater gedemütigt hatte. Sie versetzte dem Tischbein einen heftigen Tritt. Großvater stellte das umgekippte Glas wieder hin, nahm seine Enkelin bei der Hand und zog sie zum Ausgang. Das macht doch nichts, sagte er versöhnlich und streichelte ihr über die Wange. Zumindest haben wir beide keinen Durst mehr. UÏ nemáme žízeň.
Mit diesen Worten verließen sie das Restaurant hoch über dem See. Und ihre gemeinsame Sprache beschützte sie wie ein zerbrechlicher Schild, hinter dem sie sich verschanzten. Vor der Serviertochter und vor der neuen Welt. Sonja nahm sich fest vor, alle Wörter – insbesondere die Schimpfwörter – in der neuen Sprache perfekt zu lernen, um sich daraus einen mächtigeren Schild zu bauen, hinter den sie sich jederzeit flüchten könnte.
Sonja steigt aus dem Bus und macht sich durch die Gassen der Altstadt auf den Weg zum Deutschen Seminar. Da vibriert ihr Handy in der Hosentasche. Sie nimmt es heraus und liest die Kurznachricht von Lucio Cinquetti: «Meine katze tildi. Der nachbar hat nichts trinken gegeben in ferien. Sie ist tot.»
Sonja bleibt stehen und tippt: «Warum? Das ist ja grausam!»
Die Antwort kommt sofort: «Weil ich habe vor einem jahr seine orchideen vergessen. Alle kaputt. Wie tildi jetzt.»
«Das tut mir leid.»
Schon wieder, denkt Sonja, zögert kurz und fügt hinzu: «Die geschichte von tildi, ihrem nachbarn und den orchideen müssen sie mir dann erzählen. Und: sie hatten recht, durst kann auch weiblich sein. Auf die bilder kommt es an.»
Sonja liest ihre Nachricht durch, dann beginnt sie, von hinten den Text zu löschen, schaut zu, wie die Buchstaben getilgt werden, bis wieder nur die ersten vier Wörter stehen bleiben. Diese schickt sie ab.
Bald hat Sonja das deutsche Seminar erreicht, sie setzt sich an ihren Fensterplatz mit den Bücherstapeln, den Notizen und einer noch nicht gespülten Kaffeetasse. Sie öffnet ihr Notebook und vertieft sich in ihre Seminararbeit. Sie hat es leichter oder auch schwerer als ihr Schüler. Sie kann sich vor den Bildern der einen in den Bildern der anderen Sprache verstecken. Sie hat sich viele Fluchtwege erbaut. Und ihr Durst ist nicht gelöscht – er hat sich bloß verändert.
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