entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 56:
..Alter

Brigitte Halenta, *1937, arbeitet als Psychotherapeutin und ist Mutter von drei Kindern. Seit sie mit zehn Jahren ihren ersten Roman auf ein Blöck­chen schrieb, sind viele Texte entstanden. Für ihr Drehbuch «Lavendel ist blau» erhielt sie 2000 den Förderpreis der Gesellschaft zur Förderung audiovisueller Werke Schleswig-Holstein. Der Roman «Die Breite der Zeit» erschien 2008 bei Orlanda, Berlin. Gewinnerin des Wettbewerbes Ü70.

Brigitte Halenta

Ein Bettschatz

Ob du dieser Geschichte etwas abgewinnen kannst, wird davon abhängen, wie du zuhörst. Ich bin jemand, der sich gerade von der Liebe erholt wie von einer schweren Krankheit. Meine Stimme ist leise.
«Dir fehlen noch die Verluste», habe ich zu meinem Liebsten ge­sagt, als er noch mein Liebster war, weil er nicht verstand, wovon ich redete. Er würde nur eine kleine Zuflucht verlieren, die ihn hin und wieder getröstet hatte; ich womöglich die Welt. Er ist ein Mann. Ich bin eine Frau. Er ist jung. Ich bin alt.
Spätestens jetzt wirst du aufmerksam, ich entdecke Neugierde in deinen Augen. Wie alt er ist, möchtest du wissen. Über unser Alter müs­sen wir nicht reden, wir sind Freundinnen seit Kindertagen, und du weißt, dass es Abschiede, Vergeblichkeiten und Verzichte sind, die im Laufe der Zeit das Muster in dem Gewebe des Lebens zeichnen. Er dagegen ist so jung, dass er glaubt, er könne alles haben, wenn er sich nur genügend anstrengt. Alles zugleich: ein Muttertier für seine Kin­der, ein Jahresgehalt wie ein Spitzenmanager, Wohlbehagen in der Familie am Wochenende, eine vorzeigbare Frau an seiner Seite, wenn der Vor­stand zum Essen einlädt, und eine Insel der Glückseligen einmal in der Woche, manchmal auch zweimal – mit einer Geliebten, die ihn emp­fängt wie Sappho den verloren geglaubten Phaon. Jedes Mal. Schmel­zend vor Verlangen.
Er fühle sich wie ein Jongleur, sagte er einmal zu mir, der viele Bälle in der Luft hält. Zu viele, wenn du mich fragst. Von Zeit zu Zeit fällt ihm dann auch zu seinem Leidwesen einer herunter. Manchmal war ich der Ball, der herunterfiel, manchmal seine Frau, sehr oft sein kleiner Sohn, der morgens weint, wenn der Vater aus dem Haus geht, und den gan­zen Tag nicht aufhören will, nach ihm zu fragen; seine Arbeit ist ihm, so weit ich das beurteilen kann, noch nie heruntergefallen. Ich habe ihm vorgeschlagen, mich bis zum nächsten Mal beiseitezulegen, wenn er bei mir gewesen ist. Damit war er gleich einverstanden – meinetwegen. Er konnte schon verstehen, dass ich nicht gerne herunterfalle.
Ein Geschicklichkeitskünstler im Zirkus, weißt du, das ist Show. Ich bezahle ihn, ich klatsche, ich gehe nach Hause, und in meinen vier Wän­den stehen die Teller fest im Schrank und Bälle sind allenfalls in der Schublade greifbar. Aber ein Jongleur im eigenen Leben, der mit sei­nen Kunststücken dein Herz berührt, heftet dir Flügel an die Schulterblätter und zieht dir gleichzeitig den Boden unter den Füßen weg.
Das eine ist ohne das andere nicht zu haben, wirst du einwenden, und ich könnte mir vorstellen, dass du vielleicht recht hast, aber un­ver­nünftigerweise begehre ich zu fliegen und möchte doch wissen, wo ich sicher landen kann. Stattdessen Abstürze ins Bodenlose. Bis er wieder­kommt.
Er kam immer wieder. Er brachte mir nie etwas mit, das ich offenen Auges in eine Vase stellen, in ein Glas füllen, auf den Tisch legen konn­te; aber mit geschlossenen Augen sah ich, dass er, ohne es recht selbst zu wissen, seine ganze Bagage mitgebracht hatte: heruntergekommene Zärtlichkeiten, Ängste in Scharen, eine nimmermüde Sehnsucht und den Henker Schmerz, der – bis auf einen – alle Wünsche tötet, noch be­vor sie sich zeigen.
Ich nehme an, die Andeutung macht dich neugierig. Welcher seiner Wünsche war so unzerstörbar? Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil es der Wunsch war, der so groß ist wie das Leben selbst. In sei­nem Namen macht noch das Unsinnigste Sinn, und das Hoffnungs­lo­ses­te Hoffnung. Lass es mich so sagen: Am Ende siegt immer der Tod, aber so lange wir leben die Liebe.
Er war ein Verdurstender vor meiner Tür. Das Wasser, das ich ihm anbot, hat er die Kehle hinuntergestürzt und dabei so bedenkenlos Tropfen versprüht, dass kurzzeitig ein Regenbogen im Licht seiner dankbaren Liebe entstand. Allerdings, mit der Zeit wurde mir das Wasser knapp. Mein eigener Durst, den ich schon fast vergessen hatte, meldete sich zurück. Ich wurde immer sparsamer mit den kostbaren Tropfen, und einen Regenbogen brachten wir schon lange nicht mehr zustande.
Diese Art zu erzählen, macht dich unwillig, ich merke das schon. Du möchtest nicht das Ende einer Geschichte hören, deren Anfang du nicht kennst. Du möchtest einen richtigen Anfang, hinter dem sich ganz viel ungewisse Zukunft dehnt. Das wäre spannend. Und dann diese Metaphern! Schon gleich das Hinter-die-Dinge-Gucken, wenn du von den Dingen selbst so wenig weißt. Ich sag dir, es gab ziemlich wenig Dinge, die erzählenswert wären. Unsere Begegnungen beschränkten sich auf die zwei Quadrate, wie er es nannte. Auf das Quadrat meiner Polsterecke für die Präliminarien und auf das Quadrat meines großen Bet­tes für die Quintessenz. Dazu gab es Rotwein, wenn es das ist, was du wissen willst, einen Kaiserstühler Spätburgunder, den ich mir direkt vom Winzer schicken lasse.
Und was den Anfang angeht – natürlich gibt es einen Anfang. Meistens fangen Geschichten noch vor dem Anfang an, wusstest du das? Keine Angst, ich werde dir nicht erzählen, wie ich gezeugt wurde, dies soll ja eine kurze Geschichte sein, damit du nicht die Geduld verlierst. Aber was du wissen musst, ist, dass meine Mutter mich, als ich noch ein ganz kleines Kind war, wie ihren Hund behandelte. Keine Missverständnisse! Sie war eine Tiernärrin. Der Hund wurde gehätschelt und gepflegt und den Nachbarn vorgeführt, die sich nicht genug über sein seidiges Fell begeistern konnten. Aber wenn meine Mutter etwas sehr Wichtiges zu erledigen hatte, zum Beispiel Plätzchen backen, dann wurde er vor die Tür gesetzt, damit er nicht störte. Da konnte er bellen und jaulen, so viel er wollte. Solange nicht das letzte goldbraun gebackene Plätzchen auf dem Teller lag, die letzten Krümel vom Fußboden aufgewischt waren, und die Bäckerin sich etwas erholt hatte, wurde er nicht hereingelassen. Als ich der Sprache mächtig wurde, schwor ich mir, dass für mich Sachen nie so wichtig sein sollten wie Menschen – und Hunde natürlich. Und genau aus diesem Grund habe ich ihn vor nun fast zwei Jahren hereingelassen und in mein Behandlungszimmer geführt, obwohl die Praxis seit einer Stunde geschlossen war und ich an diesem warmen Sommerabend eigentlich die Himbeeren im Garten pflücken wollte. Sie waren prall und süß wie schon lange nicht mehr und würden schon bald von selbst abfallen oder eine Beute der Vögel werden; aber dieser schmerzgebückte junge Mann am Vorabend seiner Hochzeit rührte mich.
Schon da, wirst du sagen, aber davon weiß ich nichts. Es hätte auch ein anderer sein können, dem ich meine professionelle Hilfe zuteil wer­den ließ. Ich behandelte ihn mit Wärme, legte meine Hand auf sein kraftloses Rückgrat, L 5 wie so häufig bei diesen überlangen, leptosomen Männern, und löste die Blockade. Es schien noch kein Bandscheibenvorfall zu sein. Auf meinem Schlingentisch bewegte ich ihn behutsam hin und her und hatte die Befriedigung, dass er nach einer Stunde um mindestens 30° weniger gebeugt meine Praxis verließ.
Er wurde mein Patient, was dachtest du, mit zwei regelmäßigen Terminen die Woche. Seine Rückenmuskulatur war unterentwickelt. Ich denke immer, dass in unserer Muskelkraft unsere Lebenskraft steckt. Ich zeigte ihm wirksame Übungen, die er auch zu Hause turnen sollte. Zu den Übungen musste immer wieder ermahnt werden. Auch in den Stunden hielt er mitten in einer Bewegung inne und verlor sich im Erzählen. Ich erfuhr mehr, als ich wissen wollte, von seiner Hochzeit, der Schwangerschaft seiner Frau, dem Bau seines Hauses, den Schwierigkeiten im Job und schließlich von der Geburt seines Sohnes. Abends überraschte ich mich manchmal dabei, wie ich über sein Leben nachdachte, das mich doch gar nichts anging.
Warum, fragst du, wenn er doch nur ein Patient war wie andere auch. Aber so einfach war das nicht.
Erst wurde er ein besonderer Patient, weil er so regelmäßig und so lange kam. Er hatte einen Arzt gefunden, der ihm eine Verschreibung nach der anderen ausstellte. Es entwickelte sich über den Zusammenhang von äußerer und innerer Haltung ein in jeder Stunde fortgesetzter Dialog. Was er nicht sagen konnte, erzählte mir sein Körper. Das Körpergedächtnis funktioniert ohne Ausfälle, sage ich dir, es speichert alle Verletzungen. Ich meine nicht die Schrunden an den Knien, die eingeklemmten Finger, ja nicht einmal Ohrfeigen oder Schläge, ich meine die Wunden der Seele.
Dann wurde er ein Patient, der die Regeln durchbrach. Bäuchlings auf einem dieser großen blauen Gymnastikbälle, stell dir das bitte vor, nur mit seiner, allerdings sehr eleganten, Unterhose und Socken bekleidet und mit meiner Hand stabilisierend auf seinem Rücken, hielt er mir, während ihm das Blut in den Kopf schoss, eine Rede:
«Ich möchte mit Ihnen schlafen», sagte er, «ich wache mit diesem Wunsch auf, und ich schlafe mit ihm ein. Ich weiß es jetzt, dass der Punkt meiner tiefsten Traurigkeit und meines höchsten Glücks in Ihrem Schoß liegt. Wenn ich hier bei Ihnen bin, kann ich manchmal nicht reden und auch die Übungen nicht machen, weil es mir wie Wehen durch den Körper geht.»
Altern ist ein schwieriges Geschäft, finde ich. Der Körper wird so schutzlos. Meine Haut ist zu groß geworden für mich; das kommt nicht nur deshalb, weil ich an Gewicht verloren habe, sondern auch weil der Trost, der Zukunft heißt, geschrumpft ist. Das Begehren dieses jungen Mannes schenkte mir wieder Zukunft. Gegen alle Einwände meiner Erfahrung bin ich in diese Liebe geschlittert, kopflos und naiv, als wäre es meine erste.
Wer war das, verzeih' die Deutlichkeit, aber anders geht es nicht, der gesagt hat, dass Ficken das Einzige ist, das gegen den Tod hilft? Wer auch immer, er hatte recht. Zwar glaube ich nicht, dass das auf jede Sorte von Ficken zutrifft, ganz sicher aber auf unsere. Haut an Haut und Herz an Herz waren wir Verbündete – immer wieder. Für diese kleine Weil, der nicht nur Nietzsche Ewigkeit wünschte.
Ich wusste, dass er eine Frau hatte, ein Kind, aber ich wusste auch, dass ich es war, die seinen Durst stillte. «Du machst mich satt», sagte er, «mich machst du hungrig», sagte ich, aber das hörte er nicht.
Schau mich nicht so an, als wäre ich eine Verrückte. Das war ich nicht, oder doch nur so weit dem Wahnsinn verfallen, als die Liebe den Maßstab für das, was wahr ist, verrückte. Ich habe es noch einmal versucht! Alles auf eine Karte gesetzt, den ganzen Preis bezahlt. Deshalb musst du mich nicht schelten. Das Leben ist verrückt, so oder so. Vom Erfolg kann sich niemand ernähren. Als er mich gefunden hatte, glaubte er, nun alles zu haben. In Wahrheit hatte er nichts ganz: seine Frau nicht, mich nicht und nicht mal sich selbst.
Ich hatte dir eine Liebesgeschichte versprochen. Es war eine Liebesgeschichte, ich versichere es dir, soweit ich für mich sprechen kann. Ich liebte ihn, weil er so verloren war, und meine eigene Verlorenheit, die so viele Jahre hinter dem Horizont geschlafen hatte, nun mit dem nahenden Alter wieder auftauchte. Die Liebe kann so vieles sein. Für mich ist sie das Wunder, dass einer im anderen eine Heimat findet. Das ist für dich gewiss anders als für mich. Für ihn war es auch anders. Er traute sich noch nicht und der Liebe auch nicht. Mit einer viel zu alten Frau, wie ich eine bin, konnte er es erst mal ausprobieren, ohne sich entscheiden zu müssen. Eines Tages wird er es verstehen, dass sich die Plätzchen nach den Hunden und nicht die Hunde nach den Plätzchen richten müssen.
Da gibt es nichts zu lachen, auch wenn das witzig klingt, es ist eine fundamentale Erfahrung, die du hast oder nicht hast.
Wann ich mit ihm Schluss gemacht habe, möchtest du wissen. Schon lange – oder vielleicht auch erst gerade eben, indem ich dir erzähle, wie es war. Ich habe begriffen, dass es unsere Wünsche sind, die nicht zueinander passen. Haut an Haut sind wir einander immer mehr verloren gegangen. Manchmal habe ich vor Einsamkeit in seinen Armen gefroren. Ich will ihn nicht mehr sehen. Oder vielleicht nur noch von ferne, auf der Straße, in einem Café, auf dem Markt, freundlich grüßend in Erinnerung an einen letzten Aufbruch.
Du glaubst, dass ich einen Fehler mache? Es sei schließlich ein Geschenk – in meinem Alter, meinst du.
Der Gedanke ist mir auch schon gekommen. Wie werde ich leben, wenn die Gerüche seines Körpers aus allen Laken herausgewaschen sind?
Du hast ja recht. Ich ahne es schon die ganze Zeit. Wenn er wieder kommt, und das wird er sicher tun, werde ich ihn hereinlassen. Natürlich. Er ist ein Mann, ich sagte es schon. So lange wie sein Begehren ihn noch an meiner Tür klopfen lässt, so lange lasse ich ihn herein. Ein Bettschatz halt.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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