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Pierre Gradwohl, *1937 in Basel, Studium der Jurisprudenz und Biologie (mit Promotion), arbeitete bei Sandoz auf den Gebieten Krebs, Pneumologie und Immunologie. Schreibt seit dem Gymnasium Lyrik und Kurzprosa und wohnt seit 1999 in Frankreich.
Gewinner des Wettbewerbes Ü70.
Pierre Gradwohl
Erste Liebe, letzte Liebe
DAus einem Angsttraum mitten in der Nacht jäh erwachend, spürt Franz an seiner Wange den noch nassen Zipfel seines Federbettes, mit dem er sich mühsam in den Schlaf gelutscht hat. Vom nahen Gotthelfschulhaus heult an- und abschwellend eine Sirene. Fliegeralarm. Wimmernd beginnt er, wieder am Zipfel seines Federbettes zu lutschen, ein bald Achtjähriger weint nicht mehr laut. Es läutet: Er vernimmt die Schritte seiner Mutter. Sie öffnet die Wohnungstür: Er hört die Stimme der Erika, der Hausangestellten vom 2. Stock, knapper Befehlston, Aufforderung, sich unverzüglich in den Luftschutzkeller zu begeben. Erika besitzt als Hauswart eine Gasmaske; wenn sie sie anzieht, verwandelt sich die sonst freundliche Frau in ein Schreckgespenst. Die Mutter eilt ins Kinderzimmer, zieht Franz einen Pullover über, der Vater löscht die Lichter, schließt die Wohnung ab.
Das Treppenhaus schwirrt von Stimmen und Kindergeplärr, hallt wider vom Trampeln, Stolpern, Husten. Im Luftschutzkeller belegen die Familien die ihnen zugewiesenen Plätze. Franz gegenüber haben Herr und Frau Rosenzweig mit ihrer Tochter, einem fast achtjährigen Mädchen, Platz genommen. Sie sprechen Hochdeutsch miteinander; das kommt Franz, der an sein Baseldeutsch gewöhnt ist, fremdartig vor. Von seinem Vater hat er erfahren, dass die Rosenzweigs kurz vor Ausbruch des Krieges aus Deutschland in die Schweiz, nach Basel, geflüchtet sind. Erst kürzlich sind sie, von einem anderen Quartier kommend, ins Erdgeschoss eingezogen. Das Mädchen besucht die zweite Klasse der Mädchenprimarschule im Gotthelfschulhaus; es trägt einen Namen, den er noch nie zuvor gehört hat, einen zauberhaft-seltsamen Namen: Rivka.
Rivkas helle braune Augen lächeln ihm zu, das Greinen der kleinen Kinder verebbt, schwillt da und dort wieder an, die Erwachsenen schweigen, gähnen verschlafen, Franz lächelt zurück, blinzelt, zwinkert Rivka verstohlen zu, erstarrt vor Schreck: Ein tiefes Motorengebrumm nähert sich dem Haus, wird stärker und stärker, es reißt alle aus ihrer Verschlafenheit, die Kinder schreien wild durcheinander, Franz fängt Gesprächsfetzen auf: «Hoffentlich keine Deutschen.» «Nein, amerikanische Bomber und Jäger.» «Oder englische», fügt eine Stimme hinzu. Dann donnern die mächtigen Flugzeuge über das Haus. Franz umklammert die Hand seines Vaters. «Das werden wohl die fliegenden Festungen der Amerikaner sein.» Der Bass seines Vaters beruhigt ihn für Augenblicke. Wieder blickt er verstohlen zu Rivka hinüber: Aus ihren Augen spricht nun Entsetzen, dasselbe, das er in sich spürt.
Das Motorengebrumm dauert schier endlos lang. Franz presst seinen Kopf an die Brust seiner Mutter, er möchte sich am liebsten verkriechen. Langsam verebbt der Lärm, Nachzügler fliegen über das Haus. Eine Weile Stille. In der beklommenen Stille erneutes Sirenengeheul: Endalarm. Die Familien rappeln sich auf. Herr und Frau Rosenzweig erheben sich mit Rivka, drücken Franz und seinen Eltern freundlich lächelnd die Hände, kaum hörbar wünscht Franz Rivka eine gute Nacht. Zurück im Kinderzimmer streichelt ihn die Mutter, bis er einschläft.
An einem der nächsten Mittwochnachmittage hat die Mutter die Kinder der Nachbarschaft eingeladen, seinen Geburtstag zu feiern. Franz bläst die acht Kerzen auf dem Geburtstagskuchen aus, den die Mutter gebacken hat. Unter johlendem Applaus überhäufen die Kinder ihn mit Geschenken: mit Zeichnungen, Selbstgebasteltem, Bilderbüchern zum Ausmalen – als Letzte nähert sich Rivka. Übergibt ihm mit strahlenden Augen ihr in buntes Papier eingewickeltes Geschenk. Franz öffnet es sofort. Ein Wunschtraum erfüllt sich: ein kleines weißes, metallenes Rennauto mit echten Gummireifen! Sein Herz schlägt schneller. Er fasst, nach kurzem Zögern, Rivkas Arm und drückt einen Kuss auf ihre Wange. Etwas Süß-Herbes bleibt auf seinen Lippen zurück, ein Duft wie von einem Apfel. Ringsum erstauntes Gekicher und Getuschel. Die Mutter schneidet den Kuchen in kleine Stücke und füllt die Gläser mit Limonade. Man isst, trinkt und plaudert. Bei den anschließenden Spielen fühlt sich Franz wie benommen. Das weiße Rennauto wird sein Lieblingsspielzeug.
Ostern fällt in die Frühlingsferien. Die Mutter hat Vorgarten und rückwärtigen Garten für den Ostermontag reserviert. Dort, unter Büschen, vorjährigem Laub, im Geräteschuppen versteckt sie Osterhasennester mit allerlei Leckereien und Süßigkeiten. «Rivka, hilfst du mir, die Osterhasennester suchen?» Franz überwindet seine Scheu, er hofft sehnlichst, dass sie «ja» sagen würde. «Ich weiß nicht, ob ich darf. Ich muss meine Mami fragen. Weißt du, wir feiern kein Ostern.» «Wieso nicht?» «Weißt du, wir sind Juden. Unser Ostern heißt ‹Pessach›.» Rivka erhält die Erlaubnis. Die Nest-Suche wird ein Fest für beide. Sie lachen, wenn sie wieder ein Nest entdeckt haben, tauschen Schokoladeeier und Bonbons, stecken sich gegenseitig die Schleckstengel in den Mund. Franz ist glücklich, ihm ist wohlig zumute. Eine Woche später, am Vorabend von Pessach, dem jüdischen Ostern, auf dem gemeinsamen Nachhauseweg von der Schule, fragt Rivka unvermittelt: «Franz, hilfst du mir heute Nachmittag, das Chomez suchen?» Franz hält an: wieder dieses starke Herzklopfen, diese jäh aufschießende Wärme. «Was heißt das: ‹Chomez›?» «Weißt du, wir dürfen an Pessach kein Brot essen und müssen alle Brot-, Kuchen- und Teigreste, die wir finden, bis auf die letzte Brosame, verbrennen.» «Aii!», entfährt es Franz, «und weshalb denn?» «Wegen der Kinder Israel.» «Was haben die angestellt?» «Die haben nichts angestellt. Sie wurden vertrieben.» «Von wem denn?» «Vom bösen König Pharao aus Ägypten. Der war so bös, dass er ihnen keine Zeit mehr ließ, ihr Brot fertig zu backen. Es blieb dünn und flach. Es heißt Matze.» Sie kennt Franz. Er wird mit dem Fragen nicht aufhören. Darum fügt sie hinzu: «Wir kaufen die Matze bei Heymann und essen sie eine Woche lang.» Sie hat sich geirrt. Franz ist mit dem Fragen noch lange nicht zu Ende. Hinter ihnen sind Befehle und das Aufschlagen von Soldatenstiefeln auf dem Pflaster zu hören. Die in einer Hälfte des Gotthelfschulhauses einquartierte Kompanie nimmt Aufstellung im Pausenhof. «Wo liegt Ägypten?», fragt Franz. «Weit, weit weg. Es gibt dort Pyramiden und einen Fluss, den Nil.» «So breit wie der Rhein?» «Viel breiter.» «Woher weißt du das alles? Bist du eines der Kinder Israel?» «Ja. Kommst du nun mit mir, das Chomez suchen?» «Ja, Rivka, ich komme.»
Was für ein Gaudi, diese Chomez-Suche! Franz ist sehr erregt. Zum ersten Mal lädt ihn Rivka zu sich nach Hause ein. Alle Schränke durchsuchen sie, das Buffet, den Besenschrank in der Küche, unter die Betten des Eltern- und Kinderschlafzimmers kriechen sie, Triumphgebrüll, wenn sie fündig werden, kleine Häufchen, ein Paket mit Brotresten. Wie Verschworene wechseln sie Blicke; auf ihren Knien kriechend berühren sie sich; Franz hält inne, streichelt sie dann und wann. Herr Rosenzweig sammelt ihre Chomez-Funde, deponiert sie im Spülbecken der Küche und verbrennt sie unter Murmeln von Sprüchen in einer fremden Sprache.
Nachts erscheint Franz im Traume der böse König Pharao, sein Gesicht, seine Hände flackern wie das Feuer zum 1. August auf dem Bruderholz. Was er berührt, fängt Feuer; er berührt Möbel, Bücher, Kleider, Betten. Unversehens ist Rivka da, er hascht nach ihr – da schreit Franz auf, schreit und schreit, er erwacht, schreit noch immer. Seine Mutter rennt herbei, nimmt dieses schreiende Bündel in ihre Arme. «Der böse König Pharao hat mit seinen brennenden Händen nach Rivka gegriffen. Nicht wahr, Mama, es geschieht ihr nichts. Weißt du, sie ist ein vertriebenes Kind Israel.» Die Mutter liebkost ihn, tröstet ihn. Drei Tage später teilt Rivka mit ihm in der Zehnuhrpause eine Scheibe Matze. «Dies ist das armselige, dünne, flache Brot, von dem ich dir erzählt habe.»
Immer häufiger sieht man nun Franz und Rivka Hand in Hand auf der Straße; wenn er sich unbeobachtet glaubt, küsst er sie gar auf Wange und Stirn. Einmal verschwinden sie hinter der Gartenmauer der Merian-Iselin-Klinik. Zutritt für Kinder strengstens verboten! Kaum hat der Gärtner sie erspäht (es dauert eine Weile), eilt er mit geballten Fäusten auf sie zu. Draußen werden sie von einer rasch zusammengelaufenen johlenden Meute von Mädchen und Buben empfangen: «Rivka Schätzli, Schmeichel-Kätzli!»
Zu Rivkas Geburtstag, im Herbst, hat Franz für ihre Puppenstube einen Tisch, zwei Stühle und eine winzige Vase aus Ton geknetet, alles hellblau bemalt: Ihre Augen leuchten, als sie das Geschenk auspackt. Als sie die Rollschuhe, das Geschenk ihrer Eltern, empfängt, umarmt sie ihre Mutter, weinend und schluchzend. Franz blickt sie erstaunt an. «Aus Freude hat sie geweint», erklärt ihm zu Hause seine Mutter. «Aus purer Freude.»
«Freude herrschte bei den Kindern Israel in Persien», erfährt Franz von Rivka, «denn sie wurden dank der Königin Esther und ihrem Onkel aus der Hand des bösen Haman gerettet.» Franz erschrickt. Schon wieder ein Bösewicht. «Morgen ist Purim. Ich werde als Königin Esther verkleidet sein und meine Freundin kommt mich als Kammerzofe besuchen.» Es ist kalt in diesem letzten Kriegswinter, Ende Februar. Die Erinnerung an das Bild, das sich Franz am nächsten Tag bietet: die geschminkte, gepuderte Rivka, in Samt und Schleier, mit goldenem Krönchen, seine über alles geliebte kleine Prinzessin, wird unvergesslich in ihm weiterleben.
An einem heißen Frühsommertag, fast zwei Monate nach Friedensschluss und kurz vor den großen Ferien, auf dem Nachhauseweg, eröffnet Rivka Franz, dass sie mit ihren Eltern nach Amerika auswandern werde, «zu unseren Verwandten in New York». Franz spürt, wie sein Atem stockt. Er bringt kein Wort hervor. Im Schutz des Hausflurs umarmt er sie, ringt nach Worten: «Wir gehören zusammen, Rivka. Wir sind füreinander da. Später werden wir heiraten. Das versprichst du mir, Rivka. Du wirst mir immer schreiben.» Sie verspricht es. Unter Tränen presst er sie an sich, küsst sie auf Stirn und Wangen. Ihre Lippen berühren sich.
Nach den großen Ferien, Franz verbrachte sie mit seinen Eltern in Kandersteg, war die Wohnung des Erdgeschosses geräumt. Die Leere griff auf ihn über. Kurze Zeit darauf erhielt er von Rivka eine Karte: Sie zeigte das KLM-Flugzeug, mit dem sie nach New York geflogen war. Er schrieb zurück, berichtete von seinen Ferien und wie sie ihm fehlte. Monate später antwortete sie, schilderte ihm ihr neues Leben, ihr Zuhause, ihren Alltag in der Schule. Er schrieb freudig zurück, beschwor sie, ihm treu zu bleiben. Monate vergingen, ohne Antwort, er schrieb ihr wieder, wartete, keine Antwort, wartete monatelang, keine Antwort. Seine Mutter versuchte, ihn oftmals zu trösten, er schüttelte stets abweisend den Kopf, verbiss sich den Schmerz, blieb untröstlich.
Die Jahre glitten dahin. Franz besuchte das Realgymnasium, machte eine Buchhändlerlehre bei Helbing und Lichtenhan, erwarb die Buchhandlung Philo an der Schifflände, schuf sie um zu einem Neuantiquariat. Mit Buchhändlerkollegen gründete er den «Orden der Glasperlenspieler», eine gemeinnützige Stiftung zur Unterstützung hilfsbedürftiger Buchhändler und Buchhändlerlehrlinge.
Dank seiner umgänglichen Art lernte Franz viele Frauen kennen, er blieb aber scheu; es war, als hinderte ihn sein Versprechen, das er Rivka gegeben hatte, tiefere oder länger dauernde Beziehungen einzugehen.
Eine in New York domizilierte Stiftung ähnlicher Art lud den «Orden der Glasperlenspieler» gegen Ende der Neunzigerjahre zu ihrer Jahresversammlung ein. Man wählte Franz als würdigen Vertreter des Ordens.
Ein sonniger, aber frischer Maivormittag. Franz hat sich vor seiner Rückreise zwei freie Tage gegönnt. Er schlendert, abseits der großen Straßen, durch Greenwich Village. Seine feine Nase wittert von weitem den Duft von Brötchen und Kaffee. Schnuppernd folgt er dem Duft bis zu «Baker's shop»: Die großen gol-
denen Lettern formen einen Halbkreis auf dem Fensterglas der Auslage, darunter in Schnörkelschrift: «Books and Cookies». In der Auslage nur Bücher, dem Erscheinungsbild nach antiqua-
rische. Neugierig betritt er den Laden. Statt des üblichen muffigen Geruchs: Duft-Schwaden von frischem Kaffee und Gebäck. Die Bücherregale in hellem Blau, die Bücher scheinen nach der Farbe ihrer Einbände geordnet. Mechanisch beginnt Franz, in den nächstliegenden Büchern zu blättern. Aufblickend bemerkt er im Hintergrund eine Kaffeebar: runde Tischchen, Polsterstühle – alles im lichtblauen Grundton. Seine Blicke begegnen denjenigen der Frau hinter der Bar. Helle braune Augen. «May I help you?» Sie will wissen, ob er etwas Besonderes suche. Nein, er wolle sich bloß umsehen, der feine Kaffee- und Brötchenduft habe ihn hergelockt. Er fährt fort, in den Büchern zu stöbern; in englischen, französischen, deutschen, abgegriffenen, stockfle-
ckigen und solchen, die den hohen Ansprüchen Bibliophiler genügen. Da fällt ihm ein schmaler Band auf, dessen Titelseite ein Holzschnitt ziert: «Pessach-Haggadáh / Erzählung von dem Auszuge Israels aus Ägypten». Er greift nach ihm: Rödelheimer-Ausgabe von 1938, Hebräisch und Deutsch mit zehn Bildern, gezeichnet nach alten Holzschnitten. Auf Seite acht liest er: «Seht, das armselige Brot, das unsere Väter im Lande Ägypten gegessen.» Franz lässt das Buch sinken. Bilder steigen in ihm auf: Er sieht Rivka und sich auf Chomez-Suche, ihr fröhliches Auf-dem-Boden-Umherkriechen, Rivkas Vater, der die Chomez-Reste verbrennt, die bildhübsche Königin Esther – was ist aus seiner kleinen Prinzessin geworden? Lebt sie hier in der Nähe? Unter welchem Namen? Würde sie sich an ihn erinnern? Ein Schwall von Bildern, Gefühlen – so klar wie vor über fünfzig Jahren – überschwemmt ihn. Er wischt sich die Augen, die Frau hinter der Kaffeebar sieht ihn besorgt an: «Fühlen Sie sich nicht wohl?» Sie kommt zu ihm, berührt seine Schulter. «Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?» Sie geleitet ihn zu einem der Tischchen. «Ich bin Joan Baker, Besitzerin dieses Ladens.» Auf einem Tablett serviert sie ihm Kaffee, Milch, Bagels und Croissants. Schenkt Franz und sich ein. Franz stellt sich vor, berichtet vom Zweck seiner Reise in die USA, von seinem Leben als Buchhändler in Basel, dann, stockend, holt er weiter aus, spricht von der ersten, unerfüllten Liebe seines Lebens, von der noch immer unvernarbten Wunde. Seine Hände zittern, Joan blickt ihn mit ihren warmen Augen lächelnd an, umfängt seine Hände mit den ihren, Wärme durchpulst ihn. Es wird ihm wohl wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Diese Wohligkeit vermischt sich mit einer uralten, neu erwachenden Sehnsucht. Joan erzählt von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter zweier fast erwachsener Kinder, von ihrem Freundeskreis, ihren Interessen, den Schwierigkeiten ihres Berufes. Sie möchte ihn wiedersehen. Sie verabreden sich für den kommenden Abend zu einem Diner im Boathouse Restaurant im Central Park. Tauschen ihre Visitenkarten aus, Franz nennt ihr sein Hotel am Central Park. Sie stehen auf. Wieder bei den Büchern, erhascht Franz den Titel eines Buches, das er schon seit Jahren vergeblich gesucht hat: Paul Ad. Brenners Lyrikband «Dein Abendbuch», erschienen 1959 im Artemis-Verlag, das ihn früher, trotz des spürbaren Gottfried-Benn-Sounds, ergriffen hat. Er möchte die beiden Bücher bezahlen. Joan wehrt ab. «Es ist mir eine Freude, sie Ihnen zu schenken. Auf morgen also.» Sie geleitet ihn zur Türe, winkt ihm, schickt ihm eine Kusshand nach, er winkt ihr zurück, sie blickt ihm lange nach.
Er fährt mit der Subway bis zum Central Park. Da er, wie schon öfters in den letzten Monaten, von einem Unwohlsein befallen wird, beschließt er, sich auf einer Bank am Ufer eines der Weiher auszuruhen. Er schreibt in die beiden Bücher sein «Ex libris»: seinen Namen, Ort und Datum des Kaufs, mit dem Zusatz: gekauft bei Joan Baker im «Baker's shop». Und darunter: «Amor perennis». Er blättert im «Abendbuch». Auf Seite 28 steckt ein Lesezeichen: Verse auf vergilbendem Papier, von der Hand eines Unbekannten, wie eine an ihn, Franz, gerichtete Botschaft:
«Vielleicht am Ende lädt ein Linnen
zur Einkehr in den brüchigen Bau
noch ehe Tag und Licht zerrinnen
des Stroms der Bäume Grün und Blau
eh Nachtgefahr und -fahrt beginnen –
vielleicht das Lächeln einer Frau»
Die Zeilen verschwimmen. Franz wird schläfrig, legt die beiden Bücher neben sich auf die Bank. Seine Benommenheit nimmt rasch zu. Aus Schläfrigkeit wird Schlaf, zuletzt tiefer, bewusstloser Schlaf. Tags darauf werden Passanten auf ihn aufmerksam, die Polizei wird alarmiert. Die herbeigerufene Ambulanz fährt Franz ins Lenox Hill Hospital in Manhattan. Die «Ex libris»-Notiz legt eine Spur zu Joan Baker. Man findet in seinem Hotelzimmer unter seinen Unterlagen letztwillige Verfügungen, «für den Fall, dass mir etwas zustößt». Joan wacht häufig an seinem Bett in der Notfallstation. Die beiden Bücher hat sie ihm auf den Nachttisch gelegt. Doch Franz erwacht nicht mehr aus seinem Koma. Nach sieben Tagen stirbt er. Joan hält seine Hand, seine langsam erkaltende Hand. Er wird auf dem Cypress Hills Cemetery in Brooklyn beigesetzt. Die beiden Bücher hat Joan in seinen Sarg gelegt.
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