entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 56:
..Alter

Ingrid Irle, *1929, studierte Sozialpädagogik, machte eine Zusatzausbildung und arbeitete im Bereich Familientherapie. Schreibt schon ihr ganzes Leben – vorwiegend Kurzgeschichten und Lyrik.
Gewinnerin des Wettbewerbes Ü70.


Ingrig Irle

Das rote Kleid

Das Päckchen hat im Briefkasten gesteckt. Ist so weich und leicht wie ein Puppenkissen. Die äußere Hülle, braunes Packpapier, die Ränder mehrfach umklebt, lassen sich leicht öffnen. Eine weitere Verpackung kommt zum Vorschein. Graues Papier, seltsam zerfasert, zerknittert, wie viele Male auseinander- und wieder zusammengefaltet. Darauf Buchstaben, wie unter einer weichen Schimmelschicht verborgen. Eine Schere ist nicht nötig.

Sie zupft an der Schmalseite, bohrt einen Zeigefinger in die Öffnung, und noch bevor Papier in grauen Krumen hervorbröselt, weiß sie, was im Päckchen ist.

Das Kleid. Das rote Kleid. Es hatte Regina gehört. Ihrer besten Freundin. Damals. Freundin und Kollegin. Die elegante Regina. Denn Regina hatte Stoffe. Vorkriegsware, flüstert sie, als sei der alte Zauber noch immer wirksam, nach all der Zeit. Gerettete Stoffe. Von Regina im letzten Moment aus dem Keller des elterlichen Geschäftes gerettet in jener Julinacht, bevor «alles in die Grütze ging», wie es Regina zusammenfasste, als Wohnung und Geschäft der Eltern, der Stadtteil ihrer Kindheit und schließlich ihre, unsere Stadt, unter Trümmern begraben worden waren.
Vor allem hatte Regina Frau Maus, die begnadete Schneiderin, die aus den Stoffen Wunder zauberte. Kleiderwunder. So auch das rote. Es hing zwischen vielen anderen am Bügel von einer Wäscheleine, die das kleine Zimmer halbierte. Einen Schrank gab es nicht. Dafür eine Matratze am Boden. Lange Abende hatten sie dort gelegen, der Zukunft, ihrer Zukunft entgegengeredet, entgegengeträumt, dem Leben, dem richtigen Leben.
Es fing ja gerade an. Sie hatten Glück gehabt. Es gab wieder eine Zeitung. Die erste in ihrer Stadt, und sie waren dabei. Man hatte sie beide genommen. Schreiben wollten sie. Das taten sie vorerst im Nachrichtendienst. Auf klapprigen Schreibmaschinen, unförmig wie Panzermodelle, und es waren fremde Texte. Auf Warteposition, sagte Regina, wart’s nur ab. Und durch ihre nächtlichen Zukunftsträume, durchwabert von Zigarettenrauch, hatte immer ein Schimmer des roten Kleides geleuchtet, ein unbestimmtes Versprechen.
Dann nahte das Fest. Das erste richtige ihres Lebens. Redaktionsfest in der feinen «Insel» an der Alster. Probier’s mal an, hatte Regina gesagt. Wenn es passe, dürfe sie es anziehen. Sie selbst würde in Schwarz gehen. Sie hatte den Bauch eingezogen. Es passte. Eine warme, rot schimmernde Seidenhaut hatte sich um ihren Körper gelegt, als sei es ihre eigene, ihre richtige Haut. So hatten sie sich aufgemacht, in Schwarz und Rot. Das Fest konnte beginnen.
Das Kleid an den Schultern haltend, tritt sie aus dem Dämmer ihres Schlafzimmers an den Spiegel, der sich mit einem Schlag mit rotem Leuchten füllt und mitten darin eine junge Frau, ihr Körper, ihr Gesicht, ihre Haare glühend, als stünde sie in Flammen.
So musste er sie gesehen haben, damals. Du Schöne, du Wunderschöne. Z., der Mann, über den so viele Geschichten erzählt wurden, Auslandskorrespondent, war hier aufgetaucht. Wahrhaftig aus dem verschwimmenden Gewoge von dunkel gekleideten Männern vor ihren staunenden Augen aufgetaucht. Und angesehen hatte er sie, nur sie, während sie tanzten, immer wieder und noch lange danach mit diesen lachenden, staunenden Augen, als sei ihm eine Sternschnuppe vor die Füße gefallen.
Behutsam legt sie das Kleid auf ihr Bett, die langen schmalen Ärmel dicht an die Hüften, als sei es ein lebendiges Wesen und brauche nun Ruhe. Endlich Ruhe.
Streicht sacht über die lange Reihe der Knöpfe, kirschkerndicke Seidenkugeln. Vierundzwanzig Stück, ihre Finger wissen es noch, vom Brustansatz bis über den Bauchnabel. Eine lange Strecke.
Köstlich langsam hatten die sanften Hände Kirschkern um Kirschkern aus den glänzenden Schlingen gelöst. Und nicht einen Herzschlag lang hatte sie an Reginas War-
nung gedacht. Dass du mir bloß keinen Knopf verlierst. Dann ist das Kleid hin.
Es war nicht hin. Doch noch einmal, nur ein einziges Mal noch, hatte sie es nicht tragen dürfen. Wie sie gebeten, gebettelt hatte. Und Regina hatte auf Reinigung bestanden. Das war auch neu. Du tust ja, als hätte ich mich auf dem Asphalt gewälzt, hatte sie gemault. Die Freundin hatte die Augenbrauen in die Stirn gehoben und bitte schnell gesagt, ich brauche mein Kleid. Wie deutlich sie sich die vielen Stufen in dem schummrigen Treppenhaus hochsteigen sieht. Colonnaden 36, dritter Stock. Spezielle Reinigung für feine Garderobe, Berta Pippig. Die Türe mit dem Kleid in der linken Hand, die andere über den Treppenläufer schiebend, immer langsamer, voller Befürchtung, Frau Pippig werde gleich, bei gründlicher Prüfung, beim Um- und Umwenden und Auf-Links-Ziehen etwas finden, einen Finger darauf stoßen und hm murmeln, das, das wird schwierig. Schwierig bedeutete teuer. Höchste Zeit, hatte Regina dann nur gesagt. Muss mich schnell umziehen. Hatte ihr das Kleiderpaket abgenommen und sie nicht hineingebeten.
Als sie das letzte Mal über das Kleid streicht, fühlt sie etwas Hartes. Unter dem Halsausschnitt, von einer rostigen Drahtklammer gehalten, verbirgt sich ein verkrumpeltes Stückchen Stoff, ein Bändchen, fast verblasst. Sie liest. Sie liest ihren Namen. Als sie loslässt, rollt sich das Bändchen nur schwach wieder auf. Eine kleine, müde Schlange, die ihr trauriges Geheimnis verloren hat.
Aber die Abende, die langen Abende später. Wie Regina das ausgehalten hatte. Ihr endloses Schluchzen, ihr wildes Heulen, ihre wimmernden Fragen. Hatte still wieder und wieder ein Taschentuch, eine Zigarette, ein Taschentuch gereicht, ein Na-Na gemurmelt, nacheinander und manchmal gleichzeitig. Doch eines Abends war das vorbei. Sie hatte sich aufgerichtet.
Jetzt weiß ich. Er war jede Träne wert. Jede einzelne. So eine Liebe! Wie berauscht hatte sie sich gefühlt, wunderbar leicht, so tränenlos, endlich. Liebe? Lachhaft. Das war das Kleid. Nur das Kleid. Mein Kleid. Sonst nichts. Regina hatte wirklich gelacht.
Im Zimmer ist es dunkel geworden. Sie steht vom Bett auf, macht Licht. Ein kleiner, weißer Zettel liegt am Boden. Sie bückt sich. Ich mache Ordnung. Gruß, Regina.


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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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