entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 55
..Wetter

Emil Zopfi, *1943, lebt in Obstalden/GL. Schreibt Romane, Sachbücher, Kinderbücher, Hörspiele, Reportagen. Mehrere Preise und Auszeichnungen, u.a. Stadt und Kanton Zürich, Schillerstiftung, Kulturpreis Kanton Glarus, Nomination Glauser Krimipreis 2008.

Emil Zopfi

Züriputschwetter

Es war die Nacht vom 5. auf den 6. September 1839. Bauern, Knechte, Fabrikler, Heimarbeiter und Handwerker aus dem Zürcher Oberland marschierten in einem gespenstischen Zug gegen die Stadt. Viertausend Mann mit Flinten, Stöcken, Dreschflegeln, Heugabeln auf den Schultern. Fackeln spendeten spärliches Licht, Laternen irrten wie Glühwürmer durch die Dunkelheit. Der Mond stand als schmale Sichel über dem Pfannenstiel, als sei auch er eine Waffe im «heiligen Kampf».
Ein Tag brach an, der in die Geschichte als «Züriputsch» eingegangen ist, religiös-konservative Kräfte stürzten die liberale Regierung nach einem kurzen Kampf im Zentrum der Stadt. Vierzehn Putschisten wurden getötet, auf der Gegenseite fiel der liberale Regierungsrat Johannes Hegetschweiler einem Schrotschuss zum Opfer. Am Abend dieses Septembertages feierten die Aufständischen in der Stadt ihren Sieg bei Wein, Brot und dem Fleisch von zwei Ochsen, das über Feuern im Freien in grossen Kesseln kochte.
Es gibt mehrere Berichte über den 6. Sep tember 1839, die von verschiedenen Seiten ein Licht auf die dramatischen und manchmal auch komischen Ereignisse jenes Tages werfen. Doch kein Dokument klärt die Frage, die für den Verfasser eines historischen Romans nicht unwichtig ist: Wie war das Wetter? Hat es geregnet oder riss der Föhn die ersten Laubblätter von der Linde am Paradeplatz, wo die letzten Kämpfe tobten? Marschierten die Putschisten im Vollmondlicht vom Zürcher Oberland her zur Stadt oder war der Himmel von Wolken verhangen? In meinem Roman «Schrot und Eis» (Limmat Verlag, Zürich 2006) wollte ich nicht nur die Menschen und Ereignisse möglichst der Wirklichkeit entsprechend gestalten, auch das Wetter sollte stimmen.
Wetter kann die Weltgeschichte verändern. Armeen sind in Winterstürmen erfroren oder im Schlamm heftiger Regenfälle stecken geblieben, politische Flüchtlinge haben sich im Nebel verirrt. Der «heisse Sommer» 1968 war auch klimatisch heiss. Jener Samstagabend, als Zürichs Jugend sich vor dem Globus-Provisorium bei der Bahnhofbrücke mit der Polizei prügelte, war gewitterhaft schwül. Ich habe diesen «Mini-Züriputsch» selber miterlebt, die Hitze schien die Kampfeslust auf beiden Seiten zu steigern. Man schwitzte und erhitzte sich und trank Bier. Die Polizei spritzte aus Feuerwehrschläuchen in die Menge, versuchte, die aufgebrachten Gemüter mit künstlichem Regen zu kühlen. Ich kann mir vorstellen, dass Revolutionen scheiterten, weil im historisch richtigen Moment gerade ein Gewitter niederging, Bäche über die Ufer traten oder Schneeverwehungen den Verkehr lahmlegten.
Deshalb war für mich als literarischen Chronisten das Wetter an jenem 6. September wichtig. Ich vermutete, es sei schön gewesen, zumindest habe es nicht geregnet, sonst wären vielleicht nicht viertausend, sondern nur tausend Aufständische auf die Stadt marschiert, die Kantonstruppen, die die Regierung schützten, hätten die Oberhand behalten, eines der dunkelsten Kapitel der neueren Geschichte wäre Zürich erspart geblieben. Wäre es kalt gewesen und stürmisch, hätten die ärmlich gekleideten Oberländer zum Frühstück in der «Linde» in Oberstrass Kaffee getrunken, statt Bier, und ohne Alkohol im Blut vielleicht nicht den Mut aufgebracht, auf die Truppen der Obrigkeit zu schiessen.
Vier Tage zuvor, bei einer grossen Volksversammlung in Kloten, kippte die Stimmung beinahe schon. Tausende hatten sich versammelt, bereit zum Aufstand, die Putschführer hetzten gegen die Regierung – doch es fiel ausdauernder Regen. Durchnässt und frierend machten sich die Männer auf den Heimweg oder verhockten in den warmen Gasthäusern der Gegend. Dieser Regentag ist in historischen Texten dokumentiert, über das Wetter am 6. September schweigen sich seltsamerweise alle Dokumente und Berichte aus.
Meteo Schweiz konnte mir auch nicht weiterhelfen, die Meteorologen verfügen erst ab etwa 1860 über systematische Aufzeichnungen. Sollte ich mich also auf meine Intuition verlassen? Bei jedem historischen Ereignis gibt es Lücken, wichtige Fakten sind für immer verloren oder in Archiven unter Papierbergen begraben. Beim Durchforsten einer Archivschachtel auf der Suche nach etwas ganz anderem, kam mir eine Zeitschrift in die Hände: «Die Witterung, ein Monatsblatt zur Unterhaltung und Belehrung von Schule und Volk», herausgegeben von einem D. J. C. Segesser in Luzern. Akribisch berichtete dieser Segesser Tag für Tag über Wetter und Mondstand, erklärte astronomische Phänomene und verglich das lokale Wetter mit jenem in andern Ländern, dazu lieferte er auch ein kurzes «Prognostikon» für den kommenden Monat. Das Blättchen war ein historischer Vorläufer des ausufernden Wetter-Infotainments in den heutigen Medien. Offenbar war das Interesse an «Unterhaltung und Belehrung» durch das Thema Wetter damals noch nicht gross, vielleicht auch der Preis des Jahresabonnements von 1 Fr. 5 Btz. zu hoch. «Die Witterung» erschien nur während anderthalb Jahren, aber der 6. September 1839 ist dokumentiert, ein Glücksfall: Nach stürmischen und regnerischen Tagen klarte es auf, der Mond stand kurz vor Neumond. Und so konnte ich meine Zürcher Oberländer Putschisten im Roman durch eine warme Nacht marschieren lassen unter einem Mond, der wie eine scharfe Sichel im schwarzen
Himmel hing. Der Tag würde «heiter und heiss» werden, wie D. J. C. Segesser protokollierte, wie gemacht also für eine kleine Revolution.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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