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Sabine Reber, *1970 in Bern. Lebt als freischaffende Schriftstellerin und Gartenpublizistin auf dem Tessenberg, schreibt Lyrik, Erzählungen, Romane und Gartenbücher. Sie ist für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet worden.
Sabine Reber
Der Absatz
Das Paradies lag in Mesopotamien, und auch Babylon war im Paradies eingetragen. Hedwig rutschte unter dem Antiquitätenhändler hervor, der auf ihrem Bauch eingedöst war, und besah sich den alten Druck mit den von wackliger Hand gemalten, dicken Linien genauer: Tatsächlich war das Paradies auf der alten Karte wie ein weiteres irdisches Land eingezeichnet. Über dem Wort «Babylon» tanzten Adam und Eva, umringten mit ihren hoffnungsfroh ausgestreckten Armen einen Baum, geschwind, geschwind und immer im Kreis herum, hoch flogen die Haare von Eva, und Hedwig wurde schwindlig, wie sie sich den paradiesischen Ringelreigen vergegenwärtigte. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Apfelbaum, dachte Hedwig, konnte aber keine Früchte erkennen. Sie versuchte, sich an einen Traum zu erinnern, den sie in der Nacht zuvor gehabt hatte und in dem ein Baum vorgekommen war. Ihre Gedanken fühlten sich wattig an, sie schweiften hierhin und dahin, schlossen sich dem Ringelreigen an und tanzten bald wieder aus der Reihe, und Hedwig liess sie gewähren. Ihr Kopf sank in das Daunenkissen, sie genoss die Ruhe nach dem Sturm. Als der Antiquitätenhändler, der neben ihr döste, zu frösteln begann, zog sie die Tagesdecke über seine Lenden, die im Gegenlicht unverschämt bleich leuchteten. Sie wollte das wohlige Wattegefühl nicht vertreiben, dennoch strengte sie sich an, um den Baum aus ihrem nächtlichen Traum in der Erinnerung noch einmal zu sehen. Hatte er Früchte getragen?
Der Antiquitätenhändler war unter der Decke eingeschlafen, seine Lippen öffneten sich mit einem leise schmatzenden Geräusch. Hedwig liess ihren Blick den Bücherregalen entlangschweifen, ihre Augen kehrten zur alten Karte zurück, sie konnte den Traum nun deutlicher sehen. Es war zweifellos die Rosskastanie vor dem Haus ihrer Eltern, die in ihrem Traum geblüht hatte. Über Nacht war ihr Stamm dick geworden wie der Stamm eines Baobabs. Der Kastanienbaum wuchs so hoch, dass Hedwig einen Feldstecher holen musste, um zu sehen, ob er über den Wolken blühte. Eigenartigerweise sah sie durch die Wolkendecke hindurch, sobald sie sich das Fernglas vors Gesicht hielt, es war, als brannten ihre Augen zwei Gucklöcher durch die pulverisierte Feuchtigkeit. Im Himmel erspähte sie die weissen Kerzenblüten der Kastanie – abertausenden von gefrorenen Tränen gleich, die in der Luft verharrten. Sie waren aus Milchglas gefertigt und in massive goldene Armleuchter gefasst, unter deren Gewicht sich die Äste bogen. Hedwig fürchtete, der Baum stürze beim nächsten Sturm um, ein milchigweisser Scherbenregen ergiesse sich über die Welt. Sie rief um Hilfe. Daraufhin erschien ihr Vater im Traum. Er sah genau- so aus wie damals, als sie noch alle unter einem Dach gewohnt hatten, er war kein einziges Jahr älter geworden, und die Krankheit hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Es ist gut, sagte er, es ist alles in Ordnung. Lachend fügte er an, wenn der Kastanienbaum so gross geworden sei, dann werde er auch das Wetter und die Jahre überleben. Und in Hedwigs Traum blieb die Zeit stehen. Der Baum wuchs weiter, seine Äste bogen sich unter dem Gewicht der Blüten auf die Erde hinab. Hedwig wachte auf, als das schwer behangene Geäst so tief hing, dass das Haus darunter verschwand.
Ob der Erinnerung an den Traum musste Hedwig eingedöst sein. Der Antiquitätenhändler fuhr ihr sanft über den Arm, küsste ihre Stirn, strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und flüsterte, nun werde alles gut. Hedwig schlug die Augen auf, als käme sie von weit her, sie murmelte etwas vom Paradies, das in Mesopotamien lag, und wo die Bäume in den Himmel wüchsen und Blüten aus Milchglas trügen.
Der Antiquitätenhändler lächelte, er begriff, dass sie auf die Landkarte anspielte, die er gegenüber dem Bett an die Wand gehängt hatte – es war ein Druck aus dem 18. Jahrhundert, nicht sehr wertvoll, aber er mochte ihn, weil die Farben so schön unregelmässig verblasst waren –; jemand musste den Bogen lange Zeit in einem Stapel von Bildbänden aufbewahrt haben, so dass nur die Ränder herausgeragt hatten und vom Tageslicht abgeschossen waren, und nun sah es aus, als umschlösse ein heller Rahmen das Herz der Karte. Hedwig erzählte ihm vom Gewicht der gefrorenen Tränen. Er stand auf und zog eine verbeulte Schachtel aus der Schublade, zupfte zerknüllte Zeitungen heraus, und zeigt ihr einen Armleuchter, der mit milchigen Glaskristallen behängt war. Sie sahen genauso aus wie die Blüten in Hedwigs Traum, Hedwig nickte.
Seit ihr Daddy gestorben war, träumte sie von gefrorenen Tränen. Das Haus musste verkauft werden, und die Rosskastanie würde fortan für eine andere Familie blühen, deren Kinder im Sommer im Schatten ihrer Äste lagen und im Herbst aus den Kastanien Tiere bastelten. Ihr selbst blieb nichts anderes, als mit ihrer Mappe von Stadt zu Stadt zu ziehen – seit Daddy tot war, lebte sie in ihren Bildern, in ihren Träumen.
«Ich glaube nicht an Vorhersehung», sagte der Antiquitätenhändler, «aber eines weiss ich sicher, du bist mir nicht zufällig über den Weg gelaufen.»
Sie liebten sich noch einmal, nun langsamer, erkundeten jedes Detail, jede Nische und jede Erhebung des anderen, alles war neu und aufregend, ihre Hände wanderten, ihre Fingerkuppen tasteten, sie nahmen sich Zeit. Alles geschah wie noch niemals zuvor, und vollkommen unschuldig, ihre Empfindungen waren von einer fast schmerzhaften Reinheit. Und doch kam es ihnen vor, als würden sich ihre Körper schon ewig kennen. Sie sprachen nichts, es fehlten ihnen die Worte für ihren Zustand, ihre Zungen jedoch, ihre Hände, ihre Geschlechter fanden von selber zueinander. Dabei waren noch keine drei Stunden vergangen, seit Hedwig dem Antiquitätenhändler in der Postgasse begegnet war. Er hatte soeben seinen Laden geschlossen und war auf die Gasse getreten, als er den Absatz brechen hörte. Es war ein Knacken, das sich eigenartig trocken aus dem lärmenden Getrommel des Regens hob. Er drehte sich um und sah Hedwig wie versteinert dastehen, mit ihrem Schuh in der einen und dem Absatz in der anderen Hand, eine Prinzessin, die aus ihrem Märchen gefallen und in die Realität gepurzelt war. Der Leim, der den Absatz mit der Schuhferse verband, musste sich in dem Platzregen aufgeweicht haben. Der Antiquitätenhändler kannte sich aus mit Leim und Schuhwichse, er hatte mehrere Schubladen voller derartiger Utensilien, die er gebrauchte, um seine Antiquitäten aufzumöbeln.
Mit ihrem abgebrochenen Absatz in der Hand stand Hedwig im Regen, völlig verdutzt über das, was ihr widerfahren war. Sie dachte nicht einmal daran, sich in den Schutz der Laube zu begeben und sich auf die Steinbank zu setzen, die dort vor einem Kellereingang auf sie wartete. Nein, sie stand einfach da, als wäre sie in dem Augenblick, als der Absatz brach, versteinert – ein Zauber war über sie gekommen, und nun harrte sie reglos auf ihren Retter. Die Jacke trug sie über dem Arm – es kam ihr nicht in den Sinn, sie schützend über den Kopf zu ziehen, der Jupe klebte ihr an den Beinen, von ihrer Bluse tropfte das Wasser, der BH zeichnete sich unter der weissen Seide ab, ein schlichtes Modell, Grösse 75C, schätzte er, und schämte sich augenblicklich dafür, ihr auf den Busen geschaut zu haben. Das Wasser rann ihr aus den Haaren, von ihren Beinen, ihre zierlichen Füsse standen alsbald in einer Pfütze, obwohl auch ringsherum nun alles Wasser war, der Himmel schien sich zu entleeren in dem Moment, als sie auf die Bühne seines Lebens trat, eine Wassernixe, eine Undine gar? Ohne weiter zu überlegen, bückte er sich, zog seine Turnschuhe aus, sie waren viel zu gross.
«38?», fragte er. Die zarten Schuhe mit Messingschnallen auf dem Rist gingen ihm durch den Kopf, die aus dem vorletzten Jahrhundert stammten, und die er kürzlich auf einer Auktion ersteigert hatte, ohne zu wissen, was er damit anfangen wollte.
«Morgen habe ich einen wichtigen Termin bei einer Galerie», sagte Hedwig, nun aus ihrer Erstarrung erwacht, und nestelte eine feuchte Zigarette aus der Jackentasche. Er gab ihr Feuer, die Zigarette qualmte, sie warf sie in den Rinnstein.
«Ich komme aus den Fluten», sagte sie theatralisch, «und spiele mit den Flammen.»
Der Antiquitätenhändler sah sie fragend an.
«Ich arbeite mit den Elementen. Ich öffne alle Schleusen, ich rufe den Sturm, der Platzregen ist mein, und du bist auch mein.»
Sie warf ihm ein so freches Lachen zu, dass er sich verschluckte.
«Leim», brachte er hustend hervor, «komm mit.»
«Ich bin der Sturm und das Meer und die Liebe», deklamierte sie, und der Regen tropfte ihr sogar aus den Augen, er war sich nicht sicher, ob sie weinte.
«Ich bin das Wetter und die Welle und der Tod», fuhr sie fort, und alles an ihr rann und drippelte und tropfte.
«Nein, den Tod bringen wir hier nicht ins Spiel», sagte er.
«Ich bin der Sturm und das Meer und die Liebe!», improvisierte sie.
«Mein ist die Erlabung und mein ist das Ertrinken», fuhr er fort, mit unsicherer Stimme improvisierend.
«Ich komme aus dem See und führe ins Verderben.»
«Undine, ich kenne dich!»
Er lachte: «Du verzehrst dich nach dem Einen und treibst es mit jedem.»In dem Moment wollte er sie beschützen, er wollte sie an sich pressen und ihr die Regentropfen vom Gesicht lecken, er wollte sie besitzen und ihren ganzen Körper mit Küssen bedecken und sie nie mehr hergeben. «Nicht mit jedem», protestierte sie, und fasste nach seiner Hand, «heute gehöre ich ganz dir.»
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