entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 54
..Trick

Urs Faes, *1947, Dr. phil., lebt als Schriftsteller in Zürich. Schreibt Romane und Erzählungen. Zuletzt erschienen: «Und Ruth», 2001, «Als hätte die Stille Türen», 2005, «Liebesarchiv», 2007, alle Suhrkamp Verlag, Frankfurt.
«Liebesarchiv» wurde eben mit dem Preis der Schweizerischen Schiller stiftung ausgezeichnet.

Urs Faes

Programm Finta

Er war wieder einmal viel zu früh da. Zu früh erwacht. Zu früh gefahren. Gewiss hatte er alles überschauen wollen, den weißen Baumwollvorhang, der die Türöffnung ausfüllte, die Distanz der Stühle, den Wasserkrug, die Ta-schentücher, die Stichworte.
Er wartete.
Er hatte sich Fragen notiert, aber auch Bemerkungen, die er keineswegs machen wollte.
Dr. Penk hatte ihm in der Chirurgie den Operationsbericht besorgt und ins Fach gelegt, mit der Bitte um diskrete Behandlung.
Er schob den Bericht zur Seite.
Stimmproben hatte er zuhause durchgeführt. Es war ihm schon immer leicht gefallen, seiner Stimme einen dunklen Klang zu geben, eine Färbung in Moll, mit einem leicht näselnden Beiklang. Mit zunehmendem Alter war seine Stimme dunkler geworden, ein wenig brüchig, rauchig. Vielleicht wäre sie gar nicht mehr so leicht zu erkennen?
Die brüchige Stimme ist der letzte Stimmbruch, hatte Dr. Laumer vor einigen Tagen gespottet, der Anfang des Schweigens, in das wir fallen, die große Stille. Und dann hatte er über die Stille gesprochen, den Leerraum, den es auszuhalten gelte, gerade auch im Patientengespräch. Silence, all I want is silence, Stillleben.
Er schüttelte den Kopf.
Rasch sprach er ein paar Sätze vor sich hin, sie sollte ihn nicht gleich erkennen, das hoffte er, falls sie nicht schon längst wusste, wer er war. Er mochte das, Begegnungen, die Schlingen und Schlaufen im Gespräch, die Verzögerungen und Beschleunigungen, Lakonie und Leerzeilen. Sie mochte das auch, da war er sich sicher, sie liebte die langen Wege, die Verlangsamungen, das Zaudern manchmal, die Ziffern und Zeichen, die Finten und Fakten, die Fährten und Fallen, die Pausen, die belebte Stille. Würde sie sich zu erkennen geben oder zu ihm sprechen wie zu einem Fremden: die Patientin Eva Mohn?
Was wünschte er sich, was fürchtete er?
Es war weit nach Mitternacht gewesen, als er unter den eingegangenen Meldungen der Spitalmailbox ihre kurze Botschaft gelesen hatte. «Ich würde gern von dem Angebot Gebrauch machen und in einem Gespräch, das offen sein kann durch Distanz, die Situation erörtern. So vieles erscheint trotz all der Diagnosen ungewiss, und auch diese Ängste, sie sind nicht zu leugnen. Eva Mohn.»
Er war ruhig geblieben; gern hätte er das Wort gelassen gebraucht. Aber das gestand er sich nicht zu. Sie würde da sein, er könnte ihre Stimme hören.
Er kannte Eva Mohn.
Damals, als sie beide noch jung gewesen waren, hatte er sich in einem romantischen Anflug vorgestellt, dass sie sich einmal, in späten Jahren, wieder begegnen und einander erzählen würden, wie sie gelebt hatten. Er hatte sich ausgemalt, wo sie sich treffen würden; in einer fernen Stadt, hatte er gehofft, auf den Ramblas oder auf der Fifth Avenue, am Ufer eines Flusses oder in einer weiten Ebene mit hohen Gräsern: Sie würden sich wiederbegegnen und reden, irgendwo. Er hatte nie an ein Heim gedacht. Nie ans Spital. Dabei war nichts wahrscheinlicher als das: das Heim, das Spital, das Grab. So war es nicht weiter überraschend, dass ihre Begegnung nicht auf der Spanischen Treppe geschehen war, sondern in der radioonkologischen Abteilung eines Spitals.
Brauchten sie deshalb das Baumwolltuch im Türrahmen? Das verdeckte Gespräch? Die Finta? Die andere Sprache, die Kniffe und Knoten, die Schlaufen und Schlingen?
Die kleinen Tarnungen?
Warum hatten sie sich immer wieder getroffen, sich getrennt? Warum waren sie sich oft nahe gewesen und hatten doch nie eine Nähe leben können? Hatte sie das je begriffen? Oder darunter gelitten?
Haben wir darunter gelitten? Beide?
Er hörte Schritte im Korridor, er hatte gefürchtet, Dr. Laumer würde früh da sein, bei ihm hereinschauen und ihn mit Fragen quälen. Dr. Laumer war informiert.
Dr. Laumer schaute ihn an, schwieg einen Augenblick.
Bereiten Sie die Patientin auf mögliche Risiken vor, sie scheinen, in diesem Fall, keineswegs ausgeschlossen. Leider.
Er nickte wieder. Er wusste, wenn Dr. Laumer ein Leider anfügte, stand in einer Krankengeschichte noch einiges an.
Nicht gerade einfach, was?
Dr. Laumer trat näher an seinen Schreibtisch heran.
Ein Rendez-vous ist immer schwierig, das erste besonders, das letzte auch.
Das ist kein Rendez-vous, und das erste wäre es auch nicht, zudem –
Er verhaspelte sich.
Dr. Laumer zögerte.
Nun, seien Sie nicht gleich beleidigt, Sie machen eine wichtige Arbeit.
Dr. Laumer stand schon im Korridor, er drehte sich nochmals um.
Wir zählen auf Sie, in diesem Fall besonders, zeigen Sie, was Ihre Gesprächstherapie taugt, helfen Sie die Psychoonkologie zu etablieren.
Er nickte.
Dr. Laumer forderte ihn wieder einmal auf, seine Stellung zu legitimieren. Er ließ sich durch Laumers Sätze nicht mehr einschüchtern und schon gar nicht in hektische Vorbereitungen treiben, die auf möglichst alle Eventualitäten eine Antwort wussten.
Er hatte vorgekehrt, was möglich war: Programm Finta, die abgeschirmte Gesprächssituation, die Fragen, das Wasserglas, die Taschentücher.
Er hörte Schritte im Nebenraum, dann die Tür, die geschlossen wurde; die Stimme der Krankenschwester, die den Platz anwies, sich entfernte; er gewahrte, wie der Luftzug den Vorhang leicht bauschte.
Er legte die Hände flach auf den Tisch, räusperte sich.
Wie geht es Ihnen?
Sie kennen mein Dossier, nehme ich an.
Die medizinischen Fakten sind das eine –
Halten wir uns an die Fakten.
Sie enthalten nicht alles, sie beschreiben das naturwissenschaftlich Messbare, also das Technische –
Sie hüstelte.
Das allein zählt, die Zuverlässigkeit der Maschinen, die Präzision der Strahlen oder allenfalls das Messer des Chirurgen. Und wenn das alles nicht hilft, bleibt immer noch die Chemie.
Das aufrührerisch Trotzige in ihrer Stimme überraschte ihn; es passte gar nicht zum Ton, den sie in den Blog-Zeilen angeschlagen hatte.
Hatte sie ihn schon längst durchschaut und ärgerte sich nun doch über die Distanz, die medizinische Sprache?
Seine Hände umklammerten den Notizblock, die Zeilen verschwammen vor seinen Augen.
Sollte er aufstehen, den Vorhang beiseite schlagen und sie beim Namen nennen? Wie würde sie reagieren, wenn sie sich unvermittelt gegenüberstünden?
Warum hatte er ihr das Gespräch in getrennten Räumen angeboten? Gewiss hatte er das schon öfter vorgeschlagen, bei Frauen fast immer. So sahen es die Richtlinien vor; Programm Finta entsprach, so sagte er zu Dr. Laumer, Freuds Arrangement der abgewandten Blicke, eine Hilfe für beide. Immer mal wieder hatte eine Patientin das gewünscht. Die meisten Patienten zogen es vor, ihm gegenüberzusitzen, ihm in die Augen schauen zu können.
Sie hatte die Distanz gewählt. Er war froh darüber. Wollte sie gar keinen Rat, sondern ihn zur Rede stellen, endlich?
Er zuckte leicht.
Unser Gespräch, sagte er in die Stille, soll eben gerade über die medizinischen Fragen hinausführen und in jene Bereiche reichen, die auf dem Computertomogramm nicht erscheinen –
Kein Räuspern war zu hören, nicht mal ein Seufzen oder Atemholen.
Was hatte ihr Schweigen zu bedeuten?
Manchmal ist es bloß ein kleines Unbehagen, im Beruf, im Alltag, das zu einer Reaktion des Körpers führt, zu einer Krankheit –
Was wissen Sie schon von Krankheit?
Auch wenn der Satz wie ein Aufschrei klang, war er erleichtert. Sie hatte das Schweigen gebrochen.
Was geht Sie meine Vergangenheit, mein Leben an?
Nichts, sagte er, gar nichts. Nicht mir, nur sich selbst müssen Sie das erzählen, ich bin nicht mal Ihr Spiegel; nichts verbindet uns, alles trennt uns, auch dieser Vorhang.
Er näherte sich der Türöffnung. Er konnte sie nicht wahrnehmen, nicht mal die Umrisse ihrer Gestalt. Saß sie in diesem Sessel oder stand sie am Fenster?
Sollen wir uns nicht in die Augen sehen, uns einander gegenübersetzen?
Auf keinen Fall.
Ihre Antwort kam auch diesmal rasch und drückte Entschlossenheit aus.
Und warum?
Eine Maske bleibt immer, wir wissen nicht einmal, ob es die erste oder zweite ist, und ob irgendwo dahinter unser Gesicht sich noch findet.
Und welche Maske tragen Sie jetzt?
Sie zögerte.
Die der Kranken, der Verzweifelten, der Todgeweihten vielleicht.
Und wie wäre es mit einer andern?
Welche schlagen Sie vor?
Wählen Sie selbst: Patientin, Künstlerin? Musikerin? Das Welttheater kennt viele Kostüme.
Aus dem Garten waren Stimmen zu hören.
Wie kommen Sie auf Musikerin?
Sie haben von der Musik gesprochen.
Wirklich? Aber das bringt uns nicht weiter.
Uns?
Er erschrak, kaum hatte er das Wort ausgesprochen.
Ein großer schwarzer Käfer kroch langsam über das Tuch in der Türöffnung, das im Sonnenlicht durchlässig schien, ein fein gewirktes Gewebe. Sie musste den Käfer als Schattenbild wahrnehmen, überlegte er und fand das sonderbar. Einen Augenblick dachte er daran, den Käfer herunterzuschlagen und zu zertreten. Der Käfer blieb jetzt in der Mitte des Vorhangs, verharrte auf halber Höhe, unbeweglich, als hätte er die drohende Gefahr erkannt und suchte nach Fluchtwegen; sein Körper schimmerte in mattem Grün, schien hart wie ein Panzer.
Dann krabbelte er quer über den Vorhang, als wollte er entkommen, wechselte die Richtung, abrupt nach oben, hielt still, krabbelte wieder los, hektisch, in die andere Richtung, steil nach unten, erdwärts, verharrte, unschlüssig, träge, zaudernd.
Finten, dachte er, Käferfinten.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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