entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 53
..Zürich

Martin Hagemeier, *1967 in Westfalen, Deutschland. Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und der Semiotik. Lebt in Berlin.

Martin Hagemeier

Steinchen

Du pickst den schwarzen Kristall aus dem Schuh, klemmst ihn zwischen Daumen und Zeigefinger ein und starrst ihn an: Seine Kanten und Ecken sind scharf. Das harte kleine Ding fügt dir Schmerzen zu, sobald du den Druck deiner Finger nur ein wenig erhöhst, so wie es dir Schmerzen zugefügt hat, als es sich noch in deine Fußsohle bohrte. Unmöglich, die Stiche, die sich mit jedem Schritt erneuern, zu ertragen. Trotz der knappen Zeit blieb dir keine Wahl, als stehenzubleiben, den Schuh abzuziehen und den Kristall zu entfernen.
Es ist ein Steinchen aus der Fabrik, eines von Millionen, die die Stadtreinigung mit ihren orangen Fahrzeugen auf die eisglatten Kunststeinplatten der Bürgersteige streuen ließ, um sie begehbar zu machen. Aber was lässt du dich von dem Fitzel hypnotisieren, es ist doch nur ein Steinchen, starr es nicht an, schau nach vorn, beeil dich, der Zug wartet nicht auf dich. Du schleuderst das Steinchen von dir und greifst nach der Schlaufe deines Rollenkoffers.
Es ist nicht mehr allzu weit: Du bist längst auf der Bahnhofstraße, die schnurstracks zum Hauptbahnhof mit seinen zwei Bahnsteigen und vier Gleisen führt. Zu deiner Linken, ein wenig von der Straße zurückgesetzt, erhebt sich das Hallenbad. Eine Rampe mit Geländer steigt von der ebenen Erde zum Eingang hinauf. Das schmucklose, kastenförmige Gebäude aus den sechziger Jahren scheint wie ein Denkmal auf einem Podest zu stehen. Im Schwimmerbecken des Hallenbads hast du zahllose Runden gedreht, hin und her und hin und her und immer im Kreis bist du gekrault, dennoch schenkst du dem Gebäude keinerlei Aufmerksamkeit. Ebenso wenig würdigst du das monumentale Ensemble zu deiner Rechten mit einem Abschiedsblick: Das weitläufige betonierte Plateau, dessen eine Längsseite von dem lang gestreckten Rathaus flankiert wird, und die auf der großzügigen Fläche verteilten drei Hallen mit den an Sprungschanzen erinnernden Dächern.
Du zupfst am Ärmel deines dicken Wintermantels, um das Zifferblatt deiner Armbanduhr freizulegen. Die Zeit drängt, wie ist es möglich, dass es schon so spät ist, du hast das Haus sehr früh verlassen und dir damit spöttisches Grinsen und abfällige Bemerkungen eingehandelt: Du kannst wohl nicht schnell genug von uns wegkommen, was bist du so hektisch, du warst ja schon immer übernervös. Jetzt zeigt sich, dass du die Zeit zu knapp kalkuliert hast – du hast nicht eingerechnet, dass dich die Steinchen behindern und aufhalten könnten.
Die schwarzen Kristalle machen den Boden rutschfest und ermöglichen den Fußgängern, bequem und zügig voranzukommen, ohne sich wegen des vereisten Weges vorsehen zu müssen. Doch du bist anders, dir kommen die Steinchen in den Weg. Für die Steinchen ist es ein Leichtes, sich in deine Schuhe zu schmuggeln. Zwischen deinen schmalen Fesseln, deinen schlanken Füßen und den Schlupföffnungen deiner ausgeleierten Schuhe klaffen Spalte, durch die sie eindringen können. Eines der Steinchen löst sich aus der zahllosen Menge, springt in deinen Schuh und sticht dir in die Fußsohle. Du machst halt, um dich von dem schwarzen Kristall zu befreien. Dafür brauchst du beide Hände. Die eine Hand packt den Unterschenkel am Schienbein, die andere löst den Schuh vom Fuß, schüttelt den Kristall heraus und steckt den Schuh wieder an den Fuß. Der Rollenkoffer bleibt stehen, obwohl die Bahnhofstraße auf dieser Höhe ein deutliches Gefälle hat: Der dicke, dichte Teppich aus schwarzen Splittern hat einen hohen Rollwiderstand.
Von deiner Position aus kannst du den Berliner Platz, an dem der Hauptbahnhof liegt, bereits sehen. Die Bahnhofstraße führt wie ein überdimensioniertes Lineal auf dein Ziel zu, das die vielen Autos, die an dir vorbeisausen, in wenigen Minuten erreichen. Mit einem Auto oder in einem Auto würdest du früh genug am Bahnhof anlangen und deinen Zug erwischen. Doch du bist zu Fuß unterwegs. Für ein Taxi fehlt dir das Geld. Selbst an der Busfahrkarte hast du geknausert. Dafür musst du jetzt gegen den Rollwiderstand ankämpfen. Zu allem Übel blockieren die Räder des Koffers immer wieder, womöglich haben sich Steinchen in den Lagern festgesetzt. Es kostet dich einige Kraft, den Koffer hinter dir herzuzerren. Dabei hast du dich für dieses Modell entschieden, weil der Verkäufer die kleinen Gummiräder des Koffers als besonders leichtläufig angepriesen hat. Nur die Lager deines Koffers werden von Steinchen blockiert, nur in deine Schuhe dringen die schwarzen Kristalle ein: Weit und breit bist du der einzige Mensch auf dem Bürgersteig der Bahnhofstraße. Der schwarze Teppich liegt allein für dich auf dem Gehweg. Die Stadtverwaltung hat Millionen von winzigen scharfen Splittern ausstreuen lassen, um dich aufzuhalten. Wer weiß, ob die Steinchen nicht einfach nur mit auf die Reise kommen möchten. Wenigstens ein paar schwarze Kristalle sollen dich in der Ferne an deine Heimat erinnern, an die Stadt, in der du geboren wurdest und in der du aufgewachsen bist und die sogar eine bemerkenswerte Sehenswürdigkeit vorweisen kann: Das Forum am Europaplatz mit Europahalle, Stadthalle, dem Westfälischen Landestheater und dem Rathaus. Das neue Zentrum der Stadt, das 1976 eingeweiht wurde, ist ein Entwurf des berühmten dänischen Architekten Arne Jacobsen. Du übersiehst den Reisebus, der an dir vorbei fährt. Nur wenige Meter weiter biegt er in die Straße ein, die zum Rathaus führt. Dort hält der Reisebus an. Mehrere Dutzend Architekturstudenten aus aller Welt steigen aus. Gleich werden sie die Treppe, die auf die über Straßenniveau gelegene Ebene mit den drei Hallen führt, emporsteigen und sich von einem fachkundigen Führer die Bauwerke und ihre Geschichte erklären lassen.
Die Räder der Autos, die Richtung Bahnhof fahren, wirbeln das Streugut auf, das knackend und knallend gegen die Unterseiten der Fahrzeuge schießt und das zwischen Reifen und Asphalt knirscht. Der schwarze Kristall, auf den du trittst, verursacht keine Geräusche, dafür schreist du auf vor Schmerz: Er hat sich in eine empfindliche Stelle deines Fußes gebohrt. Obwohl die Zeit drängt, bleibt dir keine Wahl. Du musst dich von dem Splitter befreien. Du verharrst auf der Stelle und bewegst dich dennoch: Auf einem Bein hüpfend, nestelst du an dem Schuh mit dem spitzen Eindringling. Die Aufregung beschleunigt deinen Herzschlag, und auch die Frequenz, mit der du die beißend kalte Winterluft einatmest und das verbrauchte Gasgemisch wieder ausstößt, hat sich erhöht. Nicht genug, dass dir die Steinchen in die Füße stechen und der Frost in dein Gesicht und deine Hände schneidet – nun leidest du auch noch unter dem Brennen, das die kalte Luft in deinen Lungen verursacht. Was soll bloß aus dir werden, Junge, in der fremden Stadt, du schaffst es nicht einmal bis zum Bahnhof, du schaffst es nicht einmal, deinen Zug rechtzeitig zu erreichen, wenn du dich weiterhin von Steinchen aufhalten lässt.
Die Stadtverwaltung, die für den schwarzen Teppich aus Splittern verantwortlich ist, sitzt in dem gut geheizten Rathaus. Das mächtige Gebäude ist nicht einmal einen Katzensprung, es ist kaum mehr als einen Schneeballwurf von dir entfernt, und auch die Duschen des Hallenbades, von denen du dich so oft hast berieseln lassen, weil du dich in dem warmen Regen geborgen und entrückt zugleich fühlst, sind nur wenige Schritte entfernt, aber du hast keine Zeit, dich im Rathaus über die schwarzen Kristalle zu beschweren, und du hast keine Zeit, im Hallenbad Trost unter den Duschen zu suchen.
Mit etwas Glück hat der Zug Verspätung. Du hast dir die Nummer des Waggons, in dem ein reservierter Sitzplatz auf dich wartet, gemerkt, es ist ein Fensterplatz. Vielleicht erreichst du den Bahnhof sogar ohne Glück noch rechtzeitig: Du bist entschlossen, den Steinchen zu trotzen. Gut so, Junge, beiß die Zähne zusammen – es ist immer noch besser, die reißenden Schmerzen zu ertragen, als den Zug zu verpassen. Doch so sehr du dich auch bemühst, es gelingt dir nicht, im Laufschritt voranzukommen. Deine Beine verweigern sich, du humpelst, du musst vor dem Steinchen kapitulieren. Du bleibst stehen, ziehst das Bein mit dem gepeinigten Fuß an und beugst gleichzeitig deinen Oberkörper, dabei gerätst du aus der Balance, du tänzelst und taumelst und schlenkerst mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzufinden, vergeblich. Du bist gezwungen, den Schuh mit dem Steinchen wieder aufzusetzen, bevor du abermals versuchst, dich von dem winzigen Fremdkörper zu befreien. Erinnerst du dich, so oft bist du im Hallenbad auf einem Bein gehüpft, weil es in den engen Umkleidekabinen mit den halbhohen Wänden keine Sitzbänke gab, Junge, du hattest wirklich mehr als genug Gelegenheiten zu üben und zu lernen, ruhig und fest auf einem Bein zu stehen. Jetzt hältst du den ausgezogenen Schuh in der Hand. Du pickst den schwarzen Kristall aus dem Schuh und starrst ihn an. Aber was lässt du dich von dem Fitzel hypnotisieren, es ist doch nur ein Steinchen, starr es nicht an, schau nach vorn, beeil dich, der Zug wartet nicht auf dich. Du schleuderst das Steinchen von dir und greifst nach der Schlaufe deines Rollenkoffers.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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