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Andreas Lehmann, *1977 in Marburg, lebt in Mainz. Studium der Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik. Publikation von Erzählungen und Gedichten in Anthologien und Zeitschriften, u.a. in «sprachgebunden», «laufschrift» und «Der Literat». 3. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz 2007.
Andreas Lehmann
Der Splitter
Als er den Schmerz spürt, huscht für einen Moment die Erinnerung an seinen Traum vorbei. Er war auf der Flucht vor etwas, das er nie zu Gesicht bekam; bis zum Ende wusste er nicht, wovor er eigentlich davonlief. Er wachte mit unruhigem Atem und heißer Stirn auf, aber gleich nach dem Frühstück ging er nach draußen, an die Arbeit, und vergaß seine Flucht.
Jetzt hält er sich den Finger und beißt die Zähne aufeinander. Der Schmerz ist ungewöhnlich heftig für einen Splitter. Aber dort, wo der Schmerz sitzt, ein Stechen, das pulsartig verschwindet und wiederkehrt, ist unversehrte Haut. Er hält den Finger nah an seine Augen, nimmt die Brille ab und setzt sie wieder auf. Doch da ist nichts. Nur der Schmerz.
Er ruft nach seiner Frau. Er ruft ein zweites Mal, aber sie reagiert nicht. Kurz ärgert ihn das, doch dann besinnt er sich: Es ist bloß ein Splitter, damit kommt er schon zurecht.
Er lässt die Arbeit für einen Moment liegen und geht ins Haus. Er braucht den Splitter bloß zu finden, mit einer feinen Pinzette zu entfernen, dann kann er sich wieder den alten Möbeln zuwenden. Er mag diese Arbeit, widmet ihr mit Vergnügen ganze Wochenenden.
Im Wohnzimmer erschrickt er, als er seine Frau sieht. Sie sitzt auf dem Sofa, hat eine Tasse Kaffee in der Hand; das Fenster ist einen Spalt weit geöffnet. Warum hat sie ihn eben nicht gehört? Er sieht sie an, ihre Blicke treffen sich kurz. Dann geht er in die Küche. Warum hat sie ihn nicht gehört?
Am Fenster stehend, betrachtet er eingehend seinen Finger. Die Haut erscheint ihm an der schmerzenden Stelle ein wenig gerötet, doch den Splitter sieht er nicht. Nur die Farbe und die Musterung der Haut; die Farben, denkt er, keineswegs ist seine Haut eine monochrome Fläche. Es erscheint ihm ungeheuerlich, dass ein Fingerabdruck einen Menschen zweifelsfrei von jedem anderen Menschen unterscheidbar macht. Starr richtet er den Blick auf seinen Finger, er bewegt weder seine Augen noch seine Hand, und für einen Moment sieht er so klar, dass es wehtut. Für einen Moment ist er trunken vor Nüchternheit.
Doch dann verschwimmt das Bild vor seinen Augen, sein Finger wird größer und unschärfer, und kurz ist er sich nicht sicher, ob er ohnmächtig wird.
«Was hast du?» Seine Frau steht im Türrahmen und sieht ihn an.
«Nichts», sagt er, «es ist nichts. Nur ein Splitter.»
«Du siehst ganz blass aus.»
«Es ist wirklich nichts.» Er spricht mit Nachdruck, beißt dann die Zähne aufeinander und hält sich die Hand.
«Lass doch mal sehen», sagt sie, bleibt aber im Türrahmen stehen.
Trotz ihrer Worte sieht sie unbeteiligt aus. Schon beim Frühstück war sie seltsam, viel schweigsamer als sonst. Zuerst dachte er, dass sie beleidigt sei, weil er sich wieder an die alten Schränke und Kommoden machte, anstatt mit ihr in die Stadt zu fahren, aber als er fragte, was sie vorhabe, da sagte sie, sie wolle endlich mal etwas entspannen und lesen, und sie sah sehr zufrieden dabei aus. Sie aßen, ohne viel zu reden, und jetzt denkt er, dass irgendetwas nicht stimmt.
«Lass mich in Ruhe», entfährt es ihm.
Seine Frau zuckt mit den Schultern, dreht sich um und geht zurück ins Wohnzimmer.
«Verena», sagt er, aber so leise, dass sie es bestimmt nicht hören kann. Er lehnt sich gegen die Spüle und schließt seine Augen. Und in dem Moment spürt er den Splitter. Mit einer Mischung aus Schreck und Freude öffnet er seine Augen, nimmt seinen Finger wieder fest in den Blick – aber er sieht nichts, und auch die andere Hand tastet wieder ins Leere.
Ein paar Mal wiederholt er nun das Spiel: Er schließt seine Augen und ertastet den Splitter, dann sieht er wieder hin, und die Haut ist glatt und weich. Er lässt seinen Kopf sinken. Vielleicht, denkt er, muss er von nun an für den Rest seiner Zeit mit diesem Splitter leben. Mit diesem Schmerz. (Unsichtbar, denkt er, und Phantomschmerz; Alptraum. Die Worte fliegen ihm zu, er weiß nicht woher.)
Er geht an den Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Das Zischen, als er die Flasche öffnet, klingt seltsam zu dieser Tageszeit. Er trinkt nie am Nachmittag. In einigen schnellen Schlucken leert er die Flasche zur Hälfte, und das Bier ist so kalt in seinem Magen, dass er eine Gänsehaut bekommt. Er setzt die Flasche ab und atmet tief durch, dann geht er hinaus.
Seine Frau ist nicht mehr im Wohnzimmer. Er lauscht in das Haus hinein, aber es herrscht Stille. Für einen Moment glaubt er zu wissen, wie es ist, allein auf der Welt zu sein; der einzige Mensch im Universum. Er nimmt noch einen Schluck, das Bier schmeckt anders als vor einer Minute.
Auch gestern Abend schon war seine Frau sonderbar, jetzt weiß er, dass er sich nicht getäuscht hat. Als sie «Gute Nacht» sagte und «Schlaf gut», da hatte er zunächst geglaubt, es liege an ihm; man könne diese Dinge nicht ironisch sagen. Aber da war etwas in ihrer Stimme, das wie ein kühles Lächeln klang. Etwas Distanziertes, Überlegenes. Was ist los mit ihr? Er muss daran denken, dass sie ihm einmal vorgeworfen hat, Schwierigkeiten nicht zur Sprache zu bringen, sondern im Stillen darüber zu grübeln. Jahre ist das her, eine Ewigkeit – doch auf einmal steht die Szene in allen Einzelheiten vor ihm. Großer Gott, denkt er, wo ist die Zeit geblieben. Aber der Schmerz holt ihn zurück. Der Splitter.
«Aha», sagt seine Frau, und wieder hat er sie nicht kommen hören. Sie zieht die Augenbrauen leicht zusammen, als sie die Flasche in seiner Hand sieht.
Er öffnet den Mund, sagt dann aber nichts, sondern hält die kühle Flasche an seinen Finger. Eine Weile stehen sie sich so gegenüber, dann schüttelt seine Frau den Kopf und setzt sich auf das Sofa. Erst als sie ein Buch vom Tisch nimmt und ihr Gesicht dahinter verbirgt, fällt ihm auf, dass sie sich umgezogen hat.
«Ich verstehe das nicht», sagt er laut und geht hinaus in den Garten.
Eine Weile versucht er weiterzuarbeiten, merkt jedoch, dass er sich nicht konzentrieren kann. Er dreht Schrauben schief ein und stößt einen kleinen Blecheimer mit Lack um. Die mittlerweile leere Bierflasche in der Hand, lehnt er sich mit dem Rücken an die Hauswand und schließt seine Augen. Er weiß nicht, wie lange er dort sitzt, aber als er die Flasche fallen lässt, merkt er, dass er eingeschlafen ist. Es dämmert bereits, und ihm ist kühl.
Drinnen liegt seine Frau auf dem Sofa und schläft. Ihr Buch liegt offen auf dem Teppich, eine Seite ist verknickt. Er stellt seine Bierflasche in die Küche und geht dann zu seiner Frau, traut sich aber zunächst nicht, sie zu wecken. Es brennt kein Licht, im Halbdunkel verschwimmen die Dinge miteinander, und manches versteckt sich ganz im Unsichtbaren.
«Verena», sagt er, leise erst, dann noch einmal lauter: «Verena!» Er weckt sie, ohne sie zu berühren. «Sieh mal nach», sagt er und hält ihr den Finger vors Gesicht. «Bitte.» Es kostet ihn einige Überwindung, sich ihr so zu öffnen.
Sie gähnt, reibt sich die Augen. «Gleich», sagt sie, dann steht sie auf und geht an ihm vorbei. «Ich habe Hunger.»
Sie macht Licht und deckt den Tisch. Sie holt die Butter und das Brot aus der Küche, es sieht nicht aus, als ob sie es dabei besonders eilig habe. Erst als sie den Tee gekocht hat, geht sie auf ihn zu. «Danke für die Hilfe», sagt sie und lächelt müde. «Dann lass mal sehen.»
Sie nimmt seine Hand in ihre, es ist das erste Mal seit dem Aufstehen, dass sie sich berühren. Er bekommt eine leichte Gänsehaut, und kurz hat er Lust, sich noch ein Bier zu holen. Doch seine Frau zieht ihn ins Bad. Er kommt sich hilflos vor, wie ein Kind an der Hand seiner Mutter. Wieder gähnt sie, aber sie widmet sich gewissenhaft seinem Finger. Sie kneift die Augen zusammen und starrt ihn an, hält ihn ins Licht der Lampe und streicht sanft mit ihrem Finger über seinen. Doch sie findet nichts.
Er schwitzt, das Stillhalten beginnt, ihm Mühe zu machen. «Und?», fragt er, irritiert vom Klang seiner eigenen Stimme.
«Nichts», sagt sie, und er kann nicht begreifen, dass sie das zu beruhigen scheint. Sie lächelt. «Gar nichts», wiederholt sie. Dann lässt sie seine Hand fallen und sieht ihn an. «Na los», sagt sie, «lass uns essen.»
Zum ersten Mal in seinem Leben verspürt er Lust, seiner Frau mit der Faust ins Gesicht zu schlagen.
«Wirklich», sagt sie, «ich kann nichts sehen.»
«Schon gut», sagt er. Ihm tritt Schweiß auf die Stirn. «Ist schon in Ordnung.» Er vermeidet es, seine Frau anzusehen, und wartet, bis sie das Bad verlassen hat.
Er schließt die Tür ab, dann lässt er den Wasserhahn laufen und sieht in den Spiegel. Er ist blass. Er glaubt etwas in seinem Gesicht zu sehen, das ihm vorher nie aufgefallen ist; etwas in seinen Augen, was genau, vermag er nicht zu sagen. Er setzt sich auf die Toilette und betrachtet seinen Finger. Da muss etwas sein, er spürt es genau. Verdammt, verdammt, verdammt. Auch er kann nichts sehen.
Beim Abendessen sprechen sie wenig. Hin und wieder hebt er seinen Blick, er weiß selbst nicht, ob er Hilfe sucht oder ein Ziel für seine Wut. Manchmal lächelt sie kurz, dann sagt sie etwas Banales. «Morgen soll es regnen» oder «Wir brauchen neuen Schinken». Die Zeit vergeht langsam, wie gedehnt – doch plötzlich wird ihm schwindelig. Der Schmerz kehrt zurück, noch heftiger jetzt.
«Um Gottes Willen», sagt er, «Verena.»
Er spürt, wie das Blut aus seinem Kopf sinkt und die Welt sich langsam von ihm entfernt. «Verena», sagt er und fasst sich selbst bei der Hand: «Um Gottes Willen, Verena, wir müssen irgendetwas tun.»
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