Dorothee Kohler, *1953, Dr. phil., Gymnasiallehrerin für Deutsch, wohnt in Zürich.
Dorothee Kohler
Comparis
Das beliebteste Spiel der Quartiermütter heißt Comparis. Dabei werden die Kinder miteinander verglichen.
Es kann überall gespielt werden: in der Straßenbahn oder vor dem Joghurtregal im Supermarkt.
Punkte gibt es für übersprungene Schulklassen, für gewonnene Volleyballturniere oder ergatterte Förderpreise für junge Cellisten.
Die Verliererin erkennt man daran, dass sie leicht gekrümmt vom Platz schleicht.
Portfolio
Für sie ist jede Party eine Fondsmesse. Sie prüft ihre Flirts darauf, ob es sich lohnt, in sie zu investieren.
Sie sorgt sich um ihre monogamen Freundinnen wegen ihrer risikoreichen Anlagestrategie.
Seit sie selbst ihr Portfolio diversifiziert hat, kann ihr nichts mehr passieren.
Wirft Peter keine Rendite ab, kann immer noch mit Roger ein hoher Ertrag erwirtschaftet werden.
Da ein Anteil Fremdwährung in jedes moderne Portfolio gehört, setzt sie neu auch auf Mahmud, allerdings nur mit vorsichtigen 10 Prozent.
Sie ist immer auf der Hut, damit sie den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst, einen Namen abzustoßen.
Guru
Sie trägt zart knitternde Seidenkleider in anthroposophischen Farben. Aber sie selbst ist glatt und kalkuliert präzis die Wirkung ihrer Worte.
Sie zählt die Tränen in den Augen ihrer Zuhörerinnen.
In dieser Währung bilanziert sie ihren Erfolg.
Tochterfrau
Ihre Arme und Beine sind lang und biegsam. Den Hals kann sie in alle Richtungen drehen.
Sie windet ihn um einen smarten Mann, legt den Kopf in den Nacken und lacht helle Perlen.
Der Mann verfängt sich in diesem Glanz und anerkennt geschmeichelt seine Vaterschaft auf Zeit.
Wutkonto
Ihre Mutter hatte die gesparte Wut noch in Einmach-
gläsern in den Keller gestellt. Manchmal war ein Glas explodiert.
Sie wirtschaftet moderner und hat ein Wutkonto eröffnet. Dort hortet sie kleine und größere Beträge.
Manchmal hebt sie etwas ab und leistet sich ein Türenknallen oder eine Minute Gebrüll.
Personenfreizügigkeit
Sie kommen von ganz oben und tragen Bankeranzüge von konservativem Chic. Ihre Schultern haben Gardemaß. Das lange blonde Haar ihrer Frauen ist perfekt hochgesteckt.
Sie füllen jeden Raum mit ihren preußischen Konsonanten und ausgreifenden Gebärden.
Ihre Lebensart halten sie für die einzig mögliche und ihr Erfolg gibt ihnen Recht.
Bald werden sie beginnen, den niedlichen Schweizern über das Kraushaar zu streichen.
Klappkörper
Sie wohnt im Garderobeschrank des Fitnessclubs.
Ihr Körper ist dunkelbraun und sehnig. Tagsüber klappt sie ihn zusammen.
Nachts ist sie Herrin über die Maschinen. Sie setzt alle in Gang und stößt dabei spitze Lustschreie aus.
Opera seria
Bei der Beerdigung des Großkünstlers trägt sie ein dramatisches schwarzes Samtcape.
Sie schlägt es um alle ihre vier Kinder und schluchzt, als wäre sie mindestens die Witwe. Zwischen den Flutwellen sucht sie heimlich die Blicke der einflussreichen Männer und ist schon beinahe getröstet:
An diese Inszenierung werden sich alle erinnern.
Lava
Sie legt sich in einen Sessel in der Männerrunde und
gestikuliert mediterran.
Aus ihrem weit offenen Mund spritzt immer wieder grellrot glühendes Lachen.
Ist sie gegangen, waschen die andern Frauen die klebrige Lüsternheit von den Wänden.
n.
|