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Michaela Schröder, *1968 in Bremen, Ausbildung als Erzieherhelferin, Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft, Psychologie, lebt und arbeitet in Berlin als Lehrbeauftragte und freie Autorin. Gewann 2006 den Essaypreis der Büchergilde Gutenberg/tageszeitung (taz) und den 2. Preis beim Würth-Literaturwettbewerb.
Michaela Schröder
Markt I, II, III, IV and so on
Damals wanderte ich zwischen Händlern und Waren auf Marktplätzen, der konkreten Geografie sozialen Raumes aus Materie, war ein Drittes zwischen Verkauftem und Verkaufendem, konnte kommen, gehen, das Feilschen, Feil-, Sonderanbieten verlassen mit Schritten und in Uhrzeigertakten, alles hatte seine Zeit inmitten soziologischer Orte, gebildet aus Stein, Straßen, Platz, Holz, Tuch und Beruf, es gab Anfangen, Abschluss, Feierabend.
Danach entgrenzte sich der Handelsort, verlor Steinstraßenplatz bestückt mit Holztuchständen des berufenen Händlers, der bleich wurde, fraktal, LCD, sein Fleisch und Blut kam ihm abhanden, sein Platz aus Geografie von Raum, Fläche, Quadratmeterzahl, er entging der Bindung an Materie sowie dem soziologischen Gefüge sozialer Rolle, die Verkaufenden und Käufer trennt, Ware und Person. Damit hörte auch ich auf, ein Drittes zu sein zwischen zwei Polen des Berührbaren.
Nun schreite ich nicht mehr, bin verschmolzen mit bloßen Abbildern von Stein, Straßen, Platz, Holz, Tuch und Beruf, kenne weder Beginnen noch Enden, keine Geografie, keine Soziologie aus Zeit, Ort, berufener Rolle, keine Trennung zwischen Ware und Mensch. Ich bin die vierte Dimension, die Zeit, Raum und Bewegung durchbrochen hat zur realen Virtualität des Handelns. Ich bin befähigt, mich als Ware zu definieren auf allen geografielosen Märkten, preise die Frische meines Selbst an, lege mich in die Display-Regale als Mich-Ding eigenen Händlerseins in eigenen Geschäften, feilsche um Preis und Wert, unter denen ich mich nicht losschlagen möchte, konkurriere mit Dich-Dingen, die noch qualitätsvoller sein könnten als ich. Bin begabt, ins Multi-Tasking umzuschalten, von jetzt auf gleich, Kundin zu sein und Geschäftsführung, mein eigenes Warenlager mit großem Sortiment, meine eigene Käuferschicht, mein eigenes Wunschprodukt, dem ich den Namen auf meiner Geburtsurkunde verleihe – einmalig und nur hier zu haben! Ich bin in der Lage, meine Zielgruppe zu definieren, mein Marketingkonzept zu entwickeln und treuherzig in die Augen meiner Kundschaft zu blicken, weil Authentizität den Wert meines Waren-Ichs erhöht, das mein Händler-Ich authentisch geschult anpreist. Ich bin ganz bei mir, während ich mich objektiv studiere, meine Vorzüge marktgerecht ins Spiel bringe, Konkurrenz in der Geste glaubhaft gemachter Vertrauenswürdigkeit ausschalte. Ich bin die Kulmination aller sozialen Rollen, aller soziologischen Gefüge, weiß sie nach Bedarf angemessen zu formulieren, kann mich parallel verobjektivieren und subjektiv einmalig wahr fühlen. Ich bin vielfach existent als ein Alles-in-einem, habe die Vision vom ganzen Menschen neu verwirklicht, kenne mich aus, bin weltgewandt und provinziell. Liebe die Tradition jenes Damals, als ich noch wanderte zwischen Händlern und Waren auf Marktplätzen, einer konkreten Geografie sozialen Raumes aus Materie, und mich noch als ein Drittes zu scheiden wusste von Verkauftem und Verkaufendem, da aus dieser Tradition die Kenntnis kommt, wie man vorgibt, man könne kommen und gehen, das Feilschen, Feil-, Sonderanbieten verlassen mit Schritten und in Uhrzeigertakten, da sich aus ihr das Wissen speist, wie Authentizität aussehen müsse, ohne die kein Marketing wirksam wäre, die erforderliche Qualität der Originalität. Ziehe aus ihr überlieferte Kenntnis von Anfang, Abschluss, Feierabend, damit strukturiere ich das Switching in Terminkalender und Rollenspiel.
Alles hat seine neue Gleichzeit, es gibt eine Gleichzeit des Anpreisens und des Kaufens, es gibt eine Gleichzeit als Ware, Käufer und Verkäufer. Denn siehe, alles ist eitel unter der Sonne und Haschen im Warenhaus. Daher jene salomonische Weisheit, Geografie von Raum und Zeit, auch Soziologie beruflicher Rollen aus ihren Grenzen zu erlösen, den Menschen exponentiell um seine Möglichkeiten zu erweitern, Materialität, Entfernungen, Körperlichkeit zu eliminieren, um vorzudringen in die narzisstische Spiegelwelt, das Neubild als Abbild.
Schon heute baue ich mein Imperium in der Sphäre von «Second-Life-Com», morgen, übermorgen im «Third Life», «Fourth Life» and so on und werde mich als Ware, Käufer, Verkaufenden auf dem virtuellen Marktplatz mit neuen Potentialen vervielfachen. Der globale Handels-Handlungsort, über Materie und Entfernungen nur eines Planetenkörpers erstreckt, kann meinen Konsum, kein Kaufen, Verkaufen, Produzieren, Verwerten erschöpfend befriedigen. In der Unendlichkeit neu erschaffener Imperien werden meine Ich-Variations-Möglichkeiten jede Materialität transformieren und alles Handeln ins Unfassbare erweitern.
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