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Katja Fusek, *1968, aufgewachsen in Prag und Basel, lebt in Riehen bei Basel, ist Mutter von zwei Töchtern, Lehrerin und Autorin. Publikationen in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Mehrere literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschien ihr Roman «Die stumme Erzählerin», OSL Verlag, Riehen 2006.
Katja Fusek
Die Frau am Feuer
Alice hält auf der Kuppe, kurbelt das Fenster hinunter und schaut zum Atlantischen Ozean hin. Über die Klippen fegt ein kühler Wind Algengeruch und Vogelgeschrei ins Hinterland.
Später fährt sie zum Möwenhaus. Den Namen für das weiße Ferienhaus hat sich Alice ausgedacht. Es beruhigt sie, wenn Menschen und Dinge um sie herum einen Namen tragen. Dadurch werden sie fassbar, durchschaubar, wirken weniger bedrohlich. Seit ihrem Aufbruch muss Alice das Unberechenbare in Schach halten. Auch ihrer überstürzten Abreise aus einer Wohnung, in der es auf einmal keinen Platz mehr für sie gibt, hat sie einen Namen gegeben: Flucht. Das Wort gefällt ihr.
Alice öffnet den Briefkasten. Seit ihrer Ankunft vor einer Woche tut sie das jeden Tag, obwohl nie Post für sie kommt. Den gelben Zettel nimmt sie achtlos in die Hand. Sie wartet auf einen Umschlag mit Svens Schrift. Erst auf dem Weg zum Haus fällt ihr Blick auf ihren Namen, der mit fahrigen Zügen auf das Papier gekritzelt ist. Alice wird dort aufgefordert, auf der Post im Hauptort einen eingeschriebenen Brief abzuholen. Ausweispapiere sind mitzubringen. Der Absender fehlt, der Aufgabe-Ort ist nicht zu entziffern. Er fängt aber mit einem O an. Der Ortsbezeichnung sind zwei Buchstaben angefügt: CH. Olten. Olten muss es sein. Eingeschrieben. Kein Abschiedsbrief, kein Versöhnungsbrief von Sven – eine Vorladung oder das Schreiben eines Anwalts. Sven hat also die Scheidung eingereicht. Auch ihre Trennung hat jetzt einen Namen bekommen.
*
Vor einem Jahr hatte Sven das Auto auf derselben Kuppe geparkt, war ausgestiegen und Mutter und Alice waren ihm gefolgt. Sie füllten die Lungen mit Meeresluft und die Augen mit Meersicht. Zu ihren Füßen senkte sich die Straße in eine weite Bucht. Im Windschatten einer Düne lag das bretonische Dorf. Zwischen grauen Steinmauern und flachen Schornsteinen leuchtete ein weißes Haus wie eine Möwe im Spatzenschwarm.
Als Sven den Motor wieder anließ, bat ihn Alices Mutter, langsamer zu fahren, ihr werde in jeder Kurve schlecht. Sven hatte kaum Zeit, ungehalten zu antworten, da klingelte sein Handy im Handschuhfach. Alice griff danach.
«Lass es klingeln», knurrte Sven. «Ich kann jetzt nicht abnehmen.»
«Vielleicht kann ich etwas ausrichten.»
«Lass es sein», wiederholte Sven. «Wieder das Geschäft. Ich bin jetzt in den Ferien. Die sollen mir den Buckel runterrutschen. Ich werde später zurückrufen.»
Alice zog ihre Hand zurück.
Auf der Schwelle des weißen Hauses stand die bucklige Vermieterin. Sie winkte und lächelte. Im Mund fehlte ihr eine Reihe Zähne. Sie hinkte ans Gartentor und begleitete die Feriengäste zum Haus. Umständlich öffnete sie die Tür. Der Geruch nach Moder, Schimmel und feuchtem Stein schlug ihnen entgegen. Der Geruch ihrer Ferien.
Während Sven die Koffer und Taschen aus dem Auto in die Steindiele trug und Mutter die Küche inspizierte, fischte Alice Svens Telefon aus dem Handschuhfach. Die Nummer des letzten Anrufes war tatsächlich seine Geschäftsnummer. Und dennoch hing die seit Monaten existierende, gesichtslose Bedrohung weiter gewitterhaft in der Luft.
Für drei Sommerwochen hatten sie das Möwenhaus gemietet. Es bestand aus nur zwei Räumen: einer großen Küche und einer Kammer, wo Mutter schlief. Vom Bett, das in der Küche neben der Anrichte stand, war Alice zunächst befremdet. Doch bald gewöhnte sie sich an diese traditionelle Wohnform. Wenn der Wind durch das Haus ging und den Vorhang in der Küche bauschte, war es schön. Der gehäkelte Stoff flatterte durch das offene Fenster und dahinter blühten azurblaue Hortensien. Ein Anblick zum Sich-Anklammern. Die Hortensien blühten blau, weil der Boden in der Bretagne sauer sei, sagte die bucklige Vermieterin. Dabei streckte sie die Zunge aus dem Mund durch die Zahnlücke in ihrem linken Unterkiefer, und Alice fuhr jedes Mal erschrocken zurück. An den Anblick der weißlichen, rastlosen Zunge konnte sie sich nicht gewöhnen. Am Schluss jedes Satzes schnellte die Zunge der Vermieterin flink aus ihrer Mundhöhle heraus, leckte die Haut unterhalb der Lippe ab und verschwand ebenso rasch wieder.
Am ersten Abend kochten sie so: Mutter hackte Zwiebeln und Alice schwieg in die Töpfe am Herd hinein. Sie schwiegen Rücken an Rücken. Ein Schweigen, das sich beinahe anfassen ließ, das fest und kalt war. Ihr dreißigjähriger Kochkrieg mit brüchigen Waffenstillständen. Mutter saß am langen Tisch in der geräumigen Küche. In der Nische, wo einst der offene Kamin gewesen sein musste, stand jetzt ein Gasherd. Die Wände schwitzten kalt, und eine klebrige Schicht überzog das protzige Eichenmobiliar. «Die Möbel sind antik und von Hand geschnitzt», hatte die Vermieterin bei der Hausbesichtigung gelobt und dabei mit der Zunge herausgeschnellt.
Mutter hackte Zwiebeln und Alice kochte, wie sie es gewohnt war zu kochen, seit Jahren schon für Sven und sich, doch Mutter sagte, die Sauce brodle zu wild und nicht lang genug, das Fleisch sei nicht gar und das Gemüse zu weich. Sven brachte zwei Gläser Weißwein, stellte eines Mutter zum Schneidebrett und das zweite Alice auf den Herd.
«Lass dich doch beraten, Alice. Deine Mutter ist eine ausgezeichnete Köchin.»
Dann klingelte sein Handy. Alice zuckte zusammen. Jetzt würde Sven das Telefon abnehmen und in den Garten hinausstürzen. Er würde bei den Hortensien stehen und strahlen, und sie würde sehen, dass er strahlte, obwohl er ihr den Rücken zukehrte. Schließlich kannte sie Sven lange genug. Wenn er zurückkäme, würde er außer Atem sein, seine Augen würden lachen und sein Mund ganz ernst tun, wenn er ihnen eröffnete, im Geschäft gäbe es Probleme, enorme Schwierigkeiten. Er müsse zurück für ein paar Tage, aber dann käme er wieder – und zum Glück sei ja Mutter da. Sie werde Alice Gesellschaft leisten. Dann würde Sven abreisen, und die Ungewissheit über Alice wie eine Welle zusammenschlagen.
Sven nahm das Telefon in der Küche ab, stellte sich ans Fenster und redete mit seiner trockenen Geschäftsstimme.
Als er auflegte, sagte er: «Dringende Probleme in der Firma. Ich muss für ein paar Tage zurück. Zum Glück ist Mutter mit uns in die Ferien gekommen, dann bist du nicht allein hier, Alice.» Sein Mund blieb ernst, und seine Augen lachten nicht.
Sie hatte genug von Sven und vom Dunst der Verheimlichung, der ihn umgab, machte aber keine Szene, weil sich Mutter auf Svens Seite zu schlagen pflegte – als wäre sie mehr seine Mutter als ihre. Als die beiden nicht hinschauten, leere Alice ihr Weinglas in die Sauce, sie wurde flüssig und dünn, und Mutter wunderte sich, dass sie immer noch nicht einkochen wollte.
«Wir können wechseln», schlug Alice vor. «Ich rüste und du kochst.»
Sven sah sie zufrieden an.
Jetzt hackte Alice Petersilie – schön im Takt zum Kinderlied: Meine Mutter schneidet Speck, schneidet meinen Finger weg.
«Du hackst die Petersilie zu grob», sagte Mutter und keuchte Alice in den Nacken.
Alice hackte feiner.
Meine Mutter schneidet Speck, schneidet meine Hände weg.
Als Kind hatte Alice oft einen kurzen Traum geträumt: Mutter hackt Lammkoteletts von der Rippe und Alice weiß, wenn sie die Hand hinhielte, würde Mutter in ihr Fleisch schneiden. Dem Sog des Holzbretts kann sich Alice kaum entziehen.
Meine Mutter schneidet Speck, schneidet meine Finger weg, schneidet meinen Rücken weg, schneidet meinen Popo weg ...
Als Kind war Alice an dieser Stelle immer aufgewacht und war zu Mutter unter die Decke geschlüpft, damit die Mutter im Bett sie vor der Mutter im Traum behüte.
*
Wenn sich Alice beeilte, könnte sie noch heute zur Post fahren und den eingeschriebenen Brief abholen. Im Seitenfach der Handtasche tasten ihre Finger erfolglos nach der Identitätskarte und dem Führerausweis. Auch als Alice den ganzen Tascheninhalt auf die Bank vor dem Haus ausleert, kommen die Ausweispapiere nicht zum Vorschein. Alice erinnert sich genau: Gleich nach ihrer Ankunft war sie dabei, die Handtasche auszupacken, als die Vermiete-rin noch einmal ans Fenster klopfte, weil sie Alice durch das Haus führen und ihr die neuen Errungenschaften zeigen wollte.
Alice sucht in der Küche, im Bad, in der Kammer, auf den Regalen, in den Schränken, im Backofen und in der Waschmaschinentrommel, zwischen der Wäsche und im Brotkorb ... Vielleicht ist der Brief gar nicht vom Anwalt, auch nicht von Sven oder von Mutter und gar nicht aus Olten. Nicht einmal an Alice adressiert. Sie starrt die Kritzelzeichen an, die sich zu einem abstrakten Bild auflösen, das nichts und alles bedeuten kann. Ein Irrtum, ein Rätsel, das sie heute nicht mehr wird lösen können, weil die Post unterdessen geschlossen hat.
In der Nacht liegt Alice schlaflos in der Küche. In die Fußlade des dunklen Bettes ist ein Fensterchen geschnitzt, darin zwei Figuren, ein Mann und eine Frau, die sich an den Händen halten, darunter eine Jahreszahl mit Messingnägeln in das Holz geschlagen: 1893. Aus Eichenholz ist das Bett und zu klein für zwei und zu groß für Alice, denn der Klumpen in ihrem Bauch ist noch kein ganzer Mensch. Aber ein bisschen trösten kann er schon.
Ihre Ausweispapiere findet Alice auch am nächsten Morgen nicht. Sie fährt dennoch zur Post. Die Frau am Schalter mustert sie abweisend und schüttelt den Kopf. Sie kenne sie nicht, den Brief könne sie ihr auf keinen Fall aushändigen. Wie sie sich das vorstelle, wenn jeder so käme. Ohne Namen, ohne Ausweis. Die Post sei kein Taubenschlag und überhaupt, was sich die Touristen einbildeten, als gäbe es für sie keine Regeln.
Alice sucht weiter: im Tiefkühler, im Sicherungskasten, unter der Matratze, in der Käsedose im Kühlschrank ... Sie wird Sven anrufen müssen, ihn bitten, mit der Scheidung zuzuwarten, es gehe alles zu schnell für sie. Und das Kind? Ob Sven nicht an ihr Kind gedacht habe, auf das sie so lange gehofft hatten? ... Den ganzen Tag lang sucht Alice nach ihren Papieren und verfasst dabei Reden an Sven. Sie feilt an den Sätzen herum, legt sich mehrere Varianten zurecht, damit sie morgen gegen Sven gewappnet antreten kann.
Nachts liegt Alice müde und aufgeregt im Eichenbett. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, wie viele Frauen und Männer vor ihr hier gelegen haben. Ihr Duft ist noch im Holz gefangen und ihre Wärme. Und die Frauen betasteten mit den Fingern ihre lebendigen Bäuche und horchten in die Nacht hinein – so wie sie es jetzt tut. Vor lauter Stimmengeflüster findet Alice keinen Schlaf.
Plötzlich vernimmt sie ein Geräusch. Es ist ganz nah und fein, direkt in der Küche. Ein Knistern und leises Klirren. Alice schlägt die Augen auf und sieht, dass die Küche schwach beleuchtet ist. Das Licht kommt aus dem Kamin, wo kein Gasherd steht, sondern ein Feuer flackert, fröhlich an einem Kessel leckt, der an drei dünnen Ketten in den Flammen hängt. Davor steht eine junge Frau. Sie dreht Alice den Rücken zu und beugt sich zum Kessel. Sie taucht einen Kochlöffel hinein und führt ihn zum Mund. Die Frau trägt einen grauen Rock und hat hochgesteckte Haare. Ein paar lose Strähnen schlängeln sich ihren Hals entlang. Als sie sich aufrichtet, bemerkt Alice, dass sie in der linken Armbeuge einen Säugling hält und ihn sanft wiegt, während sie im Kessel rührt.
Alice starrt sie an und bringt keinen Laut aus der Kehle. Die Frau legt den Kochlöffel in den Kessel zurück, hält inne, horcht, und dann beginnt sie, sich langsam zum Bett umzudrehen. Alice sieht ihre Wangenrundung, die weiße Stirn, ihre majestätische Nase, doch bevor sie in die Augen der Frau blicken kann, erfasst sie Todesangst, und sie beginnt zu schreien.
Alice schlägt die Augen auf. Durch den Vorhang sickert grau die Morgendämmerung. In der Kaminnische steht der alte Gasherd. Der ganze Körper tut Alice weh. Der Schmerz sitzt in den Gliedern und im Hals. Alice holt ein Aspirin im Bad und ein Glas Wasser. In der Küche wird es hell, und sie fällt wieder in einen unruhigen Schlaf.
Am Vormittag wacht sie mit Halsweh und Fieber auf. Sie darf liegen bleiben, muss weder aufstehen, noch ihre Papiere suchen, noch Sven anrufen. Alice schließt die Augen und hängt dem seltsamen Traum vom Feuer im Kamin und der jungen Frau mit dem Säugling nach. Sie muss eingenickt sein, denn als sie die Augen aufschlägt, schaut sie in ein Gesicht. Sie erschrickt, und die Vermieterin entschuldigt sich. Sie habe nur fragen wollen, ob es an nichts fehle, sie habe geklopft, und da niemand geantwortet habe und die Tür nicht abgeschlossen war, sei sie eingetreten. Ob Alice sich nicht wohl fühle, sie sehe ganz fiebrig aus, ob sie ihr einen Tee kochen solle. Nach jeder Frage, schnellt ihre Zunge durch die Zahnlücke aus ihrem Mund hervor.
Alice nickt zu allem, und plötzlich sagt sie:«Ich hatte heute einen seltsamen Traum.»
Sie erzählt von der Frau am Kamin. Die Vermieterin hört aufmerksam zu.
«Sie erwarten ein Kind», sagt sie unvermittelt.
«Ja», meint Alice verwirrt und bereut es sofort, dass sie ihr Geheimnis der buckligen Fremden preisgegeben hat.
«Woher wissen Sie es?»
«Ich habe das Gefühl, Sie haben meine Mutter im Traum gesehen», sagt die Vermieterin nachdenklich.
«Ihre Mutter?»
«Ich selbst habe zweimal von ihr geträumt. Beide Male war ich schwanger und habe in diesem Bett geschlafen.» Sie deutet mit der Hand zu Alice. «Ist es nicht ein seltsamer Zufall? Und jedes Mal hat mir meine Mutter etwas Wichtiges mitgeteilt. Ihnen auch?»
«Nein, ... nein», stottert Alice. «Sie stand mit dem Rücken zu mir und rührte im Kessel.»
«Die Speise hat sie nicht gekostet?»
«Doch», sagt Alice.
«Und sie hielt einen Säugling im Arm?»
«Genau.»
«Und sie drehte sich nicht zu Ihnen, um Ihnen etwas zu sagen?»
«Doch, sie begann sich umzudrehen, aber da bekam ich eine solche Angst, dass ich zu schreien anfing, und die Frau verschwand.»
«Schade», meint die Vermieterin und stellt den Wasserkocher an. «Wo haben Sie den Tee?»
«Warum schade? Die Schachtel mit den Teebeuteln steht auf der Mikrowelle.»
«Ja, ich sehe sie. Weil sie Ihnen etwas Wichtiges mitgeteilt hätte.»
«Hat sie Ihnen etwas mitgeteilt?»
Die Vermieterin nickt ernst.
«Lebt Ihre Mutter noch?»
Die Bucklige schüttelt den Kopf und gießt das kochende Wasser über einen Teebeutel in die Tasse, die sie Alice ans Bett bringt.
«Setzen Sie sich», sagt Alice fast widerwillig und starrt zur Decke, damit sie die rastlose Zunge der Vermieterin nicht anblicken muss.
Diese zieht einen Stuhl heran und setzt sich.
«Sie ist jung gestorben, meine Mutter», sagt sie. «Auf eine nie aufgeklärte Weise ist sie umgekommen.»
«Erzählen Sie», bittet Alice die Vermieterin.
*
«Sie war kein Mädchen aus dem Dorf», fängt die Bucklige an. «Sie kam mit ihren Eltern aus Deutschland. Sie waren Flüchtlinge, Juden – Sie verstehen. Sie schafften die Flucht nach Frankreich und schlugen sich in die Bretagne durch. Sie hatten hier – in diesem Haus – während Jahren ihre Ferien verbracht. Die Hausbesitzer waren ihre Freunde geworden und nahmen sie bei sich auf. Nur vorübergehend – versteht sich. Bis sie ihre Papiere für die Ausreise in die USA bekämen. Monate verstrichen, der Krieg war inzwischen ausgebrochen, die Ausweise kamen nicht. Eine Geschichte wie tausend andere. Wer kann sich heute die Angst dieser Menschen vorstellen? Meine Mutter hieß Aura und muss sehr schön gewesen sein. Sie soll allen Männern im Dorf den Kopf verdreht haben – nicht nur den jungen und den ledigen. Aura wurde schwanger und brachte in diesem Bett eine uneheliche Tochter zur Welt – mich. Sie starb noch im Wochenbett, aber nicht so, wie Sie denken. Sie war eine robuste Frau und hatte die Geburt gut überstanden. Doch als ich kaum eine Woche alt war, kam ein großer Sturm auf. Die Bucht wurde zu einem Hexenkessel, das Wasser brodelte und das Meer brüllte. Drei Fischerboote zerschellten an den Klippen. Alle Dorfbewohner eilten zum Strand, um zu helfen, auch meine Großeltern. Aura war allein mit dem Säugling im Haus geblieben. Sie muss aufgestanden sein, denn als ihre Eltern vom Meer zurückkamen, fanden sie im leeren Haus ein sterbendes Feuer im Kamin und eine noch heiße Fischsuppe im Kessel. Ich soll in der Wiege gelegen und vor Hunger geschrien haben. Auras Schal hing nicht mehr am Haken. Fischer fanden ihre Leiche erst Tage später. Man hat nie herausgefunden, warum und wohin sie im Sturm hinausgegangen war und wie sie zu Tode kam.»
«Und Ihre Großeltern?», fragt Alice nach einer Weile. «Haben sie die Ausweise bekommen? Sind sie ausgewandert? Haben sie den Krieg überlebt?»
«Wäre ich sonst hier, wenn sie abgereist wären?», fragt die Bucklige zurück.
*
Am Abend bringt die Vermieterin den eingeschriebenen Brief von der Post. Er kam aus Olten und war von Sven. Die Vermieterin hat sich für Alice verbürgt und die Postbeamte sich ihrer erbarmt. Sie wünsche ihr gute Besserung, richtet die Bucklige aus. Alice wartet, bis die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen ist, und reißt den Briefumschlag auf. Auf die Bettdecke fallen Alices Identitätskarte, ihr Führerausweis und der Fahrzeugausweis. Den Papieren hat Sven einen Brief beigelegt. « ... du hast die Ausweise im Badezimmer liegen lassen. Ich schicke sie dir, damit du ohne Scherereien über die Grenze reisen kannst. Die Wohnung ist jetzt wieder leer, es war ein großer Fehler. Ich warte mit Sehnsucht, dass du zurückkommst ...»
Durchs offene Fenster schaut Alice zu den Hortensien, die friedlich und blau am Gartenrand blühen. Vom nahen Meer bringt die Brise den Duft von Algen und unbekannter Ferne. Sven hat keine Scheidung eingereicht. Er hat seine Geliebte fortgeschickt und wartet, dass Alice zurückkommt. Er sendet ihr ihre Ausweise, damit sie ohne Probleme die Grenze passieren kann. Und Alice weiß auf einmal, dass sie genau das tun wird. Über die Grenze reisen. Über viele Grenzen, denn jede steht ihr jetzt offen. Es gibt viele Länder, die Alice noch nicht kennt, und viele leere Wohnungen, die auf sie warten. Überall lässt sich ein neues Leben beginnen. Mit oder ohne Sven. Alice wird darüber nachdenken. Sie ist krank und darf sich Zeit lassen. Ihre Reise wird sie aber nicht mehr Flucht nennen.
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