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Silvio Huonder, *1954 in Chur, lebt in der Brandenburger Gemeinde Schwielowsee in der Nähe von Berlin, ist Autor und Dozent am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zuletzt erschienen: «Valentinsnacht», Roman, Nagel & Kimche, Zürich 2006.
Silvio Huonder
Bonus/Malus – Abschied vom System
Bonus?
Bitte?
Haben Sie eine Bonuskarte?
Nein –
Immer wieder wurde ihm die Frage gestellt. An Tankstellen, Kinokassen und in Supermärkten, beim Kauf von Gemüse, Socken, Eintrittskarten oder Computerzubehör. Ohne genau hinzuhören, pflegte er unwirsch den Kopf zu schütteln. Die Fragen waren ihm lästig und, wie er fand, für Kleinkrämer gedacht, für Erbsenzähler, Korinthenkacker, Rentner mit endlos langen, langweiligen, unausgefüllten Tagen. Seine Großmutter fiel ihm ein, die ihr Leben lang am Küchentisch die Rabattmarken des örtlichen Konsums mit ihrer Zunge befeuchtete und in Sammelheftchen der Größe A5 klebte. Waren diese nach einigen Wochen vom großmütterlichen Speichel aufgequollen und wellig geworden («komplett!»), trug sie die Heftchen triumphierend in den Laden und tauschte sie gegen einen lächerlich geringen Beitrag ein. Nein, das war nichts für ihn.
Obersold, Erwin, geb. 1968, groß und athletisch mit einem Hang zur Korpulenz, aschblond, schütterer Bartwuchs, der ihm, weil er sich nur einmal pro Jahreszeit rasierte, den Anschein von Zerzaustheit verlieh. Als freischaffender Kulturjournalist leidlich informiert und oft unterwegs, wohnte er in den Restmöbeln einer Beziehung, die nicht allzu lang gehalten hatte, kinderlos, zum Glück, wie er sagt.
Jahrelang hatte er Bonuskarten ignoriert. Das erste Mal nahm er die Frage nach einer solchen Karte bewusst wahr, weil sie ihm von einem auffallend hübschen Mädchen (Publizistikstudentin?) im Coffeeshop der Bahnhofshalle angeboten wurde. Und weil sie dies auf eine Weise tat, als wäre es etwas Intimes, eine persönliche Angelegenheit zwischen ihnen beiden. Nach dem Kauf von sechs Cappuccinos, raunte sie ihm zu, würde er einen umsonst bekommen. Es klang, als würde der siebte Cappuccino ihm nicht im Gedränge am Tresen serviert werden, sondern bei ihr zuhause. Warum nicht, dachte er, ließ sich einen Stempel auf die neu erhaltene Coffee-Card drücken und steckte sie in seine Brieftasche. Das war der Anfang einer unerwarteten Entwicklung und eines völlig neuen Lebensabschnittes.
Obersold war aufgrund seiner Reisetätigkeit häufig am Bahnhof, und recht bald zierten fünf unscharf gestempelte blaue Kaffeetassen die vorgesehenen Felder auf der Bonuskarte. Seit er in ihrem Besitz war, begann sich seine Wahrnehmung zu verändern. Er hörte nun an der Kasse genauer hin und staunte darüber, was es alles gab: Bonuskarten, Superkarten, Superbonuskarten, Rubbelkarten, Sammelausweise, Treuepunkte, Punktekarten, Treuepunktekarten, Handwerkerkarten, Kilometerkarten, Kumuluskarten, Clubkarten, Sparkarten, Geiz-ist-geil-Karten und Ich-bin-doch-nicht-blöd-Karten. Kein Bereich des Lebens wurde dabei ausgespart: Von der Erziehung, Ernährung über Sport und Freizeit, Haftpflichtversicherung, Krankenversorgung bis zur Altersversorgung war es möglich, sich kleine Vergünstigungen zu ergattern. Es dauerte nicht lange und seine Brieftasche war prall gefüllt mit kreditkartengroßen Ausweisen seines privaten Konsums. Obersold hatte sich in kurzer Zeit vom Ignoranten des Rabattsystems zum aufmerksamen Bonuspunktesammler entwickelt.
Das nächste Verhängnis, wenn man die Geschichte Obersolds von ihrem traurigen Ende her betrachtet, war eine Reise im Schlafwagen. Er teilte sein Abteil mit fünf quietschvergnügten Angehörigen eines dänischen Damenvereins (Bowling? Tupperware?), die ihm ihre Bonuspunkte überließen, weil es für sie eine einmalige Reise war und die Punkte somit nutzlos. Und nicht nur das: Nachdem sie gesehen hatten, dass er sich darüber freute, ließen sie es sich nicht nehmen, auch die Bonuspunkte der anderen dänischen Teilnehmerinnen, die fast den ganzen Waggon belegten, einzusammeln (das geschlechtergetrennte Jahrgangstreffen einer Kleinstadt?). Am Ende drückten sie ihm so viele Punkte in die Hand, dass er damit vier Freifahrten würde einlösen können.
Perpetuum mobile: eine nach den physikalischen Gesetzen nicht mögliche Maschine, die ohne Energieverbrauch dauernd Arbeit leistet (Fremdwörterlexikon). So könnte die Blütezeit seiner Bonuspunktesammelleidenschaft überschrieben werden. Der alte Traum des Menschen, Einschränkungen der Natur zu überwinden, den Koordinaten von Raum, Zeit und Logik zu entkommen. Der Wunsch zu fliegen. Über das Wasser zu schreiten. Atome zu spalten. Die Lichtgeschwindigkeit zu übertreffen. Die Evolution zu korrigieren. Die Endlichkeit des Lebens auszuhebeln. Als Marionetten an den eigenen Fäden hochzuklettern. Kurz gesagt: Obersold wurde zum Schnorrer von Bonuspunkten. Er machte Reisen allein deswegen, um Punkte einzusammeln, für die andere Reisende keine Verwendung hatten (wenn ihn auch nie mehr das Glück eines Damenvereins ereilte). Er verwickelte fremde Leute in Diskussionen über das Bonussystem, um in den Besitz ihrer Provisionen zu gelangen. Er begann, an der Endstation die Schlafwagenabteile zu durchsuchen, und warf unauffällige Blicke auf die Marmortischchen, wenn die Gäste das Café verließen. Der siebte Cappuccino war ihm im Coffeeshop leider von einer älteren Mitarbeiterin serviert worden und nicht von jenem hübschen Mädchen, aus deren feingliedrigen Händen er die erste Bonuskarte entgegengenommen hatte. Das wäre ein Warnsignal gewesen. Er ignorierte es, und wie immer, wenn irgendwo auf der Welt deutliche Warnsignale ignoriert wurden, nahm das Verhängnis (Verkehrsunfall! Tankerunglück! Klimaveränderung!) seinen Lauf. Lassen wir uns von der Heiterkeit der Geschichte nicht täuschen. Kein Alchimist hat es auch nur ansatzweise geschafft, aus wertlosem Dreck Gold herzustellen. Und auch die berühmte Verwandlung von Wasser zu Wein nahm ein tragisches Ende.
Noch recht harmlos, wenn auch lästig, war der missglückte Grenzübergang im Intercity-Express. Obersold zückte lässig seine Identitätskarte und hielt sie dem bewaffneten jungen Beamten hin. Woran lag es bloß, dass Polizisten den Figuren aus Computerspielen immer ähnlicher wurden?, dachte er noch, bevor der Beamte ihm die Karte barsch zurückgab und sagte: Was soll das? Obersold sah, dass er die Punktekarte seines Videoverleihs vorgewiesen hatte, die eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der Identitätskarte aufwies. Das war nicht weiter schlimm. Bei zwei Dutzend Karten von derselben Größe konnte man schon mal den Überblick verlieren. Er entschuldigte sich höflich für das Versehen und zupfte lächelnd an seiner Kartensammlung. Unangenehmer war dann, dass er seine Identitätskarte nicht finden konnte. Es gab nur eine Möglichkeit, fasste er in Gedanken zusammen: Er hatte im Videoverleih anstelle der vollen Punktekarte versehentlich seine Identitätskarte abgegeben. Obersold breitete sämtliche Bonuskarten auf dem Sitzpolster aus, um seine Identität zu belegen. Auf vielen stand sein Name, manchmal sogar gedruckt – es nützte nichts. Auch nicht seine Beteuerungen, dass wohl niemand auf die Idee käme, zwei Dutzend verschiedene Bonuskarten zu fälschen, um eine Identität vorzuleugnen. Er wurde aus dem Zug geführt wie ein Verbrecher und musste einen halben Tag im Dienstzimmer der Grenzstation verbringen, bis seine Identität geklärt war und er einen provisorischen Ausweis erhielt (unattraktives A4-Format, doppelt zusammengefaltet) und seine Reise fortsetzen durfte.
Ein Glück im Unglück war, wenn auch nur vorübergehend, dass er mit einem Zug weiterfahren konnte, in dem die Bahn mit der Aktion «Fröhlicher Speisewagen» für sich warb und jeder Fahrgast einen Gutschein für ein Glas Sekt erhielt. Obersold war erleichtert, dass er der unangenehmen und langwierigen Grenzkontrolle endlich entronnen war, und benahm sich entsprechend aufgeräumt und jovial, steckte großzügig die von abstinenten Fahrgästen angebotenen Gutscheine ein, um sie sogleich alle einzulösen. Die Stimmung im «Fröhlichen Speisewagen» wurde zusätzlich angeheizt durch den Geburtstag einer Linienpilotin, die auf dem Weg zum Flughafen war. Obersold überraschte sie mit der Miles-and-more-Karte ihrer Billigfluglinie und bekam prompt ein weiteres Glas Sekt spendiert und danach noch eines. Die vorbeifliegende Landschaft versank in der Dämmerung, bald einmal war es draußen nachtschwarz. Zurück blieb die lustige Schar der Reisenden, eine verschworene Fahrgemeinschaft, die sich immer deutlicher in den Fensterscheiben spiegelte und sorglos durch den Orbit raste. Stunden später wankte Obersold durch die Waggons und suchte nach einem freien Sitzplatz. Aus der Weltraumfahrt war eine Seefahrt geworden (Bonusreise seiner Krankenkasse?), ihm war übel vom Schaukeln und Rütteln, und er musste sich mit den Händen an den Wänden abstützen, um nicht umzukippen. Als er von einem Waggon in den nächsten gehen wollte und die Schiebetür aufriss, umfing ihn ein ohrenbetäubendes Rauschen und Brausen, als würde er einen Wasserfall hinunterstürzen. Der Zug legte sich in eine Kurve, etwas packte Obersold an der Hand und zog ihn in den Faltenbalg des Wagenübergangs. Es war der Tod, der ihm dort entgegentrat, übelriechend und abstoßend, der eine eisige Kälte verströmte und ihm entgegenbrüllte (sonst wäre er in dem Lärm nicht zu hören gewesen): Deine Zeit ist abgelaufen!
Obersold wollte sich losreißen, aber die Kraft, die seine Hand festhielt und ihn tiefer in die Falten des schwarzen Balges zog, war übermenschlich. Alle Ausreden und Ausflüchte, die ihm einfielen (Verwechslung, Terminänderung, fehlende Gerechtigkeit etc.) interessierten den Tod nicht. «Ich bin doch nicht blöd!», brüllte er Obersold entgegen. Das brachte diesen auf die rettende Idee: Wenn das ganze Leben von Bonussystemen geprägt war, dachte Obersold, so würde doch wohl auch der Tod so etwas kennen. Bonus?, brüllte der Tod, Malus! Er wäre so alt wie das Leben, bisher wäre er bestens ohne diesen Firlefanz ausgekommen und hätte auch nicht vor, so etwas einzuführen. – Das hätte er früher auch geglaubt, schrie Obersold zurück (so laut er konnte), aber ohne Bonus würde heute gar nichts mehr laufen. Vielleicht war es seine hartnäckige Gegenwehr, vielleicht war es die Idee, die er nun etwas ausführte (wer Rabatte gibt, fördert den Umsatz etc.) und die den Tod plötzlich amüsierte. Jedenfalls handelten sie im ohrenbetäubenden Lärm zwischen den beiden Zugwaggons eine Vereinbarung aus: Für die Zeit, die Obersold von nun an geschenkt werden sollte, musste er anderes Leben opfern. Für ein getötetes Insekt würde er einen Tag geschenkt bekommen, für ein Wirbeltier (Fisch, Frosch etc.) eine Woche, ein Säugetier brachte einen Monat, ein erwachsener Mensch zehn Jahre, für ein Kind wurde ihm das Alter von fünfundachtzig garantiert. Wie ist es mit Pflanzen?, wollte Obersold noch wissen, aber der Tod hatte seine Hand bereits freigegeben und war im Faltenbalg verschwunden.
Obersold erinnerte sich nicht mehr daran, wie die Zugfahrt weiter verlaufen und wie er nach Hause gekommen war. Am nächsten Morgen fühlte er sich sterbenselend. Auf seinem Handrücken war ein schwarzes Mal zurückgeblieben, das nach verbrannter Haut roch und sich nicht wegwaschen ließ. In der Zeitung las er, dass die Pilotin in angetrunkenem Zustand auf dem Flughafen verhaftet worden war, kurz bevor sie ihre Maschine starten konnte. Im Laufe des Tages ging es ihm immer schlechter. Er fieberte, schwitzte, bekam Schüttelfrost. Am Abend versuchte er vergebens, eine Mücke zu fangen, die um die Deckenlampe seines Schlafzimmers kreiste. Entkräftet kroch er auf allen vieren ins Bad, wo er es schaffte, mit der flachen Hand ein Silberfischchen auf den Bodenfliesen plattzudrücken. Danach fühlte er sich besser und begann, an die Existenz des neuen Bonussystems zu glauben.
Obersold gelang es weiterzuleben. Er erwarb kleine preisgünstige Tiere in der Zoohandlung (Hamster, Mäuse, Meerschweinchen), die er Monat für Monat ersäufte, bis der Händler sich weigerte, ihm noch ein weiteres Haustier zu verkaufen. Von da an ließ Obersold in einer großen, mit Gaze bedeckten Porzellanschale Obst verfaulen, tötete täglich eine Fruchtfliege (drosophila melanogaster) und glaubte, den Tod damit überlistet zu haben. Ein Triumph war das nicht, im Gegenteil: Obersold wurde an seine Großmutter mit ihren Rabattmarken erinnert und verfiel in Selbsthass. Er überlegte, seine Bonuskarte mit etwas Unaussprechlichem komplett zu machen (Klotzen, nicht Kleckern), und trieb sich eine Weile auf Kinderspielplätzen herum. Leider nur, um festzustellen, dass er das niemals schaffen würde.
Eines Tages, nach einigen Wochen der zunehmenden Unlust, war es so weit: Obersold sah keinen Sinn mehr in seinem kleinlich zusammengesparten Leben. Er warf sämtliche Bonuskarten in die Küchenspüle, übergoss sie mit Feuerzeugbenzin und zündete sie an. Er war bereit, sich von diesem System zu verabschieden und, wenn es anders nicht ging, auch von diesem Leben. Er entfernte die Gaze von der Porzellanschale und scheuchte den Fliegenschwarm durchs offene Fenster ins Freie hinaus. Es wurde Abend, und da er sich davor fürchtete, den Tod in der Wohnung zu erwarten, ging er auf die Straße hinaus. Mitten unter den Leuten fühlte er sich wohler. Sollte ihn das Schicksal dort erreichen, wäre er nicht ganz allein. In seltsam somnambulen Zustand ging er mitten unter den Menschen die Straße entlang. Die Menge zog in wogender Zeitlupe an ihm vorbei. Konnte es vielleicht sein, fragte er sich, dass alle an diesem Bonussystem teilnahmen? Dass alle heimlich Leben vernichteten, bloß um ihrerseits ein paar Jährchen herauszuschlagen? Er blickte in die Gesichter um ihn herum und entdeckte grimmige Entschlossenheit. Während er am Bahnsteig auf den Zug wartete, der gleich einfahren würde, dachte er daran, wie einfach es wäre, im richtigen Augenblick dem vor ihm Stehenden einen Schubs zu geben. Als der Zug sich mit dumpfem Grollen näherte, bemerkte Obersold, dass dicht hinter ihm ebenfalls jemand stand, so nah, dass er dessen Atem in seinem Nacken spürte …
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