entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 48
..MundArt

Pedro Lenz, *1965 in Langenthal. Studierte einige Semester Hispanistik an der Uni Bern, lebt als freier Schriftsteller in Bern. Letzte Veröffentlichung: «Das Kleine Lexikon der Provinzliteratur», Bilger, 2005. www.pedrolenz.ch.

Pedro Lenz

Mundart ist überall

1. Sprachliche Ausgangslage
Beim Stichwort Mundart sind wir in der Deutschschweiz gerne versucht, an einen Sonderfall zu denken. Dabei ist Mundart weltweit der Normalfall, das Selbstverständliche, die Sprache, in der die Menschen denken, sprechen und träumen.
Darüber, dass es überall, wo wir hinkommen, eine Mundart gibt, sollten wir uns nicht wundern. Wundersamer, spezieller oder bemerkenswerter ist der Umstand, dass es Standardsprachen gibt, dass es also den Menschen einmal eingefallen ist, Sprachen zu normieren und damit über ihre eigene Region hinaus schreib- und lesbar zu machen. Die Standardsprachen sind eine beachtenswerte Kulturleistung. Die Mundarten dagegen sind einfach da und zwar überall.
Halten wir uns diese Tatsache vor Augen, lassen sich verschiedene Missverständnisse aus dem Weg räumen: Der Gebrauch der eigenen Mundart ist weder rühmenswert noch verwerflich, er ist nur normal. Wer sich seiner Mundart bedient, tut das Selbstverständliche. Die Mundart richtet sich nicht gegen die, die sie nicht verstehen, vielmehr richtet sie sich an die, die sie verstehen oder zumindest hören wollen. Mundart ist also zunächst keine Sonder- oder Gegensprache, sondern bloß die alltägliche Sprache derer, die sie benutzen.
Ignoriert man diese Gegebenheiten, ergeben sich, grob gesagt, zwei häufig feststellbare Erscheinungen. Das eine Phänomen ist die Verteu-
felung der Mundart, wie sie gegenwärtig etwa an Grundschulen festzustellen ist. Das gegenteilige Phänomen ist die verblendete Liebe zur Mundart, die sich beispielsweise in der kritiklosen Akzeptanz von Mundartkitsch oder in der pharisäischen Mundartpflege manifestiert.
Während also eine zunehmende Zahl von Leuten glaubt, eine Förderung der Standardsprache zu Lasten der Mundart mache die Schulkinder gescheiter und löse gleichzeitig auch noch alle Integrationsprobleme, gibt es immer wieder Menschen, die den Mundarten gleichsam übernatürliche Fähigkeiten zuschreiben, was nicht selten chauvinistische Züge annehmen kann.
Beides führt in die Irre, denn Mundart und Standardsprache sind keine Gegensätze, die sich ausschließen. Vielmehr handelt es sich um zwei verwandte Sprachen, die unterschiedlich genutzt werden. Grob gesagt ist es so, dass wir in der Deutschschweiz die Mundart für jede Art von Mündlichkeit brauchen und die Standardsprache für jede Art von Schriftlichkeit. Die logische Konsequenz dieser Praxis ist es, dass für uns das Hochdeutsche beim freien Reden eine Fremdsprache ist, also eine
Sprache, die uns nicht selbstverständlich, sondern fremd im Mund liegt. Und genauso wird die Mundart dann zur Fremdsprache, wenn wir sie schreiben oder lesen müssen. Selbstverständlich gibt es Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer, die perfekt Hochdeutsch sprechen, aber es gibt auch solche, die perfekt Englisch sprechen. Wahr bleibt jedenfalls, dass Hochdeutsch als gesprochene Sprache in der Deutschschweiz eine Fremdsprache ist. Wer dies bezweifelt, möge es im eidgenössischen Sprachalltag nachprüfen.

2. Konsequenzen für die Literatur
Das Faktum, dass wir in der Deutschschweiz im privaten Alltag meist gar nicht oder nur ausnahmsweise und nur mangelhaft Hochdeutsch reden, hat unzweifelhaft Konsequenzen für jene Art der Literatur, die sich an der Alltagssprache orientiert. Wer in der Deutschschweiz lebt, ist im Normalfall dauernd von Mundart umgeben. Jede spontane Äußerung fällt ihm in dieser Sprache ein. Sobald nun eine Autorin oder ein Autor aus dem schweizerdeutschen Sprachraum in einem literarischen Text eine Figur Hochdeutsch sprechen lässt, muss die Redeweise der Figur zunächst übersetzt werden. Ich denke als Autor zuerst in Mundart. Soll meine Figur beispielsweise über das Wetter schimpfen, dann stehen mir in der Mundart unendlich viele, tausendmal gehörte Wendungen zur Verfügung. Im Hochdeutschen dagegen muss ich mich, wenn ich nicht zufällig in Deutschland lebe, an Spielfilmen oder Büchern orientieren. Ich weiß also, wie in meinem Lebensumfeld eine Dame über das Wetter schimpft, ich höre wie ein Kind dies tut, ich vernehme, wie Jugendliche, wie Kellner oder wie Bauern schimpfen, aber ich weiß nicht genau, wie sie es täten, wenn sie Hochdeutsch sprächen. Das ist ganz einfach deshalb so, weil mir die direkten Sprachbeispiele fehlen und ich mich auf indirekte Information abstützen muss.
Was liegt also näher, als den Sprechakt von Figuren in der Literatur (im Theater, in Hörspielen, Dialogen, Monologen, Gedichten etc.) in Mundart wiederzugeben?
Das hat weder mit Patriotismus noch mit irgendeiner Form von Abgrenzung gegenüber Anderssprachigen zu tun. Es ist ein rein pragmatischer Ansatz. Es geht hier auch nicht um eine geschmackliche Frage oder darum, ob einzelne Dialekte schöner oder weniger schön klingen. Alle Sprachen klingen, das muss zunächst genügen. Und es ist leider ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, alles was in Mundart geschrieben wird, stehe literarisch außerhalb einer rationalen Bewertungsmöglichkeit, weil es einfach schön oder heimatlich klingt. Wegen dieser Fehlannahme ist es beispielsweise gang und gäbe, dass noch die langweiligste Erinnerungsliteratur oder die unsäglichsten Rock- und Popmusiktexte, wenn sie in Mundart verfasst sind, von einem Großteil des Publikums und
der Kritik geschluckt werden, als gäbe es bei der Mundart, außer einer so genannten Sprachreinheit (die ohnehin nicht existiert), keine Qualitätskriterien.
Dabei müssten für die Mundartliteratur die genau gleichen Maßstäbe gelten wie für jede Literatur. Nur so kann sich die Mundartliteratur aus dem viel belächelten Reservat der Harmlosigkeit befreien. Der Diskurs um Literatur muss losgelöst vom Diskurs um sprachliche Geschmacksfragen geführt werden. Denn wenn ich den Sprachalltag literarisch abbilden will, dann hängt das Gelingen dieses Unterfangens nicht davon ab, ob ich eine schöne oder eine reine Mundart verwende, sondern davon, ob ich den Klang treffe, den ich gesucht habe.

3. Mundart für die Bühne
Darüber, dass sich in Mundart jede Art von Literatur schreiben ließe, braucht meiner Meinung nach nicht diskutiert zu werden. Alles, was sich in einer Sprache sagen lässt, lässt sich in jeder Sprache sagen.
Für mein eigenes Schreiben interessiert mich die Mundart allerdings, wie bereits erwähnt, vor allem dort, wo es um die Wiedergabe von Mündlichkeit oder um das Experimentieren mit Klang geht. Aus diesem Grund verwende ich die Mundart meist nur für Theater-, Hörspiel- oder andere Bühnentexte, während ich Aufsätze, Briefe oder längere Prosastücke in Standardsprache schreibe. Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren mit Lesungen und Performances in Mundart gemacht habe, bestärken mich auf diesem Weg. Dabei geht es mir nicht um eine definierte Mundart, sondern um Alltagssprache im weitesten Sinn. Ich wehre mich also gegen das verbreitete Vorurteil, es gäbe für die Literatur geeignete und ungeeignete Dialekte oder gar etwas wie geographische Sprachvorteile.
Zusammen mit der Autorin Stefanie Grob, den Autoren Guy Krneta, Gerhard Meister, Michael Stauffer und Beat Sterchi sowie den Musikern Adi Blum und Michael Pfeuti bin ich Mitglied der Mundartliteratengruppe «Bern ist überall». Der Name dieser Gruppe will ausdrücken, dass wir zwar mehrheitlich aus dem Raum Bern stammen, dass wir uns deswegen jedoch nicht einbilden, Bern sei ein Sonderfall. Die meisten der erwähnten Autoren schreiben sowohl in Mundart als auch in Standardsprache, benutzen aber für Performances vorwiegend ihre jeweilige Mundart. Literarisch orientieren wir uns an sehr verschiedenen Vorbildern. Für mich selbst sind neben dem Schweizer Kurt Marti oder Autoren der Wiener Gruppe (H. C. Artmann, Friedrich Achleitner, Ernst Jandl) beispielsweise auch schottische Mundartautoren wie Tom Leonard, James Kelman oder Alasdair Gray von Bedeutung. Allen erwähnten Leuten gemein sind das Interesse an den klanglichen Möglichkeiten der eigenen Mundart und ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen, wie zu fremden Sprachen.
Um die Möglichkeiten der Mundartliteratur auszuschöpfen, muss man sich von Normen oder Sprachtraditionen distanzieren. Es darf also beim Schreiben in Mundart nicht um sprachlichen Heimatschutz oder Dialektpflege gehen, sondern um die Suche nach klanglicher und formaler
Vielfalt. Gerade in diesem Bereich bietet die Arbeit in einer Gruppe bedeutende Vorteile gegenüber dem Einzelauftritt, zum einen, weil die Audienz verschiedene Stimmen vernimmt, zum andern, weil alle Gruppenmitglieder im ständigen Austausch stehen und zwar in einem doppelten Dialog, auf und neben der Bühne.
Mundart wirkt in der vorgetragenen Literatur unmittelbarer als Standardsprache. Das bedeutet nun freilich nicht, dass dies allein mit der Mundart an sich zu tun hat. Viel eher hängt es damit zusammen, dass sich in Mundart andere Textformen transportieren lassen, Textformen, die eigens dafür geschrieben wurden, vorgetragen zu werden und die sich an der Sprachrealität der jeweiligen Umwelt orientieren. Solche Texte lassen sich einfacher und lebendiger vortragen als Texte, die aus anderen, abstrakteren Quellen schöpfen. Es ist ganz einfach so, dass die Hörerschaft sich den Umweg der Übersetzung erspart.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich nochmals betonen, dass dies nicht eine deutschschweizerische Ausnahmeerfahrung ist. Das gleiche Phänomen habe ich in verschiedenen Ländern feststellen können.

4. Das Manifest von «Bern ist überall»
Basierend auf theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen beim Verfassen und Vortragen von Mundartliteratur hat die Autorengruppe «Bern ist überall» zum Erscheinen ihrer CD «Im Kairo» ihr Manifest publiziert. Die Kurzversion davon lautet so:

 

MANIFEST
Unsere Sprache ist ÜBERALL.
Wir sprechen ÜBERALL. Wir schreiben ÜBERALL.
ÜBERALL ist unsere Sprache, die uns nicht gehört.
Alle Sprachen sind Fremdsprachen.
ÜBERALL wird hier und heute gesprochen.
Hier und heute werden viele Sprachen gesprochen.
Sprachen schließen sich nicht aus.
In unseren Köpfen ist Platz für viele Sprachen.
ÜBERALL hat Rhythmus, Klang und Farbe.
Sprachen entfalten sich im Mund.
Es gibt keine hohen und niederen Sprachen.
Jede Sprache ist eine Brücke in die Welt.

 

Ziel dieses Manifest, von dessen ausführlicherer Fassung es übrigens auch Versionen in Russisch, Litauisch, Englisch, Staufferisch und Chinesisch gibt, ist es, einen Diskurs über den Sprachgebrauch in der Litera-
tur in Gang zu bringen. Es geht also nicht darum, eine neue Wahrheit
zu verkünden, sondern eine Debatte darüber anzuregen, warum welche
Sprache in welchem Zusammenhang verwendet wird. Außerdem möchten wir verhindern, dass sprachpolitische Diskussionen ausschließlich
in der Politik, also von sprachlich/literarischen Laien, geführt werden. Und nicht zuletzt geht es auch darum, dem Sprachpessimismus derjenigen Leute zu begegnen, die glauben, Sprachen ließen sich hüten, pflegen und rein halten, als handelte es sich dabei um Nutzvieh.

5. Ausblick
Wer die Sprache(n) als natürliche Gegebenheit, als Geschenk, als Quelle der Inspiration versteht, muss sich nicht um den Erhalt, die Förderung oder die Unterdrückung einzelner Sprachen bemühen. Viel wichtiger als die Sprachpflege ist der Sprachgebrauch, der ständige Diskurs. Alle Sprachen bleiben, auch literarisch, im Fluss, so lange sie von den Menschen gebraucht und gehört werden. Und zuweilen fließen sie gleichsam von selbst ineinander über:

 

Chlyne Sprochkurs
Los emou:

Fürne Sproch z verschtoh,
bruchsch vor auem
es guets Ohr.

Ussert du sygsch
es chlyses Ching,
de bruchsch nämlech
es guets Öhrli.

Drum heisst jo Früech-Änglisch,
wemes uf Änglisch seit,
Öhrli-Inglisch.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
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