|
Daniel Goetsch, *1968, in Zürich geboren. Studium in Zürich und Toulouse (F). Lebt in Berlin. Seit 1995 diverse Veröffentlichungen, u.a. die Romane «Aspartam» (1999) und «X» (2004), daneben auch Arbeiten für das Theater. Letzte Veröffentlichung: «Ben Kader», Roman (2006).
Daniel Goetsch
Wipkingen
Nei erlich. Ich weiss nöd, wörum ich do bin.
Ich ha nüd gmacht. Weiss vo nüd. Kän blassä schimmer.
(Das betreffende Viertel erstreckt sich vom Fluss hinauf bis zu einer mehrspurigen Durchgangsstraße und wird im Süden durch ein schluchtartiges Bahntrassee begrenzt. Durch den Feinstaubschleier hindurch sind auf der anderen Flussseite Bürotürme zu erkennen und dazwischen der elegante Schwung der Autobahnzufahrt. Das stete Hintergrundrauschen ist dem Verkehr geschuldet. Hier fallen Stadtrand und Knotenpunkt zusammen.)
Weiss nöd, was passiert isch.
Ha nüd ghört, nüd gseh. Gaht mi nüd a.
Wohär söll ich dänn wüssä. Chönt jo jedä cho.
Mä cha nöd immer wüssä.
Mä cha niä wüssä. Mä muess ufpassä.
(Fünfstöckige Häuser, schmucklose pastellfarbene Fassaden säumen die Straßen und formen deren Biegungen und Verzweigungen nach. In der einzigen Parkanlage zwischen hohen Tannen tummeln sich mehr Tauben als Kinder. Ältere Leute trippeln zu einer in Beton gegossenen Ladenpassage, wo neben Supermarkt, Schuhgeschäft und Bankfiliale ein Café untergebracht ist.)
Wär seit, dass ichs gsi bin.
Wörum ich. Wörum nöd en andärä.
S chönnt jo au en andärä gsi si. Meischtens sinds di andärä.
Ich meinä diä, wo mä niä weiss.
(Nachmittags sitzen dort Weißhaarige vor ihren Kaffeekännchen. Manche erzählen von ihren Gebrechen, andere blättern mit zusammengepressten Lippen in Zeitschriften. Später stoßen Arbeitslose und Ausländer dazu. Die Geselligkeit erlischt gegen Abend wieder, wenn die Autos am Straßenrand geparkt sind und in den Fenstern die Fernseher flackern. An Wochenenden ist manchmal das Zersplittern einer Bierflasche zu hören.)
Aso ich weiss vo nüd. Ha gar nüd gmacht.
Was het ich dänn söllä machä.
Was seit denn diä, was ich gmacht heg.
Wiä chunt diä druf, dass ich söll öppis gmacht ha.
(Das betreffende Personalhaus befindet sich hinter der Ladenpassage. Von außen gesehen mutet es wie ein Gewerbebau an mit seinen gleichförmigen Fenstern und ohne Balkone. Im Hauseingang liegen Werbezettel herum, auf sämtlichen Namensschildern steht die betreffende Firma. Der oberste Klingelknopf ist zugleich der Türöffner. Offenbar kann das Gebäude zu jeder Tageszeit betreten werden. Die Personalzimmer verteilen sich auf das erste und zweite Stockwerk. Die übrigen Räume werden als Lager genutzt, in manchen stapeln sich Kisten mit Druckwaren.)
Diä vezällt doch irgend öppis.
Diä vezällt immer irgend öppis. En seich, en chabis. Mumpiz.
Alli vezället immer irgend öppis.
Alli meinet, sie heget öppis z vezällä.
S isch zum dävolaufä.
(Jeder Angestellte verfügt über ein Zimmer mit fließendem Wasser. Eine Gemeinschaftsdusche befindet sich auf dem Flur. Der Duft von Putzmitteln wie auch der schlichte Linoleumboden gemahnen an ein Krankenhaus. Auf den einzelnen Türen sind Namensschilder angebracht, zumeist unleserlich und mit Aufklebern verunstaltet, etwa dem Foto eines Schäferhundes oder den kubanischen Nationalfarben.)
A däm obig hämirs luschtig gha.
Jo, am anfang ischs luschtig gsi.
S isch immer luschtig, wän mä sich zuefällig trifft.
Wän mä nöd weiss, wo annä das gaht. Wän mä sich tribä laht.
(Das betreffende Zimmer misst höchstens fünfzehn Quadratmeter. Das Bett ist bündig an die linke Wand gerückt, rechterhand steht ein Garderobeständer und darunter Pappschachteln, in denen Kleider und Schuhe verstaut sind. Weder ein Pult noch ein Schrank ist vorhanden.)
A däm obig simmir beidi müed gsi.
Mä isch jo immer müed, wän mä gschaffed hät, odärr.
Wän mä hei chunt, kaputt und färtig.
Und nöd weiss, wo eim dä chopf staht.
(Auf dem Spannteppich liegen einige vergilbte Gratiszeitungen, auf dem Fensterbrett steht ein voller Aschenbecher. Der Geruch von Zigarette und alter Wäsche hängt schwer im Raum.)
Isch jo nöd s erschtä mol gsi.
Ich gse sii allpot uf em gang, fascht jedä tag.
Mir känned eus. Alli im hus känned sich.
Mir schaffed i dä glichä budä. Mir sind wiä ei familiä.
Mir händ kein gheimnis voränand.
(Der Rollladen im einzigen Fenster steckt auf halber Höhe fest. Von der Decke baumelt eine Glühbirne.)
A däm obig isch sii us dä duschi cho.
Wi gods, hani gfrögt. Eifach so.
Dänn isch sii zu mir is zimmer cho.
Mä händ zäme fernseh gluegt.
S laufd jo immer öppis im fernseh, odärr.
Immer einä, wo schwafled oder umäballered.
Immer dä glichi seich.
(Der Fernsehapparat steht auf dem Boden und ist verstaubt.)
Irgendwänn isch sii zu mir ufs bett ghokt.
Ha mir nüd dänkt. Ich meinä. Was hetti söllä dänkä.
Mä cha nöd immer öppis dänkä. Susch wörd mä dürrädreiä.
Voralläm wän mä müed isch vom schaffä, kaputt und färtig, odärr.
(Das Laken ist mit Flecken übersät, deren Herkunft nicht eindeutig ist.)
Wotsch schmusä, hani gfrögt.
Aber ich bi nöd einä vo däne, wo immer nur eis wot.
Meischtens wot ich gar nid. Meischtens ischs mir zviel.
Aso, eigentlich bin ich ener än schüchä.
(Die auf dem Kissen vorgefundenen Haare scheinen von einer einzigen Person zu stammen.)
Sii hät nüd gseit. Nur ihren chopf uf mini achsle gleit.
Isch okay. Chani versta. Wän mä müed isch, odärr.
Am obig simmir jo immer alli müed.
Do dänkt mä nüd me. Do lot mä sich gah.
Und irgendwän schloft mär i.
(Nirgends sind verdächtige Spuren zu finden.)
Drü tag spöter chlopfts a dä türä.
Ich mach uf. Stönd zwei bullä da.
Diä säged, ich heg irgend än seich gmacht.
Diä hät dänä bullä än seich vezällt.
Diä isch doch dürrä, völlig dürrä, richtig dürräknallt.
Abärr, so isch sii scho immer gsi.
(Es fehlt jeder Hinweis auf ein Verbrechen.)
Und wär seit, dass ichs gsi bin.
Wörum ich. Wörum nöd en andärä.
Meischtens sinds diä andärä.
|
|