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Erica Pedretti, *1930, arbeitet als Bildhauerin und Schriftstellerin. Letzte Veröffentlichungen: «Heute. Ein Tagebuch», Suhrkamp 2001, sowie «Szenenwechsel», Edizioni Periferia 2005.
Erica Pedretti
Gopferdeckel
Nach viereinhalb Jahren fragten sie immer noch: Aus welchem Kanton kommst du? Nein, nicht aus Zürich, wo ich jetzt zur Schule ging, nicht aus dem Sankt Gallischen, wo jetzt meine Familie wohnte. Auch nicht aus Aarau, ich sprach kaum mehr so, wie einmal meine Großmutter, das war viele Jahre her, mit mir gesprochen hatte.
Vielleicht war man mit fünfzehn schon zu alt, um eine neue Sprache, einen neuen Dialekt akzentfrei sprechen zu lernen. Meinen jüngeren Geschwistern, vor allem meinem kleinen Bruder, der, als wir hier ankamen, gerade in die erste Klasse eintrat, fiel das leichter, die Eltern, erst ein Jahr später hergekommen, verstanden ihn nicht mehr.
Dann, wenige Jahre später, nach der Emigration, nochmals dasselbe auf Englisch. Nur krähte in New York kein Hahn danach, wie und mit welchem Akzent ich Amerikanisch sprach.
Und wieder zurück in der Schweiz, wo ich diesmal bleiben durfte, dank meinem Schweizer Mann, der mir nun neben seinem bündnerischen Dialekt nach und nach Romanisch beibrachte. Erstaunlicherweise fiel es mir leichter, Puter zu lernen, das Rätoromanisch des Oberengadins, das war viel leichter als meine Muttersprache anders als gewohnt auszusprechen.
Und jetzt werden drei meiner Kinder, wenn sie nicht Romanisch oder Französisch sprechen, gefragt, aus welchem Kanton sie kommen: Bern oder Graubünden?
Den Dialekt der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, habe ich jahrzehntelang weder gehört noch gesprochen, und auch das Hochdeutsch, «unser» Deutsch, das eine andere Klangfarbe hat bzw. hatte und sich ebenso sehr vom in Deutschland gesprochenen Deutsch unterscheidet wie das Schweizer Hochdeutsch, das ist mit der Generation der Eltern mehr oder weniger ausgestorben.
Mit meinen Schwestern rede ich schwyzerdütsch, mit meinem Bruder englisch, mit den Kindern meist romanisch, mit den meisten meiner Enkel französisch. Und schreibe Deutsch. Oft bin ich versucht, beim Schreiben Dialektwörter zu brauchen, immer wieder, aussagekräftigere Schweizer Ausdrücke einzusetzen, die, gopferdeckel, fast jeder deutsche Lektor gnadenlos streicht.
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