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Katharina Bendixen, , *1981, lebt in Leipzig. Schreibt Prosa und Theaterstücke. 1993 und 1998 Preisträgerin beim Bundesweiten Wettbewerb «Schüler Schreiben». September 2005 Debütpreis des Poetenladens. Endrundenteilnehmerin beim 13. Open Mike 2005. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Katharina Bendixen
Die Kartoffelbreienttäuschung
Als mein Bruder fünf Jahre alt war, überfuhr mein Vater ihn mit dem Traktor. Es ging so schnell, dass wir uns später Vorwürfe machten, den Vorgang nicht auf Video aufgenommen zu haben, um ihn in allen Einzelheiten rekonstruieren zu können. Eine Videokassette hätte die Schuldfrage sicherlich auch nicht geklärt, aber vielleicht des Gewissen jedes einzelnen beruhigt. Meine Mutter sollte auf meinen Bruder aufpassen und schaute einen Moment statt aus dem Fenster auf den Kartoffelbrei, der blubberte, was er noch nie getan hatte, weswegen sie abgelenkt war. Ich sollte meinen Vater in die Lücke zwischen Ahornbaum und Haus einwinken. Ich sah meinen Bruder am Rand der Hauswand sitzen, er hatte einen Grashalm in der Hand und hielt ihn gegen das Licht. Ich war mir sicher, dass mein Vater ihn auch sah und geschickt an ihm vorbeilenkte. Außerdem parkte er immer in einem Meter Abstand zu unserer Hauswand ein, weil meine Mutter beim Kochen etwas von der Wiese sehen wollte. Mein Vater sollte meinem Winken folgen. An diesem Tag hatte er sich aber überlegt, besonders nah zum Haus einzuparken, weil der Traktorsitz am Morgen von der Sonne immer so heiß war, dass er sich fluchend den Hintern verbrannte. Er achtete nur auf das Winken in die hintere Richtung, den Abstand zur Hauswand wollte er dieses Mal selbst bestimmen. Er gab Gas, und dann holperte es kurz. Er dachte sich nichts dabei, sondern stellte den Motor ab und sprang aus der Fahrerkabine. Ich sagte nichts. Meine Mutter schaute aus dem Fenster und sah an der Stelle, an der mein Bruder eben noch gesessen hatte, den Traktor stehen. Der Kartoffelbrei spritzte in ihre Haare, und sie blieb stumm. Mein Vater ging vorne um den Traktor herum und wollte ins Haus laufen. In einem Film wäre an dieser Stelle ein Schwenk auf den grasgrünen Grashalm erfolgt, der im Sonnenlicht leuchtete. Aber der Grashalm war natürlich ebenso verschwunden wie das Leben meines Bruders. Ich sagte nichts, dann sagte ich, «Papa», mein Vater sagte, «nein, zum Traktor fahren bist du immer noch zu klein, aber einwinken kannst du wirklich gut», ich sagte noch einmal, «Papa», und mein Vater lief ins Haus. «Keine Diskussion», rief er noch. Ich ging ihm hinterher. Meine Mutter stand am Fenster und sah auf meinen Bruder, mein Vater stand neben ihr, und der Kartoffelbrei blubberte in großen Blasen, die Hälfte war schon auf dem Herd verteilt. «Schau doch», sagte meine Mutter mit Kartoffelbreispritzern in den Haaren zu mir, ich stellte mich neben meine Eltern und sah ebenfalls meinen Bruder an. «Dieses Maggi-Zeug», sagte meine Mutter dann, «früher hat man sich noch Zeit zum Kochen genommen und die Kartoffeln selbst gestampft. Aber dieses Maggi-Zeug, das ist der Tod jedes Familienglücks.» Der Krankenwagen kam bald, die Rettungssanitäter wollten meinen Bruder erst nicht mitnehmen, weil sie sahen, dass sie nicht mehr helfen konnten, aber dann legten sie ihn auf ihre Trage, und meine Mutter richtete seine Gliedmaßen wieder so ein, dass es aussah, als hätte er keine Knochenbrüche und wäre fast gesund, wenn ihm nicht so viel Blut im Gesicht geklebt hätte. «Aber jetzt», sagte meine Mutter, «vielleicht können Sie ja doch noch was tun, jetzt sieht er doch schon wieder viel besser aus.» Die Rettungssanitäter schüttelten den Kopf und sahen sich innerlich seufzend in die Augen, als würden sie jeden Tag eine ungläubige Mutter eines vom Traktor überfahrenen Jungen die Tatsachen vor Augen und Ohren führen müssen.
Später sagte meine Mutter manchmal, «fast hätte ich meinen Sohn getötet, als ich Kartoffelbrei kochte», und mein Vater sagte, «fast hätte ich meinen Sohn getötet, als ich mit dem Traktor einparkte», und ich sagte, «fast hätte ich meinen Bruder getötet, als ich meinen Vater beim Einparken half», und manchmal lächelten wir dann, weil wir wussten, dass wir alle recht und unrecht hatten. Die Geschichte war eine Verbindung familiären Versagens, eine gemeinsame Unaufmerksamkeit, jeder hatte seinen Teil dazu beigetragen, und wir redeten nicht mehr darüber, nur manchmal sagten wir diese Sätze. Wenn einer anfing, mussten die anderen ihren Teil ebenso aussprechen, und wenn dann einer lächelte, mussten die anderen auch lächeln, und dann gab es Chips und Cola, und wir setzten uns an den Fernseher und sahen hin.
Das einzige, was sich in den nächsten Jahren änderte, war das Einparkverhalten meines Vaters, das nach der Kartoffelbreienttäuschung eigentlich nicht mehr existierte. Er ließ den Traktor abends einfach auf dem Feld stehen und setzte sich am Morgen wieder hinein. Zum Geburtstag schenkte meine Mutter ihm ein hell geblümtes Sitzkissen, das von der Sonne nicht aufgeheizt wurde und ihm einen weichen und beschaulichen Arbeitstag bescherte. Manchmal hielt er nun seinen Mittagsschlaf in der Fahrerkabine, den Kopf auf die über dem Lenkrad verschränkten Arme gelegt und den Hintern wohlig auf die hellen Blumen gedrückt. Er schnarchte dabei sogar. Meine Mutter lachte, wenn sie ihn so sah.
Und noch etwas war anders geworden: Ich sehnte das Alter, in dem ich endlich Traktor fahren durfte, nicht mehr herbei. Ich begann, es ängstlich zu betrachten, verfluchte jeden Geburtstag und gab mich bei Fremden manchmal jünger aus, als ich eigentlich war. Meine Eltern sahen sich dann über meinen Kopf hinweg an, und manchmal dachte ich, sie würden mich verstehen.
Eigentlich mochten die Leute im Dorf unordentlich herumstehende Traktoren nicht, aber sie wussten von dem Unglück und sprachen mit meinen Eltern nicht darüber. Nach ein paar Jahren begannen sie allerdings, schlecht über meinen Vater zu reden, er sei ein Herumtreiber, sagten sie, ein schlafender Sack, sagten sie, er wisse nicht, was für eine innere Stärke der Besitz eines Traktors erfordere, und als einmal am Morgen ein von einem Kind selbstgemaltes Knöllchen unter dem Scheibenwischer steckte, wussten wir, dass die Erwachsenen im Dorf sich gegen uns und unseren familiären Ausrutscher verschworen hatten, denn sie mussten dem Kind geholfen haben, weil wir am Abend gemeinsam am Küchentisch keine Rechtschreibfehler in dem Schreiben fanden und der Kreis mit einem Zirkel ganz exakt gezogen worden war. Mein Vater steckte jeder Familie im Dorf fünfundzwanzig Euro für das Falschparken in den Briefkasten, er schimpfte laut vor sich hin, als er nachts um drei von seinem Spaziergang wieder kam, und meine Mutter fuhr am nächsten Tag in die Stadt und kaufte neue Briefumschläge.
Auch dass meine Eltern bei Einladungen zu anderen Ehepaaren immer eine halbe Stunde zu früh kamen, dann die Frau beim Kochen in der Küche unterhielten, beobachteten und kritisierten und das Haus häufig vor dem Essen wieder verließen, irritierte viele Dorfbewohner nach einer Weile. Sie wussten natürlich nicht, dass meine Eltern das nur taten, wenn etwas mit einem Pulver gekocht wurde, wenn es Zwiebelsahnehähnchen von Maggi gab oder Lachs in Kräuter-Dill-Rahm von Knorr, dass meine Eltern solche Produkte nicht mehr zu sich nehmen konnten, ja seit der Kartoffelbreienttäuschung nahezu panisch auf Fertigtüten reagierten und die Blicke nicht mehr vom Fenster wenden konnten, wenn ein derartiges Produkt in der Küche auftauchte. «Denkt ihr eigentlich einmal an eure Familienidylle», fragte meine Mutter dann häufig, ehe sie in den Flur ging und sich ihre Schuhe wieder anzog. Wenn sie von solchen enttäuschenden Einladungen wieder nach Hause kamen, empfing ich sie im Flur mit den Worten, «fast hätte ich meinen Bruder getötet, als ich meinen Vater beim Einparken half», und dann sagten sie ihre Sätze, und dann lächelten wir, und dann klopfte mein Vater mir leicht auf die Schulter, als wollte er mich loben, weil ich so tapfer war.
Ich musste ihn enttäuschen, als ich in das gefürchtete Alter kam, in dem er mich das erste Mal hinter das Steuer seines Traktor setzen wollte. «Ich kann das nicht», sagte ich. Mein Vater sah mich irritiert an und blinzelte gegen die Sonne. «Ich glaube, ich kann das einfach nicht», wiederholte ich. Zuerst versuchte es mein Vater im Guten, «fast hätte ich meinen Sohn getötet, als ich mit dem Traktor einparkte», sagte er, und ich erwiderte, «fast hätte ich meinen Bruder getötet, als ich meinen Vater beim Einparken half», und meine Mutter sagte nichts, weil sie in der Küche Kartoffeln stampfte und uns nicht hören konnte. Ich blieb weiter neben dem Traktor stehen und sah meinem Vater ins Gesicht. Langsam wurde er wütend. «Sei doch nicht so sensibel», erwiderte er nach einer Weile. Ich blickte von seinem Gesicht auf den Boden und zurück. «Nein», sagte ich, «vielleicht will ich überhaupt nicht Traktor fahren lernen. Vielleicht will ich ja etwas ganz anderes machen.» – «Keine Ausreden», fuhr er mich an, «beim Einwinken warst du ja auch nicht so zimperlich!» Ich fuhr zusammen. «Aber», sagte ich. «Kein aber», sagte mein Vater. «Und überhaupt», rief ich, «du kannst ja nicht mal richtig einparken, was soll ich von dir denn lernen!» Meine Mutter schaute aus dem Fenster, sie war aufmerksam geworden, weil wir so viel gesprochen hatten. «Fast hätte ich meinen Sohn getötet, als ich Kartoffelbrei kochte», rief sie uns aus dem Fenster zu und sah uns erwartungsvoll an. «Und du», schrie mein Vater, «du kannst ja nicht einmal auf ein fünfjähriges Kind aufpassen, wie sollst du da aus dem anderen etwas Vernünftiges machen!» Meine Mutter schaute meinen Vater entsetzt an und sah dann zu mir. «Ihr könnt doch mit dem Einparken beginnen, das ist doch das Wichtigste, da kann man doch eigentlich nicht viel falsch machen», sagte sie und zog die Gardine zu. Mein Vater spuckte auf den Boden.
An diesem Abend verließ er das Haus zum ersten Mal seit der Kartoffelbreienttäuschung, ohne sich zu verabschieden. Er kam nicht wieder. Meine Mutter ging am nächsten Morgen. Sie hatte sich eine große Dose voll Kartoffelbrei in ihre Einkaufstüte gesteckt, ich verfolgte ihren Weg bis an die Biegung der Dorfstraße, dann verlor ich sie aus den Augen, während ich mit einem Messer die riesigen Reifen des Traktors zerstechen wollte. Es gelang mir nur bei einem. Ich nahm das geblümte Kissen aus der Fahrerkabine, legte es an die Hauswand und setzte mich darauf. Ich riss einen Grashalm aus dem Boden und hielt ihn gegen die Sonne, aber ich konnte nichts Fesselndes daran erkennen.
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