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Melinda Nadj Abonji, *1968 in Becsej (Vojvodina), lebt in Zürich. Autorin, Musikerin und Textperformerin. Arbeitet seit fünf Jahren mit dem Raplyriker und Beatboxer Jurczok 1001 zusammen. Im April 2006 erscheint die erste gemeinsame CD «The New Sound of Europe».
Melinda Nadj Abonji
AM.OR
Neulich, in einer Bar, setzte sich einer zu mir und sagte:
«Wenn die Menschen wüssten, was Tiefe ist.»
«Wie meinst du?», fragte ich.
«Was fragst du?», sagte er zielsicher, «ich meine es so, wie ich es meine. Wenn ich jemanden treffen will, dann treffe ich sie auf der Stelle.»
«Wirklich?»
«Natürlich.»
«Ah so, dann bin ich hier, weil du es gewollt hast?»
«Hat aber länger gedauert, als ich dachte», und er spielte eine charmante Verärgerung, und ich dachte, mein Gott, der ist gut, und nippte naiv am Glas.
«Ich bin, glaub’ ich, eher zufällig hier», sagte ich und fühlte diese bestimmte Unruhe in meiner Kehle.
«Zufälle! Zufälle gibt’s nicht», und er hob seine linke Braue, sein Mund, eine herrliche Oase mit Zunge, blieb geöffnet.
«Oh!», rief ich viel zu laut und klatschte mir die Hand auf meine Wange und dachte, nicht schlecht, diese Zunge, liegt wie eine große, fette Goldmünze in seinem Mund.
«Du bist sicher Schauspielerin oder Sängerin oder ... Künstlerin auf jeden Fall, stimmt’s?»
«Wie hast du das bloß erraten», und ich formte meinen Mund zu einem Spritzsack, neigte den Kopf feinfühlig zur Seite.
«Sagen wir mal, ich hab’s geahnt, so, wie du dich bewegst, deine Art, wie du dich gibst ... kann ich dir eine Zigarette anbieten?»
«Gern.»
«Siehst du, so, wie du die Zigarette herausziehst, diese Bewegung, dieser Schwung in deinen Händen, das zeugt von einer künstlerischen Natur, hast du noch nie bemerkt, dass du deinen kleinen Finger von deiner Hand abspreizt?»
Sein Mund blieb wieder leicht geöffnet, und ich sah ihm so unauffällig wie möglich auf seinen Schaumstoffmund, eine unglaubliche Unterlippe hat der, gehört eigentlich verboten! Eine herrliche Zungenschanze, diese Unterlippe.
«Hab’ ich noch nie bemerkt», sagte ich schnell, «aber wie du alles gleich in Worte fassen kannst, das find’ ich schon beeindruckend», und ich spielte mit meinem kleinen Finger und stellte mir vor, wie ich ihm meinen von meiner künstlerischen Natur zeugenden Finger in seinen einladend gewölbten Mund schieben würde, was den schönen Nebeneffekt gehabt hätte, dass er sprechunfähig gewesen wäre, «sprechunfähig», rutschte es aus mir heraus, und er schaute mich zärtlich-mitleidig an.
«Find’ ich nicht, dass du das bist, die Körpersprache ist ja auch eine Sprache, man kann sogar sagen, also, ich hab’ ausführliche Berichte darüber gelesen, die Körpersprache macht bis zu fünfzig Prozent der Sprache aus.»
«Ja wirklich?», und meine Stimme kratzte vor Aufregung und Vorfreude, ich hatte bemerkt, dass ein winziger Spalt seine Schneidezähne zierte, diese unübersehbaren Zwischenräumchen und Blickfang-Ritzen hatten schon immer sehr motivierend auf mich gewirkt, um genauer zu sein ...
«Ich arbeite sozusagen mit der Sprache, da macht man so seine täglichen Beobachtungen, kombiniert ein bisschen», und er legte seine Zunge auf seine unteren Zähne. Ich war fassungslos, der legt seine Zunge, die prall schillernde Goldmünze, auf seine unteren Zähne, lässt den Mund geöffnet, und das Ritzchen ist auch zu sehen. Ich gab ihm keine Antwort, nur keine Antwort geben, dann bleibt der womöglich noch lange so ...
«Bei dir zum Beispiel merke ich sofort, dass du von den Lippen abliest, das machen normalerweise die Gehörlosen, wie du ja sicher weißt, aber auch sehr sensible Menschen, die jede Schattierung der Kommunikation erfahren wollen. Natürlich tust du härter als du bist, aber im Grund bist du kein cooler Typ, sondern ein weicher, aufnahmefähiger Mensch, was meinst du?»
Ich merkte, dass er eine Antwort von mir erwartete, aber ich war verständlicherweise sprachlos. Was für Zähne! Und ich leckte mit meiner Zunge über seine Zähne, um dann mit meiner sensiblen Zungenspitze ... alles in Gedanken natürlich ...
«Was meinst du», fragte er nochmals und fasste sich mit dem Daumen und dem Zeigfinger ans Ohr, leider, muss ich sagen, weil ich bei dieser Gelegenheit sein Ohr entdeckte, armes Hirnchen, dachte ich, schau dir dieses schlanke, mit einer großen Muschel bestückte Ohr an! Und dieses kompakte, perfekt geschwungene Läppchen, dieses Ohr, das nur auf mich wartete, ja, das fieberte durch meinen Kopf, durch meinen Mund- und Ohrfetischistinnenkopf. Mein Kiefer klappte nach unten und ich sagte Ja, wie hätte ich Nein sagen können. Ich sagte nochmals Ja, und schob meinen kleinen Finger langsam zum Mundrand.
«Ah, sehr interessant, du gibst es sogar zu, du stehst zu deiner Weichheit, das find’ ich sehr stark, wehrst dich nicht gegen deine Weiblichkeit.»
«Nein», rief ich fast schon, «wie könnt’ ich denn», und ließ meinen Mund in attraktiver Empörung geöffnet, rutschte ganz sachte auf dem Stuhl hin und her, in der Hoffnung, er würde ...
«Möchtest du noch etwas trinken? Ich bin völlig ausgetrocknet», und er lä-chelte, so dass ich seine vorderen Eckzähne deutlich sehen konnte, und ich gab mich ergeben der nächsten Vorstellung hin, spürte seine phantastischen Eckzähne auf meinem Hals, spüre, wie die kleinen spitzigen Dinger meiner Halsader nachfahren, in Begleitung seiner Zunge, die aromatisch ist, die sich außerdem bedächtig, aber bestimmt hin und her bewegt, plötzlich innehält, als sie mein Ohrläppchen berührt, und ich spüre, dass sich seine gut trainierte Zunge streckt, weit und immer weiter, bis zur Ohrmuschel, und ich glaube nur noch aus einem riesigen Ohr zu bestehen, merke nicht mehr, was er genau macht, ich bin ganz Ohr, denke ich, er bringt es sogar so weit, dass sich meine Lieblingsphantasie in meinem Kopf ausbreitet, mein Kopf, eine riesige Wolke voller Lieblingsphantasie...
«Tee oder Kaffee?», und sein warmer Flüsterton trifft mein Innenohr, bin ganz Ohr, denke ich, meine Hirntätigkeit ist ansonsten außer Kraft gesetzt, die Schwerkraft besiegt meine Augen, die Lider warten auf Halbmast, es fliegen Ohren und Münder an mir vorbei, Zungen und Zähne ...
«Du nimmst bestimmt Kaffee ohne Milch und ohne Zucker, das würde jedenfalls zu dir passen. Weiche, weibliche Frauen trinken immer schwarzen Kaffee», und er lächelte, seine Lippen waren frisch, schlicht unwiderstehlich, und mein halbierter Blick hing an ihm wie eine voll gesaugte Biene am Honigtopf.
Die Pause, die entstand, störte mich keineswegs, er aber räusperte sich und sagte, was Sie sich bestimmt schon ausgedacht haben, nämlich, dass er nicht zufällig meine Weiblichkeit getroffen habe, dass er selbstbewusste Frauen gepaart mit Weiblichkeit am liebsten möge, dass die Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen den Geschlechtern sei ... er schwatzte so lange und ausschweifend, dass ich ihm zwei Finger in den Mund schob und mit der Zunge durch meine Finger hindurch in seinen Mund stieß und mit meiner Zunge in seiner Mundhöhle wühlte, so ausgiebig und nachhaltig, dass sich seine Augen weiteten, und ich das nackte Entsetzen sah, das ihn überkam, weil ihm, plump gesagt, schlagartig bewusst wurde, dass er über meine Weiblichkeit, vor allem aber über seine Männlichkeit genauso wenig oder genauso viel Bescheid wusste wie die Fische über das Fliegen, Flugfische ausgenommen.
Aber vielleicht täuschte ich mich, und es geschah rein gar nichts.
Ich entkorkte mich, zog meine Zunge aus seinem Mund, flüsterte ihm zu mit all meiner Herzlichkeit:
«Ich bin’s mein Schatz, hätte gern einen Schwarztee mit Zucker und Milch», und er erhob sich, das steht außer Zweifel, sagte, er müsse rasch aufs Klo, und ich bestaunte ihn von hinten, knackig, frisch, sein Hals trug seinen Kopf mit kultiviertem Anstand, und ich gab mich sogleich wieder meiner Lieblings-
phantasie hin, die ich Ihnen, das versteht sich von selbst, nicht preisgeben werde, da wir uns ja zufällig, falls Sie es vergessen haben, in aller Öffentlichkeit befinden, in einer Bar sitzen, uns beim Kaffee oder Tee trinken irgendwelchen Phantasien überlassen, die nur dann nachhaltig wirken, wenn sie angedeutet und nicht enthüllt werden.
Das jedenfalls versuchte ich meinem geistreichen Helden indirekt klar zu machen, als ich ihm, nachdem er sich wieder gesetzt hatte und detailliert von Erotik und deren Funktion fürs gesellschaftliche Leben zu schwatzen begann, ans Ohr fiel und flüsterte:
«Ich plane eine Attacke auf deine Muschel, falls du nicht stillhältst, verschluck’ ich deinen Goldfisch.»
Natürlich hätte ich ihm nicht erklären können, was ich meinte. Stellen Sie sich vor, ich hätte gesagt, «weißt du, mit Muschel meine ich ...» und «falls du nicht stillhältst, ist für mich ...» und «Goldfisch hat verschiedene Bedeutungen ...»
Auf jeden Fall mundete ihm mein Geflüster, letztlich eine, wie ich finde, phantasievolle Aufforderung zum Liebesspiel, nicht. Er stand schnell auf, warf ein paar Scheine auf den Tisch, sein Gesicht sah aus wie zerknülltes Papier, packte all seine Köstlichkeiten und verschwand grußlos. Und ich hätte ihm nachrufen können:
«He, wir haben uns nicht zufällig getroffen!»
«Mein schöner Held, ich hab’ voll angebissen, ehrlich, I want you!»
«Ich bin zweisprachig aufgewachsen, vielleicht hast du mich falsch verstanden!»
«He, auch Frauen mögen Sex!»
Aber ich ließ es bleiben, und als ich merkte, dass sich mein Zeigfinger in der Luft streckte, musste ich lachen, vielleicht grundlos, vielleicht aber auch, weil sich der Kellner vor mich hinstellte und nichts außer seiner Gürtellinie in meinem Blickfeld war.
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