entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 45
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Arnold Spescha, *1941, lebt in Chur. Mittelschullehrer für Französisch, Rätoromanisch und Italienisch. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Verfasst Lyrik und Prosa in Sursilvan.

Mevina Puorger Pestalozzi, *1956, lebt in Zürich. Lehrbeauftragte für Rätoromanische Literatur und Kultur an der Universität Zürich und an der Volkshochschule Zürich. Übersetzt und publiziert rätoromanische Literatur.

Arnold Spescha / Mevina Puorger Pestalozzi

Das Verhältnis von Original und Übersetzung

Gespräch zwischen Schriftsteller und Übersetzerin

«Mevina Puorger: Die literarische Übersetzung nimmt in der rätoromanischen Literatur eine Sonderstellung ein. Sie könnte als eine Art Geburtshelferin der Literatur in Rätoromanisch bezeichnet werden: Ein Großteil der Autoren der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit des zwanzigsten Jahrhunderts half mittels Übersetzungen – vor allem deutscher Literatur – zur Verbreitung von Literatur und Entstehung der eigenen Belletristik.

Inwiefern ist die literarische Übersetzung als poetische Kunstform für einen rätoromanischen Autor heute noch bedeutungsvoll?

Arnold Spescha: Sie ist immer noch bedeutungsvoll, wird aber (leider) nur noch vereinzelt praktiziert. Eine Ausnahme bildet die Übersetzung von Kinder- und Jugendbüchern.
Die Übersetzung eines fremden Werkes ermöglicht einem Autor, sich mit einer anderen Welt zu befassen, und zwar in Bezug auf den Inhalt wie auf die Sprache. Durch die Konfrontation mit Inhalten, die aus einem anderen Lebens- und Erfahrungsraum stammen, wird die Sicht für das Eigene klarer, sensibler, differenzierter. Der sprachliche Gewinn ist noch größer. Übersetzen heißt nicht, etwas neu etikettieren, sondern die «fremde« Wirklichkeit mit dem eigenen Sprachsystem, mit der Zielsprache, neu analysieren, erfassen und zeigen.

Das Gedicht «Das Wort» von Stefan George endet mit den Worten:

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

Heidegger schreibt dazu: «Kein Ding ist, wo das Wort fehlt, nämlich Wort, das jeweils das Ding nennt.» … «Erst wo das Wort gefunden ist für das Ding, ist das Ding ein Ding.» Der (rätoromanische) Autor zum Beispiel, der ein fremdsprachiges Werk übersetzt, ist gezwungen, andere «Register» der Sprache zu verwenden, als dies bei einem Werk in seiner Erstsprache der Fall ist. Er muss das richtige Wort, die richtige Form in seiner Sprache finden, um die andere Welt zeigen zu können. Das sensibilisiert ihn auch für die sprachlichen Mittel, die in der eigenen Sprache zur Verfügung stehen. Das Übersetzen bewirkt also nicht nur das Kennenlernen der Welt und des Sprachsystems der Fremdsprache, sondern entwickelt auch einen größeren Spürsinn für die eigene Welt und für die eigene Sprache.
Heute gibt es sehr wenige rätoromanische Autoren, die ins Romanische übersetzen. Einer davon ist der in Mailand wohnende Schriftsteller Ursicin G. G. Derungs. Er hat u. a. folgende Werke übersetzt: Max Frisch, «Andorra» (1981); Heinrich von Kleist, «Il ruog rut»; William Shakespeare, «Romeo e Giulietta» (1988); «The Fiddler on the Roof» (Anatevka), Musical (1998); Ignazio Silone, «Fontamara» (2003). Derungs übersetzte des Weiteren Teile aus Dante, «La Divina Commedia»; Boccaccio, «Decamerone»; Goethe, «Faust». Dazu kommen verschiedene Gedichte von Rilke, Bonhoeffer und anderen Autoren.

Mevina Puorger: Die rätoromanischen Autoren der Gegenwart sind zweisprachig; sie verfügen demnach über die sprachliche Kompetenz, selber ihre Literatur zumindest ins Deutsche zu übersetzen.

Schreiben Sie ausschließlich in Ihrer Muttersprache, in Sursilvan?

Arnold Spescha: Sachtexte (z. B. geschichtliche Arbeiten) schreibe ich in Sursilvan und Deutsch. In solchen Fällen ist es häufig sogar einfacher, in Deutsch als in Rätoromanisch zu schreiben, da manche Begriffe (z.B. Neologismen) für das Rätoromanische erst noch geschaffen werden müssen. Es ist aber durchaus möglich, alles auf Rätoromanisch zu sagen.
Ich würde vielleicht eine Erzählung von mir – nach den oben erwähnten Prinzipien – ins Deutsche übersetzen, würde sie aber lektorieren lassen. Ich glaube, dass man bei der Übersetzung eines eigenen Textes nicht die nötige Distanz hat, um eine Sprachstruktur konsequent in eine andere (über-)setzen zu können. Man «klebt» sozusagen zu stark am Originaltext. Es tut manchmal weh, auf gewisse Sprachelemente verzichten zu müssen, die in der eigenen Sprache gut sind, in der Zielsprache aber nicht die gleiche Wirkung haben, weil dort eben andere Elemente das Gleiche «erfassen und zeigen».
Eigene Gedichte würde ich nicht übersetzen; ich würde höchstens eine Rohübersetzung machen. Der Übersetzer muss einerseits einen kühlen Kopf bewahren und das übersetzen, was im Text steht, anderseits muss er selber Poet sein, um mit anderen sprachlichen Mitteln Poesie aus der Poesie schaffen zu können.

Mevina Puorger: Jede Übersetzung (auch eines eigenen Textes) ist bereits eine Interpretation. Das Wesentliche der Dichtung scheint unfassbar zu sein, wird im Akt des Lesens und Übersetzens ausgelegt.

Dieser Prozess schafft ein spezielles Verhältnis zwischen Autor und Übersetzer. So wie eine Lektüre verschiedene Analysen ermöglicht, bestehen zu jedem Text verschiedene Übersetzungsformen.

Eigenes im Text geht verloren, Neues kommt hinzu.

Sehen Sie in der Übersetzung eine Form des Weiterlebens oder eine Gefahr für das Original?

Wie erleben Sie den Prozess der neuen sprachlichen Einkleidung Ihrer Gedichte?

Arnold Spescha: Eine gute Übersetzung ist keine Gefahr für das Original, sondern eine Bereicherung. Einerseits werden die Gedichte durch die Übersetzung mehr Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht, andrerseits können sie durch das neue Kleid sogar prägnanter sein.

Ein Beispiel aus dem Gedicht TIMOROSO1 in der Übersetzung von Mevina Puorger und Franz Cavigelli:

Timoroso

La tema

ei

ina siarp

che reiva

dallas combas si

e sestartuglia

entuorn il venter

e siara il cor

Die deutschsprachige Fassung wirkt dichter und «härter» ohne das Relativpronomen che und ohne die Bindewörter e. Die Idee des Furchtsamen (Timoroso) wird stärker akzentuiert. Die Originalfassung ist abgerundeter, milder. Die «neue Einkleidung» kann ich aber durchaus verstehen und akzeptieren. Eine Übersetzung ist eben eine etwas andere Interpretation.

Im Gedicht ACCELERANDO2 würde ich persönlich statt «Vergebene/Müh im/haltlosen Holpern/des Karrens» die Fassung «Vergebene/Müh im/haltlosen «Rollen/des Wagens» vorziehen, da ich an einen Eisenbahnwagen gedacht habe. Die Übersetzer haben es aber anders gesehen und interpretiert. Warum nicht?

Ich erlebe in positiver Art und Weise die «neue sprachliche Einkleidung» meiner Gedichte. Es ist für mich eine neue Erfahrung, die auch für die Originalfassung von Vorteil ist, wie ich weiter unten zeigen werde. In einer Übersetzung sieht man auch oft, ob das Original taugt. Sie deckt oft Schwächen des Originals auf.

Mevina Puorger: Prosa werde mit viel Fleiß übersetzt, eine Plausibilität wird ihr abverlangt; die Lyrikübersetzung entstehe im Kopf, wo die Bilder eines Gedichts nach neuen Sprachformen suchen.

Sie schreiben hauptsächlich Gedichte. Ist Lyrik übersetzbar?


Arnold Spescha: Ja, auf alle Fälle, sofern die neuen Sprachformen typisch für die Zielsprache sind und eine möglichst ähnliche poetische Aussagekraft wie das Original haben.
Im Gedicht SOSPIROSO3 wurden «ils suspirs da dolur» mit «seufzende Leiden» übersetzt. Diese Personifizierung des Schmerzes gibt sogar stärker den Gedanken wieder als die naheliegende Übersetzung «Seufzer des Schmerzes».

Mevina Puorger: Jede Übersetzung ist eine Metamorphose, die immer auch ein Stück Fremdheit beinhaltet.
Die geschriebenen Sprachen der rätoromanischen Idiome basieren im Wesentlichen auf ihren gesprochenen Formen; dies ist ein erschwerender Faktor für die Übersetzbarkeit in eine Schriftsprache. Der Unterschied der sprachlichen und stilistischen Register zwischen dem rätoromanischen Sursilvan und dem Schriftdeutsch ist erheblich. Die Gefahr einer ‹hochdeutschen Überhöhung› oder einer ‹dialektalen Verflachung› lauert hinter solch einer Übersetzung.
Eine Alternative zur textnahen Übersetzung ist die Nachdichtung. Eine Ergänzung zur textnahen Übersetzung wären erklärende Fußnoten.
Eine weitere Möglichkeit, dem Original gerecht zu werden, ist die zweisprachige Ausgabe mit synoptischer Darstellung von Original und Übersetzung.

Welche Art Übersetzung bevorzugen Sie?

Arnold Spescha: Eine zweisprachige Ausgabe mit synoptischer Darstellung von Original und Übersetzung ist wohl der Idealfall.
Ich möchte jedoch keine reine Nachdichtung; auch in der Übersetzung will ich mein eigenes Gedicht erkennen.
Erklärende Fußnoten sollten nur im äußersten Ausnahmefall verwendet werden.
Ich ziehe die inhaltlich textnahe Übersetzung vor. Statt von ‹Übersetzung› spreche ich lieber von ‹Übertragung› oder von ‹Fassung›. Das Gedicht wird vom Romanischen ins Deutsche ‹übertragen›.
Wichtig ist eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Autor und den Übersetzern. Um den Dialog zwischen Autor und Übersetzern zu illustrieren, werden dem folgenden Gedicht von Arnold Spescha mehrere Varianten der deutschen Übersetzung, mit Erklärungen des Autors, der definitiven deutschen Fassung vorangestellt.

Rubato bedeutet in der Terminologie der Musik «kleine Tempoverschiebung», wörtlich heißt rubato «geraubt». Das Gedicht ist auch ein Spiel mit diesen Bedeutungen. Etwas wurde geraubt,

der mittlere Teil (die Strophen 2 bis 4) ist aber «ruhiger im Tempo», um es musikalisch auszudrücken, gemäßigter im Inhalt als der Anfang und der Schluss, darum: Quasi rubato.

Die Fassung mit der direkten Anrede «kalt bist du» usw. ist direkter, persönlicher. Die unpersönliche Form der zweiten Strophe «genommen sind mir Mut und Würde» ist rhythmisch besser als eine Variante mit «du». «Herz und Arm» in der 3. Strophe ist eine gelungene poetische Umsetzung von (wörtlich) «mein Herz und meine Unterstützung». In der 4. Strophe wäre «ganz ermattet» nicht richtig, denn sesfar bedeutet in diesem Fall «verzweifeln». Die 5. Strophe nimmt die Kadenz der 1. auf.

Auf Grund der deutschsprachigen Fassung ändere ich im Original die Schlusszeilen «dirs sco/il granit» in «dirs/sco crap». Die Übertragung ins Deutsche bewirkt hier eine positive Korrektur der Originalfassung. Auch diesbezüglich kann die Übersetzung eines Gedichtes von Nutzen sein.

Die Variante besitzt eine ganz andere Struktur, die das Gedicht auf eine andere Ebene setzt. Die Substantive haben eine starke Aussagekraft wegen der vielen Obertöne (sons harmoniques), die mitschwingen (Konnotationen). Sie stehen aber allein und wirken (ohne konjugierte Verben) abstrakt und daher enigmatisch. Die 3. Strophe hätte mir sehr gut gefallen (dein Abwenden/vom Herzen/ dem liebenden/und gebenden); sie würde rhythmisch aber nicht zur gewählten Fassung passen.
Die gewählte Fassung ist keine wörtliche Übersetzung, sie ist zwar textnah, aber dennoch selbständig und poetisch. Das Spiel zwischen der musikalischen und der sprachlichen Bedeutung kommt gut zum Zug: «Fond et forme» stimmen überein.
Schreiben ist ein erregendes Abenteuer. Übersetzen ist ein schwieriges, aber nicht minder packendes Abenteuer und die Zusammenarbeit zwischen Autor und Übersetzer ist in unserem Fall ein schönes Abenteuer.

Anmerkungen

1 in: Sbrinzlas Funken Scintille, Gegenwartslyrik aus Graubünden, Anthologie Hrsg. von Pro Lyrica/Mevina Puorger. Schaffhausen 2005, S. 146–47.
2 ebd., S.148–49.
3 ebd., S.144–45.

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