entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 43
..Gewalt


Tobias Hugentobler, *1968 im Kanton Thurgau, lebt in Zürich.

Tobias Hugentobler

Das Haus

Er sah, wie eine alte Frau die lange Straße entlangging. Zwischendurch verschwand sie hinter den Apfelbäumen, die in dem neben seinem Haus liegenden Obstgarten standen.

Es war heiß und er konnte die Luft über der Straße flimmern sehen. Die alte Frau kam nur sehr langsam vorwärts. In der rechten Hand hielt sie eine rot karierte Tasche, so eine, wie man sie gewöhnlich für den Einkauf verwendet. Es sah so aus, als ob sie schwer an der Tasche trug, denn sie blieb immer wieder stehen und stellte die Tasche neben sich auf den Boden.

Er hatte eben eine weitere Seite seines neuen Romans zu Ende geschrieben, als es klingelte. Er stand auf, stieg die Treppe hinunter und öffnete die Tür. Vor ihm stand die alte Frau. Sie trug einen weißen Rock mit kleinen, hellroten Blumen. Ihr leicht gewelltes, kurz geschnittenes Haar war weiß und ihre Brille groß. Erst dachte er, sie habe sich verirrt.

«Sind Sie der neue Besitzer?», fragte sie und stellte die Tasche ab.

«Ja, ich bin der neue Besitzer.»

Trotz der vielen Falten im Gesicht sah er, dass sie einmal eine schöne Frau gewesen sein musste.

«Mein Name ist Ursula Arpagaus», sagte sie, «und das Haus, in dem Sie jetzt wohnen, war einmal mein Haus, und früher war es das Haus meines Vaters gewesen. Er hat es geplant, gezeichnet und gebaut. Ich habe erfahren, das Haus sei wieder verkauft worden.»

Während sie sprach, musterte sie ihn von Kopf bis Fuß. Die Brillengläser machten ihre Augen groß.

«Immer wenn der Besitzer wechselt», fuhr sie fort, «komme ich hierher und frage, ob ich das Haus besichtigen kann. Glauben Sie mir», sie nickte, «die haben mich bis jetzt immer reingelassen.»

Sie stand da und schaute ihn erwartungsvoll an.

«Also, lassen Sie mich jetzt rein oder nicht? Sie wissen, ich habe nichts gegen Sie in der Hand.»

«Und wenn ich Sie nicht reinlasse, was machen Sie dann?»

«Dann gehe ich wieder und werde Ihren Namen in ein Heft notieren.»

Er musste lachen.

«In ein Heft?», fragte er erstaunt, «was ist das für ein Heft?»

«Das ist eine andere Geschichte. Lassen Sie mich jetzt rein oder nicht?»

«Bitte», sagte er und trat zur Seite, um ihr Platz zu machen.

Sie griff nach der Tasche, wischte ihre Schuhsohlen am Teppichvorleger ab und ging hinein. Er schloss die Tür und folgte ihr.

«Hier sieht’s ja aus wie in einer gotischen Kathedrale», sagte die alte Frau, als sie in der Vorhalle stand, von der aus man in alle Räume des Hauses und in den oberen Stock gelangen konnte.

Am Morgen hatte er alle Fenster geschlossen, um die aufkommende Hitze des Tages zu bannen. Seine Frau war nach dem Frühstück mit den beiden Kindern zum Waldschwimmbad gefahren. «Wir lassen dich heute al-

leine», hatte sie zu ihm gesagt, «damit du in Ruhe arbeiten kannst.»

«Alle Kathedralen sind gotisch», belehrte er sie.

«Ich weiß», erwiderte sie, als sie zur Decke hoch sah, «sind Sie etwa ein Besserwisser?»

Langsam fing er an, die alte Frau zu mögen.

Sie stellte die Tasche auf den Stuhl, der an der Wand neben der Treppe stand, und schaute sich um.

«Wollen Sie etwas trinken?», fragte er.

«Bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser», sagte sie.

In der Küche nahm er ein Glas vom Abtropfsieb. Er füllte es mit Wasser und beobachtete die alte Frau, wie sie in der Vorhalle umherging und die Sachen, die herumstanden, musterte. Als sie sich in seine Richtung drehte, trat er aus der Küche heraus und reichte ihr das Glas. Sie trank es in einem Zug aus.

«Noch eins?», fragte er sie.

«Nein, eins reicht», sagte sie. «Immer noch derselbe ziegelrote Klinkerboden, der überdauert ja die Ewigkeit.»

Sie ging zum Tisch und klopfte mit den Knöcheln auf die Tischplatte. «Auch wir hatten hier einen Tisch stehen, einen schweren Tisch aus dunklem Holz, und fünf Stühle mit hohen Lehnen. Und da hing ein Bild.» Sie zeigte zur weißen Wand neben der Tür, die zum Bad führte.

«Was für ein Bild?», fragte er.

«Ein Bild meiner Mutter, als junge Frau, mein Vater hat’s gemalt.»

«War Ihr Vater Maler?»

«Nicht wirklich, nur manchmal.»

«Was ist aus dem Bild geworden?»

«Fragen Sie nicht so viel», sagte sie und dann, während sie die Tür öffnete, die zum Zimmer mit dem Whirlpool führte: «Ich weiß es nicht, viele Dinge sind verschwunden, die mich einmal umgeben haben.»

«Was ist das?» Sie ging zum Whirlpool, den er noch nie benutzt hatte.

«Das ist ein Whirlpool. Ich habe ihn einbauen lassen.»

«Ein Whirlpool», wiederholte sie erstaunt und schüttelte den Kopf, «wozu soll das gut sein? Da, wo jetzt dieses Ding steht, haben meine Eltern und dann mein Mann und ich geschlafen. Hier standen die Betten und daneben je ein Nachttischchen mit einem Nachttischlämpchen obendrauf. Die Lämpchen haben grüne Schirmchen getragen. Und hier hat der große Kasten gestanden, mit dem Spiegel in der Tür. Das ist meine Seite gewesen und das seine Seite.» Sie zeigte auf die Seite, die der Tür am nächsten war.

Er versuchte sich vorzustellen, wie sie dagelegen und geschlafen hatte.

Die alte Frau ging aus dem Zimmer und stieg die Treppe hoch, die in den oberen Stock führte. Durch das kleine Fenster über der Treppe drangen Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterwerk in das Haus herein. Er schloss die Tür und folgte ihr.

«Sie haben Kinder», sagte sie, als sie im Zimmer standen, von dem aus sie die Dächer des Dorfes und den im Sonnenlicht glitzernden See sehen konnten. «Als Kind habe ich hier geschlafen und im Bett nebenan meine Schwester.» Dann zeigte sie zum Wickeltisch. «Und dort stand eine Kommode aus Birnbaumholz und auf der Kommode eine kleine Musikdose, so eine zum Aufziehen. Ein Geschenk meines Vaters.» Sie fing an, eine Melodie zu summen, als sie den Raum verließen.

«Und das hier war das Zimmer meines Bruders. Da stand das Bett, da der Tisch und der Stuhl, und da der Wandkasten, aber den gibt’s ja immer noch.» Sie lächelte. «Mein Bruder hörte nachts gerne Radio.» Sie ging zum Wandkasten. «Mal schauen, ob noch Spuren zu sehen sind.» Sie öffnete die Wandkastentür. «Alles übermalt.» Enttäuscht schloss sie die Tür wieder zu.

Die alte Frau suchte den nächsten Raum auf. Hier hatte er vorhin gesessen und geschrieben. Auf dem Schreibtisch, von dem aus er auf die Straße sehen konnte, stand der Computer, daneben lagen ein Stapel Bücher und handgeschriebene Manuskripte. Ein offenes Buch zeigte die Abbildung eines menschlichen Hirns.

«Sind Sie Arzt?», fragte sie ihn, als sie den Schreibtisch sah und das an der Wand stehende Bücherregal.

«Nein, Schriftsteller», sagte er, nachdem er leicht gezögert hatte.

«Schriftsteller?» Erstaunt schüttelte sie den Kopf. «Wie kann man nur Schriftsteller sein, haben Sie nichts anderes zu tun?» Sie ging zum Tisch, nahm ein Blatt Papier in die Hand und las. Sie hielt das Blatt dicht vor ihre Augen und bewegte den Kopf hin und her. Nach einer Weile legte sie das Blatt wieder auf den Schreibtisch zurück und sagte: «Was Sie hier schreiben, geht mich nichts an, das ist Ihre Sache.»

«Lesen Sie Bücher?», fragte er, als er ihr zuschaute, wie sie im Zimmer umherlief und sich umsah.

«Nein», antwortete sie, ohne ihn anzuschauen, «schon lange nicht mehr, Bücher haben nichts mit dem richtigen Leben zu tun. Das richtige Leben findet nicht in Büchern statt.»

Die alte Frau hielt sich am Geländer fest, als sie die Treppe hinunterstieg.

«Passen Sie auf, der Teppich ist rutschig», sagte er, als er sah, wie unsicher ihre Tritte waren.

«Machen Sie sich keine Sorgen um mich», erwiderte sie.

Er stieg dicht hinter ihr die Treppe hinunter, die Arme bereit, sie aufzufangen, falls sie fallen würde.

«Und jetzt gehen wir ins Wohnzimmer», kündigte sie an, «den Vorzeigeraum eines jeden Hauses.» Sie drückte die geschwungene Türklinke aus Messing hinunter und öffnete die Tür. Sie lief im Wohnzimmer umher, einem in der Mitte geteilten Raum, den man mit einer Schiebetür trennen konnte. «Hier im Erker, bei den Fenstern, stand ein runder Tisch, unser Esstisch, und daneben ein Buffet mit einem Radio obendrauf. Und dort die Büste meiner Mutter, die mein Vater modelliert hat.» Sie zeigte auf die Stelle, wo jetzt ein brauner Sessel stand, auf dem noch schmutzige Wäsche lag.

«Ihr Vater muss Ihre Mutter sehr geliebt haben», sagte er.

«Und ob», antwortete die alte Frau.

Er folgte ihr, als sie in den anderen Teil des Wohnzimmers ging.

«Hier stand das Sofa, da ein Tischchen und zwei Lehnsessel. Nach dem Abendessen saß mein Vater immer in einem Sessel, trank eine Tasse Schwarztee und las die Zeitung. Die Lehnsessel waren mit grünem Samt überzogen, der vom vielen Sitzen ganz abgewetzt war. Und da das große Bücherregal und dort das Klavier, auf dem meine Mutter spielte, wenn ihr danach war. Meine Mutter hatte ganz feine Hände.» Die alte Frau schaute ihn an.

Dann standen sie einen Augenblick schweigend da, und sie nahm ihre Brille ab und putzte die Gläser mit einem Taschentuch, das sie aus ihrem Rockärmel gezogen hatte.

«Ach ja», sie setzte die Brille wieder auf, «die Küche, ich hab die Küche vergessen, ich werf noch kurz einen Blick in die Küche.»

«Bitte», sagte er.

Sie lief zur Tür hinüber, die zur Küche führte und streckte ihren Kopf durch den Türspalt. «Alles anders. Die Zeiten ändern sich.»

Die Frau schloss die Tür und ging zu ihm, der noch immer in der Mitte des Wohnzimmers stand.

Sie schaute zu ihm hoch. Dann fragte sie: «Kennen Sie Fats Waller?»

«Fats Waller», wiederholte er, «Fats Waller.» Er überlegte. Erst dachte er, er sei ein Schriftsteller.

«Sie kennen Fats Waller nicht?», fragte sie erstaunt und triumphierend zugleich, «dann haben Sie aber bisher etwas in Ihrem Leben verpasst. Fats Waller ist ein amerikanischer Jazzpianist, der wunderbare Musikstücke komponiert hat. Ich hab gesehen, dass Sie einen alten Plattenspieler haben.»

«Einen Plattenspieler», wiederholte er.

«Ja, einen Plattenspieler. Sie haben richtig gehört, dort drüben im Regal steht er.» Sie ging zum Plattenspieler. Eine Staubschicht lag auf dem braunen Deckel. «Sie hören wohl keine Schallplatten mehr.»

«Nein», sagte er, «seit langem nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt noch funktioniert.»

«Ihre Vorgänger hatten keine Plattenspieler», sagte sie.

Sie verließ das Wohnzimmer und kam mit der rot karierten Tasche zurück. Dann stellte sie die Tasche auf das Sofa. Sie griff in die Tasche hinein, zog eine Schallplatte heraus und betrachtete das Bild auf der Plattenhülle.

«Sehen Sie», sie winkte ihn zu sich, «das ist Fats Waller.»

Er sah einen rundlichen Mann mit braunem Anzug und Krawatte, der an einem Klavier saß und lachte. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut. Sie legte die Hülle auf das Tischchen.

«Mögen Sie Kuchen?», fragte sie.

«Doch, sehr, warum fragen Sie?»

«Ich habe einen Kuchen gebacken.» Sie nahm einen mit durchsichtiger Folie umwickelten Kuchen aus der Tasche hervor. Es war ein großer Kuchen. «Halten Sie mal», forderte sie ihn auf und reichte ihm den Kuchen.

Er hielt ihn mit beiden Händen fest. «Der Kuchen ist sehr schwer.»

«Nur die besten Zutaten und fast nur Schokolade», sagte sie stolz, «ein Rezept meiner Mutter.»

«Soll ich Kaffee machen?», fragte er.

«Ja, bitte.»

In der Küche setzte er Wasser für den Kaffee auf. Er hörte, wie sie im Wohnzimmer an dem Plattenspieler herumhantierte und es in den Lautsprecherboxen knackte. Als das Wasser kochte, nahm er den Topf vom Herd und goss das Wasser in die Tassen. Er trug das Tablett mit Zucker und Rahm ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Die alte Frau war damit beschäftigt, die Sachen, die auf dem Tischchen neben dem Klavier lagen, wegzuräumen.

«Mein Mann und ich haben oft zu Fats Waller getanzt», sagte sie, «genau hier, wo wir jetzt stehen. Ich möchte, dass Sie jetzt mit mir tanzen.»

«Ich kann nicht tanzen», behauptete er.

«Ach was», sie schüttelte den Kopf, «alle Menschen können tanzen, kommen Sie.»

Erst stellten sie das Tischchen beiseite. «Lassen Sie bitte», sagte er zu ihr, als er sah, dass sie versuchte, den schweren Sessel alleine beiseite zu schieben, und er schob ihn neben das Sofa, um Platz zu machen.

Die Frau setzte die Nadel des Plattenspielers auf die Schallplatte. Sofort begann es zu knistern. Erst ertönte ein Klavier, und dann, nach ein paar Akkorden, eine Männerstimme.

«Soll ich das Licht anmachen?», fragte er, «es ist sehr dunkel.»

«Nein, nein», erwiderte sie, «lassen Sie nur, das ist nicht nötig.»

Sie trank einen Schluck Kaffee und nahm ihn bei der Hand.

«So geht das», sagte sie, und sie fingen an zu tanzen. Zwischendurch, wenn ein Stück zu Ende war und das neue noch nicht eingesetzt hatte, nippten sie an ihrem Kaffee oder aßen ein Stück von ihrem schweren Schokoladenkuchen. Nachdem die erste Seite abgespielt war, drehte sie die Schallplatte um und sie fuhren fort zu tanzen. Als ein langsames Stück einsetzte, spürte er, wie sie ihn zu sich zog und ihren Kopf leicht an seine Schulter legte. Er konnte ihre Haare riechen.

Als auch die zweite Seite beendet war und es still wurde, drehten sie sich langsam im Kreis weiter. Er traute sich nicht, sich von ihr zu lösen.

Nachdem sie sich eine Weile so im Kreis gedreht hatten, löste sie sich von ihm und sagte: «Ich muss jetzt gehen. Die Schallplatte können Sie behalten, ich will sie nicht mehr.»

«Nein, das geht nicht», entgegnete er.

«Doch, ich bestehe darauf. Es ist jetzt gut, so wie es ist», antwortete sie.

Sie wickelte den Kuchen wieder in die Folie ein und legte ihn in die rot karierte Tasche zurück. Dann begleitete er sie zur Tür.

«Auf Wiedersehen», sagte sie.

«Auf Wiedersehen», sagte er.

Er hätte sie gerne noch gefragt, weshalb sie damals das Haus verlassen hatte, was geschehen war, aber er ließ es bleiben. Er rechnete damit, keine Antwort zu erhalten, auch wenn sie etwas sagte.

Er schaute ihr nach, wie sie über den Plattenweg lief und das Gartentor hinter sich schloss. Dann ging er ins Haus hinein und begann, die Tassen und die Teller zu spülen und wischte sie trocken. Er wollte auf keinen Fall, dass seine Frau etwas merkte. Im Wohnzimmer rückte er den Sessel und das Tischchen wieder an die richtige Stelle. Schließlich setzte er die Nadel noch einmal an den Plattenanfang und legte sich aufs Sofa. Er dachte an die alte Frau, wie sie vor Jahren durch das Haus gegangen war, jeden Tag, wie sie gekocht hatte, gewaschen hatte, wie sie vielleicht ihrem Mann den Rücken gekratzt hatte, und er ihr. Irgendwann schlief er ein. Als er wieder aufwachte, hörte er, wie die Nadel in der Endlosrille knisterte. Er konnte nicht sagen, wie lange schon.

Zurück zur Homepage

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.