entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 43
..Gewalt


Anna Kim, *1977 in Südkorea, lebt und arbeitet in Wien. Im Herbst 2004 erschien die Erzählung «Die Bilderspur» im Literaturverlag Droschl. Letzte Auszeichnung: Wiener Autorenstipendium 2004.

Anna Kim

Das Versteck

DMorgen würde sie ins blasse Licht schlüpfen, noch vor der Dämmerung das Hocken der Straße, Freiheit würde sie sagen, in den Zehen spüren; heute verschiebt Chloe Sofa, Sessel und Regale, ordnet Bücher und Geschirr, das Gewächshaus, ein kleines Glashaus für junge Kakteen, lässt sie auf der Parkbank stehen, beobachtet stündlich, ob sich ihm jemand nähert. Einem jungen Paar möchte sie zuwinken, zurufen, die Kakteen seien so frisch, sie würden lange nicht verwelken; das Glashaus wird abends noch stehen, Max wird nicht nachgeben, Chloe wird es in den Keller tragen, dicht an das Fenster stellen, Sonnenlicht wird nur die äußersten Triebe erreichen, sie werden wachsen, bis der Rumpf erstickt.

Chloe klebt Rosen, getrocknete Rosen, an die Decke, pflanzt das Rosenbeet mit Klebeband und Schere, sie klebt nicht sorgfältig, viele Enden haften nicht, sammeln Staub, mit der Zeit wachsen den Rosen neue Dornen, ein Dornennetz aus Staub. Die Wände kurz und karminrot, das Haus ist mit den Jahren geschrumpft, die Wände früher hoch und gelb. Chloe legt einen Wiesenpfad in die Küche, verteilt auf dem braunen Teppich grünen Filz und Steine, besprüht mit grau-silbernem Lack, Raureifpelz. Die Fußballen bald schwielig, zerrieben, saugt Max alles auf; an seinem Blick prallt Chloe ab.

Sie hätte es fast übersehen, ein Band aus schmalem Licht führt sie zu einer Tür hinter dem Bücherregal, einer Tür ohne Knauf, zunächst ist sich Chloe nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine Tür handelt, oder einfach nur um eine Wand mit Spalt; sie drückt, die Tür öffnet sich ohne Hast, sie quietscht, quietscht kurz, möchte sich wieder schließen, als sich Chloe in den Raum drängt, ein winziger Raum, leer bis auf das Licht aus dem Wohnzimmer.

Das Plätschern von Wasser, ein Trappeln und Poltern aus dem Stiegenhaus, der Wind summt von links nach rechts, er summt weit weg, und über ihr, sie leuchtet mit einer Kerze, die Andeutung einer weißen Kuppel, eine Täuschung, ebenso aufgemalt zwei Flügel ohne Engel. Die Kerze knistert, Chloe hört Stimmen, sie duckt sich in der Ecke, löscht das Licht, hält den Atem an, in diesem Moment wird ihr bewusst, dass sie Max nichts von diesem Versteck erzählen wird. Schließlich ist es vollkommen still.

Später trennt Chloe rosarote und hellblaue von weißer Watte, dreht Schrauben in die vermeintlichen Bögen der Kuppel, befestigt Wattebällchen an weißem Zwirn, lässt Wolken baumeln. Der grüne Teppich ist Chloes Wiese, das Duschen des Nachbars ein Regenfall. Sie liegt auf dem Rücken und starrt in den Himmel, sie sagt, Abendhimmel. Erst später bemerkt Chloe die gelbe Tapete und hohen Wände.

Bei der zweiten Begegnung mit Max wachsen alte über neue Augen, sie wachsen in dem Moment, als sie bemerkt, dass sie sieht, tatsächlich sieht, kein Huschen, eiliges Schieben von Bildern, sondern ein Tasten, sanftes Befühlen; die Verzögerung der Verarbeitung der Wahrnehmung stört Chloe nicht, es verwundert sie, doch ist ihr das Gefühl vertraut, es ist verborgen in vergangenen Bildern, sie erinnert sich ungern, die Erinnerung selbst vernarbt. Sie züchtet Wälle, sie stehen unvermittelt, behindern nicht, verstellen die Sicht nur ein wenig, klein wenig bloß, sie züchtet Wälle falsch, sie wünscht, sie hätte sie richtig gezüchtet, bei der Platzierung auf Lücken geachtet, Löcher und Risse. Sie klammert sich an Distanz, verliert sie erst, als sie sich an der Schulter und an den Wangen gestreichelt fühlt, eine sanfte Berührung der Lippen, als sie aufsieht, verdutzt vielleicht, und doch: verwirrt erfreute Grübchen.

Entschuldigung, Max entschuldigt sich, welche Wange zuerst, ich weiß nie, welche Wange zuerst, ich verheddere mich bei dieser Form der Begrüßung, bringe Wangen durcheinander, selten verreiße ich mich, und nun ist der Abschied misslungen, da wir noch immer im Windfang stehen. Es wird heute später, sagt Max, warte nicht mit dem Abendessen, ich werde mich melden, telephonisch, ich werde mich telephonisch melden. Chloe sieht ihm nach, sie kann nicht anders, als ihm nachzusehen, oft hält sie ihren Blick zurück, dann wandert er heimlich, wandert mit Max, wandert mit Max um die Ecke und bleibt am Straßenrand zurück; neulich aber musste sie ihn zwingen, mit Max zu gehen, er wollte schlafen, blieb in ihr zusammengerollt, bis sie ihm einen Stoß gab, Max verschwunden war.

Der Plan entsteht in der Nacht, entsteht während einer dieser schlaflosen Nächte, während der Chloe glaubt, sich mit Gedanken und Träumen einschläfern zu können, diese aber von Sekunde zu Sekunde dringlicher werden und sie schließlich versäumt, überhaupt zu schlafen, stattdessen zu einem Gefäß jener Gedanken wird; ein Gefäß, das das Ticken der Uhr, das leise Bellen vier Häuser weiter, den Hubschrauber in der Ferne, das unregelmäßige Rauschen der Autos und das klopfende Herz auffängt und abspielt, immer wieder, bis der letzte Tropfen Schlaf abperlt.

Sie nimmt sich vor, rechtzeitig zu packen; alle Kleider, alle Schuhe müssen verschwunden sein, wenn Max nach Hause kommt, alle Bücher, Kassetten, ihr Geschirr, ihre Pflanzen. Sie packt sie in eine Bananenschachtel und zwei Koffer, die Möbel wird sie nicht verpacken und mitnehmen, die Möbel lässt sie stehen. Sie überlegt kurz, ob sie sie mit ihrem Namen kennzeichnen soll, entscheidet sich doch dagegen, es könnte übertrieben wirken. Sie stellt die Schachtel und die Koffer in das Versteck, ebenso ihren Sessel, den Sessel ihrer Mutter, eine Taschenlampe mit vollen Batterien, Kerzen, eine Streichholzschachtel, Kekse und Schokolade. Es überrascht sie, dass es ihr Spaß macht zu packen.

Der Brief würde echt wirken, er würde Max überzeugen. Sie schreibt, lieber Max, es ist besser so, sie hält sich an Sätze, die sie gelesen oder gehört hat, sie möchte, dass Max ihm glaubt; sie verschreibt sich nicht ein Mal, als hätten die Worte in ihr gewartet. Sie zieht es kurz in Erwägung, tatsächlich zu gehen, doch das Gesicht, das Max machen würde, nachdem er ihr Verschwinden bemerkt hätte, möchte, kann sie nicht versäumen, sie wartet zu lange auf ein Zeichen der Zuneigung.

Um sechs Uhr bezieht Chloe ihr Versteck, baut sich ein Nest aus Schachteln und Koffern, entzündet eine Kerze, betrachtet den Himmel über ihr und spielt mit den Wolken. Eine Stunde später löscht sie die Flamme, schleicht zurück in die Wohnung, stibitzt Decke und Polster, legt sich zwischen Koffer und Schachtel, hüllt sich ein. Sie knabbert Kekse, als ihr Magen zu knurren beginnt; huscht zum Kühlschrank, als sie bemerkt, dass sie vergessen hat, Getränke mitzunehmen.

Um neun Uhr hört Chloe vom Versteck aus Max’ Stimme auf dem Anrufbeantworter, es wird sogar noch später, du brauchst nicht auf mich zu warten.

Um elf Uhr kommt Max nach Hause, sie erkennt ihn an seinem Gang, das vertraute Geräusch im Stiegenhaus, das leise Pfeifen, während er die Tür aufsperrt. Er legt den Regenschirm auf den Boden, zieht sich im Dunkeln Schuhe und Mantel aus, legt sich auf die Couch, deckt sich nur mit einem Pullover zu. Die Schlafzimmertür hätte geknarrt, Max möchte Chloe nicht wecken.

Sie beobachtet Max durch den Türspalt, schiebt ein Buch beiseite, um ihn besser sehen zu können, ihre Augen haben sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt. Später hört sie ihn im Schlaf sprechen und lachen, sie schließt die Tür, wartet auf den Morgen.

Max entdeckt den Brief erst beim Frühstück. Er liest ihn hastig, Chloe freut sich über den ungläubigen Ausdruck auf seinem Gesicht, doch sie möchte mehr, Entsetzen vielleicht, Hilflosigkeit; er liest den Brief ein zweites Mal, diesmal wünscht sie sich Wut, Enttäuschung und Trauer, er geht ins Schlafzimmer, Chloe stellt sich vor, wie er ihn wieder und wieder liest und weint, vielleicht. Sie hört ihn im Kasten rumoren, sieht ihn im Badezimmer verschwinden, im Abstellraum; er öffnet den Geschirrspüler in der Küche, alle Schubladen, räumt den Schuhschrank aus, geht die Runde ein zweites Mal, macht diesmal einen Abstecher ins Arbeitszimmer, ein Mal, ein einziges Mal, kommt er ihrem Versteck gefährlich nahe, als er Buch für Buch aus dem Regal legt und die Seiten filzt; ein Anruf rettet Chloe vor der Entdeckung.

Ich kann nicht kommen, sagt Max, ein familiärer Notfall, morgen, sicher, morgen werde ich da sein, verschieben wir auf morgen; er legt auf, greift nach dem Notizblock und Kugelschreiber, beginnt eine Liste der Gegenstände aufzustellen, die Chloe seiner Ansicht nach mitnahm. Er vermisst das Trägerkleid, die braune Hose, notiert die fehlenden Schuhe und Bilder, wühlt in ihrer Schmuckkiste, es fehlt höchstens der eine oder andere Ring, wühlt in ihrer Schreibtischlade, blättert in ihrem Adressbuch, Visitkarten und lose Adresszettel fallen aus den Seiten. Sie rieseln in flachen Flocken auf den Teppich, Max hebt sie auf, sie knittern in seiner Hand.

Er beugt sich über die Tasse, als Meier klopft. Er fragt, ob er den Brief sehen dürfe, er lässt sich ins Sofa fallen. Kein schöner Brief, was ist passiert? Etwas muss passiert sein, Chloe würde doch nie so plötzlich, sagt Meier, ohne Vorwarnung verschwinden? Mir ist nichts aufgefallen, sagt Max, im Übrigen sei Chloe nicht von ihm abhängig. Es sieht ihr nicht ähnlich, sagt Meier, sie ist kein Mensch, der einfach verschwindet. Eine Rose löst sich von der Decke, fällt auf den Boden, Staub weht nach, Chloes Rose, sagt Max, wirf sie weg. In diesem Moment läutet das Telephon, Max erstarrt, er hebt nicht ab, hebt auch nicht ab, als Meier sagt, vielleicht ist es Chloe.

Meier wiederholt, vielleicht ist es Chloe. Ich lasse es lieber läuten, sagt Max, ich möchte sie nicht sprechen, nicht jetzt, morgen vielleicht. Noch immer läutet das Telephon, Max sieht aus dem Fenster, Meier hebt ab, hallo, Max verzieht das Gesicht, Meier sagt, falsch verbunden, Max atmet aus, Meier legt auf.

Sie schien so zerbrechlich, verletzlich, sagt Max, vielleicht der Ausdruck in ihren Augen, vielleicht auch ihr Gang, die weiten Kleider. Ich habe darauf gewartet, gehofft, dass sie den ersten Schritt machen würde, obwohl ich ihr nie so viel Mut zugetraut hätte. Chloe hört Schluckauf zwischen seinen Sätzen, sie wartet kerzengerade, im Bauch türmen sich die Minuten. Ich bin erleichtert, sagt Max, ich bin über Chloes Auszug erleichtert, ich träume schon lange davon.

Am nächsten Tag vergewissert sich Chloe, dass die Tür abgeschlossen ist, ehe sie das Versteck öffnet, die Koffer und Bananenschachtel ins Wohnzimmer schiebt, das Versteck verschließt, den ersten Koffer öffnet, als Max die Wohnung betritt, sie grüßt, verzögert grüßt, der Gruß schleppt sich um die Ecke, Chloe antwortet, ich habe mich nicht wohl gefühlt, ich werde heute nicht arbeiten, seinem Blick ausweicht, das Ausweichen ein Schuldgeständnis fast, er sagt, hoffentlich hast du dich nicht verkühlt, auch ich fühle mich fiebrig, müde, und sie sagt, wir sollten uns beide ausschlafen. Sie unterbricht das Räumen und Ordnen, macht einen Bogen um Max ins Badezimmer, während er, einverstanden mit Chloes Bogen, seinerseits einen Schritt zurücktritt und ihren Bogen um einen Abstand ergänzt.

Sie essen getrennt, jeder für sich, Chloe vor dem Fernseher, Max im Stehen in der Küche, er schaufelt die Nudeln auf den Teller, erklärt Chloe kauend, er habe noch ein paar Dinge im Büro zu erledigen, abends, in Ruhe. Er sagt, ich werde gegen zehn kommen, du brauchst nicht zu warten. Vielleicht, fragt Max, vielleicht sollte ich auf dem Sofa schlafen? Du wirst mich schon nicht wecken, sagt Chloe. Die Tür knarrt gewaltig, der Türknauf knackst beim Dre-

hen, ich schlafe lieber im Wohnzimmer. Wie du willst, sagt Chloe. Du bist nicht böse? Danke, Max bedankt sich, bedankt sich im Gehen, er scheint erleichtert, sie ist sicher, Erleichterung in seiner Stimme gehört zu haben, ein Anflug von Freude beim Verlassen der Wohnung, der federnde Gang ein Hinweis, das Pfeifen ein zweiter, die lächelnde Stimme ein dritter.

Bei der dritten Begegnung mit Max sucht sie in seinem Gesicht nach vertrauten Augen. Die Krawatte sitzt fest, abrupt dreht er sich um, wendet sich ihr zu. Dünnhäutig, glaubt sie sich durchsichtig, sie nippt an Sekunden, hält sie noch zwischen den Zähnen fest, als sie sagt, geh nur.

Sie wartet vergeblich, Max taucht nicht auf, er sagte, ich bin um acht zu Hause, sie hat sich die Zeit notiert und auch den Ort. Sie hört Radio, wechselt zwischen den Sendern, vielleicht befürchtet sie, von einem Unfall zu erfahren, einem Unglück, das Max aufhält, sie kaut an einem Stück Apfel, sie beißt klein ab, sie möchte sich den Appetit nicht verderben, sie waren zum Abendessen verabredet, Chloe dreht das Radio leiser, sie möchte nicht riskieren, das Läuten des Telephons zu überhören. Wenig später sucht sie nach seiner Büronummer, lässt sich von der Rezeption mit seiner Abteilung verbinden, man sagt, Max sei schon weg, genau gesagt habe er sich den Nachmittag freigenommen. Chloe bedankt sich, freigenommen, vermutlich ist er einkaufen gegangen, im Kühlschrank fehlen Milch, Käse und Wurst, vermutlich steckt er im Stau. Sie könnte die Reservierung verschieben, Chloe telephoniert mit dem Restaurant, bittet darum, ihren Tisch aufzuheben, als man ihr sagt, die Reservierung sei schon längst storniert worden. Eine Überraschung, denkt Chloe, er plant ein Picknick, ein Picknick im Grünen, sie würden im Freien sitzen, bei Wurst und Wein.

Chloe wartet, die Stunde hockt starr in der Uhr, hockt auf ihr und hält sie fest.

Um zehn durchsucht sie seine Schränke und Schubladen, es fehlt nichts, weder Hemden noch Pullover, Socken oder Unterwäsche. Sie findet auch keine Nachricht, keine Erklärung.

Um elf erwischt sie eine Erleuchtung, sie läuft ins Wohnzimmer, hebt den Hörer ab, wählt eine Nummer und sagt laut, Max ist noch immer nicht nach Hause gekommen, ich werde ihn suchen gehen, legt auf, huscht ins Vorzimmer, schlüpft in die Schuhe mit den lauten Absätzen, poltert die Stufen hinunter, schleicht ohne Schuhe wieder in den ersten Stock und lauscht an der Tür. Sie erwartet, das Knarren des Bücherregals zu hören, wenn Max sich aus dem Versteck schält, ein kurzes Ächzen; doch es bleibt still, Chloe wartet auf seine Stimme, nichts rührt sich, sie lässt die Sandalen im Windfang fallen und überprüft das Regal. Einige Bücher sind neu eingeordnet, das Regal selbst steht schief, sie schiebt es beiseite.

Im dämmrigen Licht der Taschenlampe sieht Chloe weiße Wolken, zertretene Rosen.

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