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Thomas Gürber ist Historiker und Diplomat an der Schweizer Botschaft in Kopenhagen.
Valérie Nádrai ist Philosophin und arbeitet beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten zu Frauenrechten.
Thomas Gürber / Valérie Nadrai
Stimmen gegen Gewalt an Frauen
Literatur und Außenpolitik im Dialog
Die Pakistanerin Mukhtar Mai kommt als mutige Frau in die Schlagzeilen, weil sie ihren Vergewaltigern die Stirn bietet und ihr Recht vor Gericht einfordert. Dass es zur Erlangung von Gerechtigkeit für Frauen vielerorts Heldentaten bedarf, schockiert. Die Unerbittlichkeit gewisser Moralvorstellungen, die Frauenrechtsverletzungen mitunter legitimieren, führt dazu, dass sich weltweit jedes Jahr Tausende von vergewaltigten oder misshandelten Frauen umbringen. Und unzählige Frauen werden jährlich umgebracht, bloß weil sie Frauen sind. In der mexikanischen Stadt Ciudad Juarez etwa oder in Guatemala sind in den letzten fünf Jahren über 1'400 Metztikinnen auf derart barbarische Weise vergewaltigt, umgebracht und verscharrt worden, dass man zur Beschreibung dieser Brutalität einen Neologismus «feminicides» geschaffen hat. Wer sich gegen solche brutalen Praktiken auflehnt, riskiert oftmals Leben und Freiheit oder nimmt in Kauf, von Behörden schikaniert zu werden, wie die bekannte Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja kürzlich anhand des Verfahrens gegen den russischen Oberst Budanow geschildert hat. Budanow, der eine 17-jährige Tschetschenin bestialisch vergewaltigt und umgebracht hatte, wurde vor zwei Jahren verurteilt. Die Vergewaltiger von Mukhtar Mai dagegen wurden erstinstanzlich freigesprochen und nur dank Mais Mut stehen diese Männer wieder vor Gericht.
Massenvergewaltigungen stellen heute eine eigentliche Strategie in bewaffneten Konflikten dar. 20'000 Frauen und Mädchen wurden während der Balkankonflikte vergewaltigt. Auf Bosnien und Herzegowina folgte Ruanda, wo 1994 über eine Viertel Million Frauen Opfer sexueller Gewalt wurden. Und auch im Sudan wurden gemäß Amnesty International wieder Tausende von Frauen sexuell geschändet. Die Vergewaltigung von Frauen vielfach vor den Augen ihrer Männer und Kinder soll Terror, Angst und Erniedrigung verbreiten. Vergewaltigte Frauen werden in der Folge oftmals aus der Gemeinschaft vertrieben, weil sie in deren Augen Ehre und Würde verloren haben. Gewalt gegen Frauen verschwindet so im Schweigen. Systematische Vergewaltigungen gelten heute als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nach wie vor sind es aber vor allem Autorinnen und Autoren wie Anna Politkowskaja oder die kroatische Journalistin Slavenka Drakulic, die dem Leid dieser traumatisierten Frauen eine Stimme geben.
Solche Berichte stellen ebenso wie die eingangs erwähnte Medienschlagzeile nur die Spitze des Eisbergs dar. Die Tatsache, dass heute weltweit eine von drei Frauen in ihrem Leben geschlagen, sexuell oder anderswie misshandelt wird, öffnet die Augen für die wahre Dimension des Problems.
In den letzten Jahren gelang es dank dem beharrlichen Engagement von Frauen und Männern in aller Welt, wichtige Schutzinstrumente durchzusetzen. Zu erwähnen sind etwa das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, das die UNO Generalversammlung im Jahre 1981 verabschiedet hat; die UNO Deklaration zu Gewalt an Frauen (1993); die Erklärung und Aktionsplattform von Peking (1995); das Römer Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (1998), das Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Nötigung zur Prostitution, erzwungene Schwangerschaft und andere systematische Frauenrechtsverletzungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit brandmarkt, sowie schließlich die UNO Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit, die am 31. Oktober 2000 vom UNO Sicherheitsrat einstimmig verabschiedet und von Friedensaktivistinnen in bisher 69 Sprachen übersetzt wurde.
Die Schweiz richtet ihre Entwicklungs-, Menschenrechts- und Friedenspolitik an diesen Dokumenten aus. Sie unterstützt Projekte und Organisationen im Feld und setzt sich dafür ein, die weltweite Koalition für den besseren rechtlichen und tatsächlichen Schutz und Einbezug der Frauen zu stärken. Mit neuen Allianzen sucht sie, dieses Engagement abzustützen. So initiierte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im Jahr 2004 beispielsweise regelmäßige Treffen aller Außenministerinnen, die sich gemeinsam gegen Gewalt an Frauen engagieren. Demselben Zweck dient auch ein kürzlich geschaffenes Netzwerk schweizerischer Parlamentarierinnen.
Trotz dieser und vieler anderer Engagements und Übereinkommen zugunsten der Rechte der Frau auf nationaler und internationaler Ebene nehmen die Schreckensmeldungen zu Gewalttaten an Frauen nicht ab. Resignation wäre angesichts derartiger Meldungen zwar verständlich, würde sich für die Rechte der Frauen aber verheerend auswirken. Meldungen über Menschenrechtsverletzungen an Frauen sollten vielmehr Anstoß sein, bisherige Anstrengungen weiter zu intensivieren. Gewalttätiges Verhalten gegen Frauen ist nicht angeboren, sondern erlernt bzw. sozial legitimiert und deshalb veränderbar. Strategien, die darauf abzielen, das rechtliche Instrumentarium zur Ahndung von Gewalt an Frauen zu verbessern, sind zwar notwendig, greifen alleine jedoch zu kurz. Die Herausforderung besteht auch darin, Männern und Knaben die Tragweite solcher Gewalt begreif- und fühlbar zu machen: sie mit der emotionalen Tragweite von Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Mädchen zu konfrontieren. Die Literatur bietet dafür einen Kommunikationskanal. So vermochte etwa die weiß-maskierte Souad mit ihrem Buch «Bei lebendigem Leib» die Weltöffentlichkeit zu erschüttern. Souad wurde von ihrer Dorfgemeinschaft beinahe umgebracht, weil sie mit siebzehn Jahren schwanger wurde und damit «Schande» über die Gemeinschaft brachte. Wie sie anlässlich ihrer Buchvernissage sagte, wollte sie mit ihrer Schilderung allen Mädchen und Frauen, deren Leben in Gefahr ist, eine Stimme geben. Sie wollte der zahllosen Opfer gedenken, die nicht so viel Glück hatten wie sie, die sie wenn auch mit verätztem Gesicht mit dem Leben davongekommen ist.
Manche mögen argumentieren, dass das Grauen von Gewalttaten gegen Frauen sprachlos macht, dass es ein Grauen jenseits der Sprache gibt, ein unaussprechliches Entsetzen, das sich nicht artikulieren lässt. Und dennoch kann gerade die Literatur sich an das Unaussprechliche wagen und damit eine Verarbeitung, einen individuellen oder kollektiven Denk- und Entwicklungsprozess unterstützen. Die vorliegende Nummer von «entwürfe», die vom EDA finanziell unterstützt und anlässlich der Veranstaltung in Bern zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen 2005 aufgelegt wird, verfolgt diesen Zweck: die literarische Annäherung an eine Problematik, deren Tragweite in Gesellschaft und Politik kaum sicht- oder erfassbar wird. Das vorliegende Heft bietet eine Plattform für einen Diskurs gegen Gewalt überhaupt und gegen Gewalt an Frauen insbesondere. Menschenrechtsverletzungen an Frauen mit literarischen Mitteln in den Vordergrund zu rücken, damit verbindet sich auch unsere Hoffnung, mutiges Engagement mit mutigen Stimmen zu unterstützen, damit das Einstehen für Frauenrechte und für Gerechtigkeit auch für Frauen nicht länger auf Heldentum beruht, sondern institutionelle Verankerung findet in Gesellschaft und Politik.
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