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Dragica Rajcic, *1959 in Split (Kroatien).1978 Übersiedlung nach St.Gallen. 1988 Rückkehr nach Kroatien. Gründung der Zeitschrift «Glas Kastela».
1991 Flucht in die Schweiz. Dragica Rajcic lebt seither wieder in St.Gallen. Sie arbeitet als Redaktorin einer Migranten-Zeitschrift und als soziokulturelle Animatorin. Jüngste Veröffentlichungen: «Buch von Glück». Gedichte. Zürich: edition 8, 2004.
Dragica Rajcic
Sein Zimmer roch nach Rattengift,
getrocknetem Lavendel, schmutzigen Socken und Tabak. Das schmale Fenster unter dem Olivenbaum blieb offen, bis Jana irgendwann in der Nacht klopfen würde. Im Zimmer nebenan schlief die kleine, ausgedörrte fünfundneunzigjährige Großmutter. Wenn Jana sich an die Dunkelheit gewohnt hatte und über dem Fenster lehnend zum Bett kam, rührte sich Ivan kaum, weil das Bett schreckliche Geräusche von sich geben könnte. Die Hunde wurden langsam müde vom Bellen, sie taten dies sporadisch, als Warnung für mögliche Gestalten in der Dunkelheit. Sie zog ihre Kleider aus in der Angst, jeden Moment könnte der verrückte, hustende Vater aus dem anderen Zimmer an die Türe klopfen oder die kleine halbtote Großmutter wirklich sterben. Ivan war einundzwanzig und Jana sechzehn. Das ganze kleine Haus war übrig geblieben nach dem Tod seiner Mutter, als Mausoleum der überflüssigen Sachen, es versteckte sich unter den Bäumen am Dorfrand und galt als Behausung eines verrückten Witwers, welcher mit entflammten Augen und Militärfahrrad sich selten im Dorf zeigte, seit seine Frau, eine Bosnierin, am Krebs gestorben war. Die drei halbwüchsigen Kinder galten von da an als Waisenkinder, welche jeder Dorfbewohner mit bemitleidenden Blicken und gebührendem Abstand betrachtete, das Unglück ist klebrig und übertragbar wie eine Seuche, wenn man nur nicht Acht gab.
Sie lernten unter den schweren Schaffbettüberwürfen ihre Hände leise zu gebrauchen, ihre Lippen zu bewegen auf dem Hals des anderen, es wurden keine Wörter geflüstert, es war eine Belagerung des anderen unter stillschweigendem Zeugnis des quietschenden Bettes, sodass Jana nicht wusste, wie Ivan sich normal bewegte, es war ein langsames hinziehendes nie endendes Schleichen auf ihrem Körper, nur nicht den Verstand verlieren, alles zerstören, es war eine Operation und eine Verzögerung der Operation unter den strengsten konspirativen Umständen. Ein Versteck auf dem unsicheren Boden der Sünde. Jana wurde im Februar schwanger. Von da an gab es kein Zurück mehr zur Konspiration. Die Liebe musste öffentlich werden, den Rahmen des Unsagbaren verlassen, der offizielle Beweis ließ sich nicht verleugnen, plötzlich über Nacht waren sie erwachsen, sie mussten Entscheidungen treffen, sich wehren, Ivan gab ihr seinen Lohn, damit sie das Geld besser verwaltete. Die Eltern von Jana wurden mit der Katastrophe auf unsanfte Art und Weise aus dem Alltag gerissen. Aus Angst vor Schlägen des Vaters flüchtete Jana von zu Hause weg in die Stadt. Sie schrieb einen kleinen Zettel «Liebe Eltern, ich liebe Ivan und verlasse euch». Es war so unwirklich und sie tat es dennoch, um vorübergehend der Angst vor dem Vater zu entkommen. Sie mieteten ein kleines möbliertes Zimmer, mit einem Kocher neben der Türe und gemeinsamem WC im Treppenhaus und waren die erste Nacht ohne Angst zusammen. Sie taten so, als ob sie noch immer Angst hätten, entdeckt zu werden. Das Zimmer lag in der Nähe des Hafens und die Gegend hieß Getto. Jana wurde von den Eltern gesucht, in der Schule, wo sie war, wurde ihr eine Nachricht von ihrem Bruder überbracht, sie solle sofort nach Hause zurück, sie wussten noch nicht die ganze Wahrheit über den Bauch.
Der Frühling streckte die Sonne über die Stadt und Jana musste sich, nur den halben Magen gefüllt mit billigem Tee, in die Straßenecke übergeben, ihre kleinen Brüste spannten. Ivan im Tageslicht hatte etwas von der Nachtfaszination verloren, sie hatte Lust auf Erdbeeren und Schlagsahne und Blumen, welche im Zimmer keinen Platz hatten.
Der erste Besuch von Janas Familie wurde als mühsamer Versöhnungsversuch unternommen, der Vater saß am Tisch mit versteinertem Gesicht, die Mutter mit einem eigenen Baby in der Hand wischte sich die Tränen und den Nasenschleim mit dem Taschentuch weg. Jana und Ivan wurden mit klebrigem Sirup bewirtet, Janas Großmutter versteckte sich im Zimmer, um die Sünderin nicht sehen zu müssen, ausgerechnet diese Familie eines Verrückten wählte sich die Jana aus, das kann nur Unglück bedeuten, die Großmutter und Mutter sind auch aus dem Haus ihrer Väter geflüchtet, das wurde in dieser Situation, welche mit elektrischem Licht auch gewisse Aufklärung ins bäuerliche Verhalten mit sich brachte, nicht erwähnt. Die Jana hatte schlicht und einfach schlecht gewählt, einen Habenichts und schon schwanger und ohne Ausbildung, einen Maschinenmechaniker ohne Job. Plötzlich zählten die Fakten, plötzlich wurde am Tisch in ihrer beider Namen entschieden, wann die Hochzeit sein sollte, damit das Kind keinen fremden Namen trägt, und Kirche sowieso nicht. Was denkt ihr?, fragte keine. Sie schluckten Sirup, Ivan gab die Hand dem Vater und Jana ging aus dem Elternhaus als Aussätzige.
Die Landkarte des Lebens wird erst fünfzig Jahre später lesbar und in diesem Augenblick wurden die ersten Karten verteilt ohne Aussicht auf die Klärung der Zukunft. Es war der 5. Juni, Jana und Ivan hatten ihren ersten Streit wegen Erdbeeren, welche Jana unter dem Bett versteckte, aus Angst davor, dass Ivan dächte, sie hätte zu viel Geld fürs Essen ausgegeben. Er kam ins Zimmer, sah ihr verdutztes Gesicht und fand die Erdbeeren. Er hatte diese Art, weil sein Vater für den Geheimdienst arbeitete, vielleicht allem zu misstrauen, auch Jana. Jana weinte sich die Augen aus dem Leib, Ivan verschwand in die Stadt, sie blieb im Bett und weinte aus lautem Hals, bis ein Untermieter vom oberen Stockwerk an die Türe klopfte, um sie zu beruhigen, das sei doch normal, dass sich Ehepaare, sagte er, streiten. Sie schämte sich, dass er jetzt wusste, dass ihre und Ivans Liebe Boden verloren hatte. In der Nacht kam Ivan betrunken ins Zimmer und drehte ihr zum ersten Mal den Rücken zu, morgens schwieg er auch zum ersten Mal und begrüßte sie nicht, sie weinte zwei Tage lang. Sie ging nicht in die Schule, sondern lag im Bett und weinte, damit ihr Herz stehen blieb. Wie konnte Ivan so grausam sein? Ivan, der die weichsten Hände auf der Welt hatte.
Drei Jahre später in Berlin wurde die Grausamkeit protokolliert und Jana schrieb ins Tagebuch.
Könnte man schmerz ablegen, versiegeln, dicht machen, zum schweigen bringen, zum reden bringen bis nicht umgewandelt wird, vernichtet, die sprache als Reservoir für die ablegung der ereignisse. Fakten. Materielle. Ein brandmal. Brandfleck. Ein abstumpfen. Ein nicht sich spüren. Sich tot stellen. Sich hassen. Sich in ereignissen nicht wieder erkennen. Auch selber gewalt anwenden, warum nicht. Gleich schmutzig werden. Auge für auge, zahn für zahn, messer fürs messer, einmal spüren wie der andere zittert, so wie du zitterst, es nachzahlen, es gefügig machen, die tiefe verachtung wiedergeben, die unmöglichkeit die nähe je wieder herzustellen, zerbrochen, ein für alle mal. Wäre was anderes, wäre der andere so wie du. Wo beginnen.Wie die aufregung, das leise brennen in den augen des anderen, diese vorstufe des unglücks, die bewegungen des körpers beobachten, die unterschlupfe suchen, in den löchern der wände, in den geräuschen der straße, dass es nicht noch schlimmer wird, sich tod wünschen, es anflehen, soll aufhören, sich rein waschen, immer wieder es ungeschehen machen, erinnerung, wort zukunft, in einem roten kleinen tagebuch, notieren, er ist nicht schuld, es macht was mit ihm, ihn frei sprechen, moment in die phantasie flüchten, es gibt kein zurück, es bleibt, es erniedrigt, es lässt die haut aufplatzen, es trägt die haut die bestialität der fremde ohnmacht, sich gefügig machen, leise gehen, die augen ab und zu aufschlagen, an Auschwitz denken, an die hunger und essen, an das wissen, dass es nicht möglich ist und möglich ist, nicht mehr unterscheiden zwischen hölle und dem leben der anderen, ihre ruhe beobachten, ihr leichter schritt auf der straße, andere frauen aufhalten wollen zu fragen, haben sie es überlebt, spielen sie auch theater, die schutz Gottes aufgeben, auch ihm nicht vertrauen.
Die bäume in wald umarmen, ihre stämme, die kühle, ihre anwesenheit, im wissen, es ist frieden, in frieden wird nicht gemordet sinnlos, es ist frieden und dort herrschen andere regeln zwischen menschen, dort braucht es einen triftigen grund oder auch nicht, ein aufsaugen der liebe, welche dann nicht so ist wie sie sein soll, in ihrem namen anderen menschen die enttäuschung heim zahlen, für jedes vertrauen, der verrat hat früher begonnen, die macht der Vernichtung, beide zugleich, durch den schmerz verbunden, durch das lecken der wunden, die wörter haben ihren sinn verloren, in den akten werden die ereignisse in der reihenfolge gebracht, der lineare ablauf der anrufes bei der polizei, die blut auf dem tisch, die verpackten bereiten sachen unter dem bett, die leeren gläser auf dem tisch, der terror ist aufgesaugt, der terror wurde schon erlebt und wird verpflanzt immer fort, komm zu mir in mein kleines nest, wer kann wen beschützen, sich fragen, mit was hat man es ausgelöst, die vorgaben sind nicht klar, es braucht ein verstoß gegen immer ändernde regeln, in den büchern stehen die opfer auf, raffen sich, beginnen eine Straftat, vergelten, es gleich machen, auf null stehen auf positive null der entmenschlichung und vermenschlichung, an die todeskandidaten denken, an diejenigen, welche grundlos durch die straßen gehen und amok laufen, es ist eh' egal,
gläubig werden die engel entköpfen, die gewalt dosiert konsumieren am bildschirm, dort ist sie gezähmt, wenn sie aber in der dunkelheit in deinen raum kommt, die schlüssel fest halten in die tasche, die uhr befolgen, ihr leises vergehen, sich nicht blamieren, sich unter der erde begraben selber, der herz ruhig stellen. Niemandem sagen. Es kann sein, dass deine ohnmacht andere wütend macht, du weißt es selber besser, du weißt, dass dies zwischen menschen kein zustand sein kann. Es wird alles gut, es wird alles gut, später, an einem sonnigen tag im Jahr xy wird irgendwo immer wieder ein krieg angefangen, du weißt es, es ist geschultes töten, es braucht berechnung, strategie, staatlich geschützte bestialität. Zivilisiert, wo hört das eine, und beginnt das zweite, ein verrückte frau im zug ist zu recht verrückt, der schutz im wahn, der letzte zufluchtsort, das obszöne als die rettung, das ausgeschlossen aus der gesellschaft sein, zweimal, noch mal. Endlich frei.
Jana hatte Ivan nicht getötet, sie blieb bei ihm, wurde krank, versuchte sich zu trennen, kam wieder zurück wie ein Vogel ohne Flügel, sie sah den roten Faden bis zum Elternhaus, bis zum kleinen Haus des verrückten Vaters unter den Bäumen, nirgendwo sah sie sich, etwas in ihr wurde getötet, langsam und unaufhörlich. Sie musste sich ein anderes Herz einpflanzen lassen, ein leichtes, glückliches, jemandem erzählen von der Hölle, welche sich ausgebreitet hatte. Sie lebt in der Sibirstraße in Berlin und besucht ihren Heimatort nie.
Ivan schlägt heute eine andere Frau und sagt, nur mit Jana sei er glücklich gewesen.
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