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Martin Felder, *1974 in Rheinfelden, lebt in Zürich. Studierte in Genf und Valencia Philosophie, Hispanistik und Germanistik. Drehbuchwerkstatt der HFF München. Veröffentlichte in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften. Verschiedene Auszeichnungen, u.a. Prix Jeanne Hersch en Ethique und Werkbeitrag für Literatur von Stadt und Kanton Luzern.
Martin Felder
Wie auffällig, dass ich jedesmal dasitze
1
Heute habe ich einen Vogel beobachtet. Er stieß sich vom Rasen ab, flog zwischen den Bäumen empor zum Sims des obersten Fensters. Dort fiel er einfach um und blieb liegen.
2
Irgendeiner stört mich immer, wenn ich an den Rosen meiner Nachbarin rieche. Vor zwei Tagen war es der Briefträger mit dem misstrauischen Blick. Gestern die Schwester der Nachbarin, eine bedrohlich weiße Handtasche aus Leder hing an ihrer Schulter. Zum Glück hat sie mich nicht gesehen. Heute war es ein zufälliger Passant. Er hat mich von allen in die schwierigste Situation gebracht.
3
Der junge Mann gegenüber ist eigenartig. Er schläft am Tag und ist in der Nacht wach. Ich sehe ihn nur am Morgen. Wenn er die Storen hinunterkurbelt, bleich und sichtlich ermüdet. Ich bin sicher, er arbeitet in der Nacht. Aber wirklich wissen kann ich es natürlich nicht, weil ich nachts schlafe. Vielleicht ist er auch Künstler. Ich kenne einige Künstler, und die schlafen meistens am Tag. Am Abend gehen sie dann aus, trinken viel und wenn sie nach Hause kommen, setzen sie sich an die Arbeit.
4
Es regnet. Ein Mann geht über die Brücke. Sein Hemd ist triefend nass. Er zieht die Schultern hoch, wie ein Kind. Er trägt einen Schnauz. In der Rechten hält er eine Bierflasche. Er nimmt im Gehen einen Schluck, hüpft in die Luft, wirft die Linke zum Himmel und jauchzt. Dann verlässt er die Brücke. Stellt sich unter das kleine Dach einer Tramhaltestelle, reibt die Oberarme, schlottert.
5
Schaue ich aus dem Küchenfenster, sehe ich eine riesige Baustelle. Seit einem Jahr marschieren Männer mit orangen und gelben Helmen auf. Sie graben, bohren, schweißen und machen Dinge, für die ich nicht einmal Worte habe. Ich habe mir letzte Woche einen dieser gelben Helme besorgt. Nachts bin ich auf die Baustelle gestiegen, mit einer Taschenlampe ausgerüstet. Neben dem Zementmischer habe ich ein Exemplar gefunden. Seither stehe ich morgens um sechs Uhr auf. Ich trinke einen Kaffee, aus dem Küchenfenster blickend. Um sieben tauchen die Männer auf. Ich setze mir den Helm auf, wie sie, und mache mich an die Arbeit.
6
Heute stand ich vor dem Kiosk am Bahnhof und betrachtete Zeitschriften. Ein Herr stellte sich neben mich und verlangte Zigaretten. Gleichzeitig erschien ein alter Mann und begann, weil er nicht gleich bedient wurde, vom Krieg zu erzählen. Er sagte, das seien noch andere Zeiten gewesen. Die Schweiz habe sich tapfer gewehrt. Und oft habe man zu wenig zu essen gehabt.
Dann informierte er sich über Kaugummis. Er wollte den Unterschied wissen zwischen Schpiermint, Menthol, Fruht und Zitrone. Ich versuchte ihm so gut wie möglich beizubringen, dass Schpiermint etwas fröhlicher schmecke als Menthol, dass aber Menthol auch gut sei, dass Zitrone etwas saurer zwischen den Zähnen liege als Fruht. Die beiden Letzteren unterschieden sich von den zwei Ersteren dadurch, dass sie einen größeren Speichelzufluss im Mund provozierten. Er sagte, dann nehme er Zitrone.
7
Seit ich den Helm habe, stehe ich um sechs Uhr auf. Ich habe festgestellt, dass Punkt halb zehn alle Maschinen stillstehen, die Helme aufgehängt werden und die Arbeiter im Café auf der anderen Straßenseite verschwinden. Heute bin ich mitgegangen. Zwar fand ich an ihrem Tisch keinen Platz mehr, aber gleich daneben war einer frei.
8
Vor dem Heim am Dorfrand saßen alte Leute und lasen. Sie waren schwerhörig, das wusste ich schon lange. Unter dem Kastanienbaum, durch ein hüfthohes Gitter von ihnen getrennt, schaute ich ihnen zu. Ein dürrer Mann, dessen Hemd nur teilweise in die Hosen gestopft war, spuckte auf den Boden. Der Dicke neben ihm schimpfte und raschelte mit der Zeitung.
9
Die Kühe reißen mit ihren rauen Zungen das Gras ab. Sie sehen alle gleich aus. Ich stoße mich nachdenklich vom Ast und flattere davon.
10
Aus dem Lautsprecher plärrt ein unbekannter Radiosender. Eine Frau, die hinter mir an einem Tisch sitzt, erhebt sich und geht. Ihre Haare sind am Hinterkopf eingedrückt. Eine Strähne jedoch steht gerade ab, es erstaunt mich nicht. Ihr Gesicht stelle ich mir mit einer Nase vor. Dann sehe ich plötzlich, dass der Absatz ihres Schuhs nicht richtig angeklebt ist. Wenn sie einen Schritt tut, höre ich ein Geräusch, als ob jemand mit der Hand auf einen Fahrradsattel schlagen würde.
11
Der Mann von gegenüber taucht auf. Er sieht sehr verschlafen aus. Ich blicke auf die Uhr. Während er sich an den Tisch der Frau mit dem Hinterkopf setzt, frage ich ihn, ob es nicht noch etwas früh sei. Er kommt zu mir hin und wirft einen Blick auf meine Uhr. Dann sagt er, ich hätte Recht, und geht.
12
Ich habe die Blumen meiner Nachbarin heute mit Blumen aus verschiedenen anderen Gärten verglichen. Ich bin über Türen gestiegen, über Zäune, habe Gartenzwerge umgestoßen. Nirgends kamen die Blumen auch nur annähernd an die Blumen meiner Nachbarin heran. Auch wenn einige vielleicht etwas besser rochen.
13
Ich liege unter einem Baum und stelle mir vor, wie ich mich fühlte, wenn hier kein Friedhof wäre.
14
Ich lege eine Münze auf die Tramgeleise. Entgegen meiner Annahme wälzt sie das Tram beim Darüberfahren nicht platt.
15
Draußen heult eine Sirene. Ich eile zum Fenster in der Küche und blicke auf die Baustelle hinunter. Die Arbeiter stehen mit ihren gelben und orangen Helmen im Kreis und einer liegt am Boden. Er wird von zwei Pflegern in den Krankenwagen getragen. Ich nehme den Helm ab und drücke ihn an meinen Bauch. Eine dieser weißen Pflegerwesten würde mir auch vieles erleichtern.
16
Das mit der Pflegerweste beschäftigt mich. Ich habe es mir genau durch den Kopf gehen lassen, aber so einfach wie mit dem Helm wird es nicht. Ich bin noch unschlüssig, ob ich mich verletzt einliefern lasse oder ob ich dem Arbeiter einen Besuch abstatte. Ein Besuch ist wohl das Richtige.
17
Die dünne Frau geht jetzt schon zum vierten Mal an der roten Parkbank vorbei. Wie auffällig, dass ich jedesmal dasitze.
18
Ich sitze im Café mit den blauen Wänden. Die unsorgfältig ge-schminkte Frau, welche mich schon länger beobachtet, erhebt sich endlich und geht an mir vorbei zur Tür. Sie wirft einen Blick auf das Blatt, auf das ich schreibe.
19
Ich habe den Mann von gegenüber getroffen. Ich bat ihn, ein paar Texte zu lesen, die ich geschrieben habe. Als er fertig war, sagte er, es wäre gut, wenn ich eine Geschichte schreiben würde, die verständlich ist. Ich beschloss, ihm einen Gefallen zu tun.
20
Der Hund trippelt. Seine Herrin in Pelzmantel verwirft die Hand: Sie fühlt sich hinterhergezogen. Ein Auto braust vorbei. Fellhaare bewegen sich.
21
Wasser schießt in einem Strahl gegen den Himmel, fällt herunter und klatscht auf die schimmernde Oberfläche des kleinen, künstlichen Teichs. Kinder rennen auf schmalen Mauern hin und her. Ein alter Mann trägt lange Unterhosen unter kurzen Sportshorts. Die Füße stecken in Wollsocken. Darüber Sandalen.
22
Ein Mann, dessen Name niemand aussprechen kann, ging einst in ein Restaurant, das niemand sehen kann. Er bestellte ein Bier, das niemand trinken kann, beschimpfte den Wirt, der niemanden bewirtet, und sagte, es sei eine Zumutung. Erstens werde man in diesem Restaurant nicht bedient, zweitens sei das Bier nicht trinkbar. Der Wirt war erstaunt, dass ein Gast in sein Restaurant, das niemand sehen kann, getreten war. Weil er trotz der Gewohnheit, niemanden zu bewirten, ein freundlicher Mensch war, wollte er ihm die Sache erklären. «Herr ...», begann er und stellte erstaunt fest, dass ihm der Name des Mannes nicht über die Lippen ging. Er verstummte. Der Gast verließ fluchend das Lokal und kehrte nie mehr zurück.
23
Wenn ich die Leute am Bahnhof beobachte, fällt mir auf, dass alle ein Ziel haben. Ich selber muss ihnen dabei wohl eigenartig vorkommen. Denn ich bin nur hier, um sie zu beobachten. Das ist kein richtiges Ziel, und ich glaube, dass man mir das durchaus ansieht.
24
Ich nähere mich dem Draht. Betrachte ihn. Er zittert. Stromgeladen. Ich erinnere mich an die Kindheit. An den Grashalm, mit dem ich den Draht berührte. Ich drehe mich um. Ein Mann beobachtet mich. Er nähert sich dem Draht. Betrachtet ihn. Der Draht zittert. Stromgeladen. Er erinnert sich an die Kindheit. An den Grashalm, mit dem er den Draht berührte.
25
Zwei Rosen verlieren Blätter. Ich habe sie vom Boden aufgehoben und mit nach Hause genommen. Jetzt liegen sie in dem Holzkästchen, in welchem sich vorher ungespitzte Bleistiftstummel befanden.
26
Der Arbeiter hat seinen Fuß im Gips. Er sagt, er trug, als es geschah, einen Helm. Ich erkläre ihm, dass ich vom Küchenfenster auf die Baustelle sähe. Dann frage ich, ob es ihm etwas ausmache, wenn ich aus dem Schrank im Flur einen dieser Pflegeranzüge mitnähme.
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Heute hat mich die Nachbarin mit den Blumen zum ersten Mal gegrüßt, flüchtig.
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