entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Claudia Rußwurm, *1971 in Erfurt, lebt in Berlin. Seit 2003 Studentin am Literaturinstitut Leipzig. 2004 Teilnahme am Klagenfurter Literaturkurs.

Claudia Russwurm

Insomnia

Die Fahrt lässt sich an, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Ich steuere das Auto Richtung Flughafen, Michiko sitzt auf der Rückbank, neben ihr Gianni, im toten Winkel. Lenken, Schalten, das sind Bewegungen ohne Gewicht, durch die offenen Fenster strömt feuchte Luft; im Traum friert man nicht.

Unser erster Tag. Wir waren die einzige gemischte WG im Haus, weil man Michikos Namen irrtümlich für einen männlichen gehalten hatte. Am Abend saßen wir zu dritt in der Küche und betrachteten einander lange, als gäbe es mehr zu sehen als Äußerlichkeiten. Es gab mehr zu sehen. Michiko war auf eine Weise perfekt, die mich ganz kraftlos machte; ihre Haut wirkte gleichzeitig weich und fest, ihr Blick anziehend und abweisend. Gianni hätte auf ähnliche Art vollkommen aussehen können, wäre nicht ein blau-violetter Bluterguss an seinem rechten Auge gewesen, von einem Unfall, wie er erklärte. Michiko sagte sachlich: das alte Bündnis – wie damals im Krieg, und sprach aus, was auch ich dachte. Gianni machte ein Gesicht, als hörte er zum ersten Mal davon und schwieg; so war die Sache ein für alle Mal vom Tisch. Noch im gleichen Atemzug begann Michiko, das Thema ihrer Doktorarbeit zu erläutern. Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren.

Ich möchte mich genauer an diesen Anfang erinnern, das Aufeinandertreffen mit Michiko und Gianni, unser Kennenlernen, die Unsicherheit und Fremdheit, die es gegeben haben muss, zwangsläufig geben muss, wenn eine Verwaltung willkürlich die Namen dreier Promotionsstudenten von der Warteliste greift und sie in einer Wohnung vereint. Es gelingt mir nicht. In meiner Erinnerung gibt es keinen Anfang, haben wir einander schon immer gekannt und vertraut, als seien wir Freunde seit Kindertagen.

Alles geschah in Sprüngen: Nichts entstand, nichts entwickelte sich, die Stadt blieb mir fremd. Morgens im Bad ließ ich das Wasser laufen, beide Hähne beschlugen, ein Verschluss für den Ablauf fehlte und war auch sonst nirgendwo aufzutreiben; der linke Strahl blieb kalt, nichts ließ sich damit waschen, schon gar nicht mein verschwitztes Gesicht, das Wasser des rechten Strahls war so heiß, dass man es nicht einmal kurzzeitig berühren konnte. Auf dem Campusgelände stieß ich auf ein Museumsgebäude aus Beton, die moderne Fassade erlaubte keine Rückschlüsse auf das Ausgestellte, und enthielt im Inneren, einschließlich Tapeten, Teppiche, Vorhänge, das Haus, in dem einst der Architekt Mackintosh gewohnt hat. Nach dem Zuziehen der Originalwohnungstür fand ich mich kurzerhand im Jahr 1906 wieder.

Wenn ich die Augen schloss, sah ich Michiko. Später auch, wenn ich sie nicht schloss. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie es war, nicht an sie gedacht zu haben.

Michiko trägt an ihrer rechten Hand einen auffälligen Ring, wie man ihn aus Kriminalfilmen kennt. Hochgewölbt, mit eingelassenem Wappen und einem geheimen Mechanismus versehen, der es der Heldin erlaubt, im passenden Augenblick den Deckel aufschnappen und das verborgene Gift ins Glas gleiten zu lassen.

Innerhalb kürzester Zeit hatte Michiko alle Museen und Gemäldesammlungen der Stadt besucht. Anfangs waren wir zu dritt unterwegs. Gianni wusste zu allen Bildern etwas zu sagen, erzählte Episoden aus dem Leben der Maler, Liebschaften, Geldsorgen, Krankheiten. Er säuselte über Perspektive und Stofflichkeit, ich hatte nichts beizutragen. Später ließ ich die beiden allein.

Gianni verhält sich unbefangen wie ein Kind. Er wahrt keine Distanz, trinkt bedenkenlos Michikos Tee, den sie zum Abkühlen auf das Fensterbrett gestellt hat, und das auch noch direkt aus der Tülle; knickt Eselsohren als Lesezeichen in meine Bücher, nimmt beim Essen von unseren Tellern. Unsere verstörten Blicke scheint er nicht wahrzunehmen.

Ich schlief schlecht. Trotzdem war ich abends, wenn die Pubs um elf schlossen, noch hellwach, wollte in Gesellschaft und doch für mich sein. Mit der Stimme eines Mathelehrers dachte ich, dass zur Erfüllung dieser Bedingungen eine Autofahrt notwendig, wenn auch nicht unbedingt hinreichend sei. Bars – zu teuer – und Clubs – zu laut – dagegen schieden aus. Nachtfahrt in der Stadt: Argyle Street, den Clyde entlang, Pollokshields, durch den Tunnel zurück.

Meine Narbe am Daumen schmerzt, das verheißt neues Wetter. Noch regnet es. Die Wassertröpfchen sind so fein, dass sie gleichsam in der Luft schweben. Ein Film Feuchtigkeit legt sich von außen auf das Fenster, lässt den Blick nach unten rinnen.

Einmal sprachen wir über den Tod. Ob wir verbrannt oder, was in Japan allerdings nicht zulässig ist, begraben werden wollten. Michiko sah keinen Grund für eine Diskussion, in ihren Augen gab es keine Wahlmöglichkeit. Gianni sagte, stell dir vor, du könntest wählen. Wofür würdest du dich entscheiden? Sie blieb bei ihrer Antwort, nach einer Stunde gaben Gianni und ich auf.

Habe ich Michiko je nervös werden sehen oder schwankend in ihrer Meinung? Ich weiß alles über sie, ich kenne das japanische Schulsystem, die Orte ihrer Kindheit, ihre Bücher, die komplizierten Namen ihrer Eltern und Geschwister und, was sie bedeuten. Ich weiß nichts. Ich kenne sie seit fast einem Jahr, mit meinen Mitteln ist sie nicht einzuschätzen. Sie hat zu allem eine Meinung, aber ich weiß nicht, wie sie sich diese bildet.

Kurz vor Weihnachten entdeckte ich das Insomnia. Es lag auf meinem Einkaufsweg, ein kleines Café, unscheinbar am Ende der Woodlands Road, an dem ich drei Monate lang beinahe täglich vorbeigelaufen war. Einmal, durch Zufall, sah ich genauer hin und las, dass jeden Tag geöffnet sei, vierundzwanzig Stunden lang.
Das Insomnia durchläuft täglich mehrere Entwicklungsstadien. Tagsüber ist es tatsächlich ein Café; bei Einbruch der Dunkelheit geht es allmählich in eine Art Pub über, und die Leute sind, obwohl Alkohol nicht ausgeschenkt werden darf, rotgesichtig und schreien sich an. Gegen Mitternacht ist es am vollsten, dann verstopft die Schlange der entlassenen Kinobesucher den Vorraum. Es gibt Zeitungen, Magazine, ein gut gefülltes Bücherregal und in einer blau gestrichenen Badewanne dreht ein Goldfisch einsame Runden. Nach eins verschwindet unmerklich das normale Publikum, die zusammengeschobenen Tische werden wieder getrennt, zurück bleiben die Schlaflosen und die Verliebten, ich erfülle beide Bedingungen – notwendig und hinreichend.

Im Mai fuhr Gianni eine Woche nach Italien. Michiko erzählte von einer Sonderausstellung der Burrell Collection, Porträts der spanischen Habsburger. Ich ging in die Bibliothek und lernte alles, was es darüber zu wissen gab. Wir gehörten zu den ersten Besuchern. Alle Porträtierten sahen sich unglaublich ähnlich. 1556 teilten sich die Habsburger in eine österreichische und eine spanische Linie auf, was sie nicht daran hinderte, sich weiter untereinander zu verheiraten. Vor dem Bild von Philipp dem Dritten ließ ich einfließen, dass dieser seine österreichische Großcousine geheiratet hatte und später die gemeinsame Tochter Maria den dritten Ferdinand. Über deren Kind Maria Anna wiederum wusste ich, dass sie ihren spanischen Onkel Philipp den Vierten ehelichte, Bruder ihrer Mutter und Cousin ihres Vaters, da dessen Sohn, ihr Cousin und seit langem zugedachter Ehemann, genauer gesagt Sohn des vierten Philipps aus erster Ehe, kurzfristig verstorben war. Michiko sagte ohne mich anzusehen, dass sie und Gianni ein Paar seien. Ich starrte auf die gewellte Unterlippe von Maria Anna, die lange Nase, ihre Augen – eines mandelförmig, das andere hatte ein Hängelid. Mir war nichts aufgefallen, nicht mal Küsse.

Michiko und ich fahren zurück in die Stadt, Gianni ist auf dem Weg nach Bologna. Sie sitzt in perfekter Haltung auf dem Beifahrersitz, nicht mal ihr Haar flattert, sondern bewegt sich als Ganzes, eine weiche schwarze Welle. Ich lächle ihr zu, sie verzieht die Lippe nach Habsburger Art. Ich greife nach ihrer Hand und bohre meine Fingernägel in ihren linken Daumen, in die Unversehrtheit ihrer Haut, bis es blutet. Eine Narbe entsteht; wir werden an der gleichen Stelle gezeichnet sein.

Unser letzter Abend. Gianni sagte, sein erster Gedanke am Morgen und sein letzter am Abend gelte Michiko. Er sah rätselhaft und tiefsinnig aus, war aber weder das eine noch das andere. Wäre ich eine Frau, würde ich mich auch in ihn verlieben. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es, das Veilchen an seinem Auge war lange verblüht. Inzwischen glaubte ich ihm, dass sein blaues Auge, als wir uns kennen lernten, ein Unfall war. Ich konnte mir niemanden vorstellen, der auf Gianni mit körperlicher Gewalt reagieren würde; er bot keine Angriffsfläche, bei Meinungsverschiedenheiten gab er nach oder wechselte elegant die Seite. Er öffnete die nächste Flasche, auf uns.

Michiko lächelt. Wir passieren die Sauchiehall Street mit ihren vornehmen viktorianischen Bauten, bei deren Anblick ich unwillkürlich eine aufrechtere Position einnehme. Sauchiehall, der wie ausgespuckt wirkende Name ist nicht mit diesen Häusern in Einklang zu bringen, erst recht nicht, wenn man ihn hart und schottisch ausspricht. Ich denke an einen anderen, passenderen. Falsche Spur, sagt Michiko. Sie hat Recht; um diese Zeit, wenn die Straßen leer sind, ist es am schwierigsten, das Auto auf der linken Seite zu halten. Drei Uhr morgens, die Zeit, in der man sich, wenn man wach ist, mit wenigen Worten versteht, mit Gesten und Blicken. Ich sehe nach rechts, Michiko erwidert meinen Blick. Sie legt ihre warme Hand auf meinen Reißverschluss. Darfs noch was sein? Die Bedienung sieht irritiert auf meine Hose, dann auf die Zeitung, die ausgebreitet auf dem Tisch liegt. Das Spiel Rangers gegen Celtics wird angekündigt, ein Hoch verspricht Sonne. Hinter mir plätschert es in der Badewanne, in der der Goldfisch seine Kreise zieht. Ich bestelle noch einen Kaffee.

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