entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 40
..Klang


Zsuzsanna Gahse, *1946 in Budapest. Seit 1956 im deutsch-sprachigen Raum, lebt jetzt in Müllheim, Schweiz. Veröffent-lichungen zuletzt: «Nichts ist wie», Porträt, EVA, Hamburg, 1999; «durch und durch (Müllheim/Thur in drei Kapiteln)», Edition Korrespondenzen, Wien, 2004. Ferner: Szenische Arbeiten, Texte zur Bildenden Kunst, Übersetzungen aus dem Ungarischen.


Zsuzsanna Gahse

Sehen, Hören

Im vergangenen Sommer, ich schrieb gerade an meinem Buch über Müllheim an der Thur, hatte ich die Gelegenheit, für verhältnismäßig wenig Geld ein Flugzeug zu mieten. Der Pilot sei Schauspieler, beruflich zumindest in der Nähe vom Theater anzusiedeln, sagte man mir, jedenfalls sei er ein erfahrener und leidenschaftlicher Flieger. Als Flieger war er alles andere als angesiedelt und nicht eben mit dem Boden verbunden, dachte ich und erfuhr dann noch, dass er seine Maschine selbst gebaut habe. Als ich etwas erstaunt weiterfragte, war ich bereits mitten in der Verhandlung, von der ich nicht gut zurückweichen konnte, das heißt, ich hätte schon können – aber wie man halt gebaut ist.
Zwei, drei Tage später wartete ich hier in der Gegend, südlich der Thur, auf einem Flugplatz. Nicht am Segelflugplatz. An diesem groß angelegten, grünen Gelände hatte man mich abgewiesen und auf einer Landkarte mir den Weg zum richtigen Platz gezeigt, wo ich leicht verspätet ankam. Dort erklärte man mir, eine rote Maschine werde alsbald kommen, sie habe sich schon angemeldet, es sei alles in Ordnung. Beziehungsweise hatte ich in einer unscheinbaren Holzbude einige Fragen gestellt und dabei erfahren, dass eine rote Maschine unterwegs sei, und einige Frauen und Männer, die bei ihren Getränken saßen, sagten mir, was bei ihnen eine Stunde Flug kosten würde. Ungefähr so viel, wie ich ohnehin zu begleichen hatte. Draußen, am Flugplatz, sah ich irgendwann eine Maschine am Himmel, die in weiten Kreisen eine Beziehung mit dem Flugplatz aufzunehmen schien, und nach einer weiteren Weile wirklich Bezug nahm, indem sie landete. Diese Landung hatte etwas sehr Direktes. Es war so direkt, wie wenn ein Auto auf einen zufahren würde, und dann kam der schauspielnahe Mann unmittelbar auf mich zu, gleich darauf stieg ich auch schon bei ihm ein, musste meinen vorsorglich mitgebrachten Hut abnehmen und bekam einen großen Kopfhörer verpasst, denn obwohl wir in der kleinen Maschine hernach zu zweit eng beisammensaßen, ging jedes Wort über Kopfhörer. Das hätte ich nie gedacht, hätte nie gedacht, dass die offizielle Haltung am Himmel, die offizielle Himmels- und Lufthaltung, so schnell und mit solchen Dingen beginnen würde. Wie zwei Offiziere mit den sachlichen Klappen an den Ohren, füreinander nur im Profil sichtbar, fuhren wir los, rollten einige Meter über dem holprigen Boden, flogen dann unübersehbar aufwärts, wie mit einem Auto, nur halt dreidimensional, und während wir höher und höher stiegen, angestrengt, als hätten wir einen steilen Hügel zu nehmen, sagte der Pilot nun auch seinerseits, dass er die Maschine selbst gebaut habe, was mich nicht mehr erschütterte. Es sei gut, sagte er, dass sich die Flügel oberhalb und nicht unterhalb des Flugzeugs befänden, und da hatte er Recht. Die Straßen, die ich kannte, die Brücken, die Autobahn, Waldabschnitte, den Verlauf der Eisenbahnschienen konnte ich genau erkennen, es gab keine Behinderungen durch falsch angebrachte Flügel, und abgesehen von derlei technischen Fragen war auch der Tag in Ordnung, kein Nebel, kein Regen. Unter uns lag einmal die Thur, weder fließend noch spiegelnd, sondern eher gipsern und flaschengrün, was gut zu ihr passt. Die Thur ist unterirdisch der größte europäische Fluss, das muss einer wissen, wer das nicht weiß, hat wenig von dem Blick aus der Höhe, denn zu sehen ist das Unterirdische nicht.

Wenn mir der Pilot etwas erklärte, krachte es in meinen Ohren. Ich überlegte, ob ich halb höhentaub sei oder bei einer gewissen Höhe die Sprache in Knistern umwandle. Durch meine unpassenden Antworten bekam der Pilot irgendwann heraus, dass mein Kopfhörer falsch eingestellt war, was wir während des Flugs kaum korrigieren konnten, so dass ich halb taub weiterfliegen musste.
Wir hatten von vornherein verabredet, auf einer Höhe von nur fünfhundert bis sechshundert Metern zu fliegen, was innerhalb von geschlossenen Ortschaften nicht erlaubt sei, wie er sagte, aber außerhalb der Ortschaften war er mit dieser Flughöhe einverstanden, und nachdem wir Müllheim, den Ort, in dem ich wohne, hinter uns hatten und jener Mann, der uns von einem Garten aus zuwinkte, außer Sichtweite war, flogen wir etwa halb so tief als zuvor. Die Hügel unter uns lagen beinahe flach, flachgewälzt, flachgeschabt, als Hügel nicht erwähnenswert, obwohl sie den Untersee, den westlichen Zipfel des Bodensees vom Thurland trennen; zu erkennen war das uralte Berggebilde nur anhand von einzelnen Gebäuden, am Verlauf der Wege und Waldstriche. Dann flogen wir über ein Waldstück hinweg, und unter uns sah ich in einer Art Lichtung eine kleine Geschichte, zwei sich drehende oder windende Körper auf einer blauen Decke, also waren einzelne Personen ohne weiteres erkennbar, so dass man unten nicht nur fürchten musste, seitlich und hinterrücks aufgestört zu werden, sondern auch aus der Luft, wie im Krieg. Ob jemand liegen, rennen oder einfach stehen bleiben würde, könnte er von einer roten Mücke da oben sehr einfach verfolgt werden, und alle Personen, Wege, Gehöfte, Fenster und Türen wären unsicher.
Nach dem großen Hügelflachland folgte der weite, offene Bodensee, rechts unter uns der Rhein, der sich am Südufer entlang seinen Weg durch den See bahnt, ohne sich groß mit dem übrigen Wasser zu vermischen, links, auf der Nordseite die Meersburg und anschließend eine Ortschaft nach der anderen. Ursprünglich hatte ich nicht vor, über den See zu fliegen, aber wir hatten Zeit und blieben mindestens zehn Minuten lang über den weißen Linien im Wasser, über den helleren und dunkleren Flächen. Der See war etwas einfacher zu durchschauen als die Hügellandschaft, denn man konnte die unterschiedlichen Tiefen erahnen, nur waren die Wasserbewegungen, wie schon vorher an der Thur, nicht im Fließen, sondern eingefroren. Die Wellen standen, die unterschiedlichen Wasserfarben standen, und über einer schön gefärbten Seenplatte flogen wir dröhnend auf Bregenz zu. Bregenz war von weither zu erkennen, weil die Stadt in ihrer östlichen Bucht genauso aussah, wie auf einer Landkarte, alles sah so aus. Wozu flog ich über Landkarten herum, teure Landkarten; ich saß in einer nicht billigen Maschine und flog über Landkarten herum.
Der Mann neben mir zeigte in die Höhe, da waren Flugzeuge, er zeigte schräg hinab, eine Vogelschar war unter uns vorbeigezogen, er zeigte mir einige Hubschrauber, kreisende Milane, weiter unten langsame weiße Möwen und oben, zwischen den Flugzeugen und uns, zwei kleine Propellermaschinen. Den Luftraum sollte man beobachten, sagte der Pilot, nachdem wir gelandet waren, und das versuchte er mir auch oben in der Maschine zu sagen, was ich ungefähr verstanden hatte, nur hatte ich meinerseits mit der geplanten Flughöhe von fünfhundert oder sechshundert Metern ein bestimmtes, klares Rezept im Kopf, ich wollte aus dieser Höhe die im Boden gelegenen, versunkenen, überwachsenen Mauern oder Wege sehen. Aber was hilft es, die richtige Höhe zu haben, wenn einer nicht richtig sehen kann. Beziehungsweise, wenn einer nicht sieht, was er sieht. Wenn er meint, da unten läge eine ausgetrocknete Stelle, da der Boden hell wirkt, dabei bedeutet der helle Boden ein römisches Anwesen. Oder einer meint, der helle Boden bedeute ein römisches Anwesen, dabei hat er nur ein Stück trockenen Bodens unter sich. Oder wenn einer gar nichts meint. Sieht und nichts meint. Es hilft auch nicht, wenn jemand viele Wörter im Kopf hat, wenn er mit ihnen nichts meint. Oder wenn er nicht weiß, was die Wörter meinen.
Ich weiß, dass die Erde, zumindest der Ackerboden in dieser Gegend, dunkelbraun ist, beinahe umbra. Dieser Boden könnte auch gelb sein, kupferrot oder schwarz, und die Äcker könnten mit Steinen übersät sein, sind sie aber nicht. Bei manchen Luftaufnahmen hingegen kann man Flecken in den Feldern entdecken, viereckige helle Gebilde und gerade Linien. An diesen Stellen liegen tief im Boden sozusagen sichtbar verborgene Mauerreste aus römischen oder keltischen Zeiten, die Vierecke sind die letzten Schimmer von versunkenen Gehöften, und die langen Linien zeigen den alten Verlauf der Straße. Das weiß ich schon seit einer Weile, gerade in dieser Hinsicht hat der Flug nichts verändert.

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