entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 39
..Massiv


Nathalie Schmid, *1974 in Aarau. Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, Diplom 2002, Hauptfach Lyrik. Veröffentlichungen in Zeitschriften, u.a. in Edit, und in der Anthologie des MDR-Kurzgeschichtenwettbewerbes, 2. Platz des Bolero-Short-Story-Wettbewerbes 2002.


Nathalie Schmid



vatersmutter

auf der laube hast du geranien gelassen

der wind sucht dich im zerfressenen holz

reste vergilbter zeichnungen schiffsmaste gehalten

von einem reisnagel man sieht in den garten

über die johannisbeersträucher grellrot kariert

deine schürze dein teigboden dünn deine adern

hellblaue bänder über den händen

ich habe dir vorgegaukelt ich könne englisch

du hast nur gestaunt das haus steht nicht mehr

der flur die fahrradwege im gras

ob ich dich einmal wiedersehe dein farn

dein farniges haar wann hast du das bein

verloren dein auge ich habe nichts bemerkt

ich trinke aus zwei gläsern wasser

auf dem boden liegen blaue streifen

alles was ich kann die worte

nach außen lassen anrufen wenn mir danach ist

dich besuchen und dir immer wieder sagen

mein wohnort heißt mein mädchen mein mann

vielleicht werden wir einmal tauschen




falterschlag

zerbrechlich ist es

das sage ich dir auch

wenn hinten im auto die kinder

schlafen kleine amseln

im nest zerbrechlich

ist es und um deine

mundwinkel zuckt ein

weiterer frühling ein weiterer

schneefall die hände

immerzu beschäftigt im

kopf ein feld bespielt

einen falterschlag lang

gehören wir einander

für mehr ist es nicht

gedacht zerbrechlich




tischgebet

in einem leeren kristallglas

welken blumen

königinnen vergangener tage

die zeit streift alles ab

großmütige sterbliche

draußen der wasserfall die wüste

könnten diese schattengebilde

wir sein bunte meeressteine

im frühling krähen wir

in die sonne ein nordlicht

zieht vorüber schätze

und misthaufen nebeneinander




heimwärts

auf dem schoß apfelkerne

zwischen den fingerkuppen der

schnippische rest dreck unterm

zug gelbe helme die in sumpfige

pfützen löcher graben wer hat

fragt das kleine mädchen im netz

den ersten menschen gemacht sagst

etwas von pflanzen mineralien

und tieren während draußen

die hochhäuser flimmern zwischen

drähten am himmel ganz einfach

alles unetikettiert taktlos lose

nur ein bisschen staub steigt

auf die grenzen und du rückst

über die brücke heimwärts zu

Zurück zur Homepage

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.