entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Martin R. Dean, *1955, lebt in Basel. Letzte Buchveröffentlichungen: «Monsieur Fume oder Das Glück der Vergesslichkeit», Hanser Verlag 1998; «Mein Vater», Roman, Hanser Verlag 2003.


Martin R. Dean

Hans A. Alpnach: Ih cha nümmeh

Wenn im Vorfeld der diesjährigen Frankfurter Buchmesse von der Schweizer Literatur die Rede ist, wird der Name Hans A. Alpnach fast durchweg unterschlagen. Vergessen wird damit Alpnachs überragender Beitrag zu jenem Zweig des Literaturschaffens, der, als Heimatdichtung nur unzureichend gefasst, zu Jahrhundertbeginn in hoher Blüte stand. Vergessen wird auch, dass Alpnachs Werk den nachfolgenden Generationen erst den Boden bereitete. Dass kein Autor und keine Autorin sich heute zu Alpnach bekennen will, mag Gründe in der jedem Schreibenden eigenen Diskretion haben, aber dass sein berühmter, im Nachlass gefundener Satz «Ih cha nümmeh!» bis heute einer philologischen Erhellung harrt, muss man bedauern.

Unzeitgemäß mutet bereits der Umstand an, dass ein Eigenname mit dem Ort identisch, in dem der Namensträger nicht nur geboren und aufgewachsen ist, sondern auch sein ganzes Leben verbracht hat. Tatsächlich erblickte Hans A. Alpnach 1901 in dem zwischen Kägiswil und Hergiswil, also nordöstlich von Schoried gelegenen Alpnach Dorf das Licht der Welt. Ein kleines, aber kräftiges Licht, denn es strahlte unmittelbar auf die paar wenigen Weiler und Höfe, auf die grünen, noch unverbauten Matten und die äsenden Kühe, unter denen er seine Kinderjahre zubrachte. Alle seine Bücher schrieb Alpnach also in Alpnach, denn er weigerte sich ein Leben lang, diesem von Gott so vorteilhaft ausgestatteten Flecken den Rücken zu kehren.

Nachhaltige Prägung erfuhr der junge Alpnach durch den Aufschwung der Heimatkunstbewegung. Angespornt und gleichzeitig verunsichert durch die Werke eines Gotthelf, Keller und Meyer, ließ sich die um die Jahrhundertwende debütierende Autorengeneration von der deutschen Heimatkunstbewegung blenden. Zu sozialkritisch gebärdete sich den Schweizern der Naturalismus, und zu unschweizerisch, zu dekadent empfanden viele den Symbolismus. Tiefe Furchen in Alpnachs Seele hinterließ das von A. Bartels veröffentlichte Programm einer «neuen Kunst der vollsten Hingabe, des innigsten Anschmiegens an die Heimat». Fasste Bartels hier nicht gerade das in Worte, wonach der junge Alpnach gesucht hatte? Beflügelt von Bartels legte Alpnach, erst einundzwanzigjährig, schon bald seine ersten Erzählversuche vor; «Scholle und Firmament» (in: Gesammelte Werke, Bd. 1) war ein holpriges, aber schon ganz das natürliche Leben in dörflicher Gemeinschaft idealisierendes Oeuvre. Deutlich ablesbar darin Alpnachs Bestreben, in der Abkehr von der den Menschen deformierenden Zivilisation einem gesunden und starken Lebensbegriff – der freilich ohne Anleihen beim Vitalismus nicht auskam – Ausdruck zu verleihen. Grimmig der Ton, kantig der Satzbau, rau – wenn man so sagen darf – der Charakter der darin vorgeführten Menschen. «Scholle und Firmament» traf des Schweizers Seele und Herz und machte seinen Verfasser mit einem Schlag berühmt. Weit über Alpnach hinaus, sodass dieser mit dem Schreiben sofort innehielt.

Erst die Freundschaft des 30-Jährigen mit Ernst Zahn (1867–1952) – Zahn übernahm damals von seinem Vater die Bahnhofwirtschaft in Göschenen – sowie die Auseinandersetzung mit Jakob Christoph Heer («An heiligen Wassern», 1898; «Der König von Bernina», 1900 ) trieben Alpnach zurück an seinen Schreibtisch – eine aus mehreren übereinander geschichteten Lagen massiven Eichenholzes gefertigte Platte in abschüssiger Lage (vgl. dazu den Bildband: «Alpnach in der Höh», 1952). An eben diesem unwirtlichen, von Gewitterblitzen umzüngelten Schreibtisch begann nun ein jahrzehntelanges Ringen um die «Geröll-Trilogie». Im Mittelpunkt dieser bei ihrem Erscheinen 1942 mit Jubel und Dank aufgenommenen Bände steht der durch keinen Zeitgeist angefochtene Alfred, ein Mann aus dem dörflichen Mittelstand, dessen Dasein auf harter Arbeit, strenger Sittlichkeit und einer nie endenden Ehrfurcht vor der Natur gründet. Einzelne Kritikerstimmen feierten die «Geröll-Trilogie» als entschlossenes Heraustreten der Schweizer Literatur aus den Nebelschwaden symbolistischer Dünste und als Korrektiv expressionistischer Verwirrungen, ungeachtet dessen, dass das deutschsprachige Ausland, zumindest nördlich von Frankfurt, Alpnach kaum mehr folgen konnte und wollte.

Viel Ruhm, viel Ehr – aber Alpnach blieb der, der er war. Ein einfacher, erdverbundener Mann, der sommers wie winters barfuß über die Matten schritt. Preise, sofern sie nicht in Form von Naturalien dargeboten wurden, lehnte er ab. Interviews mit Alpnach waren begehrt, doch kam, soviel wir wissen, kein einziges zustande. Alpnach schwieg, bereitete insgeheim jedoch eine große Rede vor, in der er Volk und Heimat, hohen Himmel und enges Tal gegen die Bedrohungen der entmenschlichenden Modernisierungen verteidigte.

Kurz nach Erscheinen der «Geröll-Trilogie» erfolgte der Bruch mit Zahn, der sich, mit einer breiteren Leserschaft liebäugelnd, an die deutsche Blut- und Bodenliteratur verdingte, während Alpnach, dem alles Ausländische, also auch das Deutsche, zuwider war, sich entschlossen Maria Dutli-Rutishauser zuwandte. Im Rückblick kann man, was Alpnachs Enthaltsamkeit gegenüber den nazionalsozialistischen Avancen angeht, einen erleichterten Seufzer nicht unterdrücken, hätte ein Zusammengehen mit dem Dritten Reich doch sein Werk verständlicherweise und für immer diskreditiert.

Alpnach aber, vom Volksmund auch «der Schroffe» genannt, blieb standhaft, zumindest bis er Maria Dutli-Rutishauser traf. Der Rumor will von einer eruptiven, aber folgenlosen Begegnung mit Dutli-Rutishauser wissen. Interessanter in unserem Zusammenhang ist der Umstand, dass Alpnach sich für einige Monate – der Zeit erfolglosen Werbens um Dutli-Rutishauser – der Mundart hingab. Aus dieser Periode könnte der berühmte Satz, Alpnachs einziger überlieferter Mundartsatz, hervorgegangen sein.

Soll man von einer Krise sprechen, wenn ein Autor, statt von einem Hauptwerk zu neuen Büchern fortzuschreiten, sich bis ans Lebensende an die Umarbeitung dieses Hauptwerks macht? Von der «Geröll-Trilogie» existieren acht Fassungen, drei davon sind nur noch konzeptuell mit der Urfassung konform, während die letzte, kurz vor seinem Tod niedergelegt, mit der ersten Fassung nichts mehr gemein hat. Alpnach wollte nichts Neues mehr schaffen; Dem Neuen galt sein Kampf und diesem Kampf ließ sich kein Buch mehr abringen.

Drei Bände also insgesamt umfasst das Werk – und dieser eine rätselhafte Satz aus dem Nachlass: «Ih cha nümmeh!» – Biografisten, von denen es heutzutage wimmelt, ordnen den Satz jener Phase zu, in der Alpnach sich Dutli-Rutishauser näherte. Demnach verdankte sich seine Mundartlichkeit einem emotionalen, in der Dichterin Dutli-Rutishauser die Frau, ja vielleicht gar den Menschen anrufenden Ausspruch. Psychoanalytiker sehen darin das kaum verdeckte Eingeständnis seiner lebenslangen Probleme mit seinem Fortzeugungswerkzeug. Dagegen spricht das über den eruptiven Anlass hinausgehende Fortdauern des Satzes. Näher liegend ist der sprachskeptizistische Ansatz, der darin Alpnachs Versuch erkennt, beredt zu verstummen. «Ih cha nümmeh!» wäre so als Weigerung zu verstehen, sich weiter am Sagen des Unsagbaren abzumühen. Alpnachs bestimmte Negation – auch auf dem Hintergrund des Adorno’schen Auschwitzverdikts gegenüber Gedichten zu lesen – gipfelte demnach in diesem schroffen Einzeiler. Unverkennbar aber das Kunstvolle auch hier, hart an der Grenze zum Verstummen: Die Vokalreihe i – a – ü reproduziert eine wesensmäßig nur in der Natur zu vernehmende Urlautung, man hört Eselsgewieher mit, während die Umkehrung der Vokalreihe, ü – a – i, den universellen Schmerz über des Dichters berglicher Unbehaustheit anklingen lässt. Weit gesucht, aber vielleicht muss man, um dem Satz beizukommen, das kontextuelle Umfeld noch erweitern.

An einem Germanistenkongress in Zürich polemisierte Alpnach mit einem glänzend geschriebenen Referat gegen Robert Walser. Ausgehend vom «Schneewittchendramolett», einem Walser’schen Spätwerk in der Frühe, geißelte er Walsers Bodenlosigkeit, seinen Hang zum «Abheben» und Pirouettendrehen, das Schwebende seiner Ästhetik. Viel Zeit verwendete Alpnach auf Walsers Berliner Zeit, um zu zeigen, dass es sich bei diesem vermeintlich als genialen Naturburschen gehandelten Schweizer Schriftsteller um einen ausgefuchst raffinierten, an großstädtischen Moden hoch- gezüchteten Parvenu handle.

Überliefert ist auch eine Begegnung mit Max Frisch. Ein heftiger, leider nicht erhaltener Briefwechsel entspann sich zwischen den beiden, als Frisch von New York in die Schweiz zurückkehrte. In diesen Briefen mahnte Alpnach Frisch nicht nur zur Heimkehr, sondern gar zur Umkehr. Dunkle Worte, aber Frischs Domizilierung in Berzona dürfte die Folge dieses Briefwechsels gewesen sein. Doch wurde der Bruch zwischen den beiden unvermeidbar, nachdem Frischs «Holozän» erschienen war. In einem letzten Schreiben soll Alpnach Frisch einen «scheinheiligen Heimatdichter» genannt haben.

Folgenlos seine Begegnung mit Dürrenmatt in einer Kneipe im entlebuchischen Schüpfheim. Man trank nicht weißen Bordeaux, sondern, auf Alpnachs Wunsch, Kafi-Chrüter, wovon Dürrenmatt eine leichte Magen-Darm-Verstimmung davontrug. Sofortiger Abbruch des von Alpnachs Seite hoffnungsvoll begonnenen Verhältnisses, als Dürrenmatt Alpnach seine kosmischen Malereien zeigte. Innerlich begann sich Alpnach von der Schweizer Literatur zu verabschieden. Zu früh, wie wir glauben, denn nachfolgende Generationen, vor allem in den neunziger Jahren, zollten dem Boden, für den er einstand, wieder mehr Tribut.

In den sechziger Jahren erlebte der Autor Schritt um Schritt das Verschwinden seiner ihm so lieben dörflichen Welt. Wo weiland noch eine Schmiede stand und Funken stoben, lockte bald schon ein Sexshop mit türkischem Vorhang eine zwielichtige Kundschaft an. Bis hin zum Fuß der Alpen erfolgte die Verstädterung: In der letzten Fassung der «Geröll-Trilogie» (1968) beschwor Alpnach noch einmal in nostalgischem Glanz eine dörfliche Welt herauf, die es real gar nicht mehr gab. In Deutschland wurde er als typischer Schweizer Autor gefeiert, in der Schweiz bröckelte sein Boden.

Seine letzte Reise 1969 führte ihn weit weg – zu weit, wie wir heute wissen. Alpnach fuhr nach Basel, um – wir kennen die Gründe dafür nicht – im Rhein zu schwimmen. Während über der Innerschweiz ein böses Gewitter tobte, stürzte sich der 68-Jährige in die lauen Fluten. Mag sein, dass er trotzig, seiner Maxime getreu, die Redewendung vom «Gegen den Strom schwimmen» zu wörtlich nahm, auf jeden Fall ist Hans A. Alpnach nie mehr aus den Rheinfluten aufgetaucht. Männer der Basler Rettungsgesellschaft bestätigten übereinstimmend, Alpnach, den Satz «Ih cha nümmeh» ausrufend, ertrinken gesehen zu haben. Das später gegründete alljährliche Rheinschwimmen gedenkt, mit einer stillen Tauchminute, des Dichters. Sein Satz aber lebt, für immer, in uns weiter.

Hans A. Alpnach. Gesammelte Werke. Band 1–4. Band 1: Scholle und Firmament;

Band 2–4: Die Geröll-Trilogie. Verlag Im Eggli, 8. Auflage. Luzern 1970.

Alpnach in der Höh. Bildband Hrsg. von Emil Steinkuhl. Verlag Im Eggli. Luzern 1955.

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