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Ursula Fricker, *1965, lebt in Berlin. Publikationen in Anthologien und Zeitungen, u.a. der Süddeutschen Zeitung. Für ihren ersten Roman «Fliehende Wasser» (Pendo Verlag, 2004) wurde sie von der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet.
Ursula Fricker
Nicht laut
SalatgabelSuppenlöffelDessertlöffelMesserbänkchen. Nein, es fehlt nichts, noch mal zählen, nein, es fehlt nichts. Sechzehn Gedecke, Bestecke, schön poliert. Alles für die Geschäfte ihres Mannes. Am Wochenende. Mecklenburger Landpartie, große Gesellschaft.
Sie ist allein. Seit Stunden? Seit Tagen? Spielt keine Rolle. Sie hat zu tun, viel zu tun. Jeder Tag ist von morgens bis abends angefüllt mit Dingen. Drei Kinder und dazu Landwirtschaft, Gestüt. Lang hat sie die Kinder nicht mehr gesehen. Ist auch kein Wunder im großen Haus, fünfunddreißig Zimmer ohne Bäder und Küchen. Da begegnet man sich nur mit Glück. Es sind Sommerferien, daran kann sie sich erinnern. Sie geht ins Büro. Auf dem Schreibtisch liegen Papiere in hohen Stapeln. Bauernzeitung, Baukostenvoranschläge, Förderanträge, et cetera. Rechnungen. Mahnungen, Pfändungsandrohungen. Manchmal schließt sie die schlimmsten Papiere weg. Damit ihr Mann sie nicht findet. Sie trägt ein weißes Hemd, darüber eine dicke Strickjacke. Kies knirscht. Schritte, denkt sie, das sind Schritte in der Auffahrt. Jemand wird gleich auf den messingenen Klingelknopf drücken. Jemand, der etwas von ihr will. Im selben Moment riecht sie ihren eigenen Schweiß. Uralter Schweiß. Natürlich weiß man, dass sie zu Hause ist, ihr Auto steht vor der Tür. Gleich wird ein heller Glockenton durchs Haus fahren, bis in den hintersten Winkel, bis unters Dach. Sie duckt sich, sie hält sich am Schreibtisch fest. Aber sie hört nichts. Sie wundert sich und wartet. Bis die Schritte auf dem Kies fortgehen, leiser werden. Jeden der Angestellten erkennt sie schon an den Schritten. Eben war es der Lehrling. Der Lehrling tritt mit dem einen Fuß härter auf. Sie weiß genau, dass sie immer den Lehrling vorschicken. Dies und das fehle. Kein Heu, kein Hafer, die Pferde hungerten, es ist wahr, sie sieht es von ihrem Fenster aus. Aber sie ist nicht schuld. Die Angstellten haben nicht früh genug Bescheid gegeben. So ist das immer. Sie gibt sich die allergrößte Mühe, aber auch sie kann beim besten Willen nicht überall gleichzeitig sein. Ihr Mann kommt nur zum Wochenende nach Mecklenburg. Ihr Mann ist Börsenmakler in Frankfurt und verdient viel Geld. Oben, auf einem der Stapel, liegt ein Brief der Schulbehörde. Die Eltern werden dringend gebeten, darauf zu achten, dass das Mädchen Kosima in Zukunft mit ordentlich gewaschenen und gekämmten Haaren sowie pünktlich zum Unterricht erscheine. Sie legt den Brief in eine der unteren Schubladen.
GabelLöffelSalatgabelMesserMesserbänkchen. Stimmt alles. Nichts vergessen. Nein. Nichts vergessen. Sie prüft noch einmal den Abstand der Bestecke zueinander. So. Richtig alles. Manchmal knarren die Balken über ihrem Kopf. Sie kann sich das einfach nicht erklären. Jahrelang haben keine Balken geknarrt. Und jetzt das. Seit ein paar Tagen. Sie schaut zur Decke. Nichts. Kaum hat sie den Blick gesenkt, geht es wieder los. Vögelchen, hört sie ihren Mann sagen, würde die Reiterplastik wohl gut stehen, unter dem Kirschbaum dort drüben? Sie haben Besuch, die Schwiegereltern sind aus Hamburg gekommen. Sie sind stolz auf ihren Sohn, sie lächeln und sitzen im Garten und lächeln. Den ganzen Nachmittag schon. In den Händen des Schwiegervaters sieht das Besteck wie Spielzeug aus, wie dummes, billiges Kinderbesteck. Der Wein macht die beiden sofort betrunken.
Sie geht ins Badezimmer. Zieht sich aus. Hört von weitem die Angestellten lachen. Sie ist allein. Manchmal hört sie das ganze Dorf lachen. Haut ab, kauft euch doch euren eigenen Rodelberg, hatten die Kinder vom Dorf zu ihren Kindern gesagt. Letzten Winter. Und gelacht. Theresa Gräfin von Cranitz lässt Wasser in die Badewanne laufen. Ihr Titel ist wichtig für die Geschäfte ihres Mannes. Im Grunde spricht nichts dagegen, sich zu waschen. Die Achselhaare sind lang gewachsen. Die Farbe der Haut grau. Die Nägel an den Zehen sind gekrümmt und berühren den Boden. Sehr geehrte Gräfin Frau von Cranitz, Sie werden dringend ersucht, Ihren Sohn Tristan dem Schulzahnarzt vorzustellen. Der Kariesbefall seiner Zähne scheint erheblich zu sein. Wir bitten Sie, im Interesse Ihres Sohnes undsoweiter. Vorgestern ist sie beim Friseur gewesen. Extra für die Gesellschaft ihres Mannes. Eine hübsche Kurzhaarfrisur. Die Augen tief in den Höhlen, kleiner Mund, dezent geschminkt. Dazu das weiße Hemd. Passt schön, das reicht. Ihren restlichen Körper hat seit Jahren niemand mehr gesehen. Sie zieht sich wieder an und geht in den Salon. Baden kann sie auch später.
SuppenlöffelMesserGabelKaffeelöffelchen. Alles Silber, massiv. Alles am richtigen Ort. Nein. Nichts fehlt. Als ob in ihrem Kopf jemand über dürre Dielen schliche. So klingt das Knarren jetzt.
Sie tritt ans Fenster. Große, alte Bäume. Spitzahorn, Eichen, Blutbuchen. Linden, wo ein dünner Pfad in den Park führt. Die Linden sind ein mächtiges Portal. Zehn, zwanzig ungeschützte Schritte bis dorthin. Aus dem Haus geht sie nur abends. Wie ein kleines Tier schnell Deckung suchend, schlüpft sie zwischen die Bäume. Einmal quer durch den Park mit dem Hund. Wenn niemand mehr unterwegs ist, am Horizont noch ein heller Streif. Aber der Hund geht dann fremde Wege, taucht ins Unterholz und bald ist nichts weiter zu hören als ein leises Rascheln, Knacken von dürren Ästen. Sie ruft ihn flüsternd zurück, Heldenmuth, hierher. Aber der Wind steht falsch oder die Hundeohren sind taub. Vielleicht haben sie tagsüber gewartet, endlich abends taub zu werden, jedenfalls treibt Heldenmuth sich bis zum Morgengrauen, wer weiß wo, herum, jagt Hühner und Katzen, reißt Müllsäcke auf und sitzt dann frühmorgens friedlich wartend im ersten Licht vor der Tür zum großen Haus.
Der Hund ist heute nicht nach Hause gekommen.
Ihr Mann und sie sprechen nur miteinander, wenn Gäste da sind. Nennt er sie Vögelchen, steht er hinter ihr und legt ihr beide Hände auf die Schultern. Sie lehnt den Kopf an seinen Bauch. Er küsst sie auf den Scheitel. Rechts, neben ihr auf dem Sofa, sitzen Kosima und Siegfried, links Tristan. Als wäre sie eine gute Mutter, hat sie die Arme um die Kinder gelegt. Rings sitzen die Damen, Hände gefaltet, Beine übereinander geschlagen. Rittlings lässig auf Stühlen lungern junge Herren, die älteren lehnen ordentlich am Kamin und später gehen alle zu den mageren Pferden, sie selbst führt die Gäste durch die Stallungen.
Im Haus ist es auch an heißen Sommertagen schön kühl. Sie steht am Fenster. Zieht sich die Strickjacke hoch bis zur Nasenspitze. Verblühter Besenginster, von der Hitze verbrannter Rasen. Sie muss den Fisch marinieren, unbedingt, heute Abend noch, morgen wäre es zu spät. Aber sie hat vergessen, den Fisch in den Kühlschrank zu legen. Ist am Morgen geliefert worden. In großen Kisten, das Eis ist tagsüber langsam geschmolzen. Leider vergisst sie ziemlich viel in letzter Zeit. Jetzt kann sie den Fisch auch genau so gut und behaupten, er sei gar nicht geliefert worden. Das wäre vielleicht das Beste. Die Rechnung nicht bezahlen, weil der Fisch nicht geliefert worden ist. Folgerichtig. Bis ihr Mann morgen früh aus Frankfurt kommt, wird sie selbst glauben, der Fisch sei nicht geliefert worden. Der Fisch würde dann zwar beim Essen fehlen. Aber sie kann sich ja wirklich, wirklich nicht um alles kümmern. Sie hat ohnehin schon viel zu tun. Alle Hände voll. Von morgens bis abends. Nichts kann man guten Gewissens anderen überlassen. Dass kein Handwerker mehr ins Haus kommen will, ist das etwa auch ihre Schuld? Weil sie die Rechnungen nicht bezahlt? Da kann sie nur lachen. Sollen die ihre Arbeit anständig machen, dann bezahlt sie auch die Rechnungen. Sie ist die Letzte, die anderen etwas vorenthält. Was kann sie dafür, wenn die hier, in der ehemaligen DDR, noch immer nicht gelernt haben, fürs Geld auch etwas zu leisten. Man muss ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Wollte sie nicht ein Bad nehmen? Zuerst muss sie aber die Gedecke kontrollieren.
LöffelGabelDessertlöffelMesser. Was ist denn das? Auf dem schön polierten Silber sind schwarze Flecke zu sehen. Oxydationsspuren. Sie selbst hat das Silber poliert, gestern. Oder etwa nicht? Jetzt fällt es ihr wieder ein, es ist die Zugehfrau gewesen. Man kann sich ja schließlich nicht alles merken. Sie hat einfach zu viele Dinge im Kopf. Und ständig stört man ihre Ruhe wegen Bagatellen. Draußen verbrennt der Sommer. Im Park, im Schatten, wachsen die Brennnesseln mannshoch. Manchmal denkt sie darüber nach, was ihr noch fehle. Sie geht in ihr Zimmer im Ostteil des Hauses. Die Zugehfrau darf das Zimmer nicht betreten. Auch sonst niemand, ihre Kinder nicht, ihr Mann nicht. Sie setzt sich aufs Bett und legt die Hände in den Schoß. Sie sieht auf ihre Hände und sieht nichts. Unten schlägt die Glocke an. Laut kommt es ihr vor. So laut wie sonst nie. Sie hat jetzt keine Zeit, jetzt nicht. Die Wege sind lang im großen Haus. Sie steigt die Treppe hinunter. In der Küche wedelt sie mit den Händen die Fliegen vom Fisch. Dann geht sie ins Büro und schaut, wer vor der Tür steht. Es sind zwei der Angestellten und die Nachbarin. Die Nachbarin ist einmal ihre Freundin gewesen. Früher, in Frankfurt. Sie sind kurz nach der Wende zusammen in den Osten gezogen, weil es da viel Land und alte Häuser günstig zu kaufen gab. Die Nachbarin wohnt in der ehemaligen Schnapsbrennerei und hat oft ihre drei Kinder gehütet. Aber seit einiger Zeit ist ihr Mann leider arbeitslos. Es stimmt, was ihre Mutter beim letzten Besuch gesagt hat; sie könne sich nicht vorstellen, dass ihre Tochter mit so jemandem befreundet sei. Seither hat die Nachbarin die Kinder nicht mehr hüten wollen. Schade. Trotzdem hat ihre Mutter Recht; es gibt Verpflichtungen der Familie gegenüber. Sie hat bei Einladungen immer viel Zeit darauf verwenden müssen zu überlegen, ob ein Vertreterehepaar zu den Ärzten und Rechtsanwälten und Künstlern ihres Freundeskreises passe. Natürlich war es immer verkehrt gewesen. Manchmal peinlich.
Auf den Armen der Nachbarin liegt leblos ein Kind. Das Kind ist ein Mädchen und sieht Kosima zum Verwechseln ähnlich. Ein Glück, dass Kosima in ihrem Zimmer Klavier spielen übt. Hat sie nicht vorhin noch im Vorbeigehen falsche Töne gehört? Oder war das gestern gewesen? Oder vorige Woche? Nein, so sehr kann sie sich nicht täuschen. Wie kann das Mädchen auf den Armen der Nachbarin Kosima sein, wenn Kosima in ihrem Zimmer sitzt und Klavier übt? Von weit her hört sie jetzt sogar die Anschläge. Also hat sich das erledigt, also braucht sie die Tür nicht zu öffnen. Die Glocke geht schon wieder. Zum wievielten Mal? Außerdem macht die Nachbarin jetzt einen fast hysterischen Eindruck. Sie legt das Kind auf den Teppich der Veranda und beginnt, mit den Fäusten die schwere Eichentür zu bearbeiten. Was für ein Lärm. Wie kann man sich nur so gehen lassen? Ständig will jemand etwas von ihr. Dabei hat sie zu tun, für morgen noch die Gedecke kontrollieren. Sie geht in den Salon und macht die Tür hinter sich zu, dreht den Schlüssel zweimal um.
GabelSuppenlöffelServiettenringeTranchiermesser. Ärgerlich, das mit den schwarzen Flecken. Zudem scheint es, als würden es stündlich mehr.
Sie nimmt das Tranchiermesser und prüft die Schärfe. Zieht die Klinge langsam quer über den Daumen. Sie sieht, wie das Blut aus der Wunde quillt. Sie steht still und sieht zu. Dann muss sie lachen. Nicht laut.
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