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Irene Escher, *1950 in Dulliken. Primar- und Zeichenlehrerin. Lebt in Küngoldingen (AG). 2000 und 2003 erhielt sie vom Aargauer Kuratorium Förderbeiträge. Erzählungen: «Manchmal heißt sie Fränzi», Edition Isele, Eggingen, 2001;
«Eine graue Mauer da und dort», Buschö, Schöftland, 2003 (Erschienen im Rahmen des Projektes: Aargau Eine Grenzerfahrung). Der hier abgedruckte Text ist Teil einer längeren Erzählung mit dem Arbeitstitel: «Bald wird Hochzeit sein».
Irene Escher
Sex ist kein Witz
Kein Krimi
Nichts und niemand wird sie daran hindern, dachte sie und machte sich auf den Weg. Die Sonne stand tief, Anna schaute nicht auf die Uhr. Sie wusste, dass es sinnlos war, in die Wohnung dieses Mannes zu gehen, die leuchtend orangen Punkte würde sie da nicht finden. Er hätte ihr den Weg aufzeichnen müssen, sagte er, als sie endlich kam. «Das hätte überhaupt nichts genützt», sagte Anna und lachte. Sie verfahre sich immer.
Am Tisch saß Marie. Anna kannte sie nicht so gut. Man traf sich ab und zu vor der Kaffeemaschine im Lehrerzimmer und lachte über diese absolut unfähigen Tröpfe von Kollegen oder versuchte herauszufinden, wer mit wem und wie lange schon. Hasenstall, sagte Franz. Hühner, dachte Anna. Marie hatte einen erwachsenen Sohn und lebte allein. Noch nicht lange, sagte sie. Zwanzig Jahre habe sie ausgeharrt, zwanzig Jahre zu viel. Ihr Mann sei ein Arschloch, sagte Franz. Marie schluckte leer. Ob sie ein Liebespaar seien, fragte Anna. Nein, eigentlich nicht, sagte Marie unsicher. Doch, sagte Franz, für kurze Zeit seien sie eines gewesen. Oh Gott, dachte Anna, die alte Geschichte. Und dieser Frosch ist noch blöder, als ich dachte. Seine Bilder sahen aus, als hätte man Abwaschwasser darüber geleert. Sie ging von Bild zu Bild und dachte, geh nach Hause. Und blieb. Marie saß an ihrem angestammten Platz und strahlte. Hier sei sie zu Hause, sagte sie. Ja, dachte Anna, die Nachfolgerin sitzt vor der Tür. Ihr grauste. Franz bediente. Anna trank. Marie rutschte auf dem Stuhl hin und her.
Am andern Tag fehlte Franz. Er war krank. Anna stellte sich vor, wie ihm Marie den Rücken mit Vicks einrieb und Kräutertee braute. Sie hasste Kräutertee. Es war genau der Tee, der zu ihm passte. Albern wie seine griechischen Sandalen. Der Panamahut auf dem Schrank. Der Großvater an der Wand. Das Buch auf dem Sofa, die Seidenkissen. Rot und schwarz. Alles passte. Sie wartete. Er wand sich wie ein Fisch an der Angel. Maries Strahlen verschwand. Anna vibrierte von den Zehen bis in die Fingerspitzen, es tat ihr beinahe Leid, als sie endlich sprang. Franz suchte beinahe augenblicklich nach einem Schlupfloch, Anna lachte. Und machte es ihm leicht. Er war so überaus besorgt und anständig und bereitete alles zur Flucht vor. Heimlich, wie er dachte. Anna amüsierte sich. Ein Frauenkränzchen! Peinlich, sagte er, was soll ich da. Nur Mut, sagte sie. Und begann sich zu verachten. Sie brachte es nicht mehr fertig, diesen Mann zu verlassen.
Anna war allein. Sie schloss Tür und Fenster. Zehn Tage gab sie sich Zeit, einen Tag für jede Woche. Zehn Wochen hatte die Geschichte mit Franz gedauert. Eine Ewigkeit.
Am ersten Tag waren seine Füße an der Reihe. Sie schauten unter der Decke hervor wie bei einer Leiche.
Am zweiten Tag kamen die Augen an die Reihe. Sie schauten wie die Katze am Morgen, wenn sie vor der Verandatür stand und Einlass verlangte.
Dann kam der Tag der Hände. Die linke Hand wusste nichts von der rechten Hand, sie liebkoste ihren Nacken. In der rechten Hand war ein Dolch.
Am vierten Tag war es finstere Nacht.
Am fünften Tag hielt sie seinen Kopf in den Händen. Er murmelte kaum hörbar: Hunger! Hunger!
Am sechsten Tag wetzte er das Messer. Ich bin Metzger, sagte er, das ist mein Beruf. Alle in meiner Familie sind Metzger. Weil: Beim Bäcker ist man immer voller Mehl und man bekommt so müde Augen. Bäcker wäre nichts für mich. Aussehen wie ein Grittibänz? Da bin ich schon lieber Metzger, da ist alles sauber.
Am siebten Tag hörte sie die Glocken.
Am achten Tag ging sie auf die Reise.
Den neunten Tag ließ sie verstreichen.
Am zehnten Tag war Marie an der Reihe. Sie saß in der Schule und schnitt die Neue. Vielleicht, weil wir dieselbe Bluse tragen, dachte Anna und nahm ihren Mantel vom Haken. Der erste Haken an der Garderobe gehörte Marie. Sie trug immer die passenden Ohrringe und Halsketten und schwärmte für Literatur. Sie sagte: Wir Frauen! Oder: Ach, diese Männer! Und von Franz sagte sie, manchmal komme er ihr vor wie ein pubertierender Sohn. Sie wohnte in einer Hochhaussiedlung. Auf dem Balkon standen leere Blumentöpfe, in der Küche hingen Blümchengardinen. Das Bett und die Kommode hatte sie von einer Bekannten. Im Wohnzimmer stand ein braunes Sofa, darüber hingen zwei Bilder von Franz. Sie hingen schräg an der Wand. Marie war nicht sicher, ob sie ihr gefielen. Sie hatte einen Freund. Nichts Ernsthaftes, sagte sie. In die Ferien fuhr sie allein. Oder mit Frauen. Sie lachte laut, noch lauter als Franz. Anna wusste nie so genau, worüber sie lachten, manchmal hatte sie das Gefühl, auch über sie. Bei den Sitzungen fehlte sie. Marie war Lehrerin ohne Diplom und gab Nachhilfestunden. Sie verließ ihren Mann für Franz. Zu früh. Oder: Der Mann starb zu spät. Sie hatte kein Geld. Franz stellte sie vor die Tür. Knallhart. Er habe sie doch ausgewählt, sagte Marie. Das sagte sie drei Jahre danach, und nach vier Jahren sagte sie es noch immer. Anna sah, wie Franz sich bei Marie bediente, wenn ihm die Zigaretten ausgegangen waren, und wie Marie das Feuerzeug über den Tisch schob. Und sie hörte, wie Franz sagte, es sei eine Zumutung, was man ihr aufhalse, wenigstens ein paar Wochen mehr Ferien hätte sie verdient. Anna war, als mache er sich lustig und hörte sich die Putzfrau loben. Sie hasste diesen Ton, und sie hasste es, so in den Spiegel zu schauen. Marie kannte Franz seit Jahren, niemand wäre auf die Idee gekommen, sie seien ein Paar. Das zumindest sagte Marie. Sie hielten ihre Beziehung geheim. Anna war so damit beschäftigt, normal auszusehen und ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, dass sie kaum hinhörte, was Marie erzählte. Sie hätte lieber über den Unterricht gesprochen. Sie hatte Jahre hinter Mauern gelebt, sie war unsichtbar geworden im Schatten dieser Mauern. Auf der andern Seite der Mauer schien die Sonne. Hier war sie eine berufstätige Frau, die nebenbei auch noch Kinder hatte wie die Kollegen, und einen Mann. Sie brauchte weder zu kochen noch zu waschen, die Kinder wurden von der Kinderfrau betreut, den Dreck putzte die Putzfrau weg, der Hund konnte warten, es funktionierte tadellos. Nur konnte sie sich nicht mehr vorstellen, das Bett mit einem Mann zu teilen. Sie lachte wie über einen schlechten Witz, wenn sie an den Liebesakt dachte. Sie verwechselte Liebe mit Sex.
Sex ist kein Witz, dachte Anna und öffnete Tür und Fenster. Sie zog sich an und ging zum Arzt. Das müsse sie selbst entscheiden, sagte er. Nicht einmal der Ehemann könne ihr da helfen.
Sie kam zu spät. Sie rannte. Vorbei an den Glaskäfigen ohne Vögel zum Lichtkugelraum. Statt aufzuräumen ging sie um die Dinge herum, schob den Tisch zur Seite, Stöße von Papier, Leinwände, das Theater war vorbei. Sie ging nach Hause und fütterte die Katze. Nicht ein einziges Mal erwachte sie in dieser Nacht. Am andern Tag warf sie die Bilder weg. Sie zerschnitt die Leinwände und trampelte darauf herum. Sie waren zäh. Zäher als sie dachte, hart und sperrig wie Holz. Schnitt für Schnitt fiel ein Stück von ihm weg. Die Hände, die Füße, der Kopf. Dann stach sie in sein Herz. Sein Lächeln. Das Glas zerbrach, der Wein lief über die Bilder wie Blut. Es tropfte. Sie wischte die Glasscherben zusammen und warf sie weg. Tag der Rache, Tag des Zorns. Sie erinnerte sich an seine Stimme. Unangenehm. Falsch. Die Säge fraß sich durch das Holz. Quietschte. Fiepte. Sägemehl legte sich über den Teppich wie Mehl. Die Augen. Wohin damit? Die Briefe brannten lichterloh. Nachher lachte sie. Und riss auch noch ihre eigenen Bilder von der Wand. Ins Atelier ging sie nicht mehr. Die Miete bezahlte die Bank.
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