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Christoph Simon, *1972, freier Autor, wohnhaft in Bern. Letzte Veröffentlichung: «Luna Llena», Roman, Bilgerverlag, 2003.
Christoph Simon
Herzensangelegenheiten
Gespräche, aufgezeichnet von Christoph Simon
«Nein, ich denke nicht an den, mit dem ich fünf Jahre verheiratet gewesen bin, sondern an den, den ich sitzen gelassen ...» Das Telefon läutet. «Entschuldige einen Augenblick.» Sie läuft zum Apparat, sieht auf die Anzeige, nimmt den Hörer ab. «Stefan. Kann ich dich zurückrufen, es ist ... Heute Abend, ich werde heute Abend, ja ...» Sie legt auf, holt Atem. «Nach der Trennung von Stefan dauerte es noch ein Jahr, bevor ich den Mut aufbrachte, mich scheiden zu lassen. Solange ich Pedro nicht hatte, kam ich nicht von ihm los. Pedro ist der Anwalt, den ich mit der Scheidung beauftragt habe. Er wurde mein warte einen ...» Sie langt nach dem Hörer. «Nein, es geht jetzt ... Ich werde ... Nein, ich lasse dich nicht ausreden, ich habe ... Bitte, Stefan, ich werde später ...» Sie legt auf, bleibt einen Moment regungslos stehen, setzt sich fröstelnd hin. «Tut er immer, ruft immer mehrmals an, fragt sich nicht, wieso. Ist ihm völlig einerlei, ob er weiß, was er tut. Wo bin ich stehen geblieben? Pedro. Eins führt zum anderen. Wir haben Stefan ausgequetscht. Möbel, Kunst, das Auto, mehr als die Hälfte von allem. Dann sind wir zusammen fortgegangen, Pedro und ich. Sind lange gereist, Amerika, Irland, Provence, Tonic aus der Minibar, Wildpferde, haben Füchse geschossen, die Oper ... Wir lebten von einem Augenblick zum anderen. Haben keine Minute still gesess-» Das Telefon. «Pass auf, Stefan, versuch nicht, mich zu ... Nein, ich weiß nicht, was ... Ich habe gesagt, ich weiß ... Es wär mir lieb, wenn ... Nicht jetzt!» Sie befühlt sich mit dem Handrücken die Stirn. «Er ist verrückt. Da kann man noch so viele Fremdwörter dranhängen, er ist verrückt.» Sie setzt sich. «Für Pedro, meinen Anwalt, bedeutet eine Frau ein schönes, warmes Wesen, dem man, je nach Gesichtsausdruck, Sex oder Filme, Feuerwerk oder Essen gibt. Ich habe ein reges Innenleben, es begann mich zu langweilen. Zu ärgern. Was nicht fair war. Pedro hatte mich von Stefan befreit. Er war lieb zu mir, seine Einfälle, den Humor, aber ich wollte mich nie mehr ärgern. Ich musste immer dran denken, wie schlimm es mit Stefan gekommen war. Ich warf mit Kissen um mich, packte die Koffer und fuhr zum Flughafen. Die ganze Fahrt blickte ich durch die Rückscheibe des Taxis, hoffte, Pedro würde ich glaube es nicht.» Sie springt auf. «Himmelherrgott Stefan! Ich lasse das Telefon abstellen! Nein! Ich will nichts davon ...!» Sie legt auf. «Zieh bitte das Telefonkabel raus.» Sie wischt sich über die Augen, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, beruhigt sich. «Ich denke gern an den Tod. Ich werde über die Klippe springen, als wär ich ein wildes Pferd.»
«Das war vorgestern. Selbst wenn all ihre Kollegen, unter denen ich mir Sachbearbeiter, Beamte, Fremdenpolizisten vorstellte, anwesend sein würden, wollte ich hingehen», sagt Gilberto, Dichter, Journalist und Flüchtling aus Luanda, Angola. «Ich bin keiner, der einfach draußen bleibt und heult. Ich brauche Verena, weil der Beschwerdedienst, wo sie arbeitet, den Stempel auf mein Gesuch macht, und vielleicht brauche ich sie bald auch, weil die Liebe, wie behauptet wird, Dreh- und Angelpunkt sei.» Zumindest, wenn man Bürgerkrieg, Verhaftung und Folter entronnen sei und wieder leben könne, setzt Gilberto einschränkend hinzu. «Ich trete in ihr Appartement, schaue mich um, es ist niemand da. Verena beantwortet meine nicht ausgesprochene Frage. Zu viele Leute verderben mir die Laune, sagt sie. Ich frage sie nach ihrem Sohn. Ich hatte sein Foto auf ihrem Schreibtisch gesehen, so waren wir in ihrem Büro ins Gespräch gekommen. Wir der Flüchtling, der in einer Holzbaracke lebt, und nicht jeder im Dorf nickt beim Vorbeigehen; Verena, die Schweizerin, die mich zu ihrem Geburtstagsfest einlädt. Als einzigen.» Gilberto lacht. «Wieso sie das getan hat? Ich weiß es nicht. Wir sitzen da und essen gemütlich frittierten Fisch und Kartoffeln. Mein Hiersein lässt sich selbstverständlich als Folge meines Interesses an einem positiven Entscheid erklären, denn das hat mich zu ihr geführt und liefert jetzt ein Thema, über das ich mich mit ihr unterhalten kann. Verena ist freundlich und aufmerksam. Sie legt ihre Hand auf meinen Arm, aber ich entziehe mich ihr. Um zehn verabschiede ich mich.» Gilberto schüttelt den Kopf. «Ich hatte Angst. Ich stehe so manches durch, aber zuerst einmal habe ich immer Angst. Ich kann nicht glauben, dass auf eine gute Geschichte die Einladung unmittelbar eine zweite folgen kann.» Gilberto lehnt sich zurück. «Keine Ahnung, wies jetzt weitergeht. Ich weiß ja kaum, was genau passiert ist.» Man höre schon dann und wann von Begebenheiten im Justiz- und Polizeiwesen, die nicht mit Beschwerden und Wegweisungen und Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Bewerbers zu tun hätten, «aber dass ich jemals Mittelpunkt einer solchen Begebenheit sein könnte, war mir bis vorgestern nicht in den Sinn gekommen. Meinetwegen darf Verena ruhig versuchen, mein Leben zu verändern, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr die Unterschiede nichts bedeuten.»
Als Werner endlich rennt Jogging an der Aare , erinnert er an ein gehetztes Dromedar. «Unmöglich.» Er fällt zurück in Laufschritt. «Die Luft ist zu dünn. Ich bin zu allem bereit, nur ersticken will ich nicht.» Werner ist Sozialwissenschafter, der im neunzehnten Jahrhundert zuhause ist und sozialistischen Strömungen in der katholischen Kirche nachforscht. «Ich werde es dir erläutern.» Er tut es und sagt abschließend: «Es klingt nicht besonders, aber es wird interessanter, je tiefer man vordringt. Lass uns Halt machen. Worüber wolltest du reden?» Er setzt sich auf eine Bank mit Blick zum Fluss. «Bei mir gibts keine Geschichten. Ich glaube, ich bin für eine Frau nicht sehr attraktiv. Jedenfalls habe ich ungünstige, unmoderne Interessen. Meine Forschungsarbeit. Ordnungsliebe. Nikotin- und Koffeinsucht, Nägelkauen, Schach ...» Er zählt alles auf und ist fertig, als eine einsame Wolke vorbeizieht und vor der Sonne stehen bleibt. «Ich würde meinen, entweder wir bleiben sitzen und erkälten uns oder wir gehen zurück.» Werner steht auf, schaut einer vorbeieilenden Joggerin nach. «Vielleicht diese Studentin ich kenne sie kaum. Nur guten Morgen und schönes Wochenende. Ich weiß, dass sie Christina heißt und im Institut arbeitet und den Computer mit Feind anredet. Ich vermeide es, sie anzusehen. Aber es kommt vor, dass ich sie doch ansehe. Wenn sie vorbeigeht, bin ich gebannt. Ich lade sie mal zum Schachspiel ein.» Werner lacht und es hört sich so ungläubig an, als habe ihm jemand einzureden versucht, seine Interessen seien alles andere als ungünstig. «Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ein Gedicht für sie abgeschrieben habe. Mit der rechten Hand. Ich weiß nicht wieso, ich bin Linkshänder. Wenn das mit dem Verliebtsein alles nur Schwindel ist, nun, dann ist es eben einer.» Werner zeigt auf den Parkplatz bei der Nydeggbrücke, wo ein Wagen wendet. «Vielleicht nimmt er uns mit?»
«Du weißt ja, wie man Männer so einteilt: Die einen sind Hülsen, die anderen haben einen Knall und so weiter.» Im Herbst wird Renate vierzig Jahre ungebunden zugebracht haben, und sie ist weit und breit der einzige Mensch, der nie davon geträumt hat, seine Ungebundenheit gegen eine Beziehung einzutauschen. «Manchmal, wenn ich mir einen dieser tranigen Filme anschaue, frag ich mich, was wohl nicht stimmt mit mir. Aber es stimmt alles, tut mir leid.» Sie verliert das Interesse am Thema, schildert ihre letzte Reise in die Südsee, Papua-Neuguinea, die Eigenheiten der Provinzen, die erregende Atmosphäre, die Fichten- und Palmenwälder, die Mangrovensümpfe, die Regenzeit, die Verkehrsstaus in Port Moresby, die pygmäenähnlichen Tapiro, die Männer mit Penisköchern, die Hochlandbewohner mit wolligem Haar und die Sumpfbewohner, die so mit ihren Kanus verwachsen sind, dass sie Schwierigkeiten haben, sich auf dem Festland zu bewegen. «Ich nehme an, ich brauche dir nicht zu sagen, dass du dich vom Festland fernhalten solltest, wenn dir dein Kanu lieb ist. Natürlich weiß ich nicht, ob dir dein Kanu lieb ist oder nicht.»
Sandra ist eine Freundin, die nie versucht, gute Ratschläge zu erteilen. «Du steckst in Schwierigkeiten, ja?», sagt sie am Telefon. «Ich komme zu dir. Bringe dich zum Lachen. Habe ein paar gute Geschichten für dich.» Sandra ist eine erfolgreiche Damenschneiderin, erfolgreich durch Zufall, im Grunde ist sie eine eifrige Arbeiterin mit einer großen Lust zu improvisieren. Sie platzt herein in einem klatschnassen Regenmantel, in Turnschuhen, die vor Nässe quietschen, und mit einem Regenschirm, der auf den Fußboden tropft; aber Sandra wirkt so adrett wie immer, als habe sie sich gleich Lana Lee in der Verschwörung der Idioten allein im Auge eines Taifuns gehalten. «So ein Sausturm», sagt sie, nachdem sie sich trockene Sachen angezogen hat, «seit jenem Aufenthalt in Paris habe ich keinen solchen Sturm mehr ins Gesicht bekommen. Frag mich, was ich trinken will. Etwas Starkes, hast du das? Nun sieh dir das hier an. Die Spinne über deinem Bett. Krabbelt über die Decke wie ein Baby auf dem Teppich, den Kopf nach vorn und das Becken hoch. Wie macht sie das ohne irgendwelchen Klebstoff an den Füssen? Na ja, eine erfahrene Spinne lässt sich nicht aufhalten. Komm her, setz dich, zeig mir deine Hand. Oh, hm ... was soll das sein, eine Lebenslinie? Du hast keine Freunde und wirst bald sterben. Fummle nicht an mir rum. Du wirst auf Befehl der Schweizer Demokraten bei lebendigem Leib verbrannt werden. Du wirst ihnen zurufen: ‹Ich bin nicht zufrieden, aber ich sterbe wie ein freier Mann.› Man nennt das eine Begegnung mit dem besseren Ich. Du sollst nicht an mir rumfummeln.» Sandra steht auf. «Kennst du Patrick Leuthold noch? Wir feiern in der Villa Bernau und eine Papierlaterne fängt Feuer. Patrick sagt: ‹Sandra, der Lampion brennt.› Glaubst du, er wäre hingegangen, um die Laterne herunterzunehmen? Gehen wir ins Cairo, ich gebe einen aus.»
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