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Hartmut Fähndrich, Dr. phil., *1944 in Tübingen (D). Studium der Semitistik, Islamwissenschaft und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Tübingen, Münster und Los Angeles. Zahlreiche Übersetzungen von arabischsprachigen Autoren und Verfasser einer Monografie über Nagib Machfus (edition text + kritik, München 1991).
Hartmut Fähndrich
Zwischen Hammer und Amboss
Übersetzen, und erst noch aus dem Arabischen
Längst bevor Alt und Jung, Arm und Reich, Nord und Süd, Ost und West anfingen, über jene Konfrontation zu reden, die allen immer unvermeidlicher erscheint, längst bevor alle Welt begann, sich darüber Gedanken zu machen, wie möglich oder unmöglich denn nun die Kommunikation (jenes beliebte Goldene Kalb unserer Zeit) zwischen den Kulturen sei, schließlich längst bevor allenthalben jene frenetische Suche nach Identität einsetzte eine Identität, die man sich natürlich am liebsten als klar und doch schmerzhaft definierbar, als eindeutig und als wechselweise exklusiv vorstellt ... längst bevor all das anhub, sind die Übersetzer (und Übersetzerinnen, so sei betont, denn in diesem Metier halten sie wohl die Mehrheit) ihrer Arbeit nachgegangen, die man schon damals «interkulturell» hätte nennen können, wenn man über dieses Wort verfügt hätte; und sie werden diese Arbeit noch betreiben, auch wenn das dafür zur Zeit einschlägige Adjektiv längst wieder seine Konjunktur verloren hat. Diese Arbeit, die darin besteht, lokale oder regionale Autorinnen und Autoren zu Weltautoren zu machen. Das war schon immer die Aufgabe der Übersetzung und wird es bleiben, solange das mit dem Esperanto als Literatursprache nicht so recht klappt: Werke weltweit sichtbar zu machen, die andernfalls, also ohne die aufopfernde Übersetzungstätigkeit, lokal oder regional blieben, weil die Sprache, in der sie verfasst sind, ihnen diese Begrenzung aufzwingt.
Wenn vom Übersetzen die Rede ist, sind die gängigen Small-talk-Wortspielereien allsogleich zur Stelle. Man kennt sie, wagt fast nicht mehr, sie zu wiederholen. Beispielsweise vom Übersetzen und vom Übersetzer wird da gescherzt, oder über den traduttore, der ein traditore, der Übersetzer, der ein Verräter sei, nämlich an der hehren Sache der Literatur, der Sprache und der Form, wie sie der Meister, der mehr oder minder göttlich inspiriert gedachte Wortkünstler, der Autor sie eigentlich gemeint habe, etc. pp.
Um diese Funktion des literarischen Übersetzens noch zu veranschaulichen, sei ein literarisches Beispiel gewählt, das durchaus an das genannte Klischee vom Übersetzen oder Übersetzen anschließt (das das Arabische nicht nachvollziehen kann, wo das Wort für übersetzen,
targama, diese Bedeutung nicht hergibt; es hängt mit dem rabbinischen Targum und einer altsemitischen Wurzel für «erklären, dolmetschen» zusammen). Es ist das Rilke’sche Gedicht über den Sankt Christophorus, den «Ahnherr der Brücken, welche steinern schreiten», der aber trotzdem nicht zum Heiligen der Übersetzer gewählt wurde, sondern diese Rolle dem Bibelübertrager Hieronymus überlassen und sich selbst mit dem Schutz der Reisenden oder gar der Autofahrer begnügen musste. Doch indem er den Übersetzer Christophorus schildert, charakterisiert er den Übersetzer an sich: «und war erfahren auf den beiden Seiten und fühlte jeden, der hinüber muss».
So sähe man sich gern! Nicht nur erfahren zu sein auf den beiden Seiten, sondern auch jeden zu fühlen, der hinüber muss, und ihn dann übersetzen zu können, zu dürfen ... und dafür den gerechten Lohn und das angemessene Lob zu erhalten!
Denn wenn man von der feinsinnigen Festaktebene auf das Niveau der «Arbeitswelt» der Übersetzenden herabsteigt, was bleibt dann? Sagen wir einmal, um ein etwas kräftiges Bild zu verwenden, es bleiben Variationen einer Hammer-und-Amboss-Situation, in der die Übersetzenden zwischen diese beiden Werkzeuge geraten, Verkörperung der Rilke’schen «beiden Seiten». Hammer und Amboss können verschiedene Ausgestaltungen erhalten. Ein paar seien hier vorgeführt.
Hammer und Amboss als Autor und Verleger, wobei offen bleiben soll, wer welches Gerät versinnbildlicht. Beiden geht es darum, den glühenden Übersetzer sich gefügig zu machen, ihn in die rechte Passform zu kriegen, ihn in Dienst zu nehmen.
Alle Autoren, auch die arabischen, wollen immer übersetzt werden. Sie machen das mit unterschiedlicher Diskretion deutlich. Sie träumen von Ruhm und/oder vom großen Geld. (Manchmal kann ich den hoffnungsschweren Blick nicht mehr ertragen und gehe einem Autor aus dem Weg, auch alten Freunden.) Dies wiederum gilt besonders stark bei «kleinen» Sprachen wie (trotz der bald 300 Mio. Sprechenden) dem Arabischen, das ganz auf die Arabische Welt begrenzt ist.
Dann ist da der Verleger (einschließlich der Verlegerin), der Bücher will, Manuskripte, gute Bücher, schön übersetzt und natürlich nicht zu teuer. Manche organisatorischen Dinge sind hier im Westen glatt eingespielt, was für die arabische Welt beispielsweise nicht gilt. Da fehlen Agenturen, da brauchts persönliche Beziehungen was natürlich schön ist, aber auch aufwendig, und selbstverständlich unbezahlte Zusatzarbeit. Übersetzer/innen werden für ihre Kunst miserabel bezahlt! (Alle Personen, deren Dienstleistungen ich in Anspruch nehme, um mein tägliches Leben zu fristen, verdienen mehr pro Stunde als ich mit dem Übersetzen.) Dass man oft sogar feilschen oder dem Honorar nachlaufen muss, kommt noch hinzu, ebenso dass manche Verleger Übersetzernamen nicht auf die Titelseite setzen wollen usw.
Andere Hammer-und-Amboss-Situation: die zwischen Herkunftssprache und Zielsprache. Diese ist zentral für die eigentliche Kunst, und dort liegt die Möglichkeit, zum traditore zu werden. Es ist so, wenn man es so nennen will, es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren. Sonst kann man es machen wie manche, die vom Übersetzen genau um dieses Verrates willen abraten, da es ja doch nie ein wirkliches Äquivalent gebe. Ja, sie haben Recht. Schon harmlos scheinende Beispiele sind offenbarend. Die Frage ob «weiß wie Milch» tatsächlich «weiß wie Schnee» ist, lässt sich mit dem Begriff der «Originalitätsvermutung» abhandeln, d.h. der Feststellung, ob eben «weiß wie Milch» das Übliche in der Herkunftssprache ist oder nicht. Aber bei einem ebenso einfachen arabischen Ausdruck ist es weniger einfach: sacida ilâ sath heißt eigentlich ganz schlicht «aufs Dach hinaufgehen». Und doch, was tun damit, wo doch die Architektur und die Dachverwendung in der arabischen Welt so anders ist als bei deutschen Häusern oder schweizerischen Chalets. In der arabischen Welt gibt es halt Wohnungen auf dem Dach, und das sind keine Penthäuser, sondern häufig Verschläge für die Ärmeren; man trocknet Mais auf dem Dach oder hält dort gar ein Schaf, eine Ziege, Hühner auch noch mitten in Kairo. Oder was macht man, wenn im Text eine Eule erscheint, jener weise Vogel? Die eben das im Arabischen nicht ist; dort ist sie Überbringerin von Horror- und Hiobsbotschaften, ist eigentlich ein Unglücksrabe!
Schließlich was tun, wenn es in der Herkunftssprache sechs, sieben geläufige Wörter für «Wüste» gibt und bei uns Wüsten nicht so detailliert charakterisiert werden? Eine Wüste ist eine Wüste ist eine Wüste nicht so auf Arabisch. Da gibt es welche mit Sand und welche mit Steinen, welche ohne Pflanzen und welche ohne Wege.
Dabei ist von den allerschwierigsten Dingen noch gar nicht die Rede gewesen, von Speis und Trank, von Leib- und Kopfbedeckungen. Was wir in unseren Identitätsdebatten einfach «Schleier» nennen, ist Vielfältiges und Verschiedenartiges, nicht nur nach Schnitt und Stoff, sondern auch nach Vokabular. Und darf man die madîra, ein sehr altes und üppiges Eintopfgericht, wirklich zum «Sauerbraten» eindeutschen, wie es jemand einmal tat? Ähnliches gilt bei Metaphern und Bildern. Was macht man mit jenem Mädchen, das vom insân al-cain («Augenmensch», in Ägypten für «Pupille» verwendet) hört und vor dem Spiegel nach Kopf, Armen und Beinen des Männchens sucht? Nun, wir haben Gott sei Dank die Iris, die über Stengel, Blüte und Blätter verfügt! Und wie bewältigt man sprachlich die Rückgriffe auf mittelalterliche arabische Literatur dieses reiche Schrifttum, das so manchem zeitgenössischen Autor, mancher Autorin Inspirationsquelle ist und das von der Sprachstruktur her der heutigen Leserschaft zugänglich ist. Der Hämmer und der Ambosse sind hier viele.
Dann ist da noch ein drittes Hammer-und-Amboss-Arrangement und diese drei mögen genügen, wie üblich der heiligen Dreizahl folgend. Es ist das Verhältnis Westen Osten oder eher Nord Süd oder eher Europa-islamische Welt. Schon an der Vielzahl der Benennungsmöglichkeiten wird deutlich, wie mannigfach dieses Verhältnis geprägt ist. Es ist ein Verhältnis voller Traditionen, guter und schlechter, schöner und hässlicher, ein Verhältnis auch voller Misstrauen und Missverständnisse, und ein Verhältnis voller Ignoranz auf beiden Seiten; die hiesige interessiert hier mehr. Ein kleines Beispiel dafür ist jene Aussage, die mir einmal in einem Zeitungsinterview in den Mund gelegt wurde. Ich soll von einem vorislamischen Poeten aus dem 10. Jahrhundert gesprochen haben. Schrecklich! Vorislamisch hörte Anfang des 7. Jahrhunderts auf. Dann wurde es islamisch. Schlimmer aber noch ist die ideologisch gefärbte Ignoranz.
Ja, gibts da überhaupt Literatur, war anfangs meiner Übersetzungstätigkeit eine häufig gehörte Frage. Oder da gab es jene Buchhändler, die palästinensische Literatur nicht auslegen wollten, da ja sowieso Terroristenliteratur.
Vieles hat sich da in den vergangenen zwanzig Jahren geändert, ändert sich weiter. Auch die Verleihung des Nobelpreises an den Ägypter Nagib Machfus hat dazu ein wenig beigetragen. Arabische Literatur findet sehr langsam zwar, aber doch immer mehr Interesse, Ansehen und Zuspruch. Das ist, diese Einsicht wächst, ohne Übersetzende nicht möglich. Sie sind es, die Literatur zur Weltliteratur machen! Sie (oder ihre Verleger) müssen nur fühlen, wer hinüber muss..
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