entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 37:
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Ali al-Shalah, *1965 in Babylon/Irak. Studium der Literaturwissenschaften in Bagdad und Amman. Kulturredaktor bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, u.a. «Asfare» und «Al-Finique». Seit 1997 Leiter des Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums (www.sakz.ch). Veröffentlichte verschiedene Bücher über moderne arabische Literatur. Heute arbeitet er als freier Autor und Journalist in Zürich und ist Direktor des Festivals al-Mutanabbi der Poesie. Neueste Veröffentlichung: «Der babylonian All» (2000).

Ali al-Shalah

Zwischen zwei Kulturen

Als der Himmel in Bagdad im letzten Krieg zwischen Bush und Saddam Bomben regnete, habe ich mich immer wieder gefragt: «Trifft eine von diesen Bomben die hübsche Erzählerin Scheherazade, die Erzählerin von 1001 Nacht?». Nach ein paar Tagen allerdings hatte diese Frage keine Bedeutung mehr, weil die richtige Frage erst jetzt gekommen war: «Haben die Herren Bush und Saddam einmal einen Teil von 1001 Nacht gelesen?». Ich zweifle daran, denn hätten sie dieses Buch gelesen, könnten sie Bagdad nicht verbrennen. Bagdad ist nicht nur eine Hauptstadt von einem Land; Bagdad war die erste Brücke zwischen Osten und Westen. Auf ihrer Erde stehen bis heute Spuren unterschiedlichster Kulturen.

Als ich Babylon 1991 in Richtung Jordanien, meinem ersten Exil, verließ, habe ich gedacht, dass diese Reise nicht länger als drei oder vier Jahre dauern würde. Meine Ideen über die andere Kultur (die westliche) war seltsam: Mein Wissen setzte sich zusammen aus einem Gemisch aus Lektüre, die auf Arabisch übersetzt war, und Saddams und seines Regimes Propaganda über die Feindschaft und die neuen Kreuzzüge gegen die Muslime. In Amman eröffneten sich mir andere Möglichkeiten, die andere Kultur kennen zu lernen. Neue Bücher und Zeitschriften sowie die freien Medien verbesserten meine Idee. Die andere Kultur ist wie unsere Kultur, hat mehrere Gesichter und Symbole. So entstehen Missverständnisse bei den einfachen Leuten, weil sie glauben, dass ein Teil von einer Kultur die ganze Kultur darstellt. In Amman traf ich zum ersten Mal viele Euro- päerinnen und Europäer persönlich und ohne Angst. Aber unsere Diskussionen waren sehr vorsichtig, weil die Europäer, die in den arabischen Ländern arbeiten oder sie besuchen, die Themen, die sehr kontrovers sind, vermeiden. Ich gebe zu, dass diese Gesprächsform neue Missverständnisse kreiert, da das Bild der Medien ungleich kritischer ist als das, was wir auf der Straße zu hören bekommen. Dies war mein Bild, als ich in Zürich 1996 ankam.

Ich entdeckte die neue Stadt und gleichzeitig meine eigene Kultur neu. In dieser Zeit wiederholte ich einen Teil eines Gedichtes ständig: ein Land, das nicht uns gehört … Zwischen den Banken an der Bahnhofstraße fragte ich mich: Wo sind Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch? Wie lebt ein fremder Schriftsteller zwischen diesen Banken? Meine Tragödie war relativ groß, weil ich meine kräftige arabische Sprache nicht einsetzen konnte. Deswegen konnte ich den hübschen Frauen nicht beweisen, dass ich ein bekannter Schriftsteller war.

Obwohl ich das Jahr 1997 in Zürich verbracht hatte, war ich als Schriftsteller in der arabischen Welt geblieben. Meine Gedichte und Artikel wurden in den großen arabischen Zeitungen in London und den Zeitungen in arabischen Ländern veröffentlicht. Ich habe das größte Spiel einiger arabischer Schriftsteller, die im Westen leben, aufgedeckt. Alle arabischen Schriftsteller sind auf sie neidisch, weil sie ihre Artikel mit einer westlichen Stadt signieren. Die Araber glauben, dass die Schreiber im Westen ebenso bekannt sind wie in ihrer Kultur – und räumen ihnen deshalb mehr Respekt und Platz für ihre Artikel ein. In einer Einladung machte ich die Autoren Hans Magnus Enzensberger und Joachim Sartorius mit einem bekannten arabischen Schriftsteller, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt, bekannt. Meine Überraschung war groß, als ich feststellte, dass sie nie von ihm gehört hatten, obwohl er diese Tatsache vor mir anders dargestellt hatte.

Dieser Zufall beeinflusste von da an mein Leben in Zürich. Ich dachte, ich sollte auch in der Zürcher Kulturbühne auftreten, wenn ich in Zürich lebte. Ein anderes Spiel habe ich nachher aufgedeckt. Wie kann man im Westen sehr berühmt werden? Man schaffe sich ein Problem mit den Fundamentalisten oder verleumde die islamische Religion. Langsam habe ich alle Spielarten kennen gelernt. In einer Nacht konnte ich nicht schlafen, da mich drei Fragen bedrückten: Willst du das ganze Leben im Westen verbringen? Kannst du diese Spiele spielen, auch wenn sie nicht moralisch sind? Und die dritte und wichtigste Frage war: Stimmt die arabische und islamische Kultur mit der Vorstellung, die die Leute hier von ihr haben, überein? Am nächsten Tag habe ich meine Antworten gegeben: Das Schweizerisch-Arabische Kulturzentrum, das ich mit Kolleginnen und Kollegen gegründet habe, soll nicht nur für die Araber offen sein, sondern eine Brücke für die tolerante Beziehung zwischen den beiden Kulturen sein.

Meine Hände begannen die deutsche Sprache allmählich abzutasten. Mit der Hilfe verschiedener Freundinnen und Freunde begannen sich das internationale Festival al-Mutanabbi der Poesie und andere hochrangige Veranstaltungen zu entfalten. Von Jahr zu Jahr fühle ich mich mehr und mehr als Teil in beiden Kulturen. Auch wenn ich in einer arabischen Stadt Gedichte lese, vergesse ich nicht, über einen Teil des Lebens hier Gedichte vorzutragen. Wenn ich mehr als zwei Wochen in einem anderen Land bleibe, vermisse ich Zürich. Warum also versuchten Herr Bush und Herr Saddam mein Gedicht über Zürich zu zerbrechen?

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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