entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 37
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Peter Stamm, *1963 in Weinfelden. Studierte einige Semester englische Literatur und Psychologie, arbeitete als Journalist. Seit mehreren Jahren freier Autor, lebt in Zürich und Winterthur. Verschiedene Literaturpreise und Stipendien, zuletzt: Thurgauer Kulturpreis und Winterthurer Kulturpreis. Neueste Veröffentlichung: «In fremden Gärten», Arche Verlag, Zürich 2003.

Peter Stamm

Gegenstände

Ich bin ein Fotoapparat
Ein großes Lagerhaus voller Erinnerungen.
Ich fange alles ein,
und bin mir nichts bewusst.

Girgis Shoukry, aus: Ein guter Mensch redet mit sich selbst

Ich bin nicht in die Wüste gekommen, um etwas zu sehen. Der Portier des Palma Village Hotels ist erstaunt, als ich sage, ich möchte nur gehen. Wohin gehen, fragt er, die Distanzen hier seien groß. Aber ich möchte nirgendwohin. Für den, der nur gehen will, gibt es keine Distanzen.

Fünf Busstunden von Kairo entfernt liegt die Oase Bahriyah. Gestern ist der Bus nicht angekommen, das Wrack liegt an der schnurgeraden Straße, da wo der Bus in einen Lastwagen geprallt ist. Fünfzehn Tote, flüstert Hassan, der neben mir sitzt. Die Gespräche der anderen Fahrgäste werden leiser, eindringlicher. Unser Fahrer verlangsamt, als wir die Unfallstelle passieren. Er spricht vor sich hin, vielleicht betet er. Ich muss an die vermischten Meldungen denken in unseren Zeitungen: sechzig Tote bei einem Fährunglück in Indien, dreißig Tote bei einem Grubenunglück in China, fünfzehn Tote bei einem Busunglück in Ägypten. Unter den Opfern waren keine Schweizer.

Hassan hat mich seit Kairo mit Tee und Lebensmitteln versorgt, hat mir Süßigkeiten angeboten, Erbsen und Kerne, deren englischen Namen er nicht kannte. Er hat erzählt, dass er in der Oase aufgewachsen sei und in Kairo Sozialwissenschaften studiere. Ich frage ihn, ob er später in die Wüste zurückkehren wolle, um hier zu arbeiten. Er sagt, er kenne die Zukunft nicht. Mir fällt der Segler ein, mit dem wir vor ein paar Tagen auf dem Nil kreuzten. (Auf dem Segel des traditionellen Bootes prangte das Logo von Pepsi-Cola.) Wir fragten ihn, wohin wir führen. Er sagte, das bestimmten der Wind und die Strömung.

An einer Raststätte kommen wir mit einem amerikanischen Studenten ins Gespräch. Steve und Hassan verstehen sich sofort, beide interessieren sich für Fußball, für Sport. Im Bus stupft mich Hassan und zeigt auf Steve, der zwei Reihen vor uns verträumt aus dem Fenster schaut. «Steve is in love», meint er, mit dem sicheren Auge des Gleichaltrigen. Hassan stammt aus dem ersten Dorf der Oase. Als er aussteigt, verabschieden wir uns, als seien wir alte Freunde. Wir haben uns verstanden, obwohl unsere Leben verschiedener nicht sein könnten.

Die sieben Dörfer der Oase liegen in der Wüste verstreut, zehn, zwanzig Kilometer voneinander entfernt. Die Grenzen verfließen, auf einen Palmenwald folgen Sandebenen, Klippen aus schwarzem, brüchigem Stein, Häuser, eine Straße, wieder Palmen. Ich werde zu Hause im Atlas nachschauen, wo ich gewesen bin. Ich werde mich täuschen lassen von der Genauigkeit der Karten, die jeden Ort genau bestimmen, als sei die Welt ein Stück Papier, ein Blatt in dezenten Farben, beschriftet mit ein paar Namen und Zahlen.

Ich sitze auf der Dachterrasse des Hotels. Die Sonne ist untergegangen. Aus der Ferne ertönen die Rufe zum Abendgebet, dann ist es wieder still. Nur manchmal fährt ein Traktor vorbei oder ein Auto, ein klappriges Fahrrad, ein Karren, vor den ein Esel gespannt ist. Vor dem Hotel hat einer der Kellner seinen Teppich ausgerollt und betet. Auf der Treppe neben ihm sitzen seine Kollegen, rauchen, reden und lachen. Ich spreche kein Wort arabisch, ich weiß nicht, worüber sie reden, über Fußball, Religion, die amerikanischen Gäste. Trotzdem verstehe ich sie, verstehe die Süße des Augenblicks, irgendwo zwischen der Pflicht der Arbeit und der Leere des Feierabends.

Beim Abendessen – es gibt Huhn und Taube – fragt mich der Portier noch einmal und fast vorwurfsvoll, weshalb ich mir nichts angeschaut habe in der Oase, die heiße Quelle, das Museum. Ich sage, ich sei müde, ich habe nur wenig Zeit. «Next time», lüge ich. Er hätte wohl nicht verstanden, dass ein paar Hotelangestellte auf einer Treppe, eine verlassene Lobby, in der ununterbrochen der Fernseher läuft, ein paar Kinder auf dem Schulweg für mich sehenswerter sind als eine heiße Quelle in der Wüste. Ich kann es mir selbst nicht ganz erklären, weshalb mich in der Fremde immer das Bekannte anzieht. Vielleicht reise ich nur, um immer wieder dasselbe zu sehen, das Bekannte im Unbekannten, die Menschen.

Wir waren nach Kairo gekommen, um über Unterschiede zu sprechen. Wir trafen uns mit drei ägyptischen Autoren und redeten zehn Stunden lang über unsere Länder, unsere Medien, den Literaturbetrieb und manchmal nur über unsere Texte. Mein Unwissen über Ägypten überraschte mich weniger als das Unwissen der Ägypter über Europa. Aber so interessant die Gespräche waren, sie erinnerten mich immer ein wenig an jene InterRail-Gespräche, die ich als Zwanzigjähriger in den Jugendherbergen aller Länder führte: So ist das bei uns, wie ist es bei euch? Die Schweiz hat vier Sprachen, ja und nein, nicht alle Bewohner sprechen diese vier Sprachen. Und das sind meine liebsten Autoren, und das ist meine liebste Musik. Als könne man ein Land, ein Leben, eine Welt mit ein paar Sätzen zusammenfassen und erklären.

Am zweiten Tag der Gespräche kam plötzlich und uns alle überraschend der Vorwurf, wir Schweizer seien mit Klischees angereist. Klischees, die wir nicht ausgesprochen hatten, aber die die Gastgeber aus unseren Fragen herausgehört hatten. Unsere Klischees, das begriff ich erst später, hatten nichts mit falschen Informationen zu tun, sondern mit der Gewichtung dieser Informationen, mit unserem Blickwinkel. Unser Bild von Ägypten war nicht falsch und vielleicht nicht einmal so anders als das Bild, das unsere Kollegen von ihrem Land hatten. Aber was für uns groß und wichtig und überraschend war, war für sie selbstverständlich und nicht von Bedeutung.

Die Gespräche wurden von einer wunderbaren Dolmetscherin übersetzt. Dass es selten zu einer wirklichen Verständigung kam, lag nicht an ihr. Gespräche bestehen aus mehr als Worten. Wirklich verstehen kann man sich nur, wenn man eine gemeinsame Sprache hat. Die einfachen englischen Sätze, die wir in den Kaffeepausen mit den Autoren wechselten, erzeugten eine größere Nähe als die übersetzten Monologe – «Dein Text hat mir gut gefallen», «Kairo ist eine faszinierende Stadt», «Wir sehen uns morgen» – eine Nähe, die nichts mit Inhalten zu tun hatte, die ganz am Schluss noch einmal entstand, als wir alle zusammen essen gingen. Wenn wir uns Schüsseln reichten, uns zulächelten. «You must try this», «Have another beer.» Ein gemeinsames Fest.

An einem freien Nachmittag besuchten wir das Kastell von Kairo. Unzählige Schulklassen aus allen Provinzen Ägyptens waren unterwegs, zogen, Sprechchöre schreiend, durch die jahrhundertealte Anlage. Wenn sie an uns vorbeimarschierten, riefen sie uns «Hello» zu. Ein Knabe fragte voller Stolz «What time is it?» und lief weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. Er hätte sie wohl ohnehin nicht verstanden. Aber in den Gesichtern der Kinder las ich die Freude und die aufgeregte Ängstlichkeit, die ich auf Schulreisen verspürt hatte in einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Die Freude des Entdeckens, die am Rheinfall nicht anders ist als im Kastell in Kairo.

Ein andermal besuchten wir einen Markt, der im Reiseführer wortreich beschrieben war. Auf einem kleinen Plan waren die Gässchen verzeichnet, in denen Lampen zu kaufen waren, Bauchtanzkleider oder Schmuckstücke aus Gold und Silber. Im Text wurde von der Kunst des Feilschens gesprochen, wurden Ratschläge erteilt, wie man Preise drücke. Der Markt war wirklich bunt und lebendig und voller Überraschungen. Ein Frisör schnitt den Händlern an ihrem Stand die Haare, inmitten von alten Messinggefäßen war eine junge Ziege an einen Pfahl gebunden. Ich hatte das Gefühl, alle täten ihr Bestes, dem Reiseführer Genüge zu tun.

In seiner Geschichte «Der Mann und die Gegenstände» beschreibt Ibrahim Aslan einen solchen Markt, einen etwas kleineren vielleicht und weniger bunten. Auch er beschreibt wie mein Reiseführer, was dort zu kaufen ist und wie um Preise gefeilscht wird. Aber das alles ist nur Kulisse. Was die Geschichte ausmacht, ist die Trauer eines Mannes, der seine Familie verloren hat und mit ein paar letzten Gegenständen auch seine Erinnerungen und vielleicht sein Leben verliert. Besser als in ihren Texten habe ich Ibrahim Aslan, Mahmud Wardani und Girgis Shoukry nie verstanden.

Der Rest ist Exotik: die Märkte, auf denen kein Tourist zu sehen ist, ölige Straßen, in denen Autoersatzteile angeboten werden, Hauswände behangen mit Stoßdämpfern, Kurbelwellen, Felgen; die Bahnhofshalle, in einer Ecke Teppiche, auf denen Männer knien und beten; eine Moschee bei Dämmerung. Ein paar Dutzend Gläubige eilen über den riesigen leeren Platz, waschen sich in den beiden Brunnen, ein Bild unglaublicher Ruhe und Schönheit; ein Telefonbüro im zweiten Stock eines Hochhauses, im Innenhof des modernen Gebäudes eine Rolltreppe, deren Geländer abgebrochen ist und die mit Teppichen belegt ist.

Auf dem Weg zurück aus der Oase sitze ich zuhinterst im Bus. Die Männer neben mir tragen traditionelle Kleider, haben Schals um die Köpfe gewickelt. Als wir die Oase verlassen, sehe ich auf der Umfassungsmauer der Schule Kinderzeichnungen: Berge, ein See, ein Tannenwald, ein Fußballpiktogramm. Sogar unsere Träume ähneln sich.

Dann folgen Stunden in der Wüste, die schmutzig erscheint durch den schwarzen Sand, der sich auf den hellen gelegt hat. Im Fernseher neben dem Fahrersitz läuft ein Gottesdienst, aus den Lautsprechern tönen Gebete und dazwischen der Lärm der Gläubigen und lautes Vogelgezwitscher, das ich mir nicht erklären kann. Als wir das Wrack des verunfallten Busses passieren, hält unser Fahrer an. Der Schrecken von gestern ist der Neugier gewichen.

In den vorderen Reihen sitzen ein paar Touristen mit müden Gesichtern. Ich frage mich, ob sie die heiße Quelle gesehen haben, das Museum. Ich frage mich, ob sie mehr verstanden haben als ich.

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