entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 36:
..jagen und sammeln


Petra Magdalena Kammerer, *1941, lebt in München. Bildende Künstlerin, Ausstellungen in Deutschland, England, Italien und Amerika. Diverse Publikationen von Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften. Hörspielpreis der Stadt Karlsruhe 2003. Die Texte «Steyr» und «Uka» stammen aus einer längeren Erzählung, die sich noch in Arbeit befindet.

Petra Magdalena Kammerer

Steyr / Uka


In Steyr habe ich das erste Mal eine Blunzen gegessen. Das ist eine Blutwurst mit Speck gespickt. Mein Onkel hat sie mir vor der Fleischhauerei mit dem Taschenmesser klein geschnitten. Wir aßen die Blunzen heimlich, weil meine Tante Vegetarierin war. Wir waren Verbündete, wegen der Blunzen. Deshalb liebte ich meinen Onkel, obwohl er eingeschriebenes Mitglied der Partei war. Aber das konnte ich als Kind ja noch nicht wissen.
In Oberösterreich waren fast alle eingeschriebenes Mitglied der Partei. Nach dem Krieg traf sich mein Onkel unten in der Stadt im Kaffeehaus mit seinen Parteigenossen. Eigentlich sah er aus wie ein Jude, so wie man mir die Juden beschrieben hatte. Er trug eine Riesenhakennase in seinem hageren Gesicht. Meine Mutter sah auch aus wie eine Jüdin. Deshalb ließ er sie nicht in sein Haus. Auch mochte er nicht, dass sie sich schminkte und die Fingernägel lackierte.

Einmal hat mein Onkel Goldfische gebraten. Er hat sie tot im Aquarium aufgefunden und sofort gebraten. Das ganze Haus hat entsetzlich gestunken. Bei aller Liebe. Ich habe ihm beim Essen nicht Gesellschaft geleistet. Am Sonntag servierte ihm seine Frau Emma panierte Fleischwürste im Wohnzimmer. Danach verließ sie den Raum mit dem sonntäglichen Spruch «Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan». Sie hatten vier Kinder miteinander. Das Bett aber teilten sie nicht. Sie schlief oben im lavendelduftdurchtränkten Schlafzimmer. Er schlief unten im Klavierzimmer. Am Abend im Bett rauchte er seine selbstgedrehten Zigaretten. Der Husten zerriss ihn fast. Sie spielte die üblichen Beethoven-Sonaten, dazwischen Brahms, während er im Bett hustete und fluchte. Sie fing auch an zu husten, wegen des Rauches im Zimmer. Sie beschimpften sich wegen der gegenseitigen Belästigungen. Doch keiner gab nach in den Jahren, die ich bei ihnen lebte.

Mein Onkel war ein besonderer Mensch. Nach dem Krieg legte er seinen Vornamen nicht ab, so sehr verehrte er seinen Führer. Nach dem Krieg durfte er nicht mehr an der Hochschule unterrichten. Er wurde Privatschreiner. Das ganze Haus stand voll mit seinen Möbeln. Jede Gelegenheit nahm ich wahr, um die Steintreppe zu ihm hinunterzulaufen. Zum Beispiel wenn ich die Stockmilch in der Speisekammer holen musste oder die nasse Wäsche aus der Waschküche. Der Geruch des Holzes vermischt mit dem seiner Zigaretten zog mich an. Er trug eine Russenkappe. Er sägte und hobelte. Die Hobelspäne lagen auf dem Boden. Er fluchte, wenn ihm etwas nicht gelingen wollte. Sein Fluchen hörte man durch das ganze Haus.

Im kleinen Vorgarten hinter der Küche hielt mein Onkel Hühner. Alle paar Monate schlachtete er ein Huhn. Ich hörte das Geschrei der Henne, hinter der er mit einem scharfen Messer in der Hand herlief. Später, als der Kopf ab war, lief die Henne kopflos herum. Es schien, als schrie sie immer noch. Er warf die kopflose Henne auf den Gepäckträger seines Fahrrads und fuhr hinunter in die Stadt. Wo er sie verzehrte, erfuhr ich nie.

Sein Fahrrad war alt und klapprig. Jeden Tag fuhr er damit den Berg hinunter ins Kaffeehaus, um seine alten Parteigenossen zu treffen. Manchmal besuchte ich ihn dort. Die Männerrunde lachte mir entgegen: «Na, Sophia, hast du Sehnsucht nach deinem Onkel?» Berührt hat er mich nie, mein Onkel, aber er forderte mich auf, neben ihm zu sitzen, und bestellte eine heiße Schokolade für mich. Ohne ihn wäre ich in Steyr gestorben, vor allem wegen Uka, dem verzogenen Fratzen, dem letzten Kind, in Hass und Verachtung gezeugt
im Klavierzimmer vielleicht
im lavendelduftdurchtränkten Schlafzimmer
unten in der Schreinerei auf einer Hobelbank
nebenan in der Waschküche
oder im Garten, in dem Emma nackt ein Sonnenbad zu nehmen pflegte.

Schon bei meiner Ankunft hatte ich Angst vor meiner kleinen Cousine Uka. Sie führte mich in den großen Garten zu einer Hutsche. Die Hutsche überschlug sich fast, so fest hat sie mich angehutscht. Mir war speiübel, ich wollte nichts als zurück zu meiner Großmutter, die nicht mehr lebte.

Im Garten standen hohe Fichtenbäume, Kirschbäume, Marillenbäume, Apfelbäume. Im schattigen Teil, da wo die Hühner waren, stand ein Nussbaum. Im Ribislgebüsch trieb Uka schweinische Spiele mit mir. Anschließend lief sie zu ihrer Mutter und sagte: «Sophia hat schweinische Spiele mit mir gespielt.» Ich wurde bestraft. Ich bekam kein Butterbrot.
Das Essen spielte für mich eine große Rolle, damals in Steyr. Ständig meinte ich, zu kurz zu kommen. Das hatte damit zu tun, dass ich nur das Ziehkind war. Ich wollte zurück zu meiner Großmutter, bei der es Fleisch und Wurst gab. Schon am Morgen schmierte Tante Emma ihrem verzogenen Fratzen zwei Butterbrote für die Schule, während sie mir nur eins schmierte. Das verdarb mir bereits den Tag.

Uka war ein Biest. Sie war das Lieblingskind ihrer Mutter. Ich musste das Bett mit ihr teilen. Durch den begehbaren Kleiderschrank, in dem Tante Emmas Leinenkleider hingen, kamen wir in das Mutterschlafzimmer. Ich betrat es kaum. Ich mochte meine Ziehmutter nicht. Uka aber schlüpfte ständig zwischen den Zimmern hin und her, während ich im Stockbett lag, vor Angst ganz kalt. Ich war mir sicher, Uka würde wieder Lügenmärchen erzählen über schweinische Spiele.

Blunzen war auch ein Schimpfwort in Oberösterreich. Uka war für mich die größte Blunzen.

Unter der Trauerweide war ein Planschbecken. Die Blätter der Weide färbten das Wasser grün. Der Boden des Beckens war glitschig. Bei ausgelassenem Wasser krochen Würmer im Schlamm. Im Sommer nahm Tante Emma jeden Morgen nackt ein Bad unter der Trauerweide. Das Planschbecken hätte ich gerne ganz für mich gehabt, denn ich war eine gute Schwimmerin. Ich konnte unbeweglich auf dem Rücken liegen und durch die Trauerweide in den Himmel schauen. Ich dachte dann an meine Großmutter und wie schön es mit ihr war. Ich hörte sie vom Himmel herunterrufen: «Sophia, komm nach Hause!»

In meinem Bett, während Tante Emma Klavier spielte und Onkel Adolf fluchte, betrachtete ich die zwei Fotografien. Eine zeigte meine Mutter in einem weißen Abendkleid auf einem Laufsteg, die andere meine Großmutter. Ich schaute lange in das Gesicht meiner Großmutter.

In der Nacht träumte ich wieder, dass ich die Siedlung im 18. Bezirk suchte, in der meine Oma wohnte. Es war immer derselbe Traum. Ich lief durch die Straßen des 18. Bezirks und suchte das Haus, in dem ich mit ihr gelebt hatte. Ich konnte es nicht finden. Alle Häuser sahen gleich aus. Meine Augen suchten das Fenster, aus dem wir jeden Abend hinausschauten. Endlich stand ich vor dem richtigen Haus. Ich betrat es, irrte durch leere Wohnungen. Manchmal, in den Träumen, fand ich unsere Wohnung, und da saß meine Grossmutter auf dem Küchenstuhl. Sie hatte auf mich gewartet.

Als mir dann die Polypen entfernt wurden, lachte ich endlich wieder. Wegen des Lachgases. Der Arzt legte mir während der Operation eine schwarze Maske vor das Gesicht, aus der das Gas strömte. Für die nächsten Tage verordnete er mir Biskuits, die mir Uka, die später verrückt wurde, vor der Nase wegaß.

Meinen Futterneid durchschaute Uka schnell. Wenn ihre Mutter nicht in der Nähe war, hielt sie die Hand auf und sagte: «Bitte eine kleine Gabe für eine arme Frau.» Ich hatte Mitleid mit ihr, so als hätte ich geahnt, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie lachte hämisch, als ich ihr das Butterbrot gab.

Im Sommer schwamm ich mit Uka in der Enns. Wir ließen uns mit der Strömung treiben. In der Mitte des Flusses waren Strudel, die auf der Wasseroberfläche Kreise zogen. Wir waren beide gute Schwimmerinnen, leider, denn beim Anblick der Strudel wünschte ich mir, dass Uka samt ihrer langen Zöpfe hinuntergezogen würde, tief hinunter, und nicht mehr auftauchen würde.

Uka wollte Balletttänzerin oder Schauspielerin werden. Sie wurde von einem Berufsfotografen fotografiert. Sie steht in Ballettschuhen auf der Treppe zum Tabor. Sie trägt ein langes weißes Kleid, der runde Ausschnitt ist mit Spitzen verziert. Sie steht auf den Spitzen der rosaroten Schuhe, einen Arm wie zu Beginn eines Tanzes erhoben. In die blonden Zöpfe sind rosarote Bänder geflochten.

Später wurden ihre Beine so dick, dass sie das Tanzen aufgeben musste. Sie wurde Malerin. Sie malte Penisse. Schon als Kind interessierte sie sich für Geschlechtsteile. Sie saugte an meinen wachsenden Brüsten im Ribislgebüsch.

In Steyr treffen sich zwei Flüsse, die Steyr und die Enns. Man überquert sie über zwei Brücken. Zwischen den Brücken befand sich früher eine Trafik, in der ich Briefmarken für die Briefe an meine Mutter kaufte. Jede Woche schrieb ich meiner Mutter, die ich kaum kannte, sie solle mich wieder abholen. Lieber wollte ich noch bei ihr sein, als bei der hoch gestochenen Tante Emma mit ihrer verrückten Uka. «Bald hole ich dich ab», schrieb sie jedes Mal zurück.

Mit der Milchkanne in der Hand warf ich dem Briefkasten einen hoffnungsvollen Blick zu, so als könnte er meine Probleme lösen.

Ich konnte auch ohne Lachgas in Steyr lachen. Mit Onkel Adolf vor der Fleischhauerei. Er machte Witzchen mit mir, seine Augen lachten verschmitzt hinter seiner Nickelbrille, während wir unsere Blunzen aßen. Oder mit Herrn Meyerhofer, meinem Klavierlehrer. Der konnte über sich selbst lachen. Ich starrte ständig auf die schwarzen Haarbüschel auf seinen Handrücken. Er ließ mich darüber streichen. Wir spielten vierhändig; unsere Hände verhedderten sich dabei. Er lachte laut dabei und setzte meine Hände wieder in die richtige Position.

Auch Emma spielte vierhändig mit mir. Während sie spielte, hob sie ab und zu, sehr dramatisch, die rechte Hand. Eigentlich wollte sie Klavierspielerin werden, aber die vier Kinder hatten ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Emma führte das Regiment im Haus. Die Kinder waren alle gegen den Vater. Während er einsam im Keller seine Möbel anfluchte, tanzten die Mädchen in Ballettschuhen zum Klavierspiel ihrer Mutter. Ich bekam keine Ballettschuhe. Ich war zu groß. Ich musste auf einer Handtrommel, mit Glöckchen verziert, den Takt schlagen.

Meinen Vater verehrte Emma wie einen Gott. Im Haus hingen in jedem Zimmer Porträts von ihm. Er war Schauspieler und ein schöner Mensch. Er verkörperte für sie das Ideal der Menschheit: makellose Schönheit, Kultur und Natur in einer harmonischen Einheit.
Im Haus hingen
Ölgemälde
Kohlezeichnungen
Pastellzeichnungen
Rötelzeichnungen
von Emmas Kindern, die ebenfalls schön waren. Ihre Porträts, gemalt vom akademischen Kunstmaler Hotter, hingen dicht neben denen meines Vaters. Onkel Adolf fehlte.

Regelmäßig suchte sie in der Innenstadt den akademischen Kunstmaler Hotter auf. Ihre Besuche in der Stadt hatten etwas Theatralisches. Sie mischte sich nicht gerne unter die Steyrer, das gemeine Volk. Sie trug eines ihrer Leinenkleider, ihr weißes Haar war zu einem Knoten gebunden, ein Duft von Lavendel umhüllte sie. Sie schritt daher wie eine Königin. Das mochten die Steyrer nicht.

Sie zeigte ihren Unwillen auf den Straßen. Die Steyrer wichen ihr aus. Ukas blondes Haar war zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Sie hielt die Hand ihrer Mutter. Ich lief neben ihnen her. Uka hatte einen Termin. Ein Porträt wurde von ihr gemalt beim Kunstmaler. Emma führte während der Sitzung gebildete Gespräche mit dem Maler. Mit solch kultivierten Menschen umgab sie sich gerne. Für Adolf war sie viel zu schade. Schon nach dem ersten Kind hatte sie sich das gedacht. Ich wurde nicht porträtiert. Einmal aber sagte der akademische Kunstmaler Hotter zu mir: «Du bist aber ein liebes Mädchen.»

Besonders schlimm war es, wenn mein Vater zu Besuch kam. Er lebte in Wien und hatte alle paar Monate seinen großen Auftritt in Steyr. Emma, seine Schwester, holte ihn vom Bahnhof ab. Sie schritten daher wie ein Liebespaar, über die Brücken, die Tabortreppen hinauf zum Haus. Der Tisch im Wohnzimmer war bereits gedeckt für meinen Vater. Auf der Anrichte, von Onkel Adolf aus Kirschbaumholz gezimmert, stand bereits die Ribisltorte. Natürlich gab es das Lieblingsessen meines Vaters: Marillenknödel mit gerösteten Semmelbröseln und Zucker. Einmal hat er dreißig Stück davon gegessen. Alle bewunderten ihn. Auch ich bewunderte ihn, obwohl er mit mir nicht sprach, geschweige denn mich angeschaut hätte. Ich war ihm sicher zu hässlich.

Einmal hat er aber doch mit mir gesprochen. Ich bin nicht mehr in die Klavierstunden gegangen. Ob es daran lag, dass ich kein Talent hatte, mir das abendliche Klavierspiel meiner Tante schon reichte oder ob ich wollte, dass mein Vater endlich mit mir sprach, oder ob es einfach die Wurstsemmeln waren, die ich vom Klaviergeld kaufen konnte. Jedenfalls, mein Vater sprach im Klavierzimmer, zwischen Klavier und Onkel Adolfs Bett, mit mir. «Ich ermögliche dir bei deiner Tante ein Leben, wie du es bei deiner einfältigen Großmutter nie gehabt hättest», sagte er. «Hier lernst du Kultur und Bildung kennen. Deine Tante ist ein wertvoller Mensch. Sie spielt mit dir Klavier, sie nimmt dich mit in Konzerte und du, du hintergehst sie monatelang, kaufst dir heimlich Wurstsemmeln. Du hast die Manieren deiner Großmutter immer noch nicht abgelegt. Nimm dir ein Beispiel an deinen Cousinen», sagte er mit seiner tiefen Stimme.

Mein Klavierlehrer, Herr Meyerhofer, beschloss dann von sich aus, den Klavierunterricht abzubrechen. Er war ein lieber Mann, aber es half nichts, ich wollte nicht Klavier spielen.


Uka

Auf dem menschenleeren, sauber gefegten, ehemaligen Appellplatz von Mauthausen stellte Julio seine Kamera auf, legte das schwarze Tuch über sich und den Apparat, und fotografierte die vertrocknete Rose, verloren in einer Plastikvase, die in einer der umliegenden Einzelzellen stand.

In der Mittagshitze fuhren wir schweigend weiter und setzten uns in Steyr am Hauptplatz in einen Biergarten. Anschließend spazierten wir über eine der zwei Brücken, wo die Steyr und die Enns sich treffen, schauten auf die kleine Insel aus schneeweißen Steinen, auf der Möwen miteinander schnatterten. «Lass uns hinaufgehen zum Haus», sagte ich.

Als wir vor dem Haus standen, zeigte Julio zuerst auf die Birken, die in Reih und Glied entlang des Zauns standen. «Was haben Birken mit dem Nationalsozialismus zu tun?», fragte Julio. «Kult, Kraft und Schönheit», sagte ich und musste lachen. Das Licht der Sonne ließ die Blätter silbern glänzen, ein paar Äpfel fielen in der Stille auf die Wiese, die hohen Lerchen im hinteren Garten wiegten ihre Spitzen hin und her, sie neigten sich mir entgegen, so als hätten sie mich wiedererkannt.

Ich war versucht, die verrostete Hausglocke zu ziehen, die immer noch im Vogelhäuschen hing, aber Julio meinte, keiner würde mir aufmachen, das Haus sehe unbewohnt aus. Ich zeigte mit dem Finger auf das Fenster, hinter dem das Zimmer lag, das Uka und ich uns teilten. Wir standen noch eine Weile vor dem Tor, die Bäume dahinter, von denen ich jeden einzelnen noch aus meiner Kindheit kannte, standen groß und aufrecht um das Haus, sie hatten sich nicht, wie deren Besitzer, brechen lassen, ja es schien mir, als hätten sie darauf gewartet, dass die Brut endlich verschwand.

«Da liegen noch viele Leichen im Keller», sagte Julio, nachdem wir dem Haus den Rücken kehrten, über den Tabor hinunter in die Stadt liefen. Wir standen unschlüssig in der düsteren Gasse, die am Fluss entlang- führt, vor verwitterten Häusern, in deren Wohnungen man die feuchte Kälte ahnte. Die Frau, die plötzlich neben uns stand, fragte angesichts unserer Unentschlossenheit: «Suchen Sie etwas?» «Ich habe in Steyr meine Kindheit verbracht», sagte ich, was die behäbige Frau veranlasste, uns in ein Gespräch zu verwickeln. Sie kannte die Familie, bei der ich gelebt hatte, geriet in eine geradezu lüsterne Aufgeregtheit, vor allem als wir auf Uka zu sprechen kamen. Ihre Ahnungslosigkeit, dass Uka vor vielen Jahren gestorben sei, nahmen wir ihr nicht ab, ja es schien, als wisse die Alte mehr, als wir wussten. Ich wollte den Platz so schnell wie möglich verlassen. «Kommen Sie mich doch einmal besuchen, Sie können jederzeit bei mir wohnen», rief sie uns nach und verschwand in einem der Häuser am Fluss.

«Diese Frau hat deine und Ukas Familie gut gekannt, von ihr könntest du viel erfahren. Als du ein Kind warst, war sie vielleicht 20. Sicher war sie in der Nazizeit beim Bund deutscher Mädchen, so sieht sie aus», sagte Julio, während wir auf dem Hauptplatz Steinpilzgulasch mit Serviettenknödeln aßen. «Vielleicht ist Uka ein untergeschobenes Kind gewesen, solche Lebenslügen sind doch gang und gäbe.» «Ich weiß schon genug über Uka, mehr will ich nicht wissen, dräng mich nicht», erwiderte ich.

Nicht weit von der Akademie für Angewandte Kunst, an der Uka studierte, befindet sich der Stadtpark, durch den sie in den Pausen oder auf dem Weg in die Mariannengasse, in der sie ein Zimmer gemietet hatte, spazierte. Meist ging sie am leeren Flussbett entlang, in dem früher die Wien floss, oder sie setzte sich in die Nähe des Kursalons auf eine Bank und lauschte den Walzermelodien des Orchesters.

Uka fühlte sich sehr verlassen in Wien, die Verwandten dort waren nicht gut zu sprechen auf sie. «Etwas stimmt nicht mit ihr», sagten sie.

Eines Tages, als sie wieder im Park saß, spazierte der Vater ihres Kindes vorbei. Sie hatte ihn nicht bemerkt, weil sie meist abwesend war, weit in sich drinnen, in der anderen Welt. Walter aber hatte sie, obwohl sie sich gut zehn Jahre lang nicht mehr gesehen hatten, gleich erkannt. Das Zusammentreffen musste für sie eine große Bedeutung gehabt haben, denn ein paar Wochen später heirateten sie.


Ihr gemeinsamer Sohn, dessen Vaterschaft Walter damals ablehnte, befand sich, während sich seine Eltern im Stadtpark wiedersahen, bei seiner Großmutter in Steyr.

In Steyr wurde zuvor ein Vaterschaftsprozess geführt, nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch auf den Straßen der Stadt. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen Ukas Mutter und der Mutter des Kindsvaters, die bis dahin Freundinnen waren. «Deine Tochter, der Trampl, ist ein Flietscherl, dies mit jedem treibt», schrie die eine, und die andere brüllte zurück: «Dein Sohn, der Lausmentsch, hat meine Tochter verführt, anstatt ihr Nachhilfestunden zu geben.» Schiaches Luder, Zupfgeign, Blunzen und andere Schimpfwörter gingen hin und her. Die Steyrer bildeten einen Ring um sie, wie bei einem Boxkampf, während Uka mit dickem Bauch im Garten ihrer Eltern unter der Lerche lag und ihren inneren Stimmen lauschte.

Die Geburt des Kindes, eine Hausgeburt, verlief reibungslos; das Kind flutschte geradewegs in die Arme seiner Großmutter, die es sofort auf Ukas Riesenbrüste legte.

Bis das Kind abgestillt war, und das dauerte zwei Jahre, blieb Uka in Steyr, stellte sich sozusagen als Amme zur Verfügung, alle anderen Kleinkindpflichten hatte ihre Mutter übernommen. Uka lag unter den Bäumen und wartete auf die nächste Stillzeit; aus ihren prallgefüllten Brüsten tropfte ab und zu Milch über ihren Bauch, hinunter auf die Erde.

Nachdem die Brüste endgültig leer getrunken waren, fuhr Uka nach Wien, um Kunst zu studieren. Der Junge blieb in Steyr bei der Großmutter.

In Steyr waren die Einflüsterungen der inneren Stimmen noch sanft mit Uka, sie konnte mit ihnen leben und kommunizieren, ohne dabei sonderlich aufzufallen. In Wien aber, entrissen aus der Kleinstadtidylle, hineingeworfen in die Stadt der Schwermut, in den Nebel über dem Donaukanal, der grau und träge vor sich hinfloss, überkam sie eine Todessehnsucht. Ihr täglicher Weg ins Praterviertel, durch Gassen, in denen die Häuser dunkel auf sie blickten, die Stimmen plötzlich aus dem Wasser des Kanals, aus den toten Fenstern der Häuser auf sie eindrangen, wurde ihr zur Qual. In dieser Stadt brach ihre Krankheit aus. Die Stimmen bedrängten sie, forderten sie auf, sich zu wehren gegen die Menschen in der Stadt, die ihr nichts Gutes wollten. Die Stimmen sagten: «Nur entblößt zeigt man sein wahres Gesicht», und so hatte sie sich das erste Mal hoch über der Stadt auf dem Riesenrad entblößt. Im Riesenrad aber war sie zu weit weg von den Menschen, denen sie es zeigen wollte. Ihr Lieblingsplatz wurde das Schottentor. «Alles Proleten, der reinste Balkan treibt sich hier herum», schrie die Göttliche und zeigte ihre Brüste. Besonders gerne stellte sie sich vor die einfahrende Straßenbahn, unten am Schottentor. Mit erhobener Faust fing sie an zu fluchen, sprang auf die Gleise. Das Kleid war schnell abgelegt, einen Büstenhalter trug sie nicht. Meist schaffte sie es noch, ihre Unterhose auszuziehen. Ihre Feinde glotzten sie an. Die Polizei zog der Umsichschlagenden eine Zwangsjacke an, fuhr sie in die Psychiatrie unweit vom Schottentor. Vielleicht tat sie es immer wieder da unten, weil sie wusste, dass der Weg nicht weit war in die Psychiatrie.

Elektroschocks wurden zur Gewohnheit. Danach kam die Schwermut, alle Energie war ihr genommen, sie vermochte ihre Glieder kaum mehr zu bewegen, saß da und wartete.

In einem solchen Zustand, in den Pausen ihrer Krankheit, hatte sie Walter im Stadtpark wieder getroffen. Hintereinander gebar sie noch zwei Kinder. Schwangerschaft und Stillzeit ließen sie zur Ruhe kommen. Weder hatte sie das Bedürfnis, sich auszuziehen, noch Obszönitäten in die Welt hinauszuschreien. Deshalb stillte sie über die Jahre hinweg, am liebsten auf öffentlichen Plätzen.

Vielleicht wäre es so weitergegangen, ein Kind nach dem anderen, aber Walter wandte sich von ihr ab, er mochte ihren enormen Umfang nicht mehr umarmen. Das war ihr Ende. Der große Sohn fand sie tot auf.

Von Steyr fuhren wir weiter nach Wien; ich wollte Julio das Familiengrab zeigen. Wir liefen die Pötzleinsdorfer-Straße hinauf nach Neustift am Walde.

Im Friedhof, der sich auf einem Plateau hinzieht, mit Blick auf die Weinberge, hatten wir Mühe, das Grab zu finden. Es befindet sich am Ende des Friedhofs, da wo der Wienerwald anfängt. Im Grab liegt zuunterst der erste Mann meiner Großmutter. Unter seinem, in einen Stein eingravierten Namen steht «Hausbesitzer und Privatier». Dann folgen meine Großmutter, Uka, Tante Emma und Onkel Adolf, Onkel Gustl, Tante Mizzi und mein Vater. Unter seinem Namen steht «Hofschauspieler».

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
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