entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 36:
..jagen und sammeln


Guy Krneta, *1964 in Bern, ist Schriftsteller und lebt in Basel. Als Vorstandsmitglied des AdS setzt er sich für die Gründung eines schweizerischen Literaturinstituts ein. Er schrieb zahlreiche Theaterstücke und schreibt seit ein paar Jahren auch Prosa. Zuletzt erschien: «Zmittst im Gjätt uss/Mitten im Nirgendwo», Aufbau Taschenbuchverlag Berlin 2003.


Guy Krneta

Die Königsdisziplin
Gegen ein schweizerisches Literaturinstitut

Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum gibt es seit vielleicht vierzig Jahren. Schaue ich mir heute eine x-beliebige Theateraufführung an, kann ich auf Anhieb sagen, welche Darstellerin, welcher Darsteller welche Schule genossen bzw. sich an welcher Schule den Magen verdorben hat: Aha, Otto-Falckenberg-Diktion, sage ich, Ernst-Busch-Mimik ... Schulen haben die Tendenz, Talente zu vernichten. Sie machen aus Originalen Kopien. Sie vermitteln Dinge, die für die Berufsausübung überflüssig, nein, schädlich sind. Sie setzen bösartige Keime, die einer seinen Lebtag nicht mehr loswird. Ihr Ziel ist die Auslöschung jeder ursprünglichen Empfindung. Schuld sind die Dozierenden: Schauspieler, die als solche nichts taugen, werden Rollenlehrer. Künstlerinnen, die ausschließlich von lokalen Stipendien gelebt haben, erhalten ihre Rente in Form einer Professur an der örtlichen Kunstakademie. Was ist von solchen Leuten anderes zu erwarten, als dass sie jede nachwachsende Generation strukturell zu verhindern suchen? Sie differenzieren unser Bildungssystem in einer Weise aus, dass es lückenlos wird. Sie erschummeln sich Machtpositionen, von welchen aus sie Leute disqualifizieren, denen sie nicht das Wasser reichen können. Sie definieren Qualitätskriterien, mit denen sie Politikerinnen und Politiker beeindrucken, die für Fachverständige jedoch unlauterer Blödsinn sind.

Der Trumpf dieser Leute ist die Messbarkeit, ihr schlagendes Argument die Faktizität fragwürdiger Statistiken. Sie reden in Vokabeln aus dem Sport- und Wirtschaftsteil ihrer Zeitung. Davon war die Literatur bisher weitgehend verschont. Bis hierhin reichte die Allmacht der Bildungsdirektoren nicht. Hier blühten die üppigsten Querköpfe. Hier regierte der freie Geist des Autodidaktischen. Denn die Literatur lässt sich nicht bändigen durch Lehrpläne und angebliche Forderungen des Marktes. Sie ist die Königsdisziplin unter den Künsten. Sie entsteht als unmittelbare Folge der Lebenstragödie unserer Begabtesten: Was bitte soll da gelehrt werden?

Die Schweiz braucht kein Literaturinstitut. Wer so eine Ausbildung will, soll nach Leipzig oder Berlin gehen und dort bleiben. Wir müssen nicht jeden Blödsinn aus Deutschland kopieren. Und wenn es die betreffenden Institute bereits gibt: Was wollen wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten noch wetteifern? Der Markt ist überschwemmt mit literarischen Machwerken. Wir brauchen keine weiteren Fräulein- und Männleinwunder, keine neuen Stellen für Filzläuse und Sesselkleber. Die weiteren Folgen sind absehbar: Erst werden Diplome ausgestellt, dann Berufsregister eingerichtet, schließlich das faktische Berufsverbot ausgesprochen für jene, die nicht im Besitz der erforderlichen Papiere sind. Im Warenhaus wird, wer künftig einen Laptop kauft, sich darüber ausweisen müssen, dass er ein Literaturdiplom besitzt bzw. eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass der Laptop ausschließlich für private Zwecke eingesetzt wird und keinesfalls zur Produktion oder Bearbeitung literarischer Werke. Die Bundespolizei in enger Zusammenarbeit mit dem Autorinnen- und Autorenverband wird strenge Kontrollen durchführen.



Wenn du Schriftsteller werden willst, musst du schreiben
Für ein schweizerisches Literaturinstitut

Mit neunzehn wollte ich Theaterautor werden. Ich fuhr nach Wien und studierte Theaterwissenschaft, weil ich gehört hatte, dass Werner Wüthrich, den ich nicht kannte, ebenfalls in Wien Theaterwissenschaft studiert hatte und Theaterautor geworden war. Werner Wüthrichs Frau, mit der ich damals telefonierte, weil Werner Wüthrich nicht zu erreichen war, sagte mir: «Wenn du Schriftsteller werden willst, musst du schreiben, nicht in Wien studieren.» Aber das wollte ich damals nicht hören, ich fuhr nach Wien und studierte Theaterwissenschaft.

Zumindest ein Jahr lang, dann merkte ich, dass das Studium wenig zu tun hatte mit dem, was ich wollte. Was wollte ich? Schreiben und lesen und lernen, wie man Theater macht. Statt dessen schrieb ich Proseminararbeiten, studierte Sekundärliteratur und verlor jedes Selbstvertrauen. Von einem Studienkollegen lieh ich mir eine elektrische Schreibmaschine, dann schrieb ich in einem Monat, währenddessen ich der Uni fernblieb, das Stück Der Tag, als die Welt nicht untergegangen war. Es war als Antwort gedacht auf den unsäglichen Hollywood-Streifen The day after, der damals Europa erschütterte. Für mich bedeutete es ein existenzielles Scheitern. Danach wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich kehrte in die Schweiz zurück, vernichtete das Stück und studierte Medizin.

Dabei hielt ich mir vor Augen, dass auch Benn, Büchner, Döblin und Schnitzler Medizin studiert hatten, insofern befand ich mich in guter Gesellschaft. Doch in der Bibliothek blätterte ich bald häufiger in Theater heute als im Anatomieatlas. Ein nächster Crash war abzusehen, ich befand mich im inneren Exil. Das Erste Propaedeutische Examen bestand ich, beim Zweiten flog ich hochkant durch. Ich war ja immer davon ausgegangen, dass für den Beruf des Schriftstellers nur die theoretischen Grundlagen der Medizin wichtig sein würden und ich mir die Praxis, die mit dem fünften Semester begann, ersparen konnte. Das hatte wohl mit Brecht zu tun; und ich bildete mir später viel darauf ein, länger als Brecht studiert zu haben, der sich mit seinen drei Semestern als naturwissenschaftlichen Schriftsteller bezeichnete und gar eine ganze Theatertheorie daraus ableitete.

Nachdem ich also das Zweite Propaedeutische Examen nicht bestanden hatte und von der Möglichkeit, es noch zwei weitere Male zu versuchen, keinen Gebrauch machen wollte, setzte ich mich in die Kantine des Theaters Basel und ließ an der Pforte ausrichten, ich würde gerne mit dem Dramaturgen sprechen. Einen Tag lang saß ich in der Basler Kantine, schrieb alles auf, was geschah. Kurz vor fünf ließ der Dramaturg über den Kantinenwirt ausrichten, er würde jetzt Zeit haben für mich und ich sollte mit dem Lift in den achten Stock hochfahren. So saß ich also im Büro des Dramaturgen und erklärte verzweifelt, ich müsste zum Theater, ich müsste lernen, für das Theater zu schreiben, ich sähe keine andere Lebensperspektive für mich. Der Dramaturg nickte verständnisvoll, sagte, er würde tun für mich, was er könne. Ich sollte es sicherheitshalber noch an einem kleineren Theater versuchen. Also fuhr ich nach Bern zurück, wo ich herkam, sprach am nächsten Tag bei der Direktionssekretärin des Stadttheaters vor und konnte bald darauf am Theater beginnen: zunächst als Hospitant, dann als Regieassistent, Dramaturg usw. Und immer wieder auch als Autor.

Am Theater fand ich, was ich suchte: Menschen, die mich ernst nahmen, die mir wie Werner Wüthrichs Frau empfahlen zu schreiben, wenn ich Schriftsteller werden wollte, die diesen Drang nicht als abwegig empfanden, sondern als durchaus selbstverständliche Sache, die sich im Alltag bewähren musste. Um genau zu sein, waren es zwei Menschen, die mich zunächst stützten und förderten: Die Regisseurin Beatrix Bühler und der frühere Berner Schauspieldirektor Peter Borchardt. Zu dritt stellten wir das zeitgenössische Theatertreffen auawirleben in Bern alljährlich auf die Beine, realisierten eine Vielzahl von Uraufführungen als freie Produktionen; sie verlangten mir Texte jeder Art ab: Vom Subventionsgesuch über den Werbetext bis zur ausgereiften Stückvorlage. Sie gaben mir Plattformen für öffentliche Lesungen, diskutierten mein Geschriebenes oft uneinig und sorgten dafür, dass meine Texte auf die Bühne kamen. Nicht zuletzt schleppten sie mich in Theateraufführungen mit, drückten mir Stücke und Bücher in die Hand, konfrontierten mich mit gegenwärtigen Debatten.

Im Grunde habe ich hier ein wenig unstrukturiert und zufällig erlebt, was eine Ausbildung im Bereich Schreiben ausmachen könnte: Das Ernst-genommen-Werden als jemand, der nicht anders kann (oder will) als schreiben, die kontroverse Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Texten, die Anregung und das Konfrontiert-Werden mit Bestehendem. Das kann verfeinert und in Module zerlegt werden. Was für mich wichtig war, in meiner «Ausbildung», und dazu führte, dass ich dieses Studium nicht abbrach: Dass es umfassend war und rundum praxisbezogen.
Ich weiß nicht, ob das eine Ausbildung simulieren kann, ich hoffe es.

Diskussionen darüber, ob Literarisches Schreiben lern- und lehrbar sei, wurden in den letzten Jahren immer wieder geführt: An Theatern und Literaturhäusern, als Artikelserien in Zeitungen des In- und Auslandes. Man lerne beim Lesen, meinte beispielsweise Thomas Hürlimann bei einem Podiumsgespräch im Literaturhaus Zürich: Das sei die Ausbildung, der sich Schriftsteller zu allen Zeiten unterzogen hätten. Diese Auffassung teilte auch Peter von Matt im persönlichen Gespräch: «Es muss einer viele Bücher gelesen haben. Die Vorstellung vom Naturtalent, das aus seiner unbescholtenen Brust heraus ein Meisterwerk schreibt, ist Unsinn.» Seit Jahrzehnten sei es selbstverständlich, sagte Josef Haslinger, Leiter des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, wiederum im Literaturhaus Zürich, dass Maler auf Akademien gingen, Architekten, Musiker, ja sogar Komponisten studieren dürften. Während in anderen Künsten die Genie-Ästhetik längst verschwunden sei, bleibe die Literatur ein hartnäckiger Nachzügler. Die Frage sei ja nicht, ob Schreiben lernbar sei, sagte mir Hans-Peter Schwarz, Direktor der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst, sondern ob es lehrbar sei: Und bekanntermaßen entwickle sich die Lehrbarkeit durch die Lehrtätigkeit.

«Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht», las ich bei Tobias Hülswitt, einem Absolventen des Leipziger Instituts, «dann habe ich mich keine Sekunde lang gefragt, ob ein solcher Studiengang lächerlich, versponnen oder vermessen daherkommt. Für mich bot er eine Möglichkeit, ein paar Jahre lang genau das zu tun, was ich wollte. Und zwar nicht als schwer zu erklärende Nebentätigkeit, wegen der man Freunde versetzt und der man nachgeht, wenn alle anderen Feierabend machen, sondern als legitime, ernsthafte Hauptbeschäftigung.»*

* DIE ZEIT 43/2000
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Der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS plant in Zusammenarbeit mit mehreren Hochschulen und Universitäten die Schaffung eines schweizerischen Literaturinstituts. Vorgesehen ist eine nationale Aus- und Weiterbildungsstätte in Biel/Bienne, mit zweisprachigen Klassen in Deutsch und Französisch. Neben dem Literarischen Schreiben bildet das literarische Übersetzen einen Schwerpunkt des geplanten Instituts. Außerdem sollen weitere Sprachen, zumindest auf Fortbildungsebene, einbezogen werden.
Seit Anfang Jahr trifft sich eine Projektgruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Hochschule der Künste Bern HKB, der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ, der Zürcher Hochschule für Musik und Theater HMT und des Centre de traduction littéraire CTL an der Universität Lausanne mit Mitgliedern des AdS zu regelmäßigen Sitzungen. Nach einem umfangreichen Vorprojekt, das Bedürfnisabklärungen durchführte und Realisierungsmöglichkeiten prüfte, liegt nun ein eigentliches Konzept vor und beginnen die Gespräche auf politischer Ebene. Das Institut soll im September 2005 eröffnet werden.
In der Schweiz gibt es bisher keine Ausbildungsmöglichkeiten für Literarisches Schreiben oder Literarisches Übersetzen. Einzelne Schreibwerkstätten werden an Universitäten, Literaturhäusern und auf privater Basis angeboten. Außerdem bestehen Projekte im Bereich der Theaterautorinnen und -autorenförderung.
Die Idee eines nationalen Literaturinstituts geht von der spezifischen Sprachensituation der Schweiz aus. Als mehrsprachiges Land eignet sich die Schweiz, literarische Drehscheibe zwischen verschiedenen Kulturen zu sein. Umgekehrt trägt ein Institut, das sich professionell mit Sprache und Übersetzung auseinander setzt, zur Erforschung und Ausprägung schweizerischer Identität bei. Das vorgesehene Angebot wäre weltweit einmalig.

Weitere Informationen dazu sind auf der Website des AdS abrufbar: www.a-d-s.ch.


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