entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 36:
..jagen und sammeln


Christine Huber, *1963 in Wien. Lebt in Wien und Mörbisch/Burgenland. Publikationen zuletzt: «das doch das bauschen kennt», edition ch, Wien 2001; Hörstück: «bei liebesirren, oper» mit Alexander Stankovski, ORF 2002.

Christine Huber

Flic-Flac

Briefe dauern.

Das Ankommen derselben ist unsicher. Porti sind teuer und werden teurer. Telefonleitungen allerdings gibt es

– auch in sehr entlegene Orte. Wo dies der Fall ist, dorthin schreibt man immer noch: Briefe – und verschickt sie ohne Marke, per Internet. Die Antwort erfolgt so: «danke. habe deine zeilen erhalten. später mehr.» – was dann so ist, oder auch nicht. Meistens schon. Denn: Briefen lässt man ihre Zeit, lässt sie eine Zeit lang liegen – bis es mehr zu berichten gibt. Und überhaupt: Ist es ja ein Ding der Unmöglichkeit geworden, andauernd und ausdauernd «richtige» Briefe zu schreiben. Heutzutage. Die Zeit wäre nicht da. Glaubt man.

Wenn ein richtiger Brief kommt,

ist das etwas, das ausholt, ausgreift – Ereignisse streift, Befindlichkeiten erwähnt, Mutmaßungen zulässt, Gegenfragen stellt – Rücksichten kennt, Beziehungen aufgreift – zum Davor, Danach. Und auf ein Du zuschreibt: Du, ich möchte dir sagen, dir erzählen, mit dir teilen usw.

Was passiert, wenn ein richtiger Brief in einem richtigen Kuvert mit veritabler Briefmarke den Adressaten/die Adressatin erreicht?

Es ist eine Irritation. Die Handschrift will entziffert sein – das Ereignis steht vor einem – ein Blatt Papier, vielleicht auch mehrere Blätter – warum tut er/sie das und dann noch mir an?

Ein richtiger Brief ist solch eine Rarität, dass er erstmal gelesen zwar, aber dann ... wohin ... wohin zwischenlagern, wohin ihn ablegen, wohin zur Aufbewahrung? Wegwerfen geht ja nicht – dazu ist er zu kostbar in seiner Vereinzeltheit.

Also: Liegen lassen – Warten, bis eine Art besondere Stunde da ist, auf einen Brief in Briefform zu antworten – was sind die Voraussetzungen: Papier, Stift und oh ja: die Handschrift – und schon mit den ersten Zeilen – die natürlich mit Danke beginnen: Danke für deinen langen Brief. Ich habe mich so gefreut, dass ich schon gar nicht wusste, wie ich antworten kann/darf/soll ... usw. Ist sie das Fremde,

die Handschrift,

die selten genutzte, im Alltag reduziert auf Krakeln, also: Einkaufsliste. Oder: Wörter hingeworfen auf Post-its: «Nicht vergessen» steht schon vorgedruckt drauf. Oder «Anruf von». Ergänzt wird: Auto zum Service z. B. oder ein Memo der Mitbewohnerin: «Anruf von» steht schon da, detto das Wort «Uhrzeit» – also schreibt sie: Mutter 17.00. «Anmerkung»: zurückrufen!

Das also ist sie: die Handschrift, die Bewegung der Hand auf dem Papier. Eine Tortur war es, das Lernen der Schönschrift. Manche brauchen sie im Alltag: ArchitektInnen, GrafikerInnen, KomponistInnen – da wird bis heute schön geschrieben, reingeschrieben, ins Reine geschrieben. Der Rest der Schreibfähigen nimmt den Computer, wenn es etwas zu schreiben gibt.

Und wenn das Geschriebene AdressatInnen kennt,

dann kommt ein/e Mail. Schon der Artikel dieser Kommunikationsform ist unklar. Viele sagen «das», manche bleiben hartnäckig bei «die»: Klingt schöner, sagen sie und mailen.

Wieso mailen?

oder nicht doch eher ein: «Sie haben Post», wie es der AOL-Server-Kunde vorgeflötet bekommt. Serverwechsel, Programmwechsel: «Empfangen: 47 von 52. Aber was eigentlich –

eine Nachricht –

oder doch: Depesche, Kassiber, Information, Botschaft, Aussendung, Rundbrief ...?

Was ist so ein Mail, wenn es ist, wenn es ankommt, wenn es wahrgenommen wird, wenn es gelesen wird?

Was löst aus, dass es als wichtig genommen wird? Heißt wichtig: sofort antworten, unwichtig hingegen: darf warten? – also doch: alles wie gehabt, oder














Depesche veraltet: Telegramm; depeschieren: urspr. franz.: befördern, beschleunigen; eigtl.: Hindernisse vor den Füßen wegräumen

Kassiber heimliches Schreiben oder unerlaubte schriftliche Mitteilung eines Häftlings an einen anderen oder an Außenstehende

Information Unterrichtung einer Öffentlichkeit

Botschaft wichtige, für den Empfänger bedeutungsvolle Nachricht

(Quelle DUDEN Deutsches Universalwörterbuch1989)



II

A / weiblich

1. 10. 2003, 17.23

betrifft: Re Einladung

vielen dank für die einladung. ja. gerne komm ich vorbei.

wo genau ist denn der eingang zur galerie?

ich hoffe, es geht dir gut

liebe grüße

c


2. 10. 2003, 10.15

betrifft: Re (2) Einladung

liebe c,

danke für deine antwort. ich freu mich, dass du kommen kannst. der eingang ist genau an der ecke. die galerieräume dann links davon.

wie geht es dir denn zur zeit?

ich selbst bin natürlich einigermaßen im stress.

herzliche grüße

m


2. 10. 2003, 22.12

betrifft: Re (3) Einladung

liebe m,

danke für die wegbeschreibung.

nun, mir geht es zur zeit auch eher unaufgeräumt. viel zu tun.

und der leidige regen schlägt sich auf die stimmung ...

werden wir zeit finden, ein bisschen zu reden, während der vernissage ...

viele liebe grüße

c


3. 10. 2003, 10.38

betrifft: Re (4) Einladung

liebe c,

nun, vernissagen sind ja nicht unbedingt die beste gelegenheit, um zu reden. aber wenn du eine stunde früher kommen magst, dann könnten wir schon ein glas miteinander trinken. vorweg.

ich mag den regen auch nicht. aber wenn es so viel zu tun gibt, vergess ich das wetter einfach. hat was.

alles liebe

m


5.10.2003, 00.36

betrifft: oje

liebe m,

eine stunde früher? ich fürchte, das wird sich nicht ausgehen, hab vorher noch einen termin. was auch heißt, dass ich sowieso befürchten muss, zu spät zur vernissage zu kommen. ich hoffe, das ist nicht schlimm für dich.

die allerbesten grüße

c


5. 10. 2003, 11.10

betrifft: Re oje

liebe c,

aber nein, das ist natürlich überhaupt nicht schlimm.

und wenn es sich gar nicht ausgeht, die bilder hängen ja noch länger dort. vernissagen sind ja sowieso nur bedingt lustig. obwohl, es würde mich sehr freuen, wenn du kommen kannst.

alles beste

m


5. 10. 2003, 23.01

betrifft: Re (2) oje

liebe m,

vielen dank für dein verständnis. ich werde mich bemühen zu kommen.

aber: was hältst du davon, wenn wir uns am drauf folgenden tag versuchen zu treffen, in der galerie gleich, zum anschauen der bilder und dann was trinken gehen – das wäre ideal für mich.

sei umarmt und alles gute für morgen

c


6. 10. 2003, 12.33

betrifft: doppelt oje

liebe c,

nein, tut mir leid, da kann ich nicht. ich muss nach der vernissage gleich auf 2–3 tage weg.

wie schauts denn aus bei dir, eine woche später. meld dich doch bitte!

alles liebe

m


8. 10. 2003, 17.52

betrifft: Re doppelt oje

liebe m,

nun, ich kann das noch nicht sagen. es ist so viel zu tun. etwas unübersichtlich alles zur zeit – und ich schon fast unrund deswegen.

na, wenigstens hat der regen aufgehört. das macht mich zuversichtlicher. kann ich dich anrufen?

meld dich bitte, deswegen

bis bald

ich freu mich

c


11. 10. 2003, 20.12

betrifft: anrufen

liebe c,

natürlich kannst du mich anrufen, aber vergiss nicht, der anrufbeantworter ist immer eingeschaltet. bitte hinterlass mir eine nachricht. ich ruf dann zurück

bis dahin

m


13. 10. 2003, 13.48

betrifft: Re anrufen

liebe m,

ich hab dir aufs band gesprochen. ist die nachricht gut bei dir angekommen? ich schlag vor: kommenden mittwoch – also den 15. – in der galerie gleich. ich hab es ja doch nicht geschafft zur vernissage, wie du sicher bemerkt hast. aber ich bin voller neugier, will sie unbedingt sehen, deine bilder.

und am liebsten in deiner begleitung, mit deinem kommentar.

ich freu mich schon sehr darauf.

alles liebe

c


15. 10. 2003, 01.27

betrifft: es tut mir leid

liebe c,

ich hatte mich schon so auf unser treffen gefreut. aber: ich muss jetzt nochmals weg, auf zwei tage.

es tut mir so leid.

darf ich dich am samstag anrufen? wenn ich zurück bin, dann fixieren wir einen termin, wirklich. ich versprechs.

die allerliebsten grüße

bis samstag

m


einladung

zur vernissage

am 6. 10. 2003, 20.00

galerie x

auf dein kommen freut sich

m

die ausstellung ist bis 29. 10. täglich in der zeit von 10.– 19.00 uhr zu besichtigen.


B / männlich

1. 10. 2003, 17.45

betrifft: Re Einladung

danke. ich komme

lg a


7. 10. 2003, 14.17

betrifft: vermissen

lieber a,

ich hab dich vermisst, auf der vernissage. ist dir etwas dazwischengekommen? ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns treffen könnten, am besten wohl gleich in der galerie. dann kann ich dir auch ein bisschen was erzählen zu den bildern ...

liebe grüße

m


7. 10. 2003, 20.03

betrifft: Re vermissen

ich melde mich

lg

a


13. 10. 2003, 14.20

betrifft: neuer termin – ein versuch

lieber a,

ich versuch grad, mit c einen termin zu finden, um auch ihr die bilder zu zeigen. sie hat es auch nicht geschafft zur vernissage. möchtest du zu uns stoßen? wär doch eine schöne gelegenheit, uns mal wieder zu treffen. alle drei.

als termin fassen wir jetzt den mittwoch ins auge. passt das für dich?

herzlich

m


13. 10. 2003, 15.28

betrifft: Re neuer termin – ein versuch

passt.

sag mir die uhrzeit

lg

a


15. 10. 2003, 1.58

betrifft: es tut mir leid ...

lieber a,

entschuldige bitte, aber es klappt nicht. ich muss auf zwei tage wegfahren. c und ich versuchen, einen neuen termin zu finden bzw. sei doch so lieb und sag mir, wann es bei dir passt. ich bin am samstag wieder zurück.

herzliche grüße

m


16. 10. 2003, 9.28

meld dich

lg

a



III

Ist das so?

Oder ist es doch anders?

Anders geworden?

Weil es der Gebrauch ist, der das ausmacht, was jetzt Mail heißt und ein Mail ist, weil es, wenn es ankommt, wohl auch gelesen wird, also davon auszugehen ist, dass es ankommt.

Am Anfang also,

– wann war das nun gleich – vom eigenen Schreibtisch aus, von der eigenen Telefonnummer weg – damals also, als die Modems langsam waren und die Datenleitungen scheinbar fragil, war die Aufforderung zum Bestätigen des Angekommenseins der Nachricht selbstverständlich bzw. war es selbstverständliche Höflichkeit, es auch ungefragt zu tun. Willkommen in der Web-Community – wurden Begrüßungen ausgesendet, wenn die E-Mail-Adresse bekannt gemacht wurde. Dahin.

Dafür geschieht anderes: z. B. in der Zeit.

Mit der Zeit also,

ist Zeit nun beinahe Echtzeit. Redaktionsschluss 6. 10. heißt: den Text am 6. 10 zu schicken. Und nicht drei Tage vorher, um den Postlauf zu berücksichtigen.

Sind zwei online, können sie hin- und herschreiben, als wäre es ein Gespräch. Flic-Flac nennen es manche. Und haben es lieber als telefonieren.

Ist Telefonieren zu direkt?

Schafft das Tippen Distanz?

Ist der schnell getippte also notwendigerweise auch fehlerhafte Text eine Form von Vertrauen? Soll heißen: Das Gegenüber wird mich dafür nicht tadeln?

Ist die schriftliche Kommunikation ein Versteckspiel?

Tarnen wir Unmut, weil die Stimme denselben verraten könnte? Oder andersrum: ein Zuviel an Freude mitschwingen würde, die das Gegenüber ja nicht unbedingt zu wissen braucht –

Kann das heißen

andere Zwischentöne also,

neue Formen von Zwischentönen also, wenn wir einander schreiben?

Und wieder die Zeit. Denn aufs Klo gehen, eine Zigarette rauchen, sich etwas zu trinken holen – das geht beim Telefonieren nicht – oder kaum. Verraten ist es allemal, was ich so tue, wenn ich telefoniere. Schon wenn das Umherschauen sich auf einer Schlagzeile der Tageszeitung festsetzt, ist das zu hören.

Nicht hören also,

was die Begleitumstände sind, wenn das Schreiben ein Tippen ist und die Zeit keine unmittelbare Gleichzeitigkeit, sondern nur eine Fast-Echt-Zeit ist.

Und doch haben E-Mail-Wechsel etwas von schriftlich geführten Telefonaten. Ein schneller Wechsel von vermeintlichen Notwendigkeiten.

«bitte bring zum treffen auch diese und jene unterlagen mit»

«kannst du mir die adresse vom x mailen»

«lebenslauf fehlt, bitte schicken»

Zeitersparnis sei es, hat man begonnen zu glauben und gleichzeitig steigt der Druck.

«ich brauch deinen lebenslauf heute noch. soll noch in die aussendung»

Ein wirkliches Telefonieren bräuchte mehr Zeit, als ein genicktes Aha und copy + paste aus den festplattengelagerten Dokumenten zu befehlen und ins Internet losgelassen: schon erledigt.

Kleinstkommunikationen also,

weil telefonieren bedeuten könnte, Fragen gestellt zu bekommen, z. B.; «Wie geht es dir?» Oder: «Du, ich hätte eine Bitte an dich!» Oder: «Könntest du, eventuell, heute noch». Oder: Und: Was gibt es Neues bei dir? Ist eh alles okay?»

Gefahr von deutlich überlanger Kommunikation.

Und dennoch: Es kann Menschen zusammenhalten, über Jahre hinweg. Als kleinste mögliche Einheit von Verbindung, wenigstes, in Zeilen wie: «ich melde mich mal wieder»; Oder: «wollte nur hallo sagen».

Dem Gegenüber bleibt es frei, sich zu melden. Eine Aufforderung ist es, keine Verpflichtung. Vielleicht hatte die Postkarte einmal diese Funktion. Postkarten sind selten geworden. Postkarten: das kurze: «Ich denk an dich, musst aber nicht antworten, zumindest heute nicht.»

Unzumutbar

sind folglich überlange Mails. Briefe ja, auch per Netz gesendete Briefe, aber Mails, weit länger als eine Bildschirmseite, vielleicht sogar deren drei, vier? Beste Freundinnen dürfen das, wenn Kummer herrscht, ausnahmsweise, aber ansonsten muss es heißen wie: «zu ihrer information: besuchen sie die www.xxx.ch page» oder Vergleichbares. Weil: Ein Brief bleibt ein Brief, auch wenn er per Internet verschickt wird. Ein Brief greift aus und geht ein, ist ein Stück Geschriebenes, das mehr ist als ein schneller Wechsel von Kommunikation. Ist eben Brief. Und keine Nachricht. Ist etwas, wofür Zeit war und Zeit lässt. Und: kennt sein Du.



Nachricht (älter: Nachrichtung = Mitteilung, nach der man sich richtet) Mitteilung, die jemandem in Bezug auf jemanden oder etwas (für ihn persönlich) Wichtiges die Kenntnis des neuesten Sachverhalts vermittelt

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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