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Ulrike Draesner, *1962 in München. Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie. Seit 1994 freie Autorin. Übersetzerin (aus dem Englischen) und Essayistin. Lebt in Berlin. Zuletzt: «Mitgift», Roman, Luchterhand, München 2002.
Ulrike Draesner
Jagen und Sammeln
Jagen 1
Vielleicht ist es auch beim Schreiben so: Jagen und sammeln geschehen immer andersherum, als man denkt. Nicht der Jäger jagt das Wild, sondern das Wild findet seinen Jäger. Vielleicht geht es beim Schreiben so wie jenem Tristan, den Gottfried von Straßburg durch einen mittelalterlichen Wald stolpern lässt, Tristan ellende, von Zuhause entführt, unterwegs irgendwo, auf der Suche nach einem Onkel, von dem er nichts weiß, nach etwas Verwandtem. Man hat ihn in Sprachen, Musik und allen Künsten der Jagd ausgebildet. Er hat geübt, und all jene armen Hirsche, die er nicht kunstvoll zerteilte, sieht man nicht. Was man sieht, ist die Jagdgemeinschaft des Onkels Marke. Sie hat ihren Hirsch schon erlegt, genauer: Er, gehetzt, hat sich den Hunden zum Kampf gestellt und ist dabei von den Jägern erschossen worden. Und nun kommt Tristan, der ellende, was damals Heimatloser hieß, auf der Suche nach einem ihm fremden, aber versprochenen Ort dahergestolpert. Zunächst hat er zwei Pilger getroffen und ihnen ein maere über sich selbst erzählt, eine Geschichte also, die wahr sein kann, aber auch erfunden und Tristan scheint das Zweite besser zu gefallen. Jedenfalls erfindet er sich selbst eine fiktive Identität, hält sich bedeckt, will sich schützen. Da stoßen die Pilger und Tristan auf den Hirsch, der tot am Boden liegt, als hätte er sich selbst dahingelegt. Doch die Beute ist eben nicht die Beute: Ein Stück mit Fell und Hufen isst sich schlecht. Die Pilger ziehen geradeaus weiter, Tristan hingegen hält inne, zweigt ab. Das immerhin schon erlegte Lebendige ist gefangen, weglaufen wird es nicht mehr, doch mehr ist nicht geschehen. Oder doch?
Gestoßen, stolpernd auch der Autor auf den Stoff. Man ist auf der Suche nach etwas und da liegt plötzlich: ein Hirsch! Gerade so, dass man ihn als das Gesuchte, das man vorher nicht hätte beim Namen nennen können, erkennt: nämlich als Möglichkeit eines Eintrittes in eine Geschichte. Auch Dritte stehen dabei. Sie haben den Hirsch eigentlich zur Strecke, also zum Vorschein gebracht. Denn was da liegt, ist noch Hirsch, unverwandelt, frisch, sehr real. Zu seiner Realität gehört, dass Dritte ihn an dieser Stelle «produziert» haben. Doch nun wissen sie nicht weiter. Da erscheint Tristan und verspricht gleich doppelt erhöhten Genuss: beim Zerteilen und beim Essen danach. Unter den Augen der anderen macht Tristan sich über den Hirschen her und enbestet ihn kunstvoll. Entbästen: Darunter kann man sich vorstellen, was man mag. Ausschälen. Aus dem Bast schlagen. Ein hapax legomenon. Die einzige Belegstelle des Wortes: hier. Tristan schneidet-entschält die Wirklichkeit eines noch warmen Körpers, leider tot, notwendigerweise tot, und macht daraus etwas, was wir essen können. Was uns nährt. Real und kulturell.
Der Vorgang bedeutet eine Verwandlung. Der Hirsch zerlegt sich in seine Bestandteile, und sie sind nicht nur aus Fleisch und Blut, Knochen und Sehnen. Denn unter Tristans Händen zeigt sich als Teil des Hirsches auch ein Ritual, das Unternamen trägt wie furkie und curie. Zeichen entstehen. Der Hirsch ist ihr Grund. Das bedeutet, «man macht den bast am Wild». Man schreibt mit und durch die Realität hindurch, fast noch wirklich, warm, aber kühl unter der Hand. Mitten in eine Verwandlung begriffen. Man selbst ist in sie begriffen treibt sie voran und wird von ihr gemacht.
Curie, abgeleitet von cuire, dem französischen Wort für «Haut», wie Tristan erklärt. Versorgt werden sollen, wie bei einem Text, alle, die zum Hirsch beitrugen. Ein System der Speisung und Rückspeisung. Die Hunde bekommen als curie Innereien und das Herz der Beute, um sie scharf zu machen auf den nächsten Hirsch. So wie man ein ordentliches Plot einbaut in einen Text, um den Leser scharf zu machen auf mehr. Der Hof erhält die Leckerbissen, Rückenfilets, Keulen. Andere das Fell. Der Hirsch zerteilt sich in seine Ganzheit, die neu entsteht. Der Vorgang des Entbästens meint all dies. Die anderen sehen zu und wissen nicht recht, wie vor sich geht, was sie doch sehen. Herausschälen. Verwandeln. Aus Wirklichkeit etwas anderes machen, das ebenfalls wirklich ist. Der Hirsch hat seinen Meister gefunden. Die anderen hat das Staunen ereilt.
Der Hirsch ist zerteilt, der Bast gemacht und doch damit nicht vollendet. Tristans Kunst, im mittelhochdeutschen list als Bezeichnung eines Könnens, besteht darin, den bast auf das Einreiten bei Hof auszudehnen. Das zerschnittene Tier wird auf die in Zweierpaaren reitenden Männer verteilt. Vorn der Kopf, dann die Schultern, Vorderläufe, der Rücken etc. Die Kunst Tristans übersetzt den realen Hirsch in die zweite Wirklichkeit seiner Repräsentation. Man reitet in der Ordnung des Tieres. Musik gehört dazu, schöne Kleidung, Feier und Spektakel. Sinnengenuss. Vergrößerung des Hirschs. Seine fleischliche Löchrigkeit der zerstückelte Körper des Tieres tanzt überm Boden ist sein Eintritt ins menschliche Zeichenreich.
So folgt die Realität ihrer Präsentation, der Stoff seiner Darstellung. Als Untergrund, Anlass und Abstoß. Zerschnitten, unsichtbar aber nachgestellt, sichtbar gemacht auch als Verlorenes. Erjagt, erlegt, getötet, verschönt. Doch: Wer jagt hier wen?
Schon bei der Hirschzerteilung ist Tristan in die Kunst des Könnens eingetreten. Alles beginnt nun, Zeichen zu sein. Im Hirsch spiegelt sich Isolde, im Hirsch spiegelt sich Tristan selbst, der sich in Isolde verlieben wird. Nicht er, Tristan, findet sie, sondern Marke, der Onkel, den Tristan durch die Kunst am Hirsch findet, hat Isolde für sich gefunden. Doch sie wandert ab. Zwei stehen da als die Subjekte, zwischen denen etwas geschieht: Tristan und der Hirsch. Tristan und Isolde. Aber immer geschieht, was geschieht, nur durch die Anwesenheit eines Dritten: der Jäger. Markes. Unter ihren Augen für ihre Augen. Dritte bahnen den Weg. Oft indem sie etwas tun, das erst einmal keinen Namen hat oder jedenfalls einen anderen Namen (Ziel) als das, wozu es am Ende führt.
Tristans Können und maere erregen bei allen anderen die Neugier nach weiteren Geschichten. Sie wecken ihre Phantasie. Man will nun auch über die Person des Autors etwas wissen, denkt es sich aus. Das Zerteilen eines Hirschs erzählt, wie gleich doppelt Fiktion entsteht: als Werk (der löchrige, repräsentierte Hirsch) und als maere über den Urheber dieses Werks. Wie Fiktion entsteht als Verwandlung von etwas Realem, Natürlichem, in etwas, das in seiner Realität auf das erste Reale nur mehr verweist, in diesem Verweisen aber Genuss verspricht. «Kunst» nennt man das im Mittelalter. Klug gewählt.
Tristan er hat den Hirsch gefunden, zerteilt, gegessen und verarbeitet, also in etwas Eigenes verwandelt stößt auf seine eigene Vorgeschichte, die ihm beim Verwandten Marke fremd entgegentritt. Es ist die Geschichte seiner Eltern. Der Hirsch wird zum Eingang in Zusammenhänge. Er macht sie für Tristan, macht sie auf, doch zugleich öffnet Tristan sie sich durch das enbesten selbst. So sind wir eingeflochten in Muster aus eigenem Handeln und gehandelt werden. So sammeln wir und werden eingesammelt. Auch von Ideen und Wünschen der anderen. Der Hirsch aber ist jenes Fell, auf dem all dies zusammenkommt, sich kreuzt, paart, interferiert. Dafür brauchen wir ihn.
Sammeln 1
Tristan und Isolde, eine Liebesgeschichte. Am Ende beginnt Tristan, Isolden zu sammeln. Isolde 1, Isolde 2. Er sammelt, weil er das Gleiche nicht mehr vom Ungleichen kennt. Verwechselt er es? Nein, er verwandelt es, unterscheidet anders als üblich, zieht neue Verbindungen. Gerade deswegen war er ein so guter Jäger. Den anderen gilt er nun als verwirrt.
Sammeln 2
Jeder Sammler ist wahnsinnig. Er stellt den einzelnen Körper unter das Zeichen von diesem Körper.
Jagen 2
Stoff kommt, entsteht, fügt sich zusammen, bietet sich an. Er will auch erlegt werden, vor allem sehr wohl gegliedert, entbästet, also recherchiert und fundiert, wenn die Idee da ist, der «zündende Funke». Oft gefunden auf der Suche nach etwas Verwandtem, bei der man auf einen Nebenweg stößt. Man hält inne, tarnt sich vor anderen, zweigt ab. Da liegt es dann. Oft gefunden, weil andere es einem in die Arme treiben. Das Thema an sich ist längst entdeckt. Aber die anderen wissen nicht, wie es angehen. Es leuchtet wie der Hirsch, der da steht und sagt: so. Da steht er, und kein anderer kann ihn sehen oder kann sehen, wie man ihn aufteilen muss, gliedern, um ihn zum Sprechen und Munden zu bringen. So dass alles sich zusammenfügt durch die Kombination des Handwerks mit der Findung, unter den Augen Dritter, auf der Suche nach etwas Drittem, das sich entzieht, verschiebt. Die Beherrschung von Handwerk gibt Freiheit. Sie ist der Boden des Erfindens, des Sehens. Auch des Fühlens. Am Ende: Dankbarkeit für den Hirsch. Dass er da ist, sich hergibt.
Das besonders Schöne am Hirsch der Fiktion aber ist: Er liegt da, wird zerlegt und springt doch zugleich weiter durch den Wald. Durch die Kunst des enbestens, die Kunst, die Schale der «Wirklichkeit» abzuschälen, vermehrt er sich. Was verschwindet: Realität. Zerteilt, verändert, zugedeckt. Aber sie hat sowieso tausend Gestalten. Und eine.
Sammeln 3
Der Sammler wird angerührt von der Verworrenheit, in der die Dinge sich auf der Welt befinden. Er hat einen Begriff von dem, was sich ähnelt, ohne gleich zu sein. Er braucht Lagepläne, Karten, Kataloge, Gefäße, Behältnisse, die Risiken des Verfalls, der Firnis, Rostschutz, Sicherungskopien. Es entstehen Kolonnen, Staus und Stapelungen. Der Sammler ist ein Exzentriker, der sich der Auflösung unterwirft, um sie zu ertragen. Hier begegnet er dem Jäger.
Jagen 3
Tristan verbindet Jagd und Liebe. In ihr wird das ellende kurz aufgehoben, dann aber verschärft. Schon mancher Jäger erlegte das falsche Wild, das sich ihm fast zu Füßen warf. Jagd und Sex, Schreiben und Eros. Erlegen, einverleiben. Es soll gehören; soll weiterleben, seine Vergänglichkeit überwinden. Doch dazu muss man ihr ins Auge sehen. Diana verwandelt Aktäon, nach einem nicht erlaubten Blick. Er wird zum Hirsch. Seine Hunde jagen ihn, denn Verwandlung verstehen sie nicht. Wir aber leben mit ihr. Nie steht sie still.
Jagen 4
aktäon alpin
dein enkel, das fremdartige geweih
hochgeschürzt die berge: schnee in
wächten in gerafften röcken dianas
kristallenes fell. er wusste nicht, dass
auch festes flüssig zu tal gehender
bach aus luft und eis. als er sie
zwischen fichten ihr snowboard
am stamm, sonnte sie sich, nackt
und weiß unter den taften der
hänge. ihr ruf allein reichte erreichte
den lebendigen schnee formte
kristalle sie bogen sich er aber
sprang in die luft
als die welle ihn holte ein weiß
wachsender blitz der seinen donner
enthielt. etwas flüssiges
das auf sich lief war es schnee
und nicht unterscheidbar
von der meute seines blutes das bellte
hunden gleich. wolken färbten sich
purpur ihr gesicht, doch es waren nur
seine augen, war der ihn wie ein anzug
fest umschließende schnee, durch seinen atem
zu einer maske gefrorn. als sie ihn fanden
lag er gekrümmt vom kopf streckte
die hohlform eines geweihs sich
ins eis. was er gewesen war ein
fauchen ein zischen entfuhr. ihre wasser,
sagte einer, ihr neigungsgrad.
Pirsch
Vor uns ist alles leer. Kein Hirsch zu sehen, aber ein Feld, ein Raum, eine Zerstreuung. Die Jagdszene des Tristan darunter, als Subtext: Diana, die Hunde auf Aktäon hetzend. Liebesgeschichten drehen sich. Der Jäger begegnet dem eigenen ellende mit list. In der Reihenfolge seines Wachstums, seiner Ordnung, zieht der getötete Hirsch als Kunstwerk in die höfische Gesellschaft ein. Ein Raum entsteht der Hirsch selbst wird zu ihm , in dem Text möglich ist. Jagen und Sammeln selbst beruhen auf Voraussetzungen, sie sind kein Anfang. Sie sind Sonden, die man ansetzen kann, um auf etwas zu blicken, was immer schon stattgefunden hat. In einem Feld voller Verstecke, Hinterhalte, Gräser, Ecken und Löcher. So ist auch dieser Text ein Feld und Zumutung der Zerstreuung. In der Hoffnung darauf, die Spur möge lesbar sein. In möglichster Annäherung daran, wie ich sie erlebt habe: Als ich als 24-jährige Gottfrieds von Straßburg Tristan las, weil ich mit zweitem Namen Isolde heiße und wie ich nun, 16 Jahre später, noch einmal auf diesen Text schaue. Also: dem Netz biographischer Zufälligkeiten folgend. Es ist das Feld. Die Spur aber der Suchweg, den wir darin gehen , sie machen wir selbst.
Sammeln 4
Vor kurzem lernte ich einen Mann kennen, dessen zweiter Vorname «Hirsch» bedeutet. Später im Tierpark rannten meine Neffen als Erstes in den Streichelzoo, den ich allein für mich nie aufgesucht hätte. Dort hüpften Ziegen und Schafe, die man füttern durfte, gierig vor den Schütten der Automaten, aus denen gegen 50 Cent eine Hand voll Futter rieselt. Auch ein paar Rehe standen, eher schüchtern, dabei; einige von ihnen reckten hinter einem Holzzaun Köpfe und Hälse. Ich berührte das Maul des weißen Hirschs, der über den Zaun schaute. Erstaunlich weich, verlangend. Ich sah und fühlte auch den samtigen Bast seines Geweihes. Das weich aussah, sehr weich. Der Ausdruck der Augen: scheu und fordernd, fremd. Oder sollte ich sagen: Sein festweiches, warmes, verlangendes Maul berührte mich. Seine Lippen. Fremd, unübersetzbar.
Schreiben als Akt einer versuchten Anverwandlung. Vor der stumm machenden, staunenswerten Fremdheit der Welt, der Andersheit anderer Wesen. Aus Trauer und Übermut, Freude und Lebensdrang, festen Auges auf die eigene Beschränktheit, jubelnd von Sprache, auf der Suche nach ihrer Grenze. Die Lippen berührend, das Herz.
So sammelte er mich ein. Was mich einsammelte: «Leben». Diese komische Tasche. Sehr verbeult. Voller Wege. Ich sammle es wieder aus. Teile davon. Ein Hirschgedicht schreiben. Irgendwann.
ellende = eine Person, die in Verbannung lebt, unglücklich ist, jammervoll, hilflos, von etwas getrennt
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