entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 35:
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Florian Vetsch, *1960, lebt in St. Gallen. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und Zeitungen. Zuletzt erschienen: «Die Feuertränke / Ausgewählte Gedichte 1984 - 1997», Rohstoff Verlag, Herdecke 2002, sowie Florian Vetsch (Hrsg) «Allen Ginsberg». «Der Sanitäter», Zeitschrift für Text und Bild Nr. 9/02, Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2002.

Florian Vetsch

Mit Klopstock in der Schweiz
Zürich, 1. Mai 2002

Luxusklasse im Pulk, Auftrag erfüllt samt Saab

Bonzen-Cabriolet, Reizgas-Petarden drehn

Wie von Träumen erwacht und

Pflastersteine vom Hinterhof

Heißer Schnittwunden Lust, wenn der Gedanke weicht

Altglas Stauffacher sengt, Lenin entzaubert schreit

Vor Sirenen und Bella

Ciao von splitternder Ros verletzt

Rindsherz-Kebab Geschoss jault auf dem Asphalt

schrill

Nicht Secondos, subvers föhnen sie Wurst und Bier

In Containern der Freundschaft

Und in Luftschlössern Gummischrot

Long John Silver

doch wenigstens ein Schott aufgebrochen

& einen der Säcke mit 3 – 400 Guineen erbeutet

nach all der Plackerei immer noch besser

als aus der Bilge zu saufen & knietief im niedrigen weißen Nebel

mit der Parlamentärflagge aufzutauchen. Selbst

wenn dir das linke Bein knapp unter der Hüfte

abgesägt wurde, bleibst du mit der Bildung

im weichen Sand so hilflos wie ein Schiff in der Flaute, liegst in Eisen

ohne die Nadelköpfe wie Glassplitter im Gesicht oder die Ohrringe

für geschmeidiges Hanteln & Enjambieren. Der Fischebrater

trägt die Krücke am Taljereep um den Hals, gibt jeder

Bewegung der Hispaniola nach & reinigt

nach doppeltem Eintauchen ins wehrlose Fleisch

das blutige Messer; die Baumwipfel schimmerten rosig

auch wenn er den Schatz verfehlte, bald den glimmenden

Tabak drückend, bald in die Quelle spuckend


Nachrichten von Wiboradas Verwandtschaft

Dass ihre Muhme Schepenese heißt, entdeckte man

erst, nachdem sie den Mönchen ein Licht

gesteckt hatte & die Marteraxt aus der Blutlache

beseitigt war. Doch vom Löffel & der Nackenstütz

gab man früh Bescheid / Lettergeistin, harte

Lukenratbrecherin: bete für uns / Käsemesser

werden heute im Zeichen ihrer wundersamen

Buchhüllen gewaschen. Es ist ein großes Problem dieses

Problem des Waschens, sagte Gertrude,

ihre Schnur.

König Fahd kommt nach Genf

im Sommer 2002

Nestlé leckt ihm die Zehen, doch er kann

auf 800’000 Mosaikteilen im Pool

kein Spinnlein ertragen. Eine Hyäne

in der Morgendämmerung am Bellerive

ein Würfelzucker über unter-

irdischen Gängen im Rollstuhl

vorbei an Zäunen & Insektiziden. Er hat

den Pakt mit Wahhab & 1 Blut-

gerinnsel im Aug; dessen Geäder quirlt bis ins

Splitterland.

Antizyklisches romantisches Manifest

& warum nicht noch etwas weiter krabbeln &

sich in den Wissower Klinken stürzen, mit

Caspars Unendlichkeit vorm Kopf? & warum

nicht sich in die Korrespondenzen mischen

zwischen Die Ostsee den Deutschen – es reicht

& dem wundersamen Eichenwald- &

Küstengemurmel, den Heliadentränen?

Ressentiment pur.

Insel Rügen,

im Sommer 2002

Trotten

(für Bert Janschs Musik)

An den Rand des Silbersees auf einem Pony

über Auen trotten, dich in Gold

einschuhn, dir das Blaue vom Leib

küssen, bis das Herz des Vogels

in meiner Hand nicht mehr zittert. Der Januarmann

kommt die Straße entlang, der Septembermann

freit die Herbstin. Vor dem Leviathan

rettete nur der Eskimo seine Haut. Glückliche

13 unterm karmesinroten Mond


Wiederkehrend Erinnerungen

in Klangzellen gekeltert

steigen aus dem Vinyl

Als ich dein Gesicht zum ersten Mal

sah, sömmerte zimtwarm Heu in Scheuern, blond

auf blond, ein Arm dazwischen, im Zug, im Ried

in der Alpenwiege, wo du an meiner Schulter lagst

An den Rand des Silbersees auf einem Pony

über Auen trotten, am steilen Ufer

prangen, sich an Kastanienblättern laben, stürzen

lang. Ferge, bring mich hinüber

zur andern Seite, wo ein Korb aus Licht

auf der Wiese steht, die Bachstelze

den Sonnentrog leert & nachts

die Totenlichter schimmern

verstreut

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